Die Mama und der bayrische Weihnachtsmann
 
 
„Grüß Gott! Abschleppunternehmen Vogl! Na, junge Frau, dass sieht aber gar nicht gut aus. Wie kann man sich mit so einer alten Schüssel bei dieser Witterung auf die Straße wagen? Sagen sie mal, der Karren hat ja auch noch Sommerreifen. Sind sie verrückt? Das ist ja purer Leichtsinn.“
 
„Ich wollte unbedingt Weihnachten zu Hause sein.“
 
„Aber nicht mehr mit diesem autoähnlichem Gefährt. Gehen sie mal in mein Fahrerhaus, während ich ihre Pappe aufbocke. Sie zittern ja am ganzen Leib.“
 
„Danke! Ich hole noch meine Handtasche aus dem Auto. Da ist auch mein Handy drinnen.
 
Hallo Björn! Der Abschleppwagen ist da. Nein, Schnatterinchen kann nicht schnell flott gemacht werden. Ich muss mir wohl hier ein Zimmer suchen. Nein, erkläre du es den Kindern. Bitte, ich möchte jetzt nicht mit ihnen telefonieren. Vielleicht rufe ich später noch einmal an. Gib allen einen dicken Kuß von mir. Es tut mir so leid. Du wirst es heute nicht einfach haben. Kopf hoch, Björn! Wir können nicht immer nur Pech haben. Irgendwann treffen wir auch auf bessere Tage. Tschüss, mein Lieber!“
 
„Oh Gott, jetzt fängt die Frau auch noch an zu heulen. Das dürfte eine lustige Fahrt werden. Dieser Heiligabend startet ja außerordentlich gelungen. Also, Schnatterinchen heißt du, dann mal hopp rauf auf meine Lore. Tja Lore, da staunst du. Der Trabbi ist mit Sicherheit noch älter als du. Meine gute Lore als Trödeltransporter. Handfeger und Müllschippe hätten schließlich auch gereicht. Brauchst dich nicht schämen Lore, altes Mädchen. Kannst ja nichts dafür, mit was sich so alles die Leute fortbewegen. Dieses Schneetreiben hört überhaupt nicht auf. Bloß rein in die warme Kabine.
 
Ihr Schnatterinchen ist aufgebockt. Ich bräuchte noch ihre ADAC-Karte und den Fahrzeugschein und dann kann es los gehen. Lohm, Lohm, wo ist denn das?“
 
„In der Ostprignitz.“
 
„Und wo ist die Ostprignitz?“
 
„In Brandenburg.“
 
„Gibt es da eine größere Stadt?“
 
„Ja! Kyritz, Neustadt an der Dosse, Havelberg.“
 
„Noch nie etwas von diesen Städten gehört.“
 
„Kyritz liegt an der Bundesstraße 5 zwischen Berlin und Hamburg.“
 
„Hoho! Und da wollten sie heute noch mit ihrer kleinen Schrottmühle hin? Das ist unglaublich. Nun weinen sie doch nicht schon wieder los, Frau, Frau, ach hier steht es, Frau Kunze. Da vorne auf der Ablage liegen Tempotaschentücher. Seien sie froh, daß ihnen nichts passierte. Wie sind sie denn in die Leitplanke geraten?“
 
„Eingeschlafen.“
 
„Wie bitte?“
 
„Einen kurzen Augenblick sind mir die Augen zugefallen und schon war es passiert.“
 
„Sie fahren mit so einer klapprigen Chaise mit Sommerreifen bei solchem Wetter auch noch obendrein völlig übernächtigt? Sind sie lebensmüde? Und da heulen sie auch noch? Danken sie lieber Gott, daß sie heile geblieben sind. Der Schaden an dem Fahrzeug ist doch wahrlich nur halb so schlimm. Dem Ding fehlte im Grunde genommen sowieso nur bisher der Henkel zum Wegschmeißen. Nun wird er rangeschweißt, wenn man überhaupt an der Pappschachtel etwas schweißen kann, und fertig. Das ist doch kein Auto, das ist eine Zumutung.“
 
„Mein Trabbi ist keine Zumutung. Unsere Eltern haben damals für ihn ihre gesamten Ersparnisse zusammengekratzt. Wer besaß zu dieser Zeit bei uns schon ein Auto? Wir waren so stolz auf unser Schnatterinchen. Stets zuverlässig fuhr sie bei Wind und Wetter. Mit Schnatterinchen heirateten wir, mit Schnatterinchen wuchsen die Kinder heran, Schnatterinchen trug uns Jahr um Jahr in den Urlaub. Seit über zwanzig Jahren tuckert sie brav durch das Land. Und dann....“
 
 
„Nanu! Eingeschlafen die gute Frau! Hach, die ist nicht müde, die ist völlig fertig und erschöpft. Und das am frühen Morgen! Na, wenn sie schläft, flennt sie wenigstens nicht.
 
Schnatterinchen! Wie kann man sein Herz an solch einen altersschwachen Schnauferl hängen? Obwohl! Meine Lore zählt auch eher zu den Betagteren. Und so manche Schramme ziert nicht gerade ihr Blech, etliche Beulen beweisen unser Tagwerk. Dieser Augenblick, wo ich lässig das Geldbündel auf den Schreibtisch eher warf als legte und auf meine Lore zeigte, grub sich fest in meine Erinnerung ein. Meine glühenden Ohren verrieten, wie hart ich sie mir ersparen musste. Ha – bar bezahlt! Auf Heller und Pfennig!
 
Bald zeigte sich, daß Lore jede einzelne Mark wert war. Seitdem schafft sie unermüdlich Tag für Tag unseren Unterhalt heran, ohne Murren, ohne Klagen. Erfüllte sich morgen mein Traum von dem PS-starken, niegelnagelneuen Abschleppwagen — würden nicht die Leute lachend den Finger auf mich zeigen: schaut mal, der abgerissene Opa in diesem schicken, chromblitzenden Fahrzeug? Wieviel erlebten Lore und ich zusammen? Wie oft meisterten wir gemeinsam brenzlige Situationen? Na, vielleicht lässt sich das Schnatterinchen ja doch noch retten. Hoffentlich bleibt das heute die letzte Fuhre. Ob ich das Radio anstelle? Es wird sie kaum stören. Schätzungsweise reicht nicht einmal ein Donnerschlag aus, um diese Frau Kunze zu wecken.“
 
„Weihnachten mit Bayern drei. Zur Einstimmung auf den, von so vielen Kindern herbeigesehnten heutigen Abend, präsentiert ihnen der Offenbacher Kinderchor, passend zum Wetter, eine alte Volksweise, zu der Eduard Ebel einen Text verfasste:
 
Leise rieselt der Schnee,
still und starr ruht der See;
weihnachtlich glänzet der Wald:
Freue dich, Christkind kommt bald!
 
In den Herzen wird´s warm,
still schweigt Kummer und Harm,
Sorge des Lebens verhallt:
freue dich, Christkind kommt bald!
 
Bald ist Heilige Nacht,
Chor der Engel erwacht,
hört nur, wie lieblich es schallt:
freue dich, Christkind kommt bald!
 
Die Redaktion stellt mir gerade einen Anruf herein.
 
Guten Morgen! Mit wem spreche ich?“
 
„Ich heiße Annegret.“
 
 
„Und wie alt bist du?“
 
„Ich bin fünf Jahre.“
 
„Annegret! Was kann ich für dich tun?“
 
„Ich suche den bayrischen Weihnachtsmann.“
 
„Du suchst den Weihnachtsmann? Hast du etwas auf deinem Wunschzettel vergessen?“
 
„Nein, ich suche den bayrischen Weihnachtsmann.“
 
„Wieso suchst du denn den bayrischen Weihnachtsmann?“
 
„Weil die Mama in Bayern ist. Und da kann mir nur der bayrische Weihnachtsmann helfen.“
 
„Was willst du denn dem bayrischen Weihnachtsmann so Wichtiges mitteilen?“
 
„Wir wollen keine Geschenke. Die darf der bayrische Weihnachtsmann mitnehmen. Und wir geben ihm auch unsere bunten Teller.“
 
„Los, sag, auch die Sparschweine.“
 
„Ja, auch die Sparschweine.“
 
„Annegret, wer spricht denn da im Hintergrund?“
 
„Der Sören!“
 
 
„Ist der Sören dein Bruder?“
 
„Ja!“
 
„Und wie alt ist der Sören?“
 
„So alt wie der Stefan.“
 
„Aha!  Und wie alt ist der Stefan?“
 
„Na so alt wie der Sören.“
 
„Logisch!“
 
„Dummerchen. Zehn Jahre mußt du sagen.“
 
„Wer war das?“
 
„Stefan!“
 
 
„Stefan ist Sörens Freund?“
 
„Nein. Das ist auch mein Bruder.“
 
„Dann sind es Zwillingsbrüder?“
 
„Nein. Stefan und Sören waren Freunde. Sie gingen in die gleiche Klasse. Und dann ist meine alte Mama krank geworden. Und dann mussten Stefan und ich ganz weit weg in ein Kinderheim. Und der Tommi kam in ein anderes Kinderheim.“
 
„Wer ist Tommi?“
 
„Auch mein Bruder. Der ist sieben und bebindat und darum kam er in ein anderes Heim.“
 
 
„Annchen, behindert nicht bebindat. Bebindat gibt es nicht. So versteht dich kein Mensch.“
 
„Wem gehört diese Stimme?“
 
„Meiner großen Schwester.“
 
„Und wie heißt deine Schwester?“
 
„Heitje.“
 
 
„Deine große Schwester? Wie alt ist sie denn?“
 
„Zwölf Jahre. Sie suchte am Computer eure Telefonnummer raus. Sie glaubt aber nicht, dass es den bayrischen Weihnachtsmann gibt.“
 
„Aber du glaubst es?“
 
„Ja! Letztes Jahr Weihnachten flüsterte ich dem Kinderheimweihnachtsmann ins Ohr, dass ich mit Tommi und Stefan nach Hause möchte. Und kurz vor meinem Geburtstag kamen Sören, Lars, Heitje, der neue Papa und die neue Mama Stefan und mich mit Schnatterinchen besuchen.“
 
„Moment! Wer ist Lars?“
 
 
„Na mein kleiner Bruder. Du fragst bestimmt wieder. Der ist drei Jahre alt.“
 
„Und wer ist Schnatterinchen?“
 
„Schnatterinchen heißt unser Trabbi. Und die ist so alt wie eine Oma. Aber jetzt haben wir außerdem einen kleinen Bus, den Willi, weil wir nicht alle in Schnatterinchen hineinpassen. Doch der ist kaputt gegangen und steht in der Werkstatt. Aber vorher besaßen wir nur Schnatterinchen und darum fuhr sie zum Kinderheim.“
 
„Und wann hast du Geburtstag?“
 
„Kurz danach, wenn das neue Jahr anfängt.“
 
„Am 5. Januar.“
 
„Das war Stefan?“
 
„Nein, Sören!“
 
„Also, wenn ich jetzt mal nachzähle, dann seid ihr sechs Kinder? Oder fehlt noch einer?“
 
„Nein, das reicht, sagt Mama immer. Nur unser Hund, der Paul, und unsere Katze, die Pauline, die gehören auch noch dazu.“
 
„Ach ja! Und die neue Mama und der neue Papa nahmen euch dann mit?“
 
„Du hörst aber gar nicht richtig zu. Ich erzählte dir doch, dass wir nicht alle zusammen in Schnatterinchen fahren können.“
 
„Oh, entschuldige bitte!“
 
„Der Papa holte uns erst ein paar Tage später. Aber Tommi war schon da. Meinen Geburtstag feierten wir nach. Mit Tommi! Ganz groß! Und den Kindergarten besuche ich wieder mit meinen alten Freunden. Und die Jördys war auch zu meiner Geburtstagsfeier eingeladen. Jördys ist meine beste Freundin. Und das Kinderheim war soweit weg, dass ich mit ihr nicht einmal spielen konnte. Und Stefan und Sören gehen wieder bei Frau Enge zur Schule. Siehst du, der Kinderheimweihnachtsmann half mir. Und der bayrische Weihnachtsmann bringt unsere Mama nach Hause.“
 
„So, Annegret. Jetzt gibst du mir deine Telefonnummer und ich rufe dich zurück. Sonst wird das Telefonat viel zu teuer für euch. Dann kannst du mir in Ruhe erzählen, was der Weihnachtsmann machen muss?
 
Und für unsere Zuhörer spielen wir ersteinmal ein Volkslied mit den Worten von Theodor Enslin, vorgetragen von den Schöneberger Sängerknaben:“
 
Kling, Glöckchen, klingelingeling,
kling Glöckchen kling.
Lasst mich ein ihr Kinder,
ist so kalt der Winter.
Öffnet mir die Türen,
lasst mich nicht erfrieren.
Kling, Glöckchen, klingelingeling,
kling Glöckchen kling.
 
Kling, Glöckchen, klingelingeling,
kling Glöckchen kling.
Mädchen hört und Bübchen,
macht mir auf das Stübchen.
Bring euch milde Gaben,
sollt´ euch dran erlaben.
Kling, Glöckchen, klingelingeling,
kling Glöckchen kling.
 
Kling, Glöckchen, klingelingeling,
kling Glöckchen kling.
Hell erglühn die Kerzen,
öffnet mir die Herzen.
Will drin wohnen fröhlich,
frommes Kind wie selig.
Kling, Glöckchen, klingelingeling,
kling Glöckchen kling.
 
„Hallo Annegret. Hier ist wieder Bayern 3. Jetzt sage mir doch ersteinmal, wo ihr wohnt.“
 
„In Lohm.“
 
„Wo ist das denn?“
 
„Na, zu Hause.“
 
„Wie dumm von mir, da hätte ich selber darauf kommen müssen. Also in Bayern liegt Lohm nicht?“
 
„Nein. Aber da ist die Mama.“
 
„Warum ist denn eure Mama in Bayern?“
 
„Na, weil wir Geld brauchen.“
 
„Und eure Mama holt in Bayern Geld?“
 
„Sie muss da immer runter.“
 
„Irgendetwas begreife ich nicht.“
 
„Gib mir mal den Hörer, Annchen. Hallo! Hier spricht die Heitje. Lohm ist ein Dorf in Brandenburg, aber unsere Mama arbeitet in Bayern. Weil man doch hier keine Arbeit kriegt. Mama und Papa waren sehr lange arbeitslos. Und da fing Mama in München als Nachtwache in einem Altersheim an zu arbeiten. Vor zwei Tagen sollte sie nach Hause kommen. Aber dann erkrankte eine Kollegin und Mama musste einspringen. Heute morgen hatte sie endlich frei und wollte nach Hause fahren. Aber da passierte der Unfall. Ihr ist gottlob nichts geschehen, aber unser Schnatterinchen bekam etwas ab. Nun bleibt sie Weihnachten doch in München. Wäre Willi bereits repariert gewesen, hätte Papa vielleicht überlegt, mit uns zur Mama zu reisen. Dann schneite es auch noch ununterbrochen. Und meine kleine Schwester lässt es sich einfach nicht ausreden, daß in Bayern ein Weihnachtsmann lebt, der Mama nach Hause bringt.“
 
„Ja, wo ist eigentlich euer Papa?“
 
„Mama fuhr mit dem Trabbi, weil der Bus nicht ansprang. Ohne Auto konnte der Papa aber nicht einkaufen. Also....! Na.....! Ähm.....!“
 
„Und die Mama kaufte für die Feiertage in München ein und hängt jetzt mit dem Zeug irgendwo fest. Richtig?“
 
„Ja!“
 
„Habt ihr denn über die Festtage genug zu essen?“
 
„Mmmh! Na ja! Also! Na! Na – der, der Papa läuft gerade zu den Nachbarn und versucht, etwas Essen zu pumpen. Das geht schon. Irgendwie kommen wir zurecht.“
 
„Das ist dem Papa ganz doll peinlich.“
 
„Sage mal deiner kleinen Schwester, dass das dem Papa absolut nicht unangenehm sein muss. Im Gegenteil! Wie kann man denn jetzt euch bloß helfen?“
 
„Danke, ich finde es sehr nett von ihnen, dass sie uns Hilfe anbieten. Aber da lässt sich wohl kaum etwas ändern. Es sei denn, es geschähe ein Wunder.“
 
„Doch! Gib mir das Telefon, Heitje. Doch! Doch! Doch! Du bist das Radio. Du bist in Bayern. Wenn du den bayrischen Weihnachtsmann immer wieder rufst, wird er dich irgendwann hören. Und dann bringt er die Mama her. Ganz bestimmt. Tommi sitzt die ganze Zeit am Fenster und guckt raus. Er sagt immer: ´Mama tommt´. Kommt kann er nämlich nicht sagen wegen seiner Bebinderung, aber er weiß ganz genau, dass die Mama kommt. Darum verlässt er seinen Platz am Fenster nicht eher, bis sie hier ist.
 
Der bayrische Weihnachtsmann will gewiss Weihnachtslieder hören und schaltet dann sein Radio ein. Also musst du viele Weihnachtslieder spielen. Bitte, bitte! Wenn er sich bei dir meldet, sagst du ihm, dass wir ihm alle unsere Geschenke und bunten Teller und Sparschweine geben.“
 
„Moment mal, Annegret, die Regie reicht mir einen Zettel herein, dass noch ein Anruf auf der anderen Leitung vorliegt. Ich stelle mal den Ton laut, dann könnt ihr das Gespräch mitverfolgen. Grüß Gott!“
 
„Grüß Gott. Hier ist Vogl vom Bergungsdienst und Pannendienst Vogl aus München. Ich befand mich bereits auf dem Weg nach München zum Stützpunkt, als ich ihre Sendung hörte. Richten sie der kleinen Annegret und ihren Geschwistern aus, dass der bayrische Weihnachtsmann sehr gerne weihnachtlichen Liedern lauscht und folgerichtig sein Radio laufen lässt. Ihre Mama sitzt neben mir im Abschleppwagen und ist tief und fest eingeschlafen. Ich befinde mich zur Zeit auf dem Weg nach Regensburg. Aber es kann sehr spät werden, bis wir in Lohm eintreffen.
 
Vor allem, weil die Straßen völlig zugeschneit sind und Schneeverwehungen die Fahrt ordentlich erschweren. Ich versuche trotz des Schnees auf alle Fälle, durchzukommen, aber wenn wir stecken bleiben und es heute nicht mehr schaffen, dürfen die Kinder nicht allzu enttäuscht sein. Morgen sind wir allerspätestens da.“
 
„Der bayrische Weihnachtsmann!“
 
 
„Pssst Annchen!“
 
„Annegret kann sie verstehen, Herr Vogl. Heißt es, dass sie ihre Mama nach Hause bringen? Mann, wissen sie, wie weit das ist?“
 
„Ja, fast einmal quer durch Deutschland.“
 
„Und das wollen sie wirklich tun?“
 
„Seit meine Frau verstorben ist, wartet auf mich alten Zausel niemand zu Hause. Leider hatten wir keine Kinder. Aber da in Brandenburg sitzen sechs Kinder, die sehnsüchtig auf ihre Mama warten. Ich spiele gerne den bayrischen Weihnachtsmann.“
 
„Da kommt der Papa rein. Da kommt der Papa rein. Papa, Papa, der bayrische Weihnachtsmann ist am Telefon und bringt mit seinem Abschleppwagen die Mama nach Hause.“
 
 
„Hey, Tommi, wo willst du hin.“
 
„Mama tommt. Snee ßippen.“
 
„Junge, du kannst doch nicht so herauslaufen.“
 
„Mama tommt. Snee ßippen.“
 
„Lars will auch zur Mama gehen.“
 
„Papa, Papa, der bayrische Weihnachtsmann bringt mit seinem Abschleppwagen die Mama nach Hause.“
 
„Was ist los?“
 
„Mama tommt. Snee ßippen.“
 
„Lars will auch zur Mama gehen.“
 
„Papa, Papa, der bayrische Weihnachtsmann bringt die Mama.“
 
„Mama tommt. Snee ßippen.“
 
„Seid ihr denn alle vom Hafer gestochen?“
 
„Mama tommt. Snee ßippen.“
 
„Heitje, bitte, sorge dafür, dass sich Tommi ordentlich warm anzieht und dann lass ihn von mir aus raus.“
 
„Lars will auch zur Mama gehen.“
 
„Du bleibst hier, Freundchen!“
 
„Lars will aber nicht auf den Arm.“
 
„Mama tommt. Snee ßippen.“
 
„Ja, Tommi! Nein Tommi! Wer hat ihm denn den Floh ins Ohr gesetzt?“
 
„Mama tommt. Snee ßippen.“
 
„Lars will runter!“
 
„Mama tommt. Snee ßippen.“
 
„Oh nein! Wo rennt ihr denn nun hin.“
 
„Papa, Papa!“
 
„Ruhe Annegret! Stefan, Sören, wo lauft ihr hin?“
 
„Schnee schippen.“
 
„Lars will auch schippen.“
 
„Die Mama kommt.“
 
„Redet doch nicht so einen Blödsinn.“
 
„Mama tommt. Snee ßippen.“
 
„Papa, der Weihnachtsmann bringt Mama.“
 
„Annchen, sei doch mal bitte leise.“
 
„Mama tommt. Snee ßippen.“
 
„Papa, lass mich runter.“
 
„Annegret, reiche mal bitte den Hörer deinem Papa.“
 
„Schnell, Papa, komm, der Radiomann will mit dir reden.“
 
„Mit wem telefonierst du eigentlich?“
 
„Papa, schnell!“
 
„Ja, hier Björn Kunze.“
 
„Lars will runter.“
 
„Und hier ist Bayern 3. Mächtig los was bei ihnen, Herr Kunze! Das Abschleppunternehmen Vogl aus München bringt ihnen ihre Frau.“
 
„Lars will runter.“
 
„Jetzt hältst du die Klappe, Lars! Nein, du bleibst auf dem Arm. Wollen sie mich veräppeln? Soll ich es lustig finden, wenn sie sich auf unsere Kosten einen Witz erlauben?“
 
„Ruhig, Herr Kunze, ganz ruhig. Setzen sie sich ersteinmal und tief durchatmen. Ich spaße nicht. Ihre Kinder berichteten uns in unserer Sendung von ihrem sehnlichsten Wunsch zu Weihnachten. Und diesen Wunsch vernahm Herr Vogl und entschloss sich spontan, die Mutter zu ihren Kindern zu transportieren.“
 
„Lars will nicht auf dem Arm bleiben.“
 
„Heitje! Nimm deinen kleinen Bruder und stell ihn irgendwie ab.“
 
„Was soll ich denn jetzt tun? Tommi anziehen oder Lars beschäftigen. Ich kann mich doch nicht zerteilen.“
 
„Herr Kunze! Ihre Frau kommt und sie scheinen sie auch dringend zu brauchen.“
 
„Das ist kein Jux? Wirklich nicht?“
 
„Nein, Herr Kunze! Wir würden uns nie gestatten, jemanden in einer solchen Situation auf den Arm zu nehmen. Mit Sicherheit nicht!“
 
„Oh Gott, dass wäre, dass wäre, dass wäre so?“
 
„Dass wäre einfach gut?“
 
„Viel mehr! Phantastisch! Traumhaft!“
 
„Wieso lässt dich denn Papa jetzt los. Soll ich Lars auch anziehen? Papa! Ooch! Stefan und Sören! Steckt Lars in den Skianzug!“
 
„Aber – aber!“
 
„Welches ´Aber´ bedrückt sie?“
 
„Lars! Halt still und zappel nicht herum.“
 
„Na, die Bezahlung! Können wir den Betrag abstottern?“
 
„Grüß Gott, Herr Krause! Mein Name ist Vogl. Ich bin von ihrer Tochter zum bayrischen Weihnachtsmann gekürt worden. Mit der Rechnung lassen sie es mal gut sein, junger Mann. Die Transportkosten übernimmt der bayrische Weihnachtsmann selber. Schließlich beauftragten nicht sie meine Dienste, sondern ihre Kinder. Wie sind bei ihnen die Straßenverhältnisse?“
 
„Tommi, setz die Mütze auf! Der Kleine braucht noch Handschuhe.“
 
„Tür zu! Man versteht sonst sein eigenes Wort nicht. Verzeihung!“
 
„Kein Problem!“
 
„Der Verkehr ist hier restlos zusammengebrochen. Katastrophal! Wir sind seit zwei Tagen eingeschneit. Kein Durchkommen!“
 
„Na, mal sehen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und als Weihnachtsmann steht ja schließlich das Christkindel eindeutig auf meiner Seite. Ach Übrigens: Sagen sie ihren Kindern, der bayrische Weihnachtsmann braucht keine Geschenke, Nascherein oder geschlachtete Sparschweine. Das würde einen echten Weihnachtsmann stark beleidigen. Über ein schönes Weihnachtslied oder Gedicht freut er sich viel mehr.“
 
„Ich weiß nicht, wie ich ihnen danken soll?“
 
„Mit sechs fröhlichen Kindergesichtern, Herr Kunze.“
 
„Herr Vogl, wie könnten wir sie unterstützen.“
 
„Mit ihrem Job natürlich! Ein schönes Weihnachtsprogramm, damit mir der heilige Abend in meiner Lore, Pardon, so nenne ich immer meinen Abschleppwagen, nicht allzu trostlos erscheint.“
 
„Wir werden uns mit Begeisterung ins Zeug legen, Herr Vogl. Haben sie irgendeinen Liederwunsch?“
 
„Oh ja! Aus Südengland kam eine Volksweise zu uns, nach der ein Unbekannter einen wunderschönen Text schrieb: Fröhliche Weihnacht überall. Dieses Lied sang meine Frau, Gott hab sie selig, immer beim Plätzchen backen. Wegen der Stelle mit dem Weihnachtsduft in jedem Raum. Erklingt nur die Melodie, steigt mir sofort der Plätzchengeruch in die Nase und ich spüre förmlich eine weihnachtliche Atmosphäre, die mich wohlig einhüllt.“
 
„Dann hauchen nun die Thomaner den Duft der Weihnachtsplätzchen in die Lore von Herrn Vogl.“
 
„Dankeschön!“
 
„Der Dank gehört ihnen.“
 
Fröhliche Weihnacht überall,
tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum,
Weihnachtsduft in jedem Raum.
Fröhliche Weihnacht überall,
tönet durch die Lüfte froher Schall.
 
Fröhliche Weihnacht überall,
tönet durch die Lüfte froher Schall.
Darum alle stimmet ein
in den Jubelton,
denn es kommt das Heil der Welt
von des Vaters Thron.
Fröhliche Weihnacht überall,
tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum,
Weihnachtsduft in jedem Raum.
Fröhliche Weihnacht überall,
tönet durch die Lüfte froher Schall.
 
Licht auf dunklem Wege,
unser Licht bist du.
Denn du führst die dir vertrauen,
ein zur sel´gen Ruh.
Fröhliche Weihnacht überall,
tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum,
Weihnachtsduft in jedem Raum.
Fröhliche Weihnacht überall,
tönet durch die Lüfte froher Schall.
 
Was wir andern taten,
sei getan für dich.
Dass bekennen jeder muss,
Christkind kommt für dich.
Fröhliche Weihnacht überall,
tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum,
Weihnachtsduft in jedem Raum.
Fröhliche Weihnacht überall,
tönet durch die Lüfte froher Schall.
 
„Grüß Gott, Herr Vogl! Bayern 3! Wo sind sie?“
 
„Kurz vor Leipzig. Ich komme erstaunlich gut voran.“
 
„Was macht Frau Kunze?“
 
„Sie schläft immer noch. Anscheinend hat sie es bitter nötig.“
 
„Herr Vogl, wir schlossen uns zwischenzeitlich mit den Rundfunksendern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg kurz. Von Antenne Brandenburg erhielten wir folgende Informationen: bleiben sie auf der Autobahn bis kurz vor Potsdam. Fahren sie nicht in Niemegk ab, um zu versuchen, über Belzig zur Stadt Brandenburg zu gelangen. Diese Strecke ist zwar kürzer, zur Zeit aber nicht passierbar. Am Autobahnkreuz Potsdam halten sie sich in Richtung Hannover. Ausfahrt Stadt Brandenburg verlassen sie die Autobahn. Dort erwartet ihre Lore der Winterdienst und schleust sie durch die Stadt. Auf der Landstraße 102 kommen sie nach Premnitz und Rathenow. Die 102 führt weiter nach Neuruppin. Sie folgen der Landstraße und durchfahren das Städtchen Rhinow. Dahinter erreichen sie nach Altgarz das Dorf Großderschau. Gleich hinter dem Ortsanfang zweigt links eine Straße nach Zernitz ab. Sie kommen durch die Dörfer Rübehorst, Babe, Roddahn und landen hoffentlich sicher schließlich in Lohm.
 
Wir haben von Antenne Brandenburg mitgeteilt bekommen, dass die Bundeswehr in der Stadt Brandenburg freiwillig ausgerückt ist, um die 102 zu räumen. Auch viele freiwillige Feuerwehren, Schneeräumfirmen, Winterdienste und Privatleute haben sich erboten, ihnen den Weg freizuschippen. Herr Vogl, sind das gute Nachrichten?“
 
„Tja, da soll noch einer sagen, in unserer Gesellschaft denkt jeder nur an sich. Manchmal bricht doch das Herz durch und wenn es zu Weihnachten ist.“
 
„Besser zu Weihnachten als nie. Wenn die Mama wach ist, richten sie ihr aus, dass ihr Altersheim sich bei uns meldete. Die Heimleitung entschuldigt sich, dass Frau Kunze bis heute arbeiten musste und die Kollegen verteilten unbezahlt alle Nachtwachen bis zum 7. Januar unter sich. Sie wünschen den Kindern ein frohes Fest, einen guten Rutsch und Annegret eine Riesengeburtstagsparty.“
 
„Herrlich! Wie wird das die Kleine freuen.“
 
„Wir haben noch eine Überraschung parat. Das Autohaus in Wusterhausen verbringt einen Teil des Heiligen Abends in der Werkstatt. Der reparierte Bus parkt möglicherweise schon morgen am ersten Weihnachtsfeiertag vor dem Haus der Kunzes, sollten es die Straßenverhältnisse zulassen. Schnatterinchen holt das Autohaus ab und setzt es kostenlos instand.“
 
„Ach wissen sie, bis vor einigen Stunden wusste ich nichts von dieser Familie. Um neun Uhr stellte ich mir noch verärgert die Frage, wer so irre sein kann, mit einem antiken Trabbi beim dichtesten Schneetreiben mit Sommerreifen unterwegs zu sein. Diese Frau könne doch nur unter einer Macke leiden. Manchmal urteilt man zu voreilig. Ich erkannte, dass die Liebe zu ihren Kindern sie zu dieser Torheit verleitete.
 
Was für eine traurige Tatsache, dass eine Mutter von sechs Kindern gezwungen ist, quer durch Deutschland zu kutschieren, um Arbeit zu finden, um ihre Familie zu ernähren. Und schließlich derart wenig verdient, dass sie sich im Notfall nicht einmal einen Mietwagen oder Taxi leisten kann, um Weihnachten mit ihrer Familie zu verbringen.
 
Diesen Kindern eine Freude zu bereiten und zu erfahren, dass auch andere Menschen ihnen etwas Gutes tun, macht mich restlos glücklich. Es zählt mehr als der gewöhnlicherweise erträumte Sechser im Lotto. Die Ereignisse sensibilisieren mich. So achte ich etwas aufmerksamer auf die Nummernschilder. Es ist unvorstellbar, wieviele Autos heute in Richtung Norden trotz Schnee und Eis streben. Aus Mecklenburg-Vorpommern, aus Brandenburg, aus Sachsen, aus Sachsen-Anhalt. Da! Da überholt mich ein Wagen aus Rügen. Mein Vordermann stammt aus Rostock. Zwingt man den ganzen Osten auf die Räder? Sieht so die geforderte Flexibilität der Arbeitnehmer aus? Sollen das die Drückeberger sein, die nicht arbeiten wollen?
 
Was müssen diese Pendler für starke Menschen sein, die hunderte Kilometer zurücklegen, um zu arbeiten, und wie weit ist ihr Herz, dass sie entgegen aller Widrigkeiten genauso viele Kilometer hinter sich lassen, um zu ihren Lieben nach Hause zu gelangen. Allen diesen Menschen wünsche ich eine frohe Weihnacht und allzeit gute Fahrt. Oh - anscheinend bin ich live auf ihrer Sendung? Überall gehen wie auf Kommando Warnblinkleuchten, Lichthupen und Hupen an. Ja, euch auch! Alles Gute und kehrt gesund heim.“
 
„Herr Vogl, welches Lied spielen wir für unsere unverzagten Pendler?“
 
„´Oh Tannenbaum´. Auf dass sie recht bald daheim unter ihrem sitzen.“
 
„Liebe Pendler, die noch immer unterwegs sind. Im Jahre 1820 veröffentlichte ein Herr Zarnack sein Gedicht: O Tannenbaum. Bald wurde dieses Gedicht nach einer bereits bekannten alten Melodie gesungen, doch noch war es kein Weihnachtslied. Erst ein Lehrer aus Leipzig, Herr Anschütz, behielt die erste Strophe des Gedichtes und dichtete zwei neue Strophen dazu. So entstand eins der bekanntesten Weihnachtslieder, das bald einen regelrechten Siegeszug rund um den Erdball antrat. Nicht rund um den Erdball, aber ein kleines Stück ihres Weges begleitet sie nun dieses Lied, gesungen von den Sängerknaben vom Wienerwald, bedacht mit den allerbesten Wünschen des bayrischen Weihnachtsmannes und ihrem Sender Bayern 3.“
 
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie treu sind deine Blätter.
Du grünst nicht nur zur Sommerszeit,
nein, auch im Winter, wenn es schneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie treu sind deine Blätter.
 
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
du kannst mir sehr gefallen!
Wie oft hat nicht zur Winterszeit
ein Baum von dir mich hoch erfreut!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
du kannst mir sehr gefallen!
 
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren:
die Hoffnung und Beständigkeit
gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren.
„Oh, entschuldigen sie bitte.
 
Ich bin wohl kurz eingenickt. Sind wir bald da?“
 
„Na, wenn es so weitergeht, haben wir es bald vollbracht. Premnitz liegt hinter uns.“
 
„Premnitz? Hier gibt es auch ein Premnitz?“
 
„Ha, also bei München gibt es kein Premnitz, jedenfalls kenne ich keins. Aber vor Rathenow muss man durch diese Stadt durch. Ich dachte, sie kennen sich hier aus?“
 
„Vor Rathenow?“
 
„Ihr kurzes Einnicken, wie sie es nennen, begann heute Morgen zwischen neun und zehn Uhr. Zu ihrer Orientierung: inzwischen weist der Stundenzeiger fast auf die Sieben, also neunzehn Uhr. In den letzten zehn Stunden haben sie glatt das ´Und´ zwischen der Neun und der Zehn verschlummert. Meine Lore verfügt anscheinend als Schlafwagenexpress über bisher nie erahnte Qualitäten.“
 
„So lange soll ich verschlafen haben?“
 
„Frau Kunze! Irgendwann holt sich der Körper, was er braucht. Und sie mussten offenbar einiges aufholen. Auf der Autobahn versäumten sie auch relativ wenig. Aber hier auf der 102 ist unser Unternehmen Heimfahrt ein Erlebnis. Die Brandenburger beginnen anscheinend erst mit ihrem Weihnachtsfest, wenn auch der letzte Pendler da ist. Schauen sie, dass halbe Land ist auf den Beinen, um uns den Weg nach Lohm freizuschaufeln. Junge, Alte, Große, Kleine, alles ist unterwegs, was auch nur annähernd einen Schneeschieber oder Besen halten kann. Langsam gewinne ich ein unumstößliches Vertrauen, dass ich sie wirklich noch heute Abend bei Annegret und Heitje, bei Stefan und Sören, bei Tommi und Lars abliefern kann. Ach ja, und bei ihrem Mann! Björn heißt er, nicht wahr? Was starren sie mich mit so großen Augen an? Da, bedanken sie sich bei denen da draußen. Die seit Stunden ackern, damit wir nicht im Schnee stecken bleiben.“
 
„Ich verstehe kein Wort!“
 
„Tommi wusste felsenfest, dass seine Mama pünktlich zum heiligen Abend eintrifft. Glaube versetzt Berge, heißt es. Und Annegret schob diese Berge an, indem sie im Radio den bayrischen Weihnachtsmann suchte, damit er die Mama nach Hause bringt. Tommis Ausruf ´Snee ßippen´ wiederum scheuchte ihre Landsleute in Massen auf die Straße, diese lästigen weißen Berge als letztes Hindernis zu entfernen. Hah, das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass meine gute, alte, brave Lore einst in einem wahren Triumphzug durch´s Preußenland rollt.
 
 
Übrigens, was ich heute Morgen über ihr Schnatterinchen bemerkte, tut mir leid. Ihren treuen Trabbi wird ihre Werkstatt reparieren, kostenlos. Ach so! Und auf ihrer Arbeitsstelle brauchen sie erst am 7. Januar erscheinen. Tolle Kinder haben sie. Auf so eine Idee muss man erstmal kommen, einen Radiosender um Hilfe zu bitten. Ansonsten säßen sie jetzt wohl in München in einem Pensionszimmer und würden sich am Freudenfest die Augen ausweinen und sechs kleine Menschen in Lohm.“
 
„Wie ist das möglich? Das Schild Rathenow! Rathenow! Gleich steht rechts etwas versteckt der Starkasten. Oh, der macht heute keine Fotos, da steckt ein Schneeball drin. Bei dem Wetter rast eh keiner. Rathenow! Ich glaube das nicht. Träume ich? Bin ich wirklich zu Hause?“
 
„Noch nicht ganz, aber den Rest packen wir auch noch. Ach nein, nicht schon wieder! Die Tempotücher liegen wie gehabt auf der Ablage.“
 
„Diesmal sind es aber Freudentränen. Um Himmels Willen! Das geht hier ja zu wie auf einem Rummelplatz.“
 
„Ich sagte ihnen doch, die halbe Prignitz schippt uns den Weg frei.“
 
„Nein, das ist hier noch das Havelland. Erst nach dem Rhinower Ländchen beginnt die Ostprignitz. Aber das ist eigentlich egal. Soviele Menschen räumen wirklich den Schnee beiseite, damit ich nach Hause komme?“
 
„Ein Grund zum Lachen, also hinfort mit den Tränen. Winken sie doch mal zurück! Möchten sie einen Kaffee?“
 
„Au ja, der würde mir jetzt gut tun. Aber andererseits verlören wir Zeit, wenn wir rasten. Ich kann auch zu Hause Kaffee trinken. Oh Entschuldigung. Sie brauchen bestimmt eine Pause. Na selbstverständlich!“
 
„Wir müssen kein Halt machen. Greifen sie einfach nach hinten. Meine Lore ist immer wieder angehalten worden und ich wurde von fremden Menschen bestens mit Reiseproviant ausgestattet. Gucken sie mal nach. Thermoskannen mit Kaffee, mit Tee, Stollen, Plätzchen, einen großen Räucherschinken, sogar eine fix und fertig zubereitete Weihnachtsgans ist dabei. Ihr Weihnachtsbraten im Trabbi braucht vermutlich zum Auftauen etwas länger. Diese Gans braucht nur noch heiß gemacht werden. Ein Polizeiwagen bei Leipzig schenkte mir den kleinen Weihnachtsbaum auf der Ablage für den Zigarettenanzünder, damit es in meiner Lore auch etwas weihnachtlicher und kuschliger wird. Die Sektflaschen habe ich irgendwann nicht mehr gezählt und ein Haufen Kuscheltiere und Spielzeug für die Kinder stapeln sich bald bis zum Wagendach. Sehen sie mal, die alte Dame winkt uns heran. Grüß Gott.“
 
„Vergelt´s Gott, dass sie sie nach Hause bringen. Schön, dass sie da sind, Frau Kunze. Von meinem verstorbenen Mann habe ich noch einen sehr guten Feldstecher. Nehmen sie den für Tommi mit? Mit ihm kann er in Zukunft besser nach seiner Mama Ausschau halten, wenn sie sich heimwärts bewegt.“
 
„Ehm!“
 
„Sie ist eben erst aufgewacht und hat noch Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Danke! Das ist sehr nett von Ihnen. Darüber freut sich der Junge ganz gewiß. Ein frohes Fest.“
 
„Danke! Fröhliche Weihnacht!“
 
„Ihnen auch und gute Weiterfahrt!“
 
„Mama, ich will auch den bayrischen Weihnachtsmann sehen. Du trägst ja ein kariertes Hemd und keinen roten Mantel und Mütze.“
 
„Weißt du, Kind, den roten Mantel und die Mütze trage ich nur, wenn ich Geschenke verteile und mit dem Schlitten unterwegs bin. In meinem alten braven Abschleppwagen Lore ziehe ich lieber bequemere Kleidung an. In der Lore ist es mollig warm, da benötige ich keinen Mantel und Mütze.“
 
„Aber dein Bart ist echt und nicht aus Watte. Darf ich dir die Hand reichen?“
 
„Aber sicher! Warum nicht?“
 
„Jetzt kann ich allen Kindern im Kindergarten erzählen, dass ich einem richtigen Weihnachtsmann mit echtem Bart berührt habe. Und jetzt weiß ich, was der Weihnachtsmann unter seinem Mantel anhat. Die werden staunen.“
 
„Svenja, der Weihnachtsmann muss dringend weiter. Sage ihm auf Wiedersehen.“
 
„Tschüss lieber Weihnachtsmann. Und grüße die Kinder in Bayern. Das war ganz lieb von ihnen, dass sie dich fortgelassen haben, damit du zu uns kommst und eine Mama wiederbringst.“
 
„Allen eine frohe Weihnacht! Allen ein gesegnetes Fest!“
 
 
„Hallo, Herr Vogl! Wo sind sie?“
 
„Ich fahre gerade in Rathenow los. Sie können sich nicht vorstellen, was seit unserer Abfahrt von der Autobahn auf der Landstraße los ist. Auf der Straße herrscht ein emsiges Treiben wie auf einem Wochenmarkt. Die Leute wälzen gewaltige Schneemassen hinweg, aber überall fröhliche Gesichter. Viele Menschen stehen mit Kerzen am Straßenrand und winken uns zu. Sie fallen sich in die Arme oder tanzen vor Freude, weil sie es vollbracht haben, irgendwie die Straße freizulegen. Es ist unglaublich.“
 
„Sie können sich nicht vorstellen, was bei uns los ist. Die Telefone laufen heiß. Aus allen Teilen Deutschlands rufen Menschen an und wollen wissen, wo der bayrische Weihnachtsmann jetzt steckt. Ob sie wirklich Lohm erreichen. Besonders viele Kinder telefonieren und erzählen, dass sie erst dann ihre Geschenke auspacken, wenn die Mama aus Brandenburg bei ihren Kindern ist.“
 
„Frau Kunze ist wach. Ich denke, sie begreift noch nicht richtig, was sie sieht. Ich gebe sie ihnen mal an den Apparat.“
 
„Ja, hier Kunze!“
 
„Grüß Gott, Frau Kunze. Wie geht es ihnen?“
 
„Ich bin überwältigt. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Nur Danke! Danke! Danke!“
 
„Wir von Bayern 3 sind sehr froh, wenn wir einen kleinen Beitrag leisten konnten, dass sie nach Hause kommen. Wir haben zu danken. Durch ihren Kummer sehen soviele Menschen am heutigen Tage nicht nur den Glimmer und Flitter, sondern entdecken in ihren Herzen den strahlenden Stern von Bethlehem. Diese gewaltige Anteilnahme verweist auf Hoffnung. Die Hoffnung, dass unsere Gesellschaft bei weitem nicht so marode und egozentrisch ist, wie man ständig anprangert. Frau Kunze, vielleicht hätten sie einen Liedwunsch, den wir erfüllen können?“
 
„Mein Schicksal wendet sich überraschenderweise plötzlich zum Besten. Da würde ich gerne alle Kinder, die uns hören und vielleicht nicht so glücklich sind, mit dem Lied ´Ihr Kinderlein kommet´ trösten.“
 
„Eine feine Idee. Liebe Kinder, hergehört, gleich erklingt euer Lied. Besonders für euch, die ihr an diesem Abend im Krankenhaus verbringen müsst oder aus sonstigem Grunde für dieses Weihnachten wenig Freude empfindet. Vor etwa zweihundertzwanzig Jahren komponierte Johann Schulz die zauberhafte Musik, nach der Christoph von Schmid euch Kindern die Weihnachtsgeschichte erzählte. Und wenn ihr nun den Weihnachts-Kinderchor vernehmt, schließen wir euch ganz fest in unsere Gedanken ein.“
 
Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all!
Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall!
Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht.
 
O seht in der Krippe im nächtlichen Stall,
seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl
den lieblichen Knaben, das himmlische Kind.
Viel schöner und holder als Engelein sind. 
 
Da liegt es, ihr Kinder, auf Heu und auf Stroh.
Maria und Joseph betrachten es froh.
Die redlichen Hirten knien betend davor.
Hoch oben schwebt jubelnd der himmlische Chor.
 
O, beugt wie die Hirten anbetend die Knie.
Erhebet die Händlein und danket wie sie.
Stimmt freudig, ihr Kinder, wer sollt´ sich nicht freu´n?
Stimmt freudig zum Jubel der Engel mit ein!
 
„Hallo, hallo! Bayern 3? Wir haben es geschafft. Eben sind wir beim Kirchenglockengeläut in Lohm angekommen. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Gleich geht es in die Kirche, man wartete extra mit der Weihnachtsmesse auf uns. Es herrscht ein unbeschreiblicher Jubel. Annegret und ihre Geschwister erdrücken fast vor Freude die Mama und der Papa kann kaum seine Tränen zurückhalten. Na, ich muss wohl auch meine Brille putzen. Vor lauter Hände schütteln kann ich kaum das Handy halten. Recht herzlichen Dank noch einmal an alle Mitmenschen, die sich bemühten, dass die Herfahrt gelang und deren Mitgefühl uns allzeit durch dieses Schneechaos begleitete.“
 
„Wir freuen uns von ganzem Herzen mit ihnen. Wo werden sie die Nacht verbringen, Herr Vogl? Oder beabsichtigen sie eine sofortige Rückkehr?“
 
„Um Gottes Willen Nein! Die Familie Kunze bewohnt ein sehr kleines Haus. Deshalb hat mir der Bürgermeister ein Gästezimmer hergerichtet. Aber nach der Kirche kehre ich ersteinmal bei meiner Weihnachtsfamilie ein.“
 
„Lieber bayrischer Weihnachtsmann, wir danken Ihnen. Wir möchten sie nicht weiter aufhalten. Eine schöne Feier wünschen wir ihnen und allen Lohmern.“
 
 
 
Bilder: Hjllmar (6 Jahre) mit meiner Hilfe
 
 
„Bei mir braucht sich niemand zu bedanken. Um diese Zeit würde ich normalerweise alleine vor dem Fernseher das Programm anschnarchen. Als ich heute Morgen kurzentschlossen knapp vor München umkehrte, beseelte mich eigentlich nur der Wunsch, diesen Kindern zu helfen. Annegret und ihre Geschwister rührten mich zutiefst. Doch da ahnte ich nicht, dass ich mir mit dieser Entscheidung selber das größte Weihnachtsgeschenk bereite. Soviel Anteilnahme, soviel Mitgefühl, soviel Einsatz, soviel Herzlichkeit und Bereitschaft — ich tat so wenig und erhielt so viel. Danke! Ich danke Gott, dass ich eine solche Weihnacht erleben darf. Ach! Es beginnt hier eben wieder zu schneien. Ein herrlicher Anblick, wie friedlich die Schneeflocken sachte zur Erde gleiten, wenn man nicht am Steuer gegen sie ankämpfen muss.“
 
„Tja, liebe Hörer, so ist es: da erwarten wir alle begierig eine weiße Weihnacht, bedenken jedoch nicht ihre Tücken. Der Lohmer Kirchenglocke schließen wir uns mit einem alten Volkslied aus Thüringen an, zu dem der Tölzer Knabenchor die Worte von Friedrich Wilhelm Kritzinger singt:
 
Süßer die Glocken nie klingen
als zu der Weihnachtszeit,
´s ist, als ob Engelein singen
wieder von Friede und Freud.
Wie sie gesungen in seliger Nacht,
Wie sie gesungen in seliger Nacht.
Glocken mit heiligem Klang,
klinget die Erde entlang.
 
Oh, wenn die Glocken erklingen,
schnell sie das Christkindlein hört.
Tut sich vom Himmel dann schwingen,
eilet hernieder zur Erd´.
Segnet den Vater, die Mutter, das Kind,
Segnet den Vater, die Mutter, das Kind.
Glocken mit heiligem Klang,
klinget die Erde entlang.
 
Klinget mit lieblichem Schalle
über die Meere noch weit,
dass sich erfreuen doch alle
seliger Weihnachtszeit.
Alle aufjauchzen mit einem Gesang,
Alle aufjauchzen mit einem Gesang.
Glocken mit heiligem Klang,
klinget die Erde entlang.
 
„Hier ist die Annegret.“
 
„Sag mal Annegret, du bist noch nicht im Bett?“
 
„Die anderen schlafen schon. Aber ich bin so aufgeregt. Ich kann ein Gedicht und das wollte ich aufsagen für alle Menschen, die heute alleine sind und keine Geschwister, Mama oder Papa haben.“
 
„Na, dann lass mal hören!“
 
„O schöne, herrliche Weihnachtszeit
 
von Heinrich Hoffmann von Fallersleben
 
O schöne, herrliche Weihnachtszeit,
was bringst du Lust und Fröhlichkeit!
Wenn der heilige Christ in jedem Haus
teilt seine lieben Gaben aus.
 
Und ist das Häuschen noch so klein,
so kommt der heilige Christ hinein
und alle sind ihm lieb wie die Seinen,
die Armen und Reichen, die Großen und Kleinen.
 
Der heilige Christ an alle denkt,
ein jedes wird von ihm beschenkt.
Drum lasst uns freu´n und dankbar sein!
Er denkt auch unser, mein und dein.“
 
„Du, das ist aber ein wunderschönes Gedicht. Und so lang und schwer. Und nicht einmal bist du hängen geblieben.“
 
„Die Heitje lernte es für die Schule auswendig und da hörte ich es so oft, bis ich es auch aufsagen konnte.“
 
„Du Annegret. Mit diesem Gedicht hast du uns und unseren Hörern ein wunderbares Weihnachtsgeschenk gemacht.“
 
„Fein! Ich lag nämlich ganz lange in meinem Bett und überlegte, ob es dir gefallen würde. Darum traute ich mich nicht schon früher, bei dir anzurufen. Dann gehe ich jetzt auch schlafen. Damit ich bloß morgen früh nicht verschlafe.“
 
„Was gibt es denn Morgen in der Frühe so Wichtiges, was du keinesfalls verpassen möchtest?“
 
„Na, heimlich bei meiner Mama ins Bett krabbeln.“
 
„Ach, ich glaube, dass darfst du gleich. Da musst du nicht bis zum Morgen warten.“
 
„Meinst du?“
 
„Da bin ich mir ganz sicher.“
 
„Dann mache ich das auch. So erwische ich den besten Platz vor meinen Geschwistern ganz dicht bei der Mama. Noch einmal Danke, dass du uns den bayrischen Weihnachtsmann geschickt hast. Ich wünsche dir so ein Weihnachten, wie wir es mit Mama haben.“
 
„Dann kann bei meinem Weihnachten nichts mehr schief gehen. Gute Nacht, kleine Annegret, schlaf gut und viele, viele, viele schöne Träume wünsche ich dir.“
 
„Dankesehr! Gute Nacht!“
 
„Liebe Hörer! Wir hoffen, dass auch sie, die um 24 Uhr immer noch wach sind, nun, wie die kleine Annegret, zur Ruhe finden. Während der Christmette am 25. Dezember 1818 erklang erstmals in der Kirche von Oberndorf bei Salzburg ein Weihnachtslied, dass wie kaum ein anderes Lied Ruhe, Frieden und Eintracht vermittelt. Weil die Orgel kaputt war, schrieb der Pfarrer Joseph Mohr kurz vor dem Weihnachtsgottesdienst für seine kleine Gemeinde einen Liedtext, den man auch mit einer Gitarre begleiten könnte, und sein Freund und Organist Franz Xaver Gruber vertonte es sogleich.Mit den Wiener Sängerknaben beenden wir diesen ereignisreichen Heiligabend und beginnen geruhsam den ersten Weihnachtsfeiertag:“
 
Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
nur das traute, hochheilige Paar;
holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh!
 
Stille Nacht, heilige Nacht!
Hirten erst kund gemacht;
durch der Engel Halleluja
tönt es laut von fern und nah:
Jesus der Retter ist da!
 
Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
lieb´ aus deinem holdseligen Mund,
da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt!
 
 
 
 
 
 
 
Hjllmars Feuerwerk. Das Bild hat er mit 5 Jahren auf dem Computer mit Photoshop gemalt. Helge beschriftete die Kartons.
 
 
Die Geschichte zum Hörspiel
 
Weihnachten 2001
 
 
Ihr Lieben!
 
Eigentlich wollte ich dieses Jahr ganz pünktlich meine Weihnachtsgrüße verschicken. Vom 22. zum 23.12. hatte ich meine letzte Nachtwache (eine mehr als sonst durch die Erkrankung einer Kollegin). Sechs Nachtwachen a 12 Stunden, wo man kaum zum Sitzen kommt, zuzüglich zwei Stunden Wegezeit stecke ich auch nicht so einfach weg. Also habe ich den 23.12. verschlafen und bin die Woche vorher zu nichts gekommen. Zumal ich teilweise die doppelte Wegezeit benötigte, weil wir hier mächtig eingeschneit sind.
 
Den ganzen Dezember grübelte ich, was ich verschenken könne (angesichts unserer chronischen Ebbe in der Geldbörse ein gewagtes Unternehmen). Sollte ich etwas basteln? Aber was? Und wenn ich anfange, alljene zusammenzuzählen, die ich gerne beschenken möchte, wird es ausgesprochen schwierig. Gut, die Erwachsenen kann man von Geschenken ausklammern. (Warum eigentlich? Dürfen Erwachsene sich nicht freuen?) Dass hieße aber immer noch sechsundzwanzig Geschenke ohne die Kinder der Familie in Amerika mitzuzählen. Oh je! Und Weihnachten rückte bedrohlich immer näher.
 
Am 23.12. abends wurde ich wach und richtig: die Idee zündete. Alles schlief, es schneite unaufhörlich und ich beobachtete das Schneetreiben und wie immer, wenn ich aus meinem Fenster sehe, flogen meine Gedanken über das Tal hinweg, dass ich nun nur noch erahnte statt sah, und erreichten eher Kyritz als Weiden.
 
Irgendwie kam mir die Zeit in den Sinn, als ich noch zwischen Bayern und Brandenburg pendelte. In Lieschen, meinem zwar nicht ganz neuem, aber zumeist zuverlässigem, vor allen Dingen PS-starkem Auto reiste ich noch relativ komfortabel zur neuen Arbeitsstelle. Ein geplatzter Kühlschlauch zwang mich angesichts meiner Probezeit und unter dem Eindruck der hoffnungslosen Arbeitsplatzsuche der letzten Jahre daheim in meine antike Ente, eigentlich ihr Gnadenbrot als Einkaufskorb zum Nachbarsort verdienend, da auch in unserem Dorf kein Geschäft die Wende überlebte.
 
Ich erinnerte mich, dass ich in meiner Jugend mit meinem Entchen sogar im Urlaub das Mittelmeer erreichte. Dabei verdrängte ich natürlich tunlichst, wie lange ich für die Strecke brauchte und wie oft ich unterwegs mein Vehikel zusammenschraubte und schlitterte kurzentschlossen und wagemutig mit meinem motorisierten Automuseum ohne Heizung und mit Sommerreifen in die verschneite Oberpfalz. Jede Raststätte peilte ich unterwegs an, damit die tiefgekühlten Füße noch das Bremspedal bedienen und die klammen Finger das Eis von der Scheibe, außen auch, aber hauptsächlich innen, kratzen können. Bei Minusgraden sollte man sich nämlich in einer Ente möglichst das Atmen abgewöhnen.
 
Die Brummifahrer betrachtete ich neidvoll, die mich bergauf einfach stehen ließen, und wenn ich sie bergab überholte, dass schuldete ich meinem Entchen angesichts der mitleidigen, abfälligen, verwunderten Blicke der anderen Fahrer, fiel es schwer, ganz cool zu vertuschen, dass ich gerade das Gaspedal durch die Motorhaube drückte. Und ich dachte so bei mir, wie ich wohl jetzt in diesem Schneechaos nach Hause käme, wenn ich immer noch einen sechs- bis siebenstündigen Heimweg hätte. Vermutlich gar nicht. Und hunderte von armen Schweinen sind unterwegs, die hier im Süden arbeiten und im Norden wohnen. Also fing ich an zu schreiben und beschloss, meiner werten Familie und Freunden zu Weihnachten eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben, die dann mehr oder weniger beglückt reagieren werden. Zumal es noch einen kleinen Haken an der Sache gibt: den Kindern darf ihr Geschenk vorgelesen werden. Viele, viele Stimmen müssen imitiert werden. Also ein Geschenk, was auch noch Arbeit macht. So ist eben nun die liebe Heitje!
 
Morgens, am 24.12. stand das Hörspiel „Die Mama und der bayrische Weihnachtsmann“ so weit, dass ich es im Groben meinen Kindern schon einmal vorlesen konnte. Entsprechend müde war ich Heiligabend.
 
Der arme Holger, noch immer nicht so ganz vertraut mit seinen Aufgaben als professioneller Hausmann und stolzer Papa von vier Kindern, bekam erst einmal seinen üblichen Abriss: nichts eingekauft, der Weihnachtsbaum noch oben im Flur, die Geschenke nicht zusammengesucht und eingepackt, das Zeug für die bunten Teller war bereits aufgefressen, in den Geschäften gab es nichts mehr – die Luft brannte.
 
Nun ist ja Gottseidank auf unsere Familie mehr Verlass wie auf uns. Tante Käthes, Tante Mauds und Opas Pakete trafen rechtzeitig ein und die bunten Teller waren gerettet. Ja, ja, bei Familie Riesop läuft kein gesellschaftliches Ereignis ohne Chaos. Die Kinder wurden diesmal alleine zum Weihnachtsgottesdienst gejagt, weil wir die Zeit zum Baumschmücken und Geschenke verpacken benötigten. Angesichts dessen, dass unsere süßen Monster das Geschenkepapier eh gleich abfetzen, gestattete ich mir ein einknüllen statt verpacken. Das Wunder war vollbracht: die Kinder kamen vom Gottesdienst und alles war fertig zur Bescherung (rücke ich einmal von meinen Perfektionsansprüchen ab). Vorsichtig tauchte Holgers Kopf aus der Deckung hervor und es wurde noch ein gemütlicher Abend. Immerhin: auch ein Holger vollzieht Entwicklungssprünge. Früher hätte er sich nach dem Donnerwetter verkrochen und tagelang uns mit seiner schlechten Laune genervt. Diesmal zauberte er zur Versöhnung ein phantastisches Weihnachtsessen: Ente, etwas eigenartig gewürzt, aber lecker, Klöße und Knieperkohl. Nur die Soße fehlte. Die wird vermutlich Weihnachten 2002 nachgeliefert. Bis dahin verbleibt ihm genügend Zeit, die Zubereitung von Soßen zu üben.  Angesichts dessen, dass er vor zwei Jahren nur zwei Gerichte beherrschte, nämlich Spaghetti mit Ketchup und Ketchup mit Spaghetti, beweist auch mein Gatte Lernfähigkeiten.
 
Oh Mist! Gerade fällt mir ein, dass für Hjllmi und Heiko noch Weihnachtsgeschenke im Kleiderschrank liegen. Ein Teil von Helges Geschenk fanden wir auch erst am ersten Weihnachtsfeiertag. Man dachte wohl an uns, als man das Weihnachtsfest  über drei Tage plante. Dafür erreichten die Geschenke von Tante Maud, Tante Käthe, Katja, Renate Mendelerbse, Tante Mary und dem Opa die Kinder superpünktlich und sie haben sich mächtig gefreut. So, wie ich meine Gören kenne, müsst ihr etwas länger auf die Antwortpost warten (sind die etwa erblich belastet?). Gestern und vorgestern waren sie viel zu aufgedreht zum Schreiben.
 
Es ist 5 Uhr und dreiunddreißig Minuten am zweiten Weihnachtsfeiertag. Und das Hörspiel ist fertig. Gut, noch keine Korrektur gelesen und mit ein paar Stolperern. Ich hoffe, dass es dem einen oder anderen von euch trotzdem gefällt. Die nächste Pleite: die Druckerkartusche ist leer. Na fein! Keine Ahnung, wo man hier so etwas gekauft bekommt. Also, liebe Leute: seid nachsichtig und habt noch etwas mehr Geduld mit uns (darin seid ihr ja nun zwangsweise wahrlich geübt). So einfach das Hörspiel wegschicken, ist ja auch nicht gerade super. Ein paar Zeilen müßten schon dabei sein. Aber wie? Vom 28.12.2001 bis 2.2.2002 habe ich wieder Nachtwache und da schaffe ich soviele Briefe nicht mehr. Und bevor Holger schreibt, ist mein Goldfisch von hier nach Australien geschwommen. Menschenskind? Ein Gemeinschaftsbrief, das ist es. Ein Brief an Alle, kurz durch den Drucker gezogen, vorrausgesetzt, Holger treibt eine neue Kartusche auf, und schon bin ich aus dem Schlamassel.
 
Mit ein paar Bildchen wäre das Ganze abgerundet. Auf einer Diskette entdeckte ich Hedyas Weihnachtsmann, den sie mit sieben Jahren auf dem PC malte und der gerade die Kinder beschert. Und bei Hjllmar wurde ich ebenfalls fündig. Seine Winterbilder, die er mit fünf Jahren im Computer anfertigte, passten haargenau. Das war die Idee: ich setze die Kinder vor den Computer, lasse sie weitere Bilder zeichnen, meine Geschichten werden illustriert, die Gören sind beschäftigt und ich habe meine Ruhe. Dachte ich! „Mama, das Gesicht sieht aus wie ein Schweinekopf.“ „Mama, jetzt ähnelt es eher einem Hamster.“ „Mama, du musst mir mal helfen!“ „Mama!“ „Mama!“ „Mama!“ Die Illustrationen erhielt ich, die erhoffte Ruhe blieb Wunschtraum. Man kann eben nicht alles haben.
 
Es wird Zeit, dass Ihr uns mal besuchen kommt. Wir leben hier in einer Touristengegend: viel Wald (leider Fichten- statt Kiefernwälder), viel Wasser (furchtbar: Forellentümpel), viel Berge (schrecklich), viel Oberpfälzer (sehr nette Menschen, auch wenn man sie zumeist nicht versteht), ein Skilift (nicht gegen Bezahlung würde ich auf meinem Hintern so einen Berg runterrutschen), wenig Fahrräder (wie denn auch bei den Bergen), Leberknödel und Weißwürste (ich bin sowieso zu fett), aber es gibt etliche Leute, die dafür bezahlen und hier ihren Urlaub verbringen. Ihr seht also, ich habe mich völlig eingelebt, ungefähr so, wie ein armer Oberpfälzer, der verzweifelt in der Prignitz eine Skipiste sucht oder sich fragt, wann denn endlich die Ebbe weicht, weil alle nur „Wat?“ fragen. 
 
Also gebt euch einen Ruck und beehrt uns mit eurer Anwesenheit. Zumal unsere Vorräte an heimischen Lebensmitteln fast aufgebraucht sind. Und vergesst bitte nicht ein paar Schrippen und die leckere Plumwurst. Bis dahin hoffe ich, dass ihr unsere Weihnachtsgrüße noch dies Jahr bekommt. Dann kämen wenigstens die Wünsche für einen guten Rutsch noch pünktlich an.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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