Deutsche Kasten
 
 
Als ich noch Kind war, kam ein versoff´nes Subjekt,
erzählte was vom Alter und nöt´gem Respekt.
Ich erwiderte ihm, jeder Esel wird alt,
am Schluss werden alle ohne Unterschied kalt.
Sagte er, ich rede wie ´ne Anarchistin
und werde bestimmt mal eine Terroristin!
Schublade auf – 
Heidi hinein – 
Schublade zu!
Wieder hat die deutsche Volksseele
ihre Ruh´.
 
Und dann gab es da mal den linken Genossen,
den ich enttäuschte, dass mir bald Tränen flossen.
Stundenlang erklärte er mir – ich sei so nett!
Trotz seines Eifers stieg ich nicht mit ihm ins Bett.
Nachdem nichts klappte, meinte er reichlich rüde,
nur Reaktionärsschlampen sind so prüde!
Schublade auf – 
Heidi hinein – 
Schublade zu!
Wieder hat die deutsche Volksseele
ihre Ruh´.
 
Kurz arbeitete ich in einem Hospital.
Da war das Leben für die Alten eine Qual.
Viel Geld für schlechtes Essen und miese Pflege,
ich ertrug´s nicht, machte die Behörden rege.
„Sie fliegen raus“, keifte drauf die Oberschwester,
„unser Hospital braucht keine Weltverbessrer“.
Schublade auf – 
Heidi hinein – 
Schublade zu!
Wieder hat die deutsche Volksseele
ihre Ruh´.
 
Kommt so ein Idiot auf dem Kudamm daher
und pfeift mir nach – das stört mich schon lange nicht mehr.
Aber als er krabbeln will mit seinen Pfoten,
mach´ ich ihm klar: „Vorsicht! Berühren verboten!“.
Höre ich so eine alte Hutschachtel schrein,
ich müsste ´ne lesbische Feministin sein!
Schublade auf – 
Heidi hinein – 
Schublade zu!
Wieder hat die deutsche Volksseele
ihre Ruh´.
 
Frauen hieß das Thema, das sie diskutierte.
Nutten wär´n ´ne Schande für Emanzipierte!
„Nenn zwischen euch Unterschiede“, ich war in Fahrt,
„du wirst keinen finden bis auf die Zahlungsart“.
Nuschelt diese dusslige Modeemanze,
ich sei so eine gewisse
Bordsteinpflanze.
Schublade auf – 
Heidi hinein – 
Schublade zu!
Wieder hat die
deutsche Volksseele 
ihre Ruh´.
 
Ganz langsam aber sicher habe ich kapiert,
jeder kriegt seine Kaste, wenn er nicht pariert.
Kommst du zur Welt mit Händen an der Hosennaht,
bist jederzeit für anderer Wünsche parat,
riechst du nicht hinter deinem Brett, es ist was faul.
Mich stört aber der Gestank – ich halt nicht das Maul!
Schublade auf – 
ich scheiße rein – 
Schublade zu!
Hier findet die deutsche Volksseele 
ihre Ruh´.
 
 


 

 

Geschichte
 
Die Welt ist böse, die Menschheit schlecht.
Die Leute sind geizig, stur, ziellos und roh.
Die Städte sind trist, die Straßen dreckig.
Die Kinder sind vorlaut, frech, grausam und dumm.
Die Frauen sind hart, die Männer sexistisch.
Die Natur ist verschandelt, verbaut, zerstört und kaputt.
 
Was – schlauer junger Mann – zwingt dich dann zum Leben?
 
 
Du sitzt in der U-Bahn, starrst vor dich her.
Die Leute kotzen dich an.
Wie sie da sitzen, so stumm und so träge,
vollgefressen, selbstgefällig, ´BZ´ in der Hand.
Du schließt die Augen, öffnest sie wieder, willst wissen,
ob es noch schlimmer werden kann.
 
 
 
Vor dir sitzt eine alte Frau.
Ihre Kleidung ist schäbig, ihr Rücken krumm.
Ihr Gesicht erzählt Weltgeschichte, die du in keinem Geschichtsbuch findest.
Jede Falte ein Mahnmal.
Jede Runzel ein Mensch.
Ihre Hände zittern.
 
Und du fragst dich – schlauer junger Mann – was hat die Alte vom Überleben?
 
 
Was hat sie von ihrer Schufterei?
Mindestrente, mit jedem Pfennig knausern,
feuchte Wohnung mit Ofenheizung im Hinterhaus,
drei Treppen hoch, Toilette eine halbe tiefer,
kaltes Wasser, keine Sonne und sie lebt allein.
 
 
 
Die Alte lächelt.
 
Die Hände ruh´n.
 
Jede Runzel tanzt.
 
 
Das zwingt dich – schlauer junger Mann – sie lächelt.
 
Nicht du!
 
Sie hat kein Blut an ihren Zähnen.
 
 
Erklärt dir das vielleicht – schlauer junger Mann – die Welt?
 
 
Schlauer junger Mann – erklärt es dir Geschichte?
 
 


 

 

Vaterland, oh Vaterland
 
 
Oh Vaterland, oh Vaterland,
ach, wärst du doch ein Mutterland.
1914 hätte sie gesagt, Willi, das lässt du sein
und mischst dich nicht in Sachen, die dich nichts angehen, hinein.
 
Oh Vaterland, oh Vaterland,
ach, wärst du doch ein Mutterland.
1918 hätte sie den Deserteur nach Haus´ geholt,
und ihm vor´m Brandenburger Tor öffentlich den Arsch versohlt.
 
Oh Vaterland, oh Vaterland,
ach, wärst du doch ein Mutterland.
Klein-Adolf hätt´ gesehn, was bösen Buben hierzulande passiert
und lieber auf Mama Schicklgruber gehört und brav studiert.
 
 
Oh Vaterland, oh Vaterland,
ach, wärst du doch ein Mutterland.
 
 


 

 

An Kreuzbergs Passanten 1981
 
 
Wenn durch Kreuzberg grün weiße Autos mit blauen Lichtern rasen,
hast du so einige Dinge zu beachten!
Sei nie so naiv und glaube an die Gerechtigkeitsphrasen,
dass denen nichts geschehen wird – die nichts machten!
 
Gewiss möchtest du deine Wohnung unbeschädigt erreichen!
Also schaue dich um, ob du alleine bist!
Als Einzelner fehlen dir Zeugen, darum such´deinesgleichen
und überzeug´dich, ob der auch in Ordnung ist! 
 
Zum Beispiel sind Zivilbeamte eine schlechte Begleitung.
Weil´s fraglich ist, wohin sie einen geleiten.
Die durch den Schulterhalfter verursachte Jackenausbeulung
verrät sie – und dutzend Unauffälligkeiten.
 
Unter keinen Umständen darfst du zu dritt oder mehr gehen.
Das wäre eine unerlaubte Ansammlung.
Vermeide auch bitte das an Straßenecken umherstehen.
Sowas begreift man oft als Herausforderung.
 
Wenn drei Polizisten eine Wurfbewegung bei dir sehen
und du hattest dir nicht die Arme abgehackt,
hilft dir kein bestreiten, verteidigen, bitten oder flehen.
Steine finden sich meist – und du wirst eingesackt.
 
Rennst du vor Knüppeln weg, zeugt das von deinem schlechten Gewissen.
Bleibst du stehn, giltst du als besonders militant.
Ganz egal, was du tust, du bist so oder so angeschissen,
auf welcherlei Art ist auch nicht mehr relevant.
 
Du glaubst an freie Meinungsäußerung, Recht, Demokratie?
Du glaubst an Gewaltlosigkeit und Gesetze?
Liegt dein blutiger Kopf in der Gosse, dann vergiss es bloß nie.
In Kreuzberg sind es nur belanglose Sätze.
 
Oh – dein Kopf ist durch Knüppelhiebe demoliert, du willst dein Recht.
Lass die Anzeige, das wär´ ausgesprochen dumm!
Die Gegenanzeige wäre sicher, das bekäme dir schlecht,
denn im Knast hau´n sie dir auch noch den Rücken krumm.
 
Sei glücklich, dass du mit deinem Leben davongekommen bist
und dass Springer dich nicht zählt zu den Chaoten.
Sonst warst du gewalttätig, beschwör´n wird´s so mancher Polizist.
Haftrichter warten auf solche Idioten.
 
Du kannst schrei´n, du wusstest gar nichts von einer Demonstration,
bist rein zufällig reingeraten als Passant.
Der Haftrichter bekäme vor Lachen eine Erektion
und du begreifst sehr schnell: die Macht ist arrogant.
 
Wenn durch Kreuzberg grün weiße Autos mit blauen Lichtern rasen
bring dich lieber selbst um, bevor sie dich schlachten.
Denn sei nie so naiv und glaub´ an die Gerechtigkeitsphrasen,
dass denen nichts geschehen wird – die nichts machten! 
 
 


 

 

18. Juni 1983
 
 
Am 18. Juni 1983 im Kreuzbergkiez
eine fröhliche, bunte Demonstration mit Tanz, Spaß und Ringelpietz.
Die fünfzehntausend Menschen hatten auch allen Grund zum Jubilieren.
Ultrarechte Spinner wollten nicht nur die DDR provozieren.
Sie wollten gegen jeden Andersdenkenden ausholen zum Schlage
und ihrem Rassismus frönen, doch die Aktion blieb eine Blamage.
Denn die Massen fehlten, die sie vorher sonstwie großmäulig versprachen.
Die Handvoll war lächerlich gegen die Massen, die wirklich aufbrachen
ohne windige Propaganda, Billigreise, Vierfarbdruckprogramm.
Ihr Herz und ihr Verstand brachte Deutsche und Türken geballt auf den Damm.
 
 
Eine Tanzband und Blasorchester liefen mit in der Demonstration.
Niemand dachte bei Reggae oder Trompetenklängen an Aggression.
Kinder spielten auf der Straße, Idylle in der Großstadt ohne Hatz.
Die Leute freuen sich nach dem Marsch auf´s Stadtteilfest am Mariannenplatz.
Bis ein Türke ein Plakat befestigt, so die Menge überragte.
Nicht das Plakat störte. Die Tatsache, dass es sich ein Türke wagte,
das ließ die deutsche Polizei munter werden, denn solches war zuviel –
und darauf fing sie an mit dem altbewährten Tränengas-, Knüppelspiel!
Ganze Straßenzüge wurden abgeriegelt, zusammengeschlagen.
Gerechterweise ging es jedem in diesen Straßen an den Kragen.
 
 
Knüppel zerbrachen über Köpfe, so schnell konnt´man gar nicht verbinden.
Wie sollte man dabei den Leuten helfen, die Wut zu überwinden?
Trösten – wenn die Ungerechtigkeit schreiend aus ihren Seelen entweicht,
selbst den Kopf voll, ob man ungeschoren bleibt und das Verbandszeug noch reicht?
Da macht unsere CDU für die Polen das große Plädoyer
und vergisst mit Frechheit die Kreuzberger Steine gegen ihre Armee.
Polnischer Widerstand ist gut, denn sie kämpfen gegen Kommunisten.
Geh´n wir für unsere Rechte auf die Straße, sind wir Terroristen.
Wir seh´n genau, es sind die gleichen Fratzen, die Menschen hetzen lassen.
Die oben teil´n aus, wir unten krieg´n eins ´rauf – sogar diesselben Klassen.
 
 
Wahllos wird herausgegriffen, verhaftet – unmöglich – ich krieg ´nen Schock –
auch Oma Kunze ist ´ne Terroristin, sie warf einen Rosenstock.
Ihr Enkelchen versuchte geschickt, Polizeiknüppeln auszuweichen
und rannte um sein Leben, um noch Oma Kunze´s Haus zu erreichen.
Vor der Tür hab´n sie ihn doch erwischt, unter Omas Balkon verprügelt.
Sie konnt´s nicht mit ansehn, der Rosentopf hat ein Martinshorn gebügelt.
Enkel Kunze sitzt nun leicht verblüfft und traurig mit Brummschädel im Knast.
Widerstand gegen die Staatsgewalt, denn er lief weg, legt man ihm zur Last.
Die Oma ist nicht nur wegen ihrem Enkelkind mächtig am Zittern.
Wer weiß – vielleicht landet man durch die Blumensprache auch hinter Gittern?
 
 
Punk Ralph kam in Untersuchungshaft aufgrund seiner Äußerlichkeiten.
(Wer schleppt nun die Kohlen von Frau Schulz und hat Zeit für Gefälligkeiten?)
Petra vermisst zwar ihre Freiheit, aber ist im allgemeinen froh.
(Durch´s Gefängnis hat sie endlich mal eine Bude mit eigenem Clo!)
Die Türkin Aysel mit dem roten Kopftuch und den wehenden Haaren
hätte beinahe auch das Pech gehabt, wär´ fast in den Knast gefahren.
Sie lief auf die Straße, verbot Kindern das Steineschmeißen – wie zum Hohn –
beim nächsten Polizeieinsatz war´n Platzwunden und Prellungen ihr Lohn.
Rentner Schmidt versuchte ein kleines, hilfloses Türkenkind zu retten.
Nun liegt er bei Sonnenschein mit Gehirnerschütterung in den Betten.
 
 
Zweihundertdrei Festnahmen, hunderte Verletzte, zehn bleiben in Haft.
Die Polizei schafft´s, wo der „Konservativen Aktion“ fehlt der Saft.
Warum verteidigen sie mit Tränengas und Knüppel solch´ Politik
und haben nicht stattdessen die Rechtsradikalen nach Hause geschickt?
Wieso haben sie deren Provokationen geduldet, geschützt?
Wem hat der Auftritt der „Kalten Krieger“ und Scharfmacher etwas genützt?
Weshalb wird die Polizei so aggressiv und verhält sich nicht neutral?
Niemand klärt meine Fragen – da erinner´ ich mich an einen Skandal.
Es ist gar nicht lange her, als Polizeischüler Ärger bekamen,
da sie einen Mitschüler, weil er Jude war, in die Zange nahmen.
 
 


 

 

Klassenbewusstsein
 
 
„Als Proletarier musst du deine Sache selbst in die Hand nehmen
und für deine Rechte kämpfen.“
 
 
     „Würd ick ja– aba ick bin doch man 
 
bloß een kleena Arbeeta.“
 
 


 

 

Physikalisches Gesetz der Kleinen
 
 
An einen kleinen Teich baute man ein Hochhaus, 
dass sah zwar nicht schön, aber dafür stabil aus. 
Zweiundzwanzig Stockwerke schoss es himmelhoch, 
jede Etage mit einem Balkon auch noch.
 
 
Vor diesem Riesenhaus lag ein Kieselsteinchen,
das bekam nun nie mehr ab ein Sonnenstrahlchen.
Wütend rief der Kiesel: ich will doch einmal sehn,
bleibt dieses verdammte Haus wirklich ewig stehn?
 
 
Mit aller Kraft rollte er auf das große Haus –
und als er schwungvoll anstieß – machte dieses bauz!
Der Palast fiel zusammen wie ein Kartenhaus
und die Leute zogen so schnell wie möglich aus.
 
 
Das Steinchen, welches das Hochhaus kaputt machte,
lag vor der Ruine und lachte und lachte.
Es sagte: Kraft ist nicht gleich Größe und Höhe,
taugt´s Fundament nicht, schaffen´s sogar die Flöhe.
 
 
 
 
Dieses Gedicht entstand ungefähr 1964. Ich schrieb es in fünf Minuten in einer Frühstückspause nieder, als ich inmitten eines Hochhausviertels arbeitete. Dieser Entstehungszeitraum blieb einsamer Rekord. Allerdings habe ich  nicht geahnt, dass dank besonders begabter Architekten und sparsamer Baufirmen mein Gedichtlein mal traurige Realität annehmen könnte.
 
 


 

 

Die Berliner Mauer öffnete sich in der Nacht vom 9.11. zum 10.11.1989 nach über 28 Jahren. Berlin jubelte. Ich gehörte zu denen, die nicht mitjubeln konnte. Bis heute bin ich fassungslos, wie zynisch Menschen mit Menschen umgehen können, wenn sie dazu die Macht haben. 
 
 
Mauerfall
 
 
In Berlins Straßen herrscht ausgelassene Heiterkeit.
Der Sekt strömt, aus tausend Kehlen die pure Freude schreit.
Ich steh´ im dichten Gedränge einsam vor der Mauer.
Ich kann nicht jubeln, fühle nur unendliche Trauer.
 
Über Nacht wurde mir damals meine Kindheit versaut.
Mit dieser Mauer hat man mir meine Heimat geklaut.
28 Jahre lang saß ich zwischen Ost und West.
Warum? Wieso? Wofür? Nur die Fragen bleiben zuletzt.
 
 


 

 

Hänschen
 
 
Nach fünfundvierzig, nach dem großen Dämpfer,
ehren die Deutschen ihre Widerstandskämpfer.
Weil sie deutsches Ansehen gerettet haben,
indem sie ihr Leben im Kampf gegen das Unrecht gaben.
 
 
Also wird mit viel Pomp geehrt, Jahr für Jahr,
wer damals kein Mitläufer, sondern Streiter war.
Wer kämpfte gegen Terror, Diktatur, Kriegsnot.
Aber heut´ sind diese Widerstandskämpfer schon lange tot.
 
 
Die Leute, die bei den Feierlichkeiten
inzwischen ihr Haupte voller Ehrfurcht neigen,
haben zu jener Zeit meist auch nur geschwiegen,
so manchen sah man dazumal mit Nazis mitmarschieren.
 
 
Doch das ist vergessen. Nun wird gefeiert,
voll Inbrunst Gedenkreden runtergeleiert,
über die wahren Helden unserer Nation –
jene, die man mal trieb oder treiben ließ zur Exekution.
 
 
Die krasse Umkehr stahl mir zwar nicht die Ruh´,
machte mir aber eig´ne Gedanken dazu.
Dieser Gesinnungswandel kam mir zu plötzlich.
Radikale Meinungswechsel machen mich immer skeptisch.
 
 
Allerdings dachte ich bestimmt nicht daran,
als ich bei der neuen Arbeitsstelle begann.
Zum Denken verbleibt keine Zeit im Hospital.
In den Pausen sind die Gespräche dementsprechend banal.
 
 
Patienten "trockenlegen", "füttern", betten
und zwischendurch fix mal ein zwei Zigaretten.
In diesem ganzen stupiden Arbeitsablauf
fiel mir komischerweise immer wieder das Hänschen auf.
 
 
„Das Hänschen wäre ein glatter Vollidiot,
er lebe, doch geistig sei er im Grunde tot“
erzählten über ihn einige Kollegen.
Ich sah ihn oft erfreut, böse, lachend, traurig, verlegen.
 
 
In der Nachtwache musste ich erkennen,
vor deutscher Geschichte kann niemand wegrennen
und schon gar nicht in einem Altenpflegeheim.
Gerade dort holt sie einen altersbedingt sehr schnell ein.
 
 
In einer ausnahmsweisen stillen Stunde
nach der üblichen nächtlichen Kontrollrunde
fing mein älterer Kollege an zu reden.
So erfuhr ich einiges aus Hänschens früherem Leben.
 
 
Soldaten wollte die braune Diktatur.
Aber Hänschen, der kleine Arbeiter, war stur.
Ginge der Krieg auch bestimmt ohne ihn weiter,
er würde nie zum Mörder werden, er bliebe Arbeiter.
 
 
Drohungen und Strafen halfen bei ihm nicht.
Also schleppte man Hänschen vor ein Standgericht.
Im Verurteilen waren die Nazis ganz groß
und sein Todesurteil für deutsche Richter Routine bloß.
 
 
Man hat ihn in die Todeszelle gebracht.
Dort ist er stets vorm Morgengrauen aufgewacht.
Fünf Jahre hat er in der Zelle gesessen.
Die Angst vor seiner Hinrichtung hat ihn bald aufgefressen.
 
 
Fünf Jahre hat er da umsonst gesessen,
denn man hat das Hänschen ganz einfach vergessen.
Naziterror und der Krieg waren längst vorbei.
Fünf Jahre hörte niemand Hänschens panischen Todesschrei.
 
 
Fünf Jahre sich jeden Tag neu aufbäumen
vor blitzenden Mündungsfeuern in den Träumen.
Dann hat man ihn aus dem Gefängnis entlassen,
als Hänschen nur noch den Tod wünschte – das konnt´er nicht fassen.
 
 
Und wie sollte es später auch anders sein?
Hänschen war ja nur ein armes Arbeiterschwein,
dem Unglaube und Angst den Verstand verdeckte.
Keine Lobby schrie auf, als man ihn in die Klapse steckte.
 
 
Da klebten sie Elektroden auf die Stirn
und jagten täglich Elektroschocks durch sein Hirn.
Er lebte mit der Angst, nun würde er verrückt.
Doch irgendwie ist ihm die Flucht aus der Klapsmühle geglückt.
 
 
Und wieder setzte sich keine Lobby ein,
als Hänschen, das kleine arme Arbeiterschwein
keine Wohnung fand, weil die Papiere fehlten.
Doch die gab´s nicht ohne Wohnung. Existenzsorgen quälten.
 
 
Eines Tages hieß es, er sei gestrandet.
Hänschen wäre unter den Pennern gelandet.
Bei den Tippelbrüdern hat er sich wohlgefühlt.
Er lernte durch sie, wie man Ängste mit Alkohol wegspült.
 
 
„Das Hänschen ist doch ein glatter Vollidiot,
Er lebt – aber geistig ist er im Grunde tot“,
erzählen über ihn einige Kollegen.
Ich sah ihn oft erfreut, böse, lachend, traurig, verlegen.
 
 
Irgendwann habe ich d´rüber nachgedacht,
was hätten sie eigentlich aus Hans Scholl gemacht,
wär´er nicht heldenhaft gestorben als Student?
Würde man ihn auch feiern, wenn er als "sabbernder Idiot" durch Irrenanstalten rennt?
 
 
 
Gewidmet den Kindern und Jugendlichen aus der Pichelsdorfer Straße in Berlin-Spandau, die während der Nazizeit Nacht für Nacht an eine Mauer pinselten: "Wer Hitler kennt und dem vertraut, dem hamse den Verstand jeklaut!" Auch sie wurden nie geehrt.
 


 

 

Arthur
 
Henri Dunant , das war sein Held, 
er fragte nicht nach Ruhm und Geld.
Er schielte nie nach Kriegesbeute.
Er sah das Elend und Not der Leute.
 
Die Mutter sprach, aber Arthur,
auf was für Unsinn kommst du nur
Krankenpflege ist was für Frauen.
Fehlt dir denn jegliches Selbstvertrauen?
 
Der Vater mahnte, sei ein Mann,
von dem man mehr erwarten kann.
Krankenpflege macht nur Tunten Spaß.
Gehe zum Militär, da lernst du was.
 
Arthur dachte, dass ist ja toll,
habt ihr noch nicht die Nase voll
von Bomben, Zerstörung, Tod und Haß?
Das Morden, ist das vielleicht euer Spaß?
 
Paukte Arthur Anatomie
vergaß er seine Träume nie.
Von Kindern, die im Freien spielen
und auf die keine Soldaten zielen.
 
Keine Waffen, nie wieder Krieg.
Der Frieden ist der wahre Sieg.
Der Dienst am Menschen kann beglücken.
Schimpft auch der Vater, er will sich drücken.
 
Und er machte sein Examen.
Anstatt Karriere zu planen
widmete er sich psychisch Kranken.
Er forderte nie, dass sie ihm danken. 
 
Hänschen kam auf seine Station.
Das Personal kannte nur Hohn
für den geistig umnachteten Mann,
der nicht kapierte, dass er leben kann.
 
Deserteur wurde er genannt
denn es war von Hänschen bekannt,
dass er Kriegsdienst verweigert hatte.
Für´s Gericht war er die feige Ratte.
 
Man vergaß ihn hinzurichten.
Nun gehörte zu den Pflichten
bei Kriegsende die Vergangenheit 
schnell anzupassen auf die neue Zeit.
 
So blieb Hänschen im Todestrakt.
Dort hat ihn der Wahnsinn gepackt.
Die Nazizeit war lange vorbei,
als er rauskam. Es war ihm einerlei.
 
Für Arthur war er kein Feigling.
Der Spott, der über Hänschen ging
von den abgebrühten Kollegen,
half, seine Träume hinwegzufegen.
 
Dunant war seiner Zeit voraus.
Auch hier in diesem Krankenhaus
hatte man nichts von ihm verstanden.
Ein Träumer kann leicht im Drecke landen.
 
Es schien alles nichts zu nützen,
Hänschen irgendwie zu schützen.
Schließlich ließ er die Türe offen. 
Abends war Arthur erstmals besoffen.
 
Im Bier wurde sein Traum banal.
Er schaffte nun im Hospital.
Hänschen hatten wir zu Bett gebracht
und Arthur erzählte in dieser Nacht.
 
Woher er das Hänschen kannte.
Wie er sich den Kopf einrannte.
Ohne Alkohol erträgt er kaum,
zu sehn, was übrig blieb von seinem Traum.
 
Henri Dunant , das war sein Held, 
er fragte nicht nach Ruhm und Geld.
Zynisch hörte ich Arthur sagen:
nur Idioten riskieren für ihre Ideen Kopf und Kragen.
 
 
Gewidmet meinem früheren Kollegen Arthur, für den ich eine betriebliche Verwarnung wegstecken musste. Er hatte in der Nachtwache ein Bier getrunken und ich konnte den Vorfall gegenüber der Heimleitung nicht bestätigen, da ich unter akutem Gedächtnisschwund litt. Eine Verwarnung wegen unkollegialem Verhaltens hätte mich wirklich belastet. Die hätte ich mir selbst gegeben.
 
 


 

 

Stille Nacht in Berlin

 
Stille Nacht, traurige Nacht,
ringsherum nur noch Hektik und Krach, 
grelle Leuchten die Augen stören, 
Weihnachtslieder kann ich nicht mehr hören.
Mein Kopf ist nur noch dumpf und leer . 
 
Stille Nacht, traurige Nacht,
hast mich vom Tierheim nach Haus gebracht,
so erfüllte sich mein größter Traum, 
bin endlich draußen und spiel unter´m Baum. 
Neujahr setzt ihr mich wieder aus. 
 
Stille Nacht, traurige Nacht,
ich bestaune eure Lichterpracht, 
daheim herrscht nur noch Kummer und Not, 
statt Weihnachtsbraten gibt´s trockenes Brot. 
Ich hab´ die Arbeit verloren.
 
Stille Nacht, traurige Nacht,
die Kerzen sind am Baume entfacht, 
heute Abend wird nicht gestritten, 
was haben wir unter dir gelitten. 
Der Frieden heute macht mir Angst.
 
Stille Nacht, traurige Nacht,
was hat mir dieses Leben gebracht? 
Fühle mich hier in dem Altersheim 
auf´s tote Gleis gestellt und ganz allein. 
Niemand schenkt mir ein wenig Zeit.
 
Stille Nacht, traurige Nacht,
für mich habt ihr was Schönes gemacht,
holtet mich aus dem Kinderheim ab, 
eine Familie für ein´n ganzen Tag. 
Doch ich hätt´ gern Eltern für´s Jahr. 
 
Stille Nacht, traurige Nacht,
habe an meine Heimat gedacht, 
nun sitz´ ich hier in Abschiebehaft, 
zum Leben fehlen mir jetzt Mut und Kraft. 
In der Heimat werd´ ich gehängt. 
 
Stille Nacht, traurige Nacht,
diese Nacht nennt ihr heilige Nacht
und rüstet doch auf zu neuem Krieg, 
ihr wollt schon feiern den kommenden Sieg. 
Der Feind feiert auch diese Nacht. 
 
Stille Nacht, traurige Nacht,
bleibt endlich still stehn und aufgewacht. 
Würde heut´ Nacht euch Christus geborn, 
wäre er in eurem Tollhaus verlorn 
beim Tanz um das goldene Kalb.
 


 

 

Kling, Kasse, klingelingeling, kling, Kasse, kling

 
 
Ich könnte mir die Haare zerraufen,
muß noch tausend Geschenke kaufen.
Bitte öffnet doch die Kaufhaustüren,
und laßt mich nicht hier jämmerlichst erfrieren.
Kling, Kasse, klingelingeling,
kling, Kasse, kling.
 
Vielzuviel kostet der Einkaufsbummel,
schon längst nervt mich der Weihnachtsrummel,
aber alle wollen etwas haben,
wie stünde ich bloß da ganz ohne Gaben.
Kling, Kasse, klingelingeling, kling, Kasse, kling.
 
Mit Geschenken hab´ ich´s Gesicht gewahrt,
leider am Geld dabei nicht gespart.
Nach dem Fest lutsch´ ich Kleister von Wänden,
denn jeder Pfennig entfleucht meinen Händen.
Kling, Kasse, klingelingeling,
kling, Kasse, kling.
 
Jedes Jahr bin ich erneut am Schwören,
erneut laß ich mich nicht betören
von der Auslage in den Geschäften,
die Reiche reicher macht mit allen Kräften.
Kling, Kasse, klingelingeling,
kling, Kasse, kling.
 
Doch dieses Jahr stehe ich – wieder mal
vor der Seelenqual der –  Einkaufswahl
und ich überlege, was – nehm´ ich mit.
Womit bleibe ich vielleicht – gesellschaftsfit.
Kling, Kasse, klingelingeling,
kling, Kasse, klingelingeling.
 


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

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