Berlokuli

 
Krax und Koru waren auf den ersten Blick zwei völlig normale Vögel. Nichts an ihnen verriet, so wie sie in ihrem schwarzen Federkleid über die Wiese hüpften, dass etwas mit ihnen nicht stimmen könnte. Aber es waren sehr außergewöhnliche Wesen, die zu echten Hexen gehörten.
 
Die Hexe, mit der Krax zusammenlebte, war ebenfalls für das menschliche Auge eher unauffällig, abgesehen mal von ihrer erstaunlichen Haarpracht. Denn wer Berlokuli, Krax´ Herrin, gemütlich in ihrem Lehnstuhl am Fenster sitzen sah, emsig strickend, die abendliche Sonne genießend, ab und zu auf den kleinen runden Tisch neben sich nach der Tasse greifend, diese zum Munde führend, um genüsslich einen Schluck Tee zu schlürfen - ehrlich: er wäre nie auf die Idee gekommen, dass das eine leibhaftige Hexe sein sollte.
Zugegeben: dicke Hexen gab es häufiger. Und Berlokuli konnte man beim besten Willen nicht als schlank beschreiben. Einige Speckringe wabbelten um die Hüften, aber es schien sie nicht weiter zu stören.
 
So fett wie die Hexe Floku war sie auf keinen Fall. Die musste sich immer erst eine doppelflüglige Tür in die Häuser zaubern, bevor sie sie betreten konnte. Einmal hatte Floku vergessen, beim Hexenrat ihren Stuhl zu verwandeln, also ihn zu verstärken und zu verbreitern. Das gab vielleicht ein Getöse, als sie mit dem Stuhl zusammenkrachte und stundenlang musste sie sich unter dem Gelächter der anderen Hexen jeden einzelnen Holzsplitter aus dem Allerwertesten zupfen. Sogar Rokur, die Oberhexe, konnte sich damals ein schmales Grinsen nicht verkneifen. 
 
Berlokuli genügte eine normale Tür und sie brauchte auch keine Stühle, die wie Bänke aussahen. Und solange das der Fall war, erkannte sie keinerlei Veranlassung, etwas gegen ihre Rettungsringe zu tun. Denn das Essen war ihre große Leidenschaft und die Zubereitung der Speisen ihre Lieblingsbeschäftigung.
 
Damit unterschied sie sich schon gewaltig von anderen Hexen, denn Berlokuli kochte selber. Natürlich nicht ganz offiziell, denn die anderen Hexen bestellten einfach ihr, tja, wie sollte man es nennen: Futter, Fressen, Oben-rein-unten-raus-Füllung? Also dieses gewisse Etwas orderten die Hexen mittels ihres Zauberstabes an.
 
Sofort erschien eine Papiertüte, denn keine Hexe mochte abwaschen und der Müll war nicht das ihrige Problem. Sollten doch die doofen Menschen zusehen, wie sie mit dem Dreck fertig werden. Innen befand sich ein rundliches Brötchen, dass stark nach aufgeweichter Pappe schmeckte. Es war in der Mitte aufgeschnitten, sodass es zwei Hälften ergab. Zwischen diesen wurde Grünfutter aller Art geschmissen und in der Mitte eine kreisrunde Scheibe, gepresst aus undefinierbaren Fleischabfällen, gepackt. Eine nach essigschmeckende Soße herübergekippt bildete den krönenden Abschluss.
 
Das Resultat war nicht unbedingt ein lukullisches Mahl und auch nicht sehr dekorativ zubereitet, aber die Kobolde, die für die Hexen, na ja, fast schon etwas zu schmeichelhaft ausgedrückt, kochten, hatten nie Zeit. Mit ein Grund dafür war die Tatsache, dass dieser pappige Fraß nicht besonders sättigte. Solche Hexen wie Floku fanden also kaum noch Zeit für irgendwelche Bosheiten, sondern waren fast ausschließlich damit beschäftigt, Futter anzufordern und pausenlos in sich hineinzustopfen, was allerdings wiederum nicht einer gewissen Bösartigkeit entbehrte, nämlich gegenüber dem eigenen Verdauungstrakt.
Zusätzlich erhielt die Hexenkundschaft in einem papierenen Becher ein widerlich süßes Gebräu, dass man standesgemäß durch ein Saugrohr schlürfte und mit dem es gelang, das fade Ding, was sich Höllenburger schimpfte, runterzuspülen. Das war sehr zweckmäßig, denn es ersparte das Kauen. Deswegen hatten so viele Hexen im Alter diese typisch gespitzten Münder, weil sie ewig an diesen Trinkröhrchen herumnuckelten.
 
Die Kobolde mühten sich redlich, mussten aber die Zutaten besorgen, Zuckerwasser bereiten, Becher füllen, die Scheiben Fleisch bruzzeln, Salate, Kräuter und Früchte waschen, schnippeln und auf die Brötchenhälften werfen, Soße herstellen und verkippen und alles transportfähig einpacken. Zwischendurch leuchteten in der Koboldhöhle verschiedenfarbige Steine in der Decke auf, die signalisierten, welcher Zauberstab da gerade eine hungrige Hexe meldete. Blitzartig stellten die Kobolde eine fertige Fresstüte in einen großen Kasten, der in seinem Aussehen einem alten Backofen der Menschen glich. Gleißendes, bläuliches, kaltes Licht drang durch die Türen. Das waren die Transportstrahlen. Sie sogen regelrecht die Dinge, die man in den Kasten stellte, auf, und spuckten es bei der betreffenden Hexe aus, wenn der Oberkobold mit einem langen Stecken an den betreffenden Leuchtstein tippte. 
 
 
Wehe dem, die Hexen erreichte nicht umgehendst ihr Tütenfraß. Sofort fuchtelten sie wie die Wahnsinnigen mit ihren Zauberstäben herum, denn warten konnten sie nie. Dann blitzten die Steine an der Decke in den grellsten Farben auf und tauchten die Koboldküche mit ihrem Flackern in eine unwirkliche Stätte. Die Kobolde hatten nun größte Mühe, etwas zu sehen, denn die Lichtblitze blendeten sie. Verglühte für einen Augenblick das Licht, tappten die Kobolde blind in ihrer Küche herum und häufig kam es in dem Moment zu schweren Unfällen.
 
So geschah es nicht selten, dass bei einer Hexe in der Fleischscheibe ein abgeschnittener Koboldfinger steckte. Für die Kobolde wäre das nicht sonderlich schlimm, denn nach einigen Stunden wuchs das fehlende Glied nach. Aber wehe dem, die Empfängerin entdeckte zufällig so einen Finger.
 
Sekunden später stand sie in der Küche der Kobolde und kontrollierte alle Hände. Erwischte sie den Unglücklichen, verwandelte sie ihn ohne zu Zaudern in eine Wanze, Laus, Fliege oder ähnliches. Da half kein Bitten oder Klagen, sein Leben war verwirkt. Denn der Rabe, der stets die Hexen begleitete, schnappte einmal kurz zu. Die Hexen durften zwar nicht töten, aber das störte sie wenig. So überließen sie eben das Geschäft ihren Vögeln.
 
In diesem Zusammenhang waren die dicken Hexen wie Floku sehr angenehme Kundinnen, denn sie schlangen in ihrer unendlichen Gier alles sofort ungesehen herunter. Da hätte schon ein gesamter Kobold zwischen den Brötchenhälften kleben müssen, damit sie es mitbekommen. Die meisten Reklamationen kamen von den dünnen Hexen und ganz gleich, wie gering der Anlass zur Beanstandung war, beispielsweise eine Laus auf dem Salatblatt, eine verschimmelte Scheibe Tomate oder ein Fusel von der Küchenschürze: dafür büßte meistens der Oberkobold.
 
Von daher gab es einen großen Verschleiß an Oberkobolden. Musste diese Stelle einmal wieder neu besetzt werden, versuchte jeder Kobold möglichst nicht aufzufallen, um nicht in den zweifelhaften Genuss einer Beförderung zu geraten.
 
Warteten Hexen noch länger auf ihre Tüte, arteten schließlich die Lichtblitze in ein regelrechtes Feuerwerk aus, bis die Steine unter lautem Donnern explodierten. Je nach der Farbe der Steine war dann die Küche in diesem Farbton von feinstem Staub überzogen, der sich bei den Kobolden in Mund, Ohren und Nasenlöchern ablagerte. Fürchterlich waren sie nun am prusten und schnaufen und dachten, sie würden ersticken. Aber es bestand für sie nicht die geringste Chance, sich erstmal zu reinigen. Denn dann wäre die Küchenarbeit endgültig zusammengebrochen und es wäre nicht bei einem berstenden Stein geblieben.
Scharen von alarmierten Kobolden, die sich eigentlich ausruhten, denn der Küchenbetrieb musste rund um die Uhr aufrechterhalten bleiben, strömten halbverschlafen in die Höhle, bewaffneten sich mit Eimern und Lappen und versuchten so fix wie möglich das Desaster zu beseitigen. Besonders heikel war es, die laufenden Bestellungen ohne Verzug auszuliefern und zwar staubfrei, sonst fehlte wieder ein Chefkobold.
 
Da die Arbeit gar nicht anders zu leisten war, hatten die Kobolde so eine Art Fließband errichtet, was es ihnen ermöglichte, derart kurzfristig den Hexenfraß herzustellen. Es kam einer Katastophe gleich, wenn der Staub die Zahnräder verstopfte, die das Fließband antrieben. Jetzt rasten alle Kobolde völlig durchgeknallt kreuz und quer, um irgendwie das Material für ihre Tüten zusammenzukriegen und dazwischen wimmelte es von den Putzkräften.
 
Der einzige Kobold, der in dem ganzen Chaos stets seelenruhig blieb, war der Oberkobold. Er setzte sich still in eine Ecke und notierte seinen letzten Willen. Denn den Ausfall des Fließbandes hatte noch nie einer der Chefköche überlebt. Bei der Ungeduld der Hexen lag es also auf der Hand, dass die Qualität der Höllenburger eher unwichtig war. Nur die Schnelligkeit zählte.
 
Den Kobolden war es völlig schnurz, was sie da wie machten. Hauptsache, sie selber mussten so etwas nicht vertilgen, die Hexen waren zufrieden und ließen sie in Ruhe. Und angesichts der Gefährlichkeit ihres Jobs mochten sie diese Flugweiber sowieso nicht leiden. 
Die schlanken oder dünnen Hexen galten zwar als ausgesprochen mäklig, organisierten sich aber dennoch nicht woanders bessere Speisen. Rokur zum Beispiel war spindeldürr. Aber die aß auch nur aus einem bestimmten Grund: ihren Körper zu erhalten, um neue Gemeinheiten anzetteln zu können. Dazu genügte ihr täglich eins von den matschigen Gerichten vollkommen.
 
Auch Berlokuli griff einmal am Tage auf die Koboldküche zurück. Doch nur, um keinen Verdacht zu erregen. Freilich, selbst tastete sie das Zeug nicht an und Munz, ihrem Hexenkater, durfte sie es ebenfalls nicht servieren. Er schaute ziemlich beleidigt drein, wenn er das Zeug auch nur roch. Aber in Krax fand sie einen dankbaren Abnehmer. Krax war eine Rabenkrähe und Rabenkrähen sind bekanntlich Aasfresser. 
 
Spätestens jetzt bemerkte man einen weiteren Unterschied zwischen Berlokuli und den Mithexen. Berlokuli sorgte sich um ihren Kater und Raben und behandelte sie gut. Außer, wenn eine andere Hexe sie besuchte. Dann fluchte sie über die Tiere und Munz und Krax mussten dann auch schon mal einen Fußtritt wegstecken.
 
Die beiden kannten dieses Theater schon und spielten den anderen Hexen auch jedesmal völlig eingeschüchterte, vor Angst bibbernde armselige Kreaturen vor. Kurz vor diesen Heimsuchungen wälzten sie sich in Asche, damit der prüfende Blick dieser wenig willkommenen Gäste nicht ihr schwarzseidiges Fell oder lilaschwarzglänzendes Federkleid entdeckte. Kaum waren sie wieder mit Berlokuli alleine, holte diese ihre große weiche Bürste und reinigte sie hingebungsvoll, bis die Beiden wieder in alter Schönheit erstrahlten.
Zum Glück der Tiere blieben diese Besuche die Ausnahme, waren aber nicht immer vermeidbar. Krax wusste zu gut, wie es in anderen Hexenhäusern zuging. Früher gehörte er einer anderen Hexe, der Hexe Buwe. Die besaß schon fast einen regelrechten Tierpark. Rund um die Uhr vertrieb sie sich damit die Zeit, ihre Tiere bestialisch zu quälen. Da mussten die armen Viecher giftige Dämpfe einatmen, wurden an den Pfoten oder Krallen aufgehangen, erhielten, wenn überhaupt, ungenießbares Fressen, hatten keinen Platz, wo sie vor Unwettern Schutz suchen konnten und noch viele, kaum vorstellbare Grausamkeiten mehr.
 
Dieser Buwe war Krax als Rabenküken in die Hände gefallen. Berlokuli war von Buwe zum Essen eingeladen worden und der armen Berlokuli fiel damals keine schlüssige Entschuldigung ein. So musste sie sich zwangsweise bei Buwe die Därme mit diesen unsäglichen Höllenburgern verkleistern, während ihr Buwe ihre neuesten Tierexperimente vorführte. Mit dem Mageninhalt kämpfend, geschüttelt vor Ekel über Buwes Tun, versuchte Berlokuli möglichst unbeeindruckt auszusehen. Sie prahlte damit, wie fürchterlich sie ihren alten Raben zugerichtet hätte und dass sie nun einen neuen Raben bräuchte, weil dieser die Tortur nicht überlebt hätte. An dem Rabenküken könnte sie beweisen, dass sie auch ohne weiteres Buwe in den Schatten stellen konnte, was den bestialischen Umgang mit Tieren betraf.
 
 
Buwe witterte für das Küken ein lebenslanges Martyrium und überließ schließlich Krax der anderen Hexe, obwohl Hexen eigentlich nie teilen oder anderen etwas schenken. Irgendwie war es Berlokuli gelungen, die andere von ihrer abgrundtiefen Fiesheit zu überzeugen und die genoss es, dem Tier anscheinend noch mehr Leid beizubringen, indem sie ihn abgab. Krax schloss schon mit seinem bisschen Leben ab, als sich Berlokuli mit ihm auf den Besen schwang, um den Heimritt anzutreten. Den Flug hätte er vermutlich nicht überlebt, wenn ihn nicht Berlokuli, kaum außer Sicht von Buwe, schützend in ihren Umhang eingerollt in den warmen Pullover gesteckt hätte, denn er war dem Tode näher als dem Leben. Beruhigend sprach Berlokuli auf ihn ein und Krax war völlig verunsichert. Sollte er diesen liebevollen Worten trauen, wo sie ihn doch mitgenommen hatte, um ihn zu drangsalieren?
 
In ihrem Hause angekommen erlebte er die ersten Tage wie in Trance, denn durch seine krasse Unterernährung und den vielen schlecht verheilten Wunden, die ihm Buwe
beigebracht hatte, bekam er noch zusätzlich hohes Fieber. Wenn Berlokuli nicht gerade über ihrer Grube hockte, um ihren Magen von den Höllenburgern zu erleichtern, flößte sie ihm unentwegt Kräutertees und Kraftbrühe ein, wusch die eiternden Blessuren aus und verband ihn.
 
Krax überlebte nicht nur, sondern wurde ein starker Rabe, wenn auch etwas einfältig. Endgültig verlor er seine Angst vor Berlokuli, als er von Munz erfuhr, dass Klerk, der alte Rabe, schlicht und ergreifend an Altersschwäche gestorben war. Bis zu seinem letzten Tage fürsorglich gehegt und gepflegt von Berlokuli, begrub sie ihn nach seinem Tode unter Tränen in ihrem kleinen Garten. Beerdigungen waren bei Hexen nicht üblich, Verstorbene wurden verbrannt. Auch so ein Hinweis, dass mit Berlokuli irgendetwas nicht stimmte. 
 
Krax begriff, dass seine Hexe bei Buwe niemals ihren Abscheu zeigen konnte und dass ihr die Tiere in der Seele leid taten. Ihr sehnlichster Wunsch bestand darin, wenigstens eins dieser traurigen Geschöpfe zu retten. Er, der Krax, war also der Glückliche, auf den Berlokulis Wahl damals fiel und den sie mit ihrer List aus Buwes Spinnenfingern befreite. Vielleicht hatte Buwe auch Berlokuli durchschaut und ihr nur Krax mitgegeben, weil sie sicher war, dass er den Transport von ihrem zu Berlokulis Haus sowieso nicht überlebt.
Krax konnte es egal sein. Er liebte Berlokuli und hing an ihr in ergebenster Treue mit jeder einzelnen seiner Federn. Er genoss die Stunden, wenn er auf der Rückenlehne des Schaukelstuhles sitzend ihr beim Stricken zusah. Er beäugte gern ihre geschickten Finger. Das gleichmäßige Klappern der Stricknadeln war Musik in seinen Ohren.
 
Allerdings: stricken war wie alle anderen Handarbeiten für Hexen verpönt. Erstens hassten sie richtige Arbeit. Zum anderen war ihnen alles ein Gräuel, was gestaltet oder geformt oder gefertigt wurde und letztendlich auch noch sinnvoll und ansprechend war. Aber Krax fühlte sich nur wohl bei den klammheimlichen Strickstunden seiner Herrin.
 
Noch mehr begeisterte er sich, wenn sie verbotenerweise kochten oder backten, ganz besonders deswegen, weil immer eine Leckerei für ihn abfiel. Dass sich Hexen von Schwefel und Krötenleber ernähren, war nur ein dummes Gerücht. Denn sie waren auch verletzbar und sterblich und hätten auf derartige Widerwärtigkeiten genauso reagiert wie Menschen: entweder hätten sie sich den Magen ausgekotzt oder wären schlicht und ergreifend eingegangen.
 
Bei Berlokuli in der Küche zu kiebitzen, lohnte sich immer. Vor allem ihr Käsekuchen war ein Gedicht und ihre selbstgemachte Kirschmarmelade unübertrefflich. Berlokuli bevorzugte für ihre Suppen und Eintöpfe frisches Grünzeug, die sie zusammen suchten. Langsam war Krax ein richtiger Experte geworden, wo und wann geeignete Kräuter wuchsen. Heimlich beobachteten sie die Menschen und Berlokuli hatte ein phantastisches Gedächtnis und konnte sich sämtliche Rezepte merken.
 
Von den Menschen hatte sie sich auch die Kaffeezubereitung abgeguckt. So begann jeder Morgen mit dem Kaffeeduft, der durch das kleine Haus zog. Besonders Munz schätzte dieses Getränk. Er war sehr alt und so bekam er stets sein Schälchen Kaffee, verfeinert mit Sahne, Zucker und etwas geriebenen Kakao. Das machte ihn fit für den ganzen Tag und der folgenden Nacht. Berlokuli war eine Meisterköchin und es war eigentlich nur bedauernswert, dass sie niemals offen ihr Talent zeigen durfte. Genauer betrachtet gab es eigentlich kein geschriebenes Gesetz, dass diese Tätigkeit verbot, was übrigens auch für das Stricken zutraf. Aber Hexen taten eben so etwas nicht.
 
Krax ging es gut bei Berlokuli.
 
Darum nahm er es auch geduldig in Kauf, dass sein Leben in reichliche Unordnung geriet, wenn sich einmal wieder Hexenkinder bei Berlokuli einnisteten. Darüber waren seine Hexe und Munz ebenfalls nicht sonderlich erbaut und für Krax war dieses Unbill alleine schon dadurch gemildert, dass geteiltes Leid eben nur halbes Leid ist.
 
Mit der Ankunft von Hexenkindern nahm das angenehme Leben von Berlokuli, Krax und Munz nämlich jedesmal ein abruptes Ende. 
 
Als erstes mussten Rabe und Kater in die Scheune umziehen. Nicht etwa, damit sie den kleinen Hexen nichts tun können, sondern zu ihrer eigenen Sicherheit. Berlokuli bemühte sich natürlich, den Beiden ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Krax bekam seinen Schlafbaum in die Scheune gestellt und Munz sein weiches Kissen in einem sehr bequemen Korb. Außerdem kochte Berlokuli tagelang vor und versteckte tausend Leckereien in der Scheune. Das erleichterte Munz und Krax das Dasein im Exil ungemein. Ausgerechnet dem armen Krax fiel die undankbare Aufgabe zu, die Nachricht zu überbringen, dass neue Hexenkinder im Anzug waren.
 
Einmal im Monat flog er zur großen Hexeneiche zum Rabentreffen. Er hasste diese Zusammenkünfte der Hexenraben, aber es verhielt sich wie mit dem Kochen oder Stricken. Gesetzlich waren diese Versammlungen nicht vorgeschrieben, aber wer die Hexenwelt kannte, tat immer einfach das, was alle taten. Sonst brachte man sich leicht in unabsehbare Schwierigkeiten.
 
Die Raben untereinander gingen genauso boshaft, falsch und widerlich miteinander um wie ihre Herrinnen. Besonders verabscheute es Krax, wenn sich seine Artgenossen damit brüsteten, welchen Menschen, Kobold, Elfe, Zwerg oder anderes Geschöpf sie in letzter Zeit als Insekt im Auftrag ihrer Hexe vertilgten. Dabei schwelgten sie mit einer absoluten Befriedigung in jedem Detail, völlig egal, wie unappetitlich es auch war. 
 
Krax hatte sich angewöhnt, bei diesen Treffen selten einen Ton von sich zu geben, immer mit seinen Augen zu zwinkern und ständig den Kopf hin- und herzuschaukeln. Jeder wusste, dass er einmal Buwe gehörte. So dachten alle anderen Raben, dass er aus dieser Zeit eine Macke zurückbehalten habe und ließen ihn Ruhe. Diesen Trick hatte ihn Berlokuli beigebracht und er funktionierte glänzend. Kaum einer der anderen Raben beachtete ihn und so blieb er auch vor den meisten ihrer Nachstellungen sicher.
 
Es gab noch einen sehr schmächtigen, wild zerzausten Raben namens Koru, dem einige Schwanzfedern fehlten, sodass er große Mühe hatte, zu steuern, die Richtung zu halten und sicher auf dem Baum zu landen. Auch er mischte sich selten in die Unterhaltung ein und wippte auf seinem Ast ununterbrochen auf und ab. Sprach ihn einer der Raben versehentlich an, antwortete dieser meist wirres, unzusammenhängendes Zeug. Dieser schwächliche Rabe gehörte Buwe und man munkelte, er sei bei ihr völlig verblödet.
 
 
Koru saß stets direkt unter Krax auf dem besonders dicken Hauptast, da er schlecht das Gleichgewicht halten konnte und von einem schmaleren Ast vermutlich abgestürzt wäre. Krax tat dieser Rabe in der Seele leid, was er aber auf keinen Fall zeigen durfte. Er nahm sich aber stets von Berlokuli einen Höllenburger als Wegzehrung mit und fraß ihn kurz vor Beginn der Sitzung so ungeschickt, dass etwas herunterfiel. Dadurch bemerkten die anderen Raben seinen Bissen und stürzten sich sofort auf ihn, um ihn diesen streitig zu machen, wodurch der kleine Rabe das heruntergefallene Stück in Ruhe verzehren konnte.
 
Jedesmal machten sich die anderen Raben dann über den dussligen Krax lustig, der es partout nicht kapieren wollte, dass man zum Rabentreffen besser kein Fressen mitbringen sollte und wenn schon, es so unauffällig wie möglich verschlucken müsste. Und während die Rabenhorde über Krax lästerte und ihm so manche Gemeinheit an den Kopf schmiss, saß er völlig teilnahmslos da, zwinkerte mit den Augen und schaukelte mit dem Kopf hin und her.
 
Bald ließen die anderen Raben von ihm ab, weil anscheinend ihre Hänseleien nicht bei ihm fruchteten. Sogar Kork verlor irgendwann die Lust, auf Krax einzuharken, weil es einfach keinen Spaß machte, jemanden zu ärgern, der sich einfach nicht wehrte. Allerdings hieb er vorher Krax noch einmal mit seinem harten Schnabel auf den Kopf, sodass Krax Sternchen am Himmelszelt am hellichten Tage sah oder biss ihm in das Bein, Er musste auf jeden Fall noch einmal probieren, ob er Krax nicht doch noch aus der Reserve gelockt bekam. 
 
Leise für sich zählte dann Krax langsam bis zwanzig, um ja nicht die Beherrschung zu verlieren. Ihm war völlig klar, dass von ihm nicht viel übrig bleiben würde, wenn er sich von Kork provozieren ließ. Berlokuli hatte ihm extra für diesen Fall das Zählen gelehrt und ihm eingeschärft, auch niemals im Ansatz eine Gegenwehr erkennen zu lassen. 
 
Kork war der Rabe von Rokur, gewaltig groß und kräftig und eindeutig der Anführer in dieser Runde. Immer, wenn Rokur ihm einen Unglücklichen auf dem Speisezettel servierte, erhielt er von ihr nach Vollendung des grausamen Spiels als Anerkennung einen roten Punkt auf den Schnabel. Langsam gab es auf Korks gewaltigem Schnabel keinerlei freie Stelle mehr für einen Punkt und so hatte Kork statt einem ehemals gelben, einen roten Schnabel. 
 
Kaum war Kork auf seinem Sitzplatz in der Krone der Hexeneiche zurückgekehrt, glaubte manchmal Krax zu erkennen, dass Koru heimlich zu ihm hochschielte, aber ganz sicher war sich Krax nicht, denn eigentlich starrte doch Koru beim wippen nur stur vor sich her. Oder war dieser kleine, zerrupfte Rabe gar nicht so bescheuert, wie er tat? Schließlich spielte doch auch Krax den anderen einen Dachschaden vor. 
 
Es gab aber den Augenblick, wo Krax nichts mehr vorzuspielen brauchte und vor Aufregung ganz ungewollt anfing, mit den Augen zu kneistern. Dann erblickte er bei seiner Landung auf seinem Platz eine makellose, goldglänzende Feder. Diese prächtige Feder stammte vom Phönix und Krax wusste, dass er sie seiner Herrin bringen musste. 
 
Jedesmal, wenn es Zeit für den Heimflug war, erwarteten ihn schon Berlokuli und Munz aufgeregt vor ihrem Hause. Bereits Stunden vorher hatten sie nervös nach ihm Ausschau gehalten, obwohl sie genau wussten, wann er etwa heimkehren müsste.
 
Prüfend sahen sie ihn an. Kam er ohne goldene Feder, jubelten sie, vollführten zu dritt einen Freudentanz vor dem kleinen Hexenhaus, umarmten sich und tollten so lange ausgelassen herum, bis sie alle drei außer Atem ins Gras fielen und erschöpft, aber grenzenlos zufrieden liegenblieben und sich ausruhten. Die vorüberziehenden Wolken sahen eine Hexe, die ermattet ausgestreckt auf der Wiese lag, mit der einen Hand einen Rabenflügel, mit der anderen Hand eine Katzenpfote haltend und eine Katze und einen Raben, die sich ebenfalls Flügel beziehungsweise Pfote reichten. 
Doch wehe, Krax hatte die Phönixfeder bei sich. Betretenes Gesicht bei Munz, Sorgenfalten in Berlokulis Gesicht und er selber sah so schuldbewusst aus seinem Federkleid, als hätte er sich um diese dämliche goldene Feder gerissen. 
 
Die sonst so herzliche Berlokuli brachte nun nicht einmal die Zeit auf, ihr armes Rabenvieh zu trösten. Sie rannte schnurstraks in ihr windschiefes Häuschen und begann unverzüglich mit den Vorbereitungen. Denn in sieben Tagen, sieben Stunden, sieben Minuten und sieben Sekunden würde der Phönix zu ihr kommen und ihr sieben Eier bringen. 
 
Da verblieb für Berlokuli keine Minute, sich ihrem Ärger hinzugeben und sie ärgerte sich maßlos. Schon vierundfünfzig Mal hatte sie nun Hexenbrut aufgezogen. Eigentlich betraf diese Aufgabe alle Hexen, doch regelmäßig fiel ihr dieses undankbare Geschäft zu. 
 
Andere Hexen waren entschieden älter als sie und brachten es trotzdem erst, wenn überhaupt auf ein Hexengelege. Doch deren Hexlein überlebten selten die Pflege ihrer Ziehmütter.
 
Rokur zum Beispiel vergaß bei ihrer Hexenbrut, abends den Käfig zu verschließen und Korks Schnabel war am nächsten Tag wieder etwas röter. Floku hatte ihr Hexengelege schlicht und ergreifend verhungern lassen. Nicht, dass sie bei den Kobolden kein Essen für sie bestellte. Aber kaum waren die Höllenburger bei ihr eingetroffen, vergaß sie, für wen die waren und verputzte sie blitzschnell selber. Traka, eine andere Hexe, ließ aus Versehen die Eier fallen, direkt in ihren Hexenkessel, in dem gerade ein Sud bei zweitausend Grad küchelte. Und Birku entdeckte nicht, dass sich ihre Vogelspinne im Käfig eingenistet hatte und schloß morgens Hexenkinder und Spinne zusammen im Käfig ein. Als sie abends die Käfigtür aufsperrte, hingen fein säuberlich sieben Kokons an der Käfigdecke und von den kleinen Hexen fehlte jede Spur. 
 
Diese tragischen Unfälle, Versehen, Vergesslichkeiten wurden von den betreffenden Hexen natürlich sehr bedauert und passierten angeblich völlig unabsichtlich. Bei Berlokuli ereignete sich nie ein derartiger Unglücksfall und vermutlich war das der Grund, weshalb ihr Rabe derart gehäuft die Phönixfeder verbraten bekam. 
 
Jetzt könnte man annehmen, dass Berlokuli deshalb ein besonderes Ansehen in Hexenkreisen dafür genoss. Das Gegenteil war der Fall. Alle anderen Hexen amüsierten sich über ihre Dummheit und offensichtlich fehlendes Durchsetzungsvermögen. Und Rokur belauerte argwöhnisch Berlokuli, ob es dieser vielleicht an Bösartigkeit oder Hinterhältigkeit fehlte. 
 
Bereits mehrmals musste Berlokuli vor dem Femegericht erscheinen, dass aus dem Hexenrat gebildet wurde und sich rechtfertigen, weil sie angeblich die Hexlein zu gut betreut hätte. Jedesmal warf ihr dann Rosto, die Lehrerinhexe, vor, die Junghexen seien hoffnungslos verzogen und restlos verweichlicht. In Wirklichkeit entbehrte dieser Vorwurf jeder Grundlage. Vielmehr ärgerte es Rosto, wenn sie wieder eine Klasse übernehmen musste und diese obendrein vollzählig antrat. Denn das hieß für sie, ihren ungeliebten Verpflichtungen nachzukommen.
 
Berlokuli zog sich dann mit dem Argument aus der Affäre, dass sie die Hexlein besonders gut pflegte und schützte, um Ausfälle zu vermeiden, damit sie durch die neue zahlreiche Konkurrenz den alten Hexen nachhaltig Schaden beibringen könnte. So erlangte Berlokuli immer knapp einen Freispruch, denn Rokur blieb bei ihrem Misstrauen und stimmte jedesmal für einen Schuldspruch. 
 
Deshalb grübelte Berlokuli häufig darüber nach, wie sie sich der kleinen Hexen entledigen könnte. Sie verfiel auf etliche gute Ideen, doch schließlich konnte sie sie einfach nicht umsetzen. Im letzten Moment fehlte es ihr einfach an der nötigen Brutalität, um das Vorhaben zu verwirklichen.
 
Und wer nun glaubte, dass die Hexenkinder Berlokuli deren Fürsorge dankten, irrte ebenfalls gewaltig. Berlokuli hatte unter anderem Traka, Buwe und Birku aufgezogen. Und gerade diese drei legten die Tatsache, dass Berlokuli sie überleben ließ, als radikale Schwäche aus.  Keine Gelegenheit verpassten sie, die arme Berlokuli zu schikanieren und ihr das Leben schwer zu machen. Berlokulis größtes Glück bestand darin, dass diese drei Bestien keine Stimme im Gericht hatten, sonst wäre sie schon längst in den Kerkern von Nikezuk für alle Zeiten verschwunden.
 
Als Junghexe war Berlokuli bereits von Rokur in Gefangenschaft gehalten worden, aber aufgrund ihres damaligen Alters kam sie nur in den Deleveturm. Mit Vorliebe erfanden die Hexen irgendwelche Bezeichnungen, die sie dann recht abenteuerlich abkürzten. Deleve war das Kürzel für "Der-Letzte-Versuch". Berlokuli weigerte sich vehement, an ihren dortigen Aufenthalt zurückzudenken und verdrängte jegliche Erinnerung daran. Laut den kursierenden Gerüchten sollen die Kerker von Nikezuk das Übelste aller Übel sein. Genaueres konnte aber niemand berichten, denn es war nicht bekannt, dass jemals eine Seele aus eigener Erfahrung von diesem grausamen Ort berichtete. Daher hießen diese Kerker eben "Nie-Kehrte-Eine-Zurück" oder kurz Nikezuk.
 
Logisch, dass Berlokuli alles vermied, was sie nur in die Gefahr von Nikezuk bringen könnte. Deshalb wurden als erstes ihre Tiere ausquartiert. Krax war viel zu gutmütig, um einer Fliege etwas zu leide zu tun. Munz dagegen musste mit Vorsicht genossen werden. Im Grunde genommen war er das gutmütigste und verschmuseste Katzenvieh auf Erden, aber er hatte auf die Hexenbabys so einen Hass, weil er sah, wie Berlokuli unter ihnen litt, dass er ohne weiteres mal gerne Mäuschen mit ihnen gespielt hätte. 
 
Dagegen wäre nichts einzuwenden gewesen, hätte es doch sogleich Berlokulis Sorgen und Nöte verringert. Aber es gab da eine sehr große Gefahr, die diesen Vorteil aufwog. Was, wenn ein Hexenkind nicht erwischt wird und später erzählt, dass Munz in einem unbedachten Augenblick um Berlokulis Beine schnurrend strich oder Krax mit ihr schnäbelte? Oder dass Berlokuli ganz in Gedanken einem ihrer Tiere das Köpfchen kraulte? Wie hätte Berlokuli noch mit ihrem abgrundtiefen Hass und Niederträchtigkeit überzeugen sollen, wenn sie ihre Tiere liebkoste statt zu schlagen und zu quälen. Bei einem kurzen Besuch konnten die drei ohne weiteres die Fassade aufrechterhalten, aber über einem längeren Zeitpunkt hinaus wäre ihnen sicherlich einmal eine unüberlegte Handlung widerfahren. Die Folgen wären für Berlokuli ziemlich eindeutig gewesen: Feme, Verurteilung, Nikezuk. 
 
Daher ging Berlokuli auf Nummer sicher und entfernte Munz und Krax aus dem Sichtfeld der kleinen Monsterhexen, denn es wäre für diese der größte Spaß, Berlokuli irgendwie anzuschwärzen oder fertig zu machen. Dieses Problem ließ sich also mit dem Scheunenumzug einfach lösen und auch die Sache mit dem Stricken konnte man leicht erledigen. Damit die Hexlein die Wolle und Stricknadeln nicht fanden, wanderten sie ebenfalls in das Quartier der Tiere in eine große Truhe mit noch größerem Vorhängeschloß und einem Niaz, also einem "Nicht-Aufmach-Zauber". 
 
Wesentlich unangenehmer war da die Schwierigkeit mit der Ernährung zu regeln. Kochen oder Backen konnte sich Berlokuli nicht wagen. Aber wochenlang sich von ausschließlich Höllenburgern zu nähren, das war wahrlich zuviel des Zumutbaren. Daher stockte Berlokuli in der verbleibenen Zeit ihre Vorräte in einem Kellerraum unter der Scheune auf. Regale auf allen vier Seiten des Kellers ächzten bald unter der Last der Weckgläser mit vorgefertigten Speisen. Von der Kellerdecke hingen dicht an dicht Würste und Räucherschinken und beim Abstieg durch die Luke musste man sie erst einmal zur Seite schieben, um nach unten zu gelangen. 
 
Inzwischen verräumten Krax und Munz alles Verdächtige aus dem Haus auf den Dachboden der Scheune, was vielleicht einen kleinen Hinweis auf eine behagliche oder gemütliche Wohnung geben könnte. Dafür brachten sie von diesem Dachboden allen möglichen Mist ins Haus wie präparierte Tierleichen, eingelegte herausgerissene Augäpfel in großen Weckgläsern, Folterinstrumente wie Daumen- und Zehenschrauben oder Hirnzangen, irgendwelche Utensilien für makabre Hokuspokusgeschichtchen und vieles dergleichen mehr.
 
Einmal hätten Munz und Krax beinahe vergessen, die Gardinen abzuhängen. In ordentlichen Hexenhaushalten hing nichts vor den Fenstern, so etwas war überflüßiger Firlefanz, der nur dazu diente, ein klares Hexenhirn mit zweifelhaft wohnlichem Ambiente zu vernebeln. Im letzten Moment fiel es Munz noch auf und alle drei flitzten wie um ihr Leben, die Dinger noch rechtzeitig entfernt zu bekommen. Na, das wäre ein schlimmer Schnitzer gewesen, schlimmer ging es nimmer. 
 
Abschließend besorgten Krax und Munz noch jede Menge Mist und Dreck und verteilten und verschmierten es auf Boden und Wände der Stube und Küche. Natürlich hätte das Berlokuli mit ihrem Zauberstab und einem markigen Zauberspruch schneller erledigen können, aber das Resultat war nie so überzeugend wie eigenmächtiges Handanlegen, Quatsch, natürlich Pfoten- und Schnabelanlegen. 
 
Wenn endlich die rote Abendsonne langsam am Horizont niederglitt und der Phönix beim letzten Schein mit den Eiern nahte, schnauften Berlokuli, Munz und Krax auf dem letzten Loch. Eine ganze Woche hatten sie pausenlos geackert. Nur selten waren sie völlig übermüdet mal für ein paar Minuten eingenickt, um dann wieder hochzuschrecken und in Panik die verlorene Zeit schleunigst einzuarbeiten.
 
Die beiden Tiere konnten sich in der Scheune sofort zur Ruhe begeben, für sie endete hiermit der Aufruhr. Für Berlokuli begann eine anstrengende Nacht, die sie jedesmal auf´s Neue fürchtete. 
 
Und Berlokuli fluchte ein um das andere Mal, dass sie wieder einmal nicht prophylaktisch vor dem Rabentreffen Vorbereitungen getroffen hatte und alles wieder auf dem letzten Plötz erledigte. Sie kannte doch den Stress und die Aufregung zur Genüge, in allerletzter Sekunde noch das Haus kinderfest zu machen und trotzdem wartete sie immer bis zum letzten Augenblick, in der Hoffnung, vor diesem Ereignis diesmal verschont zu bleiben.
 
 
 
Geburt in der Nacht
 
Wie durch ein Wunder war es ihnen auch diesmal gelungen, alles irgendwie zu schaffen. Munz hing förmlich vor dem Haus über der Gartenbank, alle Viere von sich gestreckt und seine Zunge hing ihm weit aus dem Maul. Krax war beim Verlassen des Hexenhauses über die Schwelle gestolpert und blieb einfach so, wie er fiel, rücklings, Beinchen nach oben, dort liegen. Berlokuli lehnte an der Hauswand und sah prüfend zur Abendsonne.
 
Eine halbe Stunde würde ihr bis zum Eintreffen des Phönix bleiben. Ihr Jauchebad könnte sie sich diesmal getrost sparen, sie roch nach dieser Woche ohne Schlaf, ohne jegliche Körperpflege auch für die Hexenkinder ausreichend streng nach altem Schweiß und fühlte sich so, als hätte sie noch niemals in ihrem Leben gebadet. In der Stube und Küche überdeckten der Gestank von einigen zerborstenen Fläschchen mit Buttersäure  den Koch- und Bratenduft.
 
In Gedanken ging Berlokuli noch einmal das gesamte Haus ab, kroch in jede Ecke, ob sie vielleicht doch etwas vergessen hatten. Auf dem Tisch stand der riesige Käfig, alles starrte vor Dreck, der große Kachelofen barst fast vor Hitze. Sämtliche Sachen, an denen Berlokuli hing, waren auf dem Dachboden der Scheune in Sicherheit, auch das gute Geschirr. Denn wenn ihr die Hexenkinder etwas zerdepperten, konnte sie es mittels eines Zauberspruches wieder reparieren. Das Dumme daran war nur, dass ein Zauber nur für sieben Stunden, sieben Minuten und sieben Sekunden wirkte und dann, plop, war der alte Zustand wieder hergestellt. So musste Berlokuli ihre schöne Kaffeekanne, die ihr die allerersten Hexenkinder zerschmissen hatten, jeden Morgen zusammenzaubern, um darin Kaffee zu brühen.
 
Die erste Hexenbrut hinterließ ihr noch immense Schäden. Daraus hatte Berlokuli gelernt und ihre kleinen Kostbarkeiten vor Ankunft neuer Hexlein stets in Sicherheit gebracht. Was man jetzt im Häuslein entdeckte, waren ausschließlich halbwegs brauchbare Dinge, die Berlokuli, Munz und Krax im Abfall oder auf Müllhalden entdeckten und nach Hause schleppten, auch die Möbel.
 
Immer wieder staunte Berlokuli, was die Leute so alles wegwarfen. Mit Vorliebe durchstöberte sie als Bettlerin verwandelt in den umliegenden Dörfern die Sperrmüllhaufen. Einmal hatte sie einen uralten Tisch entdeckt. Er war in einem jämmerlichen Zustand. Die Tischplatte bedeckte eine dicke Schimmelschicht und das gesamte Holz schien regelrecht durch die stockende Nässe aufgeweicht zu sein und verströmte einen süßlich muffigen Geruch. Aber Berlokulis Kennerblick entgingen nicht die sehr aufwendig gedrechselten Beine.
 
Sie zog das gammelige Etwas aus den achtlos weggeworfenen Sachen. Der Tisch stand sicher, die Beine und das untere Tischkreuz saßen fest und Berlokuli wusste, dass dieses Tischlein zu retten war. "Der taugt doch noch nicht einmal als Brennholz, so klitschenaß wie der ist" hörte sie plötzlich hinter sich eine Stimme. Mit blitzenden Augen drehte sich Berlokuli um. Ihr war vorher der alte Mann überhaupt nicht aufgefallen, der vor seinem kleinen Häuschen auf einer Bank saß. Ärgerlich antwortete sie, dass sie auch nicht vorhabe, dieses edle Stück zu verbrennen. 
 
"Der Tisch gehörte früher Frau Leschke, meiner ehemaligen Nachbarin" sagte nachdenklich der Alte. "Meine Frau, Gott sei ihrer Seele gnädig, und sie saßen oft an ihm zum Kaffeekränzchen. Aber vor etwa fünf Jahren verstarb Frau Leschke kurz nach meiner Frau und junge Leute bezogen ihr Haus. Die hatten keinen Sinn für solche alten Möbel und stellten ihn in dem feuchten Kellerraum ab. Er war einmal ein außergewöhnlich schönes Möbel, aber jetzt ist er fertig. Den kriegt keiner mehr hin."
 
 "Wir werden sehen" meinte Berlokuli kurz angebunden und lud sich den nicht sehr leichten Tisch auf den Rücken. Sie war sehr erleichtert, als sie mit ihrer Bürde im Wald ankam, wo sie ihren Besen versteckt hielt und die Schlepperei ein Ende nahm.
 
Die nächsten Wochen verbrachte sie damit, den Tisch zu trocknen. Schien die Sonne, stellte sie den Tisch unter ihren Apfelbaum in den Schatten, regnete es, brachte sie ihn in die Scheune. Zwischendurch kam er immer wieder für kurze Zeit in ihre Stube an den Ofen. Denn das Tischlein durfte nicht zu schnell austrocknen, damit sich das Holz nicht verzog. Der Schimmel verlor endlich seine grünliche Farbe und nahm ein stumpfes Weiß an. Nun polierte Berlokuli ein ums andere Mal das Möbelstück. Sie hatte es nicht zu hoffen gewagt, aber sie konnte so sogar die Tischplatte retten. Denn mehr und mehr kam die Maserung des Holzes zum Vorschein und matt glänzte bald der ganze Tisch in einem warmen Braun mit einem Anflug ins Rötliche. Der Alte hatte Recht. Dieses Möbelstück war wirklich etwas Besonderes.
 
 
Und nach einer abschließenden Lasur schnappte sich Berlokuli ihn, flog zu dem Wald an dem Dorf, wo sie ihn gefunden hatte, verzauberte sich wieder in die Bettlerin und marschierte mitsamt Tisch zu dem Haus des Alten. Der saß wie damals auf seiner Bank und klopfte gerade den alten Tabak aus seiner Pfeife. Wortlos stellte Berlokuli den Tisch vor ihm ab und setzte sich neben ihn.
 
Der Alte erhob sich und verschwand in seinem Haus. Kurz danach erschien er schlurfend mit einem Tablett. "Milch? Zucker?" fragte er sie, als er eine Kaffeetasse vor sie absetzte, "Ich selbst mag ihn am liebsten schwarz wie meine Seele." Dabei zwinkerte er ihr mit seinem rechten Auge zu und die kleinen Lachfalten in seinem Augenwinkel hüpften auf und nieder.
 
Berlokuli verschluckte sich vor Schreck an der eigenen Spucke und bei ihrem unweigerlich folgenden Hustenanfall musterte sie ihn misstrauisch. Aber aus seiner unbekümmerten Art schloss sie, dass sie seine Bemerkung als fröhlichen Spruch auffassen konnte und keine Anzüglichkeit auf ihre wahre Identität war. Denn Hexen galten ja allgemein als Wesen mit schwarzer Seele, wenn man ihnen überhaupt eine zugestand. Sie beruhigte sich wieder, der Husten ebbte ab und beide saßen schweigend nebeneinander, schlürften ihren Kaffee und hingen den eigenen Gedanken nach, so, als ob sie sich schon hundert Jahre kennen würden.
 
Bis ein junges Paar das Haus verließ, dass einst der Nachbarin des Alten gehörte. "Oh! Das ist aber ein ganz reizendes Tischlein" säuselte die junge Frau und ihr Begleiter erläuterte mit Sachverstand, dass dieses Möbelstück eine echte Antiquität sei. Stracks steuerte er auf die vermeintliche Bettlerin zu und machte ihr ein stattliches Angebot. 
 
Verblüfft sahen sich Berlokuli und ihr Banknachbar an und lachten dann gleichzeitig aus vollem Halse los. "Schrecklich, wenn man im Alter so verwirrt wird" hörte Berlokuli noch den jungen Mann sagen, der sich kopfschüttelnd mit seiner Partnerin entfernte. Und der Kaffee war längst kalt und dicke Tränen rollten über ihre Wangen, als die bereits schmerzenden Bäuche ihr Gelächter dämpfte.
 
"Können sie Morgen um diese Zeit nocheinmal ohne Tisch zu mir kommen?" fragte der alte Herr Berlokuli zum Abschied. Sie nickte, obwohl der morgige Abend bereits verplant war. 
 
Zuhause ärgerte sie sich fast über diese Verabredung, denn das Obst musste unbedingt eingeweckt werden. Aber in den Augen des alten Mannes lag so etwas Zwingendes und Eindringliches, dass sie unmöglich seine Bitte abschlagen konnte. Als sie am nächsten Abend bei ihm erschien, erklärte er ihr ohne Umschweife, dass er eine Uhr besäße, deren Uhrwerk entzwei sei. "Ich will nicht, dass sie eines Tages verramscht wird oder in die Hände solcher Banausen wie die der neuen Nachbarn gelangt" erklärte er ihr und Berlokuli, die ihm ins Haus folgte, dachte missmutig, dass es doch nicht wahr sein könne, dass zu Hause ihr Obst verfaule, nur weil der alte Mann seine Uhr repariert haben möchte. Außerdem hatte sie keinerlei Ahnung von der Uhrmacherei.   
 
Da sah sie die Uhr. Sie steckte in einem Gehäuse aus echtem Marmor, getragen von vier verschnörkelten Beinchen. Auf dem Marmorgehäuse befand sich ein kleinerer Marmorsockel und darauf stand eine vergoldete Frau in einem langen beschwingten Kleid mit einem kleinen Palmwedel in der graziösen Hand. Berlokulis Atem stockte. Es war völlig egal, ob diese Uhr die Zeit anzeigte oder auch nicht: sie war einfach nur wunderschön. 
 
Der alte Mann, der Berlokuli scharf beobachtet hatte, sagte nun: "Ich dachte es mir, dass sie ihnen gefallen wird. Nehmen sie sie mit. Bei ihnen ist sie gut aufgehoben." Berlokuli wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Konnte sie einfach eine solche Kostbarkeit annehmen? Ohne jegliche Gegenleistung? Der Alte ließ nicht mit sich handeln und schließlich verließ Berlokuli sein Haus, die Uhr fest in einer schützenden Decke eingewickelt.
 
Vorsichtig trug sie sie in ihr Heim. Sie benutzte nicht einmal den Besen, da sie befürchtete, dass bei einem unvorsichtigen Flugmanöver die Uhr abstürzen könnte und lief auf ihren eigenen Füßen die zwanzig Kilometer heimwärts. Die Uhr wog reichlich und Berlokuli fürchtete, unter dem Gewicht zusammenzubrechen. Völlig erschöpft trudelte sie erst am nächsten Mittag daheim ein, konnte sich vor Müdigkeit fast nicht mehr auf den Beinen halten. Kurz vor ihrem Haus stolperte sie auch noch über eine Wurzel und fiel der Länge nach hin, noch beim Fallen die Uhr emporreißend. Sie dankte dem Himmel, der Uhr war nichts geschehen. Doch was war das? Das Uhrwerk tickte laut und vernehmlich und als Berlokuli auf ihren geliebten Tisch, inzwischen das Prunkstück ihrer Stube, die Uhr ächzend absetzte, erklang ein leicht kratzender Schlag, der die volle Stunde verkündete.
 
Durch die Erschütterung des Sturzes hatte sich irgendeine Verklemmung im Uhrwerk gelöst und von da ab lief die Uhr einwandfrei. Und Berlokulis aufgeschlagene Kniee heilten auch bald wieder. Natürlich wollte sie dem alten Herrn umgehendst die frohe Botschaft überbringen, dass seine Uhr wieder funktioniere. Aber zunächst musste sie ausschlafen, sich erholen und das Obst verarbeiten. 
 
Als sie endlich eine Woche später zu dem Haus des netten alten Herrn kam, machte Berlokuli auf sehr schmerzliche Art eine wichtige Erfahrung: es gab Dinge, die man niemals aufschieben durfte. Der alte Mann war die Nacht zuvor gestorben.
 
Berlokuli spürte in sich einen gewaltigen Verlust und trauerte um eine vertane Chance. Verlust, weil sie höchst selten in Kontakt mit Menschen kam. Es gab viele, auf deren Bekanntschaft sie keinerlei Wert legte. Doch ab und zu traf sie Persönlichkeiten, die sie gerne näher kennengelernt hätte. Aber der Umstand, dass sie ihnen nur in veränderter Gestalt entgegentreten konnte, erschwerten ihr eine Kontaktaufnahme, weil sie es irgendwie als unehrlich empfand. Und es war auch für sie ausgesprochen gefährlich, falls andere Hexen von solchen Verbindungen erfahren würden.
 
Dennoch hätte sie gerne eine Freundin oder Freund gehabt. Jemanden, der mit ihr vorbehaltlos die Annehmlichkeiten, aber auch die großen und kleinen Sorgen teilt. Zu einer Freundschaft gehört jedoch untrennbar die Aufrichtigkeit. Sie war sich stets darüber im Klaren gewesen, dass sie nie einen Menschen treffen würde, dem sie ihre wahrhaftige Identität preisgeben könnte.
 
Bei ihren Zusammenkünften las sie bei dem alten Mann an den Falten viel Kummer, Leid und Ärger in der Vergangenheit ab, doch die Lachfältchen um seine Augen beherrschten eindeutig sein Gesicht. Sie schienen grundverschieden zu sein, aber auf unerklärliche Weise war er ihr sehr vertraut vorgekommen. Sie hätte so gerne mehr von ihm erfahren, ihn besser kennengelernt und dann vielleicht herausgefunden, weshalb er ihr so nahe ging. Zu spät!
 
Lange grübelte sie darüber nach, ob sie vielleicht irgendwann ihm gegenüber ihr Geheimnis gelüftet hätte und sie war sich fast sicher: seine Lachfältchen hätten sein mögliches Erschrecken oder irgendwelche Vorurteile glatt besiegt. Das war die vertane Chance.
 
Ihre Uhr, für die sie auch nach Jahren keine geringere Bewunderung empfand, erinnerte sie ständig an Till Winisch, so hieß nämlich der nette Alte. Hin und wieder pflückte sie drei Blumensträuße und eine Bettlerin legte sie später auf drei Gräber nieder: einen bei ihm, einen für seine Frau und einen für die Nachbarin Margit Leschke. Denn bald hatte sie bemerkt, dass sich niemand um ihre Gräber scherte.
 
Und eins braucht wohl kaum bemerkt werden: die Uhr und der Tisch wanderten immer ganz zuerst auf den sicheren Dachboden. "Nein", murmelte Berlokuli, "im Hause existiert nichts mehr, was keinesfalls der Zerstörungswut der kleinen Hexen ausgesetzt werden darf. Der Keller quillt förmlich über von Nahrungsmitteln. Wir sind gewappnet." Nur der Räucherschinken fehlte diesmal. Sie hatte den Schinken in den Räucherofen gehangen und war völlig übernächtigt eingeschlafen. Als Munz sie weckte, erinnerte der Schinken eher an Schuhsohlen. Berlokuli war daran gewöhnt, dass immer etwas unter dem Zeitdruck und der Arbeitsüberlastung schief lief. 
 
Sie suchte den Horizont ab. Nirgends eine Spur vom Phönix. Auf ihre Augen konnte sie sich verlassen. Sie waren so scharf wie die eines Adlers und nachts schien sie das Sehvermögen einer Eule zu besitzen. 
 
Ihr Blick glitt vom Abendhimmel zu ihrem Garten hinüber. Die Krokusse und Tulpen blühten, an den Bäumen zeigte sich das erste zarte Grün. Bald würden sie in voller Blütenpracht stehen. Sie seufzte, denn sie freute sich den ganzen Winter auf diese Jahreszeit. Normalerweise saß sie um diese Stunde gemütlich auf ihrer Bank und reckte behaglich ihr Gesicht den ersten wärmenden Sonnenstrahlen entgegen. Dieses Jahr würde sie wenig Gelegenheit haben, Frühling und Sommer zu genießen. "Wenn schon Hexenkinder", dachte sie verbittert, "warum dann ausgerechnet im Frühjahr?" Sonst hatte sie mehr Glück, wenn man es überhaupt als Glück bezeichnen kann, sieben kleine Monster einquartiert zu bekommen. Denn der Phönix lieferte meistens die Eier im Oktober ab. Nach sieben Monaten, sieben Tagen, sieben Stunden, sieben Minuten und sieben Sekunden maßen die Hexlein siebenundsiebzig Komma sieben Zentimeter und waren selbständig genug, um die Hepe zu besuchen. Das war die Hexenschule, auch Penne genannt. Dann konnte Berlokuli wenigstens noch den Mai sorgenfrei erleben und sich im Sommer von der Hexenmeute erholen. 
 
Dieses Mal würde sie die Plage erst zum November los werden.
 
"Wenigstens Weihnachten wird uns nicht versaut" ging es ihr durch den Kopf. Vermutlich war Berlokuli die einzige Hexe, die Weihnachten feierte. Sie hatte sich diesen Brauch von den Menschen abgeguckt. Sogar die Dorfkirche hatte sie von innen besichtigt. Manchmal wohnte sie auch getarnt den Messen bei, denn in der Kirche sangen die Dorfkinder im Chor ergreifende Lieder. Wenn das jemand Rokur zutrug, brauchte sie sich um ihre Zukunft keinerlei Sorgen mehr machen. Wehmütig erinnerte sich Berlokuli der Dorfkinder. Zugegeben, die konnten auch frech und ungezogen werden. Aber im Allgemeinen waren es hübsche Kinder mit einem guten Kern. Solche Kinder großzuziehen würde Berlokuli wenig schrecken. "Wenn deren Eltern einmal mit Hexenkindern konfrontiert sein würden, wären sie vielleicht etwas sparsamer mit ihren Erziehungsmitteln wie Ohrfeigen, Katzenköpfen oder Kloppe mit dem Handfeger", sinierte Berlokuli.
 
Plötzlich entdeckte sie, deren Augen wieder zur immer röter gewordenen Abendsonne gewandert waren, einen winzig kleinen schwarzen Punkt.
 
"Munz, Krax, los schnell, aufstehen! Macht, dass ihr in die Scheune kommt und zwar dalli." Beide sprangen unverzüglich auf die Beine und wirbelten los in Richtung des Anbaus hinter dem Haus. Kaum waren sie verschwunden, sprach laut und vernehmlich Berlokuli einen Niaz und schwang dazu ihren Zauberstab durch die Luft. Nun würde es niemanden gelingen, in dieses Gemäuer einzudringen, wenn sie regelmäßig den Zauber wiederholte. Schon stand Berlokuli im Schatten, denn über ihr flog der Phönix und setzte kreisend zur Landung an.
 
Finster betrachtete Berlokuli diesen prächtigen, goldglänzenden Vogel, der genauso groß war wie sie selber. Seine purpurroten Schwanzfedern und Schwingen schimmerten im Abendlicht matt wie kostbarer Samt. Mehrere kleinere Federn standen ihm vom Kopf ab und bildeten so eine Krone. Diese Federn leuchteten im tiefen Blau des Ozeans und im satten Grün frischer Wiesen. 
 
 
Unter anderen Umständen hätte sich vermutlich Berlokuli gar nicht satt sehen können an diesem beeindruckenden, majestätischen Tier und wäre schier vor Bewunderung in Begeisterung ausgebrochen, wenn, ja wenn nicht zwischen seinen gigantischen Klauen ein grobes Netz wäre. 
 
Mit traurigen Augen übergab der Phönix Berlokuli das Netz, dass an ein schlecht geknüpftes Fischernetz erinnerte. In ihm befanden sich sechs Eier, so groß wie die der Strauße. 
 
Erstaunt sah ihn Berlokuli an.
 
"Ich bin unterwegs in einen gewaltigen Orkan geraten und habe dabei ein Ei verloren". Seine Stimme klang angenehm tief und weich, fast etwas melancholisch. "Ich werde versuchen, es zu finden und es dir nachbringen."
 
"Lass dir ruhig Zeit" erwiderte ihm Berlokuli. "Es pressiert nicht." Sie glaubte, ein Lächeln im Vogelantlitz zu erkennen. "Das glaube ich dir gerne. Aber schließlich ist es doch völlig egal, ob du sechs oder sieben von dieser Höllenbrut aufziehst." Berlokuli stutzte. Anscheinend mochte er diese Wesen auch nicht. "Warum transportierst du denn die Hexeneier zu mir, wenn du sie nicht magst?" fragte sie den Vogel völlig verblüfft, "und wirfst sie nicht einfach über dem Meer ab."
 
Die Augen des Phönix verdunkelten sich und bekamen wieder den Ausdruck unendlicher Trauer. "Ich kann mir vorstellen, wie sehr du unter diesen kleinen Furien leidest. Aber du erträgst sie nur knapp über ein halbes Jahr und dann fliegen sie davon und du bist befreit. Fortan hast du nichts, aber auch gar nichts persönliches mehr mit ihnen zu schaffen. Ihre Existenz ärgert dich dann vielleicht, aber sie belasten dich nie in deinem Inneren. Ich bebrüte die Eier sieben Jahre, sieben Monate, sieben Tage, sieben Minuten und sieben Sekunden und bin sie dann los, ohne mich jemals richtig von ihnen lösen zu können."
 
Berlokuli grübelte angestrengt darüber nach, weshalb dieser wunderbare Vogel mit solchen widerwärtigen Geschöpfen ewig verbunden sein sollte. Sie hatten doch nichts miteinander gemeinsam. Vor ihr stand die vollkommenste Schönheit, kaum bei aller Phantasie vorstellbar und brachte ihr diese Eier, aus denen bald das Schlechteste und Hässlichste schlüpfen wird, was man je befürchten könnte.
 
Der Phönix war offenbar in der Lage, ihre Gedanken zu lesen. Nach einem Weilchen des Schweigens flüsterte er kaum hörbar: "Es sind meine Kinder". Dabei waren seine Augen schwarz wie Kohlen geworden und verloren eine silberne Träne. Damit faltete er seine Flügel auseinander, die in ihrer Spannweite Berlokulis Haus bei weitem überragten und schwang sich in die Höhe hinauf zu den Sternen, die gerade aufgeleuchtet waren. 
 
Berlokuli ergriff das Netz mit den Eiern und schlurfte zu ihrem Haus, dass sie in anderen Zeiten so sehr liebte und dass ihr momentan so fremd und abstoßend erschien. In ihrer Stube legte sie die Last auf ihren Tisch vor den Käfig und schürte noch einmal den Ofen ordentlich ein.
 
Nun setzte sie sich auf einen notdürftig geflickten Stuhl und wartete. Bis sieben Sekunden vor Mitternacht hatte sie Zeit, konnte noch etwas vor sich herdösen, was sie auch nach der letzten Woche bitter nötig hatte. 
 
Sie muss wohl richtig etwas eingenickt sein, denn erst kurz vor Mitternacht wachte sie auf. Irgendetwas hatte ihr direkt ins Augenlid gestochen und sie versuchte, es mit der Hand zu verscheuchen, woraufhin sie von weiteren Stichen in die Hand übersät wurde. Blitzschnell war Berlokuli wach. Verunsichert sah sie sich in ihrer Stube um, als es ihr wieder dämmerte, wo sie war und warum es hier so aussah. Da piekte sie etwas in ihrem Nasenloch. Berlokuli schnaubte und Tränen traten ihr durch dieses Zwicken in die Augen. Durch den Tränenschleier erkannte sie eine nicht einmal ein Zentimeter große Hexe auf ihrem Besen, die aus ihrer Nase purzelte. Gerade zog diese den Besenstil hoch, stand kurz in der Luft, riss ihn zur Seite und wollte eine neue Attacke gegen Berlokuli fliegen, als diese kurz ausholte und dem Winzling einen Schlag versetzte, dass diese quer durch das Zimmer schoss. Sie prallte mit aller Wucht gegen die Wand und rutschte an dieser langsam ab in Richtung Boden. Dort blieb sie erstmal benommen liegen. Berlokuli wusste, dass sich das Hexenkind nicht weiter verletzt hatte und brauchte sich daher um sie auch nicht zu kümmern. 
 
Aua, da zwickte sie wieder etwas im Ohr. Nach einigen Fehlschlägen erwischte sie schließlich auch dieses Hexlein, das sie ebenfalls matt setzte. Nach und nach zerschlugen diese Hexenwinzlinge mit Hilfe ihrer Besen von innen ihre Eier. Kaum hatten sie sich aus diesen befreit und Berlokuli erblickt, griffen sie sofort ohne Vorwarnung diese an. 
 
Sämtliche frisch geschlüpften Hexen konnten sofort vorzüglich fliegen, denn das hatten sie in ihren Eiern in den letzten Jahren ausgiebig geübt. Erst, wenn sie so groß geworden waren, dass sie in den Eiern nicht mehr genug Platz für ihre Flugübungen hatten, befreiten sie sich aus ihnen.
 
Es war völlig normal, dass sie sofort über jeden herfielen, der in ihrem Blickfeld erschien. Gelang es demjenigen, sie irgendwie handlungsunfähig zu machen, ließen sie erst einmal von ihm ab. Nicht, weil sie dadurch weniger aggressiv wurden oder zur Vernunft kamen, sondern weil sie begriffen, dass der Andere stärker war. Hexen waren nämlich ungemein feige und vergriffen sich nie an einen Stärkeren. 
 
So galt es also für Berlokuli, die Plagegeister so schnell wie möglich zusammenzuschlagen, um vor weiteren Anfällen verschont zu werden. Dabei musste sie genau auf ihre Augen aufpassen. Blizzu, eine alte, zahnlose Hexe, hatte ihr Augenlicht durch solche Angriffe verloren. Die Hexenkinder hatten ihr die Augen mit ihren Besenstielen zerstochen. Es war also ziemlich ungesund, das Schlüpfen der Hexen zu verschlafen und Berlokuli hatte mächtig Dusel gehabt, dass der erste Stoß gegen ihr Augenlid milder als geplant ausfiel. Nach einer Stunde lag auch die letzte Hexe ko in einer Ecke rum. 
 
Es dauerte leider viel zu kurz, als wieder Leben in die kleinen Körper kam, sie sich nacheinander schüttelten und in Zickzacklinien zum Tisch flogen. Berlokuli blieb wenig Zeit, sich von diesem nächtlichen Gefecht mit den kleinen Ungeheuern zu erholen. Nun schrieen sie um die Wette, dass sie Hunger hätten. Schleunigst zückte Berlokuli ihren Zauberstab und forderte sechs Höllenburger an. Eigentlich hätte einer für alle sechs völlig ausgereicht, aber dann wäre erst richtig der Teufel los gewesen. Denn die Augen solcher kleinen Hexen waren stets größer als ihre Mägen.
 
Die Kleinen saßen nun auf dem Tisch und schlugen mit ihren Besen gegen den Käfig und schrieen unablässig durcheinander. Die übelsten Schimpfworte, Beleidigungen, Obzönitäten musste Berlokuli über sich ergehen lassen. 
 
Nachdem endlich das Fraß für die Hexlein da war, sollte man denken, dass zumindest akustisch Ruhe einkehrte. Irrtum! Denn nun prügelten sie sich um das Essen, obwohl für alle mehr wie genug da war. Da wurde geboxt, gespuckt, getreten, an den Haaren gezogen, sich gegenseitig ins Essen oder ins Getränk geschubst und jede bemühte sich, der Schwester jeden Bissen streitig zu machen. 
 
Salatblätter flogen an die Wand, an der Decke klebten Soßenspritzer, Fleischstücke lagen verstreut auf dem Boden herum, Berlokuli rutschte fast auf einer Tomatenscheibe aus, die sich anschließend eins der Hexenkinder in den Mund steckte. Es herrschte ein heilloses Chaos. 
 
Berlokuli sehnte die erste Morgendämmerung förmlich herbei, die kurz nach vier Uhr glücklicherweise einsetzte. Mit Hilfe des Zauberstabes, mit dem sie die Hexenkinder kurzfristig lähmte, konnte sie die Meute endlich einsammeln und in den Käfig bugsieren. In diesem Käfig standen sieben kleine Betten und Berlokuli hoffte inständig, dass das siebente Bett leer bleiben würde, als sie die Käfigtür verschloss. 
 
Sie hätte sich eigentlich jetzt, nachdem die Brut eingeschlafen war, in die Scheune schleichen können, um sich aus ihrem Keller zu stärken. Angesichts der Essmanieren der kleinen Hexen rebellierte aber ihr Magen nachhaltig und außerdem war Berlokuli viel zu müde zum essen. Sie wollte nur noch schlafen und in ihren Träumen die heutige Nacht so schnell wie möglich vergessen. Da hörte sie über dem Haus ein starkes Rauschen und bevor sie reagieren konnte, hämmerte es gegen ihre Tür. "Mist", schimpfte Berlokuli vor sich her, als sie zur Tür lief, "das wird der Phönix sein. Er hat das fehlende Ei gefunden."
 
Berlokulis böse Vorahnung sollte sich sehr bald bestätigen. Als sie die Tür öffnete, sah sie direkt in die Augen des Phönix. "Eigenartig, er hat ja hellbraune, fast goldgelbe Augen. Das ist mir vorher überhaupt nicht aufgefallen", ging es ihr durch den Kopf. Der Phönix schien sehr aufgeräumt zu sein und man konnte fast annehmen, dass der Vogel schmunzelte, soweit ein Vogelgesicht in der Lage ist, von seiner ihm möglichen Mimik her zu lachen.
 
"Einen recht guten Morgen" wünschte ihr der Vogel ehrerbietig, "wie ich sehe, haben sie letzte Nacht, dem Himmel sei Dank, alles unbeschadet überstanden?" "Guten Morgen" zischte Berlokuli zurück, "Danke der Nachfrage". "Der hat Humor", dachte sie bei sich, "schickt mir seine Satansweiber und erscheint morgens, wo ich endlich ausschlafen könnte, offensichtlich gut gelaunt und raubt mir auch noch meinen letzten Schlaf. Der hat Humor, aber einen reichlich makaberen, wie mir scheint." "Ich möchte sie nicht belästigen", versuchte der Vogel einen sehr versöhnlichen Ton anzustimmen, "und mache mich keinesfalls über sie lustig. Mir ist es völlig klar, dass sie eine sehr anstrengende Nacht hinter sich haben. Es ist nur so, dass ich das verlorengegangene Ei gefunden habe. Eine Gänsemutter hatte es unter seine Fittiche genommen und versorgt." Mit diesen Worten reichte er Berlokuli das bisher fehlende Ei entgegen. "Es blieb unversehrt. Die Gans hielt es mit ihren eigenen Eiern ausreichend warm."
 
"Vorsicht" tönte eine Stimme aus Berlokulis tiefster Seele, "er kann wirklich deine Gedanken lesen“, als sie das Ei entgegennahm. „Mir Wurscht", murmelte Berlokuli in ihren nicht vorhandenen Bart. Sie war für irgendwelche Rücksichten viel zu zermürbt, übermüdet und angesichts dessen, dass diese Nacht wieder eine Hexe schlüpfen wird, auch viel zu verzweifelt. "Dass ist ja überaus reizend von dieser Gans gewesen" höhnte sie, "jetzt weiß ich auch, warum man diese großen weißen Vögel als dumm verspottet. Mit ein Fuzzelchen Hirn hätte sie erkennen können, auf was sie da ihren Daunenpodex kluckt." "Sie wusste, dass es ein Hexenei ist und der Ganter wollte das Ei auch zerstören. Für die Gänsemutter bedeutete das Ei aber werdendes Leben. Und sie mochte nicht daran glauben, dass es ein Wesen gibt, was grundsätzlich und unverrückbar böse sei. Daher verteidigte sie das Hexenei vor ihrem Ganter und bebrütete es."
 
"Wie diese dämlichen Singvögel, die immer wieder auf die Kuckuckseier hereinfallen", stellte Berlokuli sarkastisch fest.
 
"Aber ohne diese dämlichen Singvögel, wie sie sie bezeichnen, gäbe es keine Kuckucke mehr" erwiderte ihr der Phönix. Natürlich ist unschön, dass sie für ihr Dasein andere Küken in der Regel aus dem Nest drängen und damit töten, aber sie tun es nicht aus Berechnung, Herzenskälte oder Skrupellosigkeit. Würden sie sich nicht so verhalten, könnten sie nicht überleben. Und wäre die Natur nicht erheblich ärmer ohne den heiteren Ruf des Kuckucks?" , fragte sie abschließend der Vogel. "Erklären sie ihre Weisheiten den betroffenen Singvögeln" meinte Berlokuli lakonisch.
 
"Den brauche ich nichts zu erklären. Sie kennen ihren Platz in der Natur und respektieren ihn. Das haben sie uns weit voraus. Ich hoffe, dass sie mit dem letzten Ei nicht mehr ganz soviele Unannehmlichkeiten haben werden. Einen recht schönen Tag noch, schlafen sie gut." Mit diesen Worten drehte sich der mächtige Vogel ab und erhob sich in die Lüfte. Fast wäre Berlokuli unter dem entstandenen Luftstrom der gewaltigen Vogelschwingen umgefallen. Krampfhaft hielt sie sich mit der einen Hand an der Haustür fest, während die andere Hand das Ei umklammerte, damit es nicht herunterfiel. Kurz bebte das ganze Haus und schon war der Phönix im aufgehenden Morgenlicht entschwunden. 
 
Berlokuli schloss ihre Haustür und kehrte in ihre Stube zurück. Vorsichtig legte sie das Ei auf den Tisch und betrachtete es von allen Seiten. Anscheinend war es wirklich heil geblieben, denn nirgends konnte Berlokuli auch nur einen Kratzer entdecken. "Sehr bedauerlich" lamentierte Berlokuli leise vor sich her, "ohne diese irre Gänsemutter wäre mir viel Leid erspart geblieben". 
 
Vermutlich würde das Hexenkind in der kommenden Nacht schlüpfen, sodass Berlokuli noch etwas ausruhen konnte. Sie machte es sich auf einem der klapprigen Stühle bequem und schloss die Augen. Kaum war sie ein wenig entschlummert, hörte sie ein leises Pochen. Benommen brauchte Berlokuli erst einen Moment, das Klopfen richtig zu deuten und zu orten. Dann aber riss sie blitzartig die Augen auf, um einen Angriff rechtzeitig zu erkennen und ihm ausweichen zu können.
 
"So ein Mist", schimpfte sie, "wieso hält sich das neue kleine Luder nicht an die üblichen Schlupfzeiten in der Nacht?" Gespannt beobachtete sie das Ei, dass nun auf dem Tisch hin- und herwackelte und auf dessen Schale immer mehr Risse sichtbar wurden. Ein Riss wurde zunehmend größer und größer und schließlich brach die Eischale auseinander. Just in dem Moment, als die Morgensonne ihren ersten warmen Sonnenstrahl durch das kleine Butzenfenster des Hexenhauses schickte, rollte in etlichen Purzelbäumen, sich dabei fest am kleinen Flugbesen klammernd, die Minihexe auf den Tisch. 
 
Und Berlokuli? Voller Erstaunen stand ihr der Mund offen und sie starrte fassungslos auf die neue Hausgenossin. So, wie sie da saß, starr vor Schreck, hätte sie jedem Hexenkind großflächigste Angriffsmöglichkeiten geboten. Mit Genuss hätten sich die kleinen Flugbiester mit ihren Besen in ihre Zunge oder Augen gebohrt. Eine gefährliche Situation, denn soeben war die Kleine kurz vor der Tischkante zum Stillstand gekommen, richtete sich auf, klopfte den Staub und die Essensreste ihrer Schwestern aus Haar und Sachen, strich ihr Kleidchen glatt, drehte sich um, erblickte Berlokuli und - strahlte sie an.
 
"Einen recht schönen guten Morgen" grüßte brav, kaum hörbar, das Hexlein. "Ich heiße Joliannali." Keine Antwort! Berlokuli war immer noch viel zu verblüfft über das, was sie da sah, und unfähig, einen Gruß oder etwas anderes zu erwidern. Joliannali schwang sich auf ihren Besen und glitt elegant bedrohlich nahe vor Berlokulis Augen. "Verzeihung! Ich wusste nicht, dass sie stumm sind. Aber sie können doch gewiss mit dem Kopf nicken oder ihn hin- und herschütteln, um mir zu antworten?"
 
Berlokuli wirkte reichlich einfältig, als sie mit den großaufgerissenen Augen und weit auseinanderklaffendem Mund langsam, aber deutlich, nickte.
 
"Darf ich vielleicht auf ihrer Nase sitzen? Dann sind wir nicht soweit voneinander entfernt und ich muss nicht so laut schreien, damit sie mich verstehen."
 
Wieder senkte Berlokuli langsam den Kopf und richtete ihn danach in die Höhe, ganz mechanisch. Sie benahm sich wie eine Marionette, an der irgendein unsichtbarer Spieler die Fäden zog. Anscheinend gab es aber keine Strippen, die den Mund lenkten, denn der stand nachwievor offen wie ein Scheunentor. "Mach deine Klappe zu", forderte sich Berlokuli insgeheim selber auf, "die Kleine muss denken, du hast einen kompletten Dachschaden." Und wie in Zeitlupe bewegten sich ihre Lippen aufeinander und dabei biss sie sich aus Versehen in die Unterlippe.
 
Das tat richtig weh, weckte aber nun Berlokuli aus ihrer Erstarrung und völlig verwirrt, wie sie war, schüttelte sie sich erst einmal. Dummerweise aber nicht dabei bedenkend, dass die kleine Hexe inzwischen auf ihrer Nase Platz genommen hatte.
 
Diese war nun ihrerseits komplett überrascht, versuchte noch, sich an der glatten Nase festzuhalten, was ihr aber nicht gelang. Sogar der Besen war ihr entglitten, als sie in hohem Bogen von der Nase quer durch das Zimmer schoss. Es wäre eine verflixt harte Landung auf dem Boden geworden, wenn nicht Berlokuli durch die letzte Nacht nahkampferprobt ausreichend ihre Reaktionsschnelligkeit und Bewegungsfähigkeit trainiert hätte. Mit einem Riesensatz hechtete sie der Kleinen hinterher und bekam sie kurz vor dem Fußboden gerade noch so in ihrer Handfläche aufgefangen.  
 
Vor Schreck war Joliannali im Gesicht kreidebleich geworden und sah nun Berlokuli mit einem sehr ängstlichen Gesichtsausdruck an. "Entschuldigen sie bitte, ich hätte mich wohl doch nicht auf ihre Nase setzen sollen", wisperte sie. "Nein, nein, es war allein meine Schuld", gab Berlokuli unumwunden zu. "Ich war nur über deinen Anblick so sehr erstaunt." Vorsichtig führte sie ihre Hand mit der kleinen Hexe kurz vor ihre Augen, um sie besser anschauen zu können. Mit dem Winzling in ihrer Hand wirkte die wie eine überdimensionale Pranke.
 
Was Berlokuli nun genauestens in Augenschein nahm, war ein Hexlein, dass eher einem der Dorfkinder ähnelte. Ihre Haut war menschenähnlich zartrosa. Ein hübsches Gesicht mit lauter lustigen Sommersprossen und fröhlichen grünen Augen lugte unter einem für die Hexen typischen wilden Haarschopf hervor. Bei Joliannali  war aber auch die Haarpracht bemerkenswert, denn sie hatte nicht so eine grelle Farbe wie die ihrer Schwestern. Rötlich wie sie waren leuchteten sie in der Morgensonne wie blankpoliertes Kupfer. Berlokuli konnte überhaupt nicht mehr ihre Augen von dem reizenden Kind trennen und wusste zunächst auch nicht, was sie sagen sollte.
 
 
"Das ist aber toll, dass sie doch nicht stumm sind." Das Hexenkind lächelte gewinnend Berlokuli an, doch diese hatte sich immer noch nicht so weit unter Kontrolle, angemessen zu reagieren. Nach einer Weile, nachdem sie wieder keine Antwort von Berlokuli erhielt,  ergriff Joliannali erneut zögerlich das Wort und in ihrer Stimme schwang deutlich Angst mit: "Bin ich denn so abstoßend?" Sie hatte Berlokulis Angestarre gründlichst missverstanden. 
 
"Wie kommst du denn auf die Idee", fragte sie Berlokuli erstaunt zurück. "Durch meine Eischale hörte ich, wie der Gänsepapa meiner Gänsemama erzählte, dass wir die scheußlichsten Kreaturen unter Gottes Sonne seien." "Aha!" Berlokulis Stimme klang amüsiert. "Und was sagte die Gänsemutter dazu?" "Auch dieses Kind wird eines Tages hübsch und klug sein wie seine Geschwister, denn nur ungeliebte Kinder werden häßlich und negativ." Auf diese Antwort reagierte Berlokuli sehr nachdenklich, als Joliannali beinahe kläglich ausstieß: "So hat also der Gänsevater Recht behalten."
 
"Nein, du bist wunderschön" entfuhr es aus Versehen Berlokuli und in diesem Moment wusste sie ziemlich genau, dass ihr mit diesem Hexlein großer Ärger bevorstand. "Du bist nur etwas anders wie deine Schwestern", beeilte sie sich zu sagen, "komm, ich zeige sie dir."
 
Behutsam mit dem Winzling in der Hand ging sie zurück zum Tisch, hob unterwegs deren Besen vom Boden auf und setzte die Kleine auf dem Tisch ab. Dann wies sie zum Käfig und die Kleine lief freudestrahlend in ihn hinein zu den winzigen Betten. Anscheinend hoffte sie dort Spielkameradinnen zu entdecken, aber sobald sie die Schlafenden in den Bettchen genauer sah, prallte sie erschrocken zurück. Verunsichert wandte sie sich Berlokuli zu.
 
 
Diese lächelte und wackelte verneinend mit dem Kopf. Aus dem Rest eines Höllenburgers fischte sie eine Spiegelscherbe, der von dem alten Wohnzimmerspiegel stammte, den die sechs Erstgeschlüpften letzte Nacht von der Wand gerissen hatten. An ihrer Schürze wischte sie die Scherbe halbwegs sauber und hielt sie Joliannali vor.
 
Ganz erstaunt betrachtete sich nun das Hexlein und warf immer wieder zwischendurch einen Blick auf die anderen Hexenkinder. "Sie sind sicher, dass das meine Schwestern sind?" Ungläubig blickte sie Berlokuli in die Augen. "Es ist so, du kannst dich darauf verlassen." "Na ja, sie sehen nicht sehr freundlich aus", stellte Joliannali richtigerweise fest, "aber das macht ja nichts. Es können ja nicht alle gleich aussehen und ich werde mich bestimmt bald großartig mit ihnen verstehen." Sie sah wieder etwas unbekümmerter und zuversichtlicher aus. "Hoffentlich nicht", dachte Berlokuli bei sich und sprach laut: "ich hoffe auch, dass ihr euch vertragt. Aber höre, Joliannali, wenn ich ehrlich genug zu dir bin, muss ich dich warnen. Deine Schwestern sind etwas sehr wild, auch ein wenig ungezogen, na ja, und stänkern tun sie auch mal gerne."
 
"So arg werden sie es schon nicht treiben", Joliannali gähnte bereits beim sprechen. "Wenn es  meine Schwestern sind, werden wir uns bestimmt bald mögen." Berlokuli, der die Müdigkeit von Joliannali nicht entgangen war, bugsierte sie zu ihrem Bett. Kaum saß sie auf der Bettkante, schlief sie bereits tief und fest. Berlokuli hob mit ihrem Zeigefinger die federleichten Beinchen in das Bett, die noch heraushingen und deckte die Kleine zu. Die Schuhe konnte sie ihr allerdings nicht ausziehen, denn sie waren so klitzeklein, dass Berlokulis Finger beim besten Willen sie nicht greifen konnten.  Aber todmüde, wie Joliannali war, störte es sie herzlich wenig. Sie kuschelte sich in die Decke ein, nahm das Kopfkissen in den Arm und schmiegte ihr Köpfchen daran. Und sogar im Schlaf lag ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht.
 
 "Und was jetzt" fragte sich Berlokuli mit leichtem Entsetzen. Wenn Joliannalis Schwestern abends wach werden würden und die Kleine wahrnehmen, würde hier ein Höllentanz ausbrechen. "Das geht niemals gut!" Stirnrunzelnd und skeptisch beobachtete Berlokuli die schlafenden Hexenkinder. 
 
Sechs der Hexenmädchen glichen einander wie aus einem Ei, abgesehen von der Haar- und Hautfarbe. Alle hatten einen nach unten verzerrten Mund, in die Höhe gezogene schräge, böse funkelnde Augen, Augenbrauen, die bis zur Nasenwurzel reichten und dort anscheinend zusammengewachsen waren. Die schrillen Farben der Haut und der Haare hätten fröhliche Farbklekse sein können, bei den Hexlein allerdings unterstrichen sie nur dessen abgrundtiefe Häßlichkeit und stellten eher so etwas wie Warnfarben dar. 
 
Hirke und Pruzza besaßen giftgrüne Haare. Hirke, die sich gerade geräuschvoll in ihrem Bett umdrehte, hatte dazu ein grellrotes Gesicht, was in dieser Farbzusammenstellung alleine schon ein Schock für sich war. Pruzza sabberte im Schlaf hellgrünen Speichel auf das Kopfkissen und im selben Farbton war ihr Teint. Leuchtend grün und wenn eine Farbe beißen könnte, dann biss diese.  
 
Auch Jurkas Haut war derartig grell, nur in hellblau, eingerahmt von einer dunkelblauen Haarmähne, wohingegen Tekins Haare im Nebenbett im satten lila einen für das Auge unangenehmen Kontrast bildeten. Und Tekins dunkelblaues Gesicht war noch nicht einmal im Schlaf entspannt. Fest presste sie ihre unförmigen Lippen aufeinander, über die vermutlich nie ein gutes Wort dringen werden. Zarkos hellblaue Haare könnten beinahe für den Betrachter ein angenehmer Anblick sein, wenn nicht das kreischend gelbe Gesicht warnen würde. Und Wanka mit der schwarzen Mähne und der lila Körperfarbe stieß zwischen den lauten Schnarchtönen aus dem türkisen Mund ununterbrochen wilde Flüche aus.
 
"Diese Geschöpfe mussten von einem Stümper von Maler geschaffen worden sein, der nie, nicht einmal im Ansatz, etwas von Farbenlehre erfahren hatte" philosophierte Berlokuli vor sich hin, schüttelte abermals den Kopf und bemerkte wieder leise für sich: "Das geht nicht gut".
 
Berlokuli schmerzten langsam sämtliche Glieder, die nun bereits neun Tage und Nächte lang ununterbrochen im Einsatz waren. Ihr Kopf brummte vor Müdigkeit. Dennoch war an Schlaf nicht zu denken, dazu war sie durch die Ereignisse viel zu überdreht. Sie könnte sich nun heimlich in die Scheune stehlen, wo alle Hexenkinder schliefen, aber was wäre, wenn Hirke, Pruzza oder eine der Schwestern erwachen? Aus dem Käfig konnten sie nicht entkommen, der war sicher. 
 
"Doch würden sie nicht sofort Joliannali angreifen?" Nachdenklich kaute Berlokuli auf dem Nagel ihres kleinen Fingers herum. Das tat sie immer, wenn sie ein Problem hatte, für das sie keine Lösung fand. "Dieses Hexenmädchen ist so gewaltig aus der Art geschlagen, dass ich ihr schon einen Sack überhängen müsste, damit die Anderen nichts bemerken. Das geht nicht gut." 
 
 
Berlokulis Sorgenfalten im Gesicht glätteten sich ein wenig und ihre Mimik hellte sich etwas auf. "Ja, dass müsste für den Anfang eigentlich reichen." Sie zog ihren Zauberstab aus der Rocktasche, tippte ihn ganz leicht auf Joliannali und brabbelte einen Spruch vor sich her. 
 
Nun war Joliannali für das Erste geschützt. Ein Abhaltezauber würde jedem einen massiven Schlag versetzen, der es wagte, das Kind auch nur zu berühren. Breit grinste Berlokuli bei dem Gedanken, wie die Schwestern dämlich aus der Wäsche gucken würden, wenn sie die Kleine versuchen, anzutatschen. Und damit war Berlokuli vorerst nicht mehr ganz so extrem in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. 
 
Sie schlich, jedes Geräusch vermeidend, aus ihrem Zimmer, um bloß nicht Gefahr zu laufen, eines der Hexlein zu wecken. An der Haustür, als sie sachte die Türklinke herunterdrückte, um das übliche Knarren zu vermeiden, murmelte sie zum x-ten Male vor sich hin: "Das geht nicht gut."
 
 
 
Kriegsrat
 
Berlokuli erreichte aufatmend ihre Scheune. Natürlich kam sie trotz des Niaz anstandslos hinein, denn der Nicht-Aufmach-Zauber galt logischerweise nicht für sie selbst. Obwohl Munz und Krax bei ihrem Eintreten um die Wette schnarchten, schreckten beide augenblicklich in die Höhe, als sich Berlokuli seufzend in ihren Schaukelstuhl fallen ließ. Krax fiel dabei fast von seinem Schlafbaum und brachte sich nur mit Mühe wieder in eine wagerechte Haltung.
 
"Du kommst aber spät", bemerkte Munz. "Meine Güte, es ist bald Mittag", stellte er sichtlich erschrocken fest, als er durch das Scheunenfenster hinaus die Sonne erblickte. "Wann um Himmels Willen willst du denn noch in Ruhe essen und schlafen?" "Ich habe keinen Hunger", erklärte ihm Berlokuli und stützte ihren schmerzenden Kopf in ihre Hände. "Müde bin ich auch nicht. Ich benötige nur etwas Ruhe." Munz war nicht irgendein Katzenvieh. Der alte Kater hatte in seinem Leben vieles gesehen und war daüber weise geworden. Außerdem kannte er Berlokuli sehr genau. Etwas bedrückte sie und obendrein war sie völlig fertig.
 
Wie gesagt, sie war nicht unbedingt die schlankeste Hexe, aber wie sie da in ihrem Schaukelstuhl kauerte, wirkte sie klein und zerbrechlich. "Hole aus dem Keller den gerösteten Käse", befahl er barsch Krax, der immer gerne widersprach und sich irgendwelchen Aufgaben versuchte, zu entziehen. Berlokulis Anblick, Munz´s gestrenge Stimme und dieser Auftrag verliehen Krax Flügel, ach so, die hatte er eh, also kurzum, er flitzte wie eine gerade abgeschossene Kanonenkugel in den Keller.
 
Denn der geröstete Käse wurde nur zu ganz besonderen Anlässen serviert und eigentlich auch nur von Berlokuli. Er war eine Delikatesse und überbot den Kochkäse, eingelegten Käse und Räucherkäse im Aroma um Längen. Wenn also Munz plötzlich über diesen Käse verfügte, dann schwebte etwas Gigantisches in der Luft, was er nur noch nicht sehen konnte. Das begriff sogar Krax und ausnahmsweise vermied er es diesmal, klammheimlich eine Ecke abzubeißen.
 
Unvorstellbarerweise verweigerte Berlokuli weiterhin die Essensaufnahme, aber Munz wusste sich zu helfen. Er wedelte so lange mit dem Käse unter Berlokulis Nase herum, bis der Käseduft schließlich vorübergehend Berlokulis Sorgen besiegte. Denn ganz grundlos war sie nicht etwas fülliger. Sehr schnell bemerkte Berlokuli beim Kauen, dass ihr beim Essen etwas wohler wurde und auch dieses bohrende Stechen im Kopf nachließ. Von Bissen zu Bissen wuchs ihr Appetit und Munz und Krax boten das Beste, was sie im Keller fanden, auf, um Berlokuli zu sättigen und ihre Laune aufzuheitern.
 
"Also, was ist los?" wagte sich schließlich Munz zu fragen. "War es diesmal so schlimm?" Mit dicken Backen kauend nickte Berlokuli und stieß dann mühselig, weil es sich mit vollem Mund nun einmal nicht leicht reden lässt, hervor: "Schlimmer, als du denken kannst. Schlimmer, als ich es je befürchtet hätte. Schlimmer, als es überhaupt kommen konnte", und damit schob sie sich ein weiteres Stück Kochschinken in den Mund, denn der Räucherschinken hatte ja dieses Jahr das Räuchern nicht überstanden. Berlokuli tat sich weiter gütlich an den Speisen, begann dann aber anfangs stockend, je gefüllter der Magen umso fließender, den beiden Tieren von der Nacht und dem Morgen zu berichten. 
 
Als sie sich den Mund abwischte und mit einem geräuschvollen Rülpser ihr Sättigkeitsgefühl unterstrich, wussten Munz und Krax alles Wesentliche aus den vergangenen Stunden seit ihrer Trennung von Berlokuli. Krax war vor Begeisterung auf seinem Schlafbaum auf und nieder gehüpft, als er von Joliannali erfuhr. Er war schier außer sich vor Freude, endlich einmal von einem Hexchen zu hören, was ihm wahrscheinlich nicht die Schwanzfedern ausriss oder sonstwie drangsalierte. Das allererste Hexengelege hatte er und Munz noch im Hause miterlebt und die Erinnerung an diese Miniaturhexen waren alles andere als angenehm zu nennen. Munz jedoch strich sich bei Berlokulis Ausführungen ununterbrochen mit seiner Pfote bedächtig über seine Katzenbrust. Dies war ein Zeichen größter geistiger Anstrengung und Besorgnis. 
 
Endlich sagte er nach der entstandenen Stille am Ende von Berlokulis Vortrag mit tiefer Stimme, die eher einem Knurren ähnelte: "Du musst Joliannali augenblicklich los werden. Sofort! Unverzüglich!" Schnappe dir deinen Besen und fliege mit ihr zu Rokur. Beschwere dich bei ihr über dieses missratene Hexenkind und fordere, dass sie dir den Unglückswurm sofort abnimmt."
 
Abermals drohte Krax von seinem Schlafast zu purzeln, als er diese Worte von Munz vernahm. "War der komplett verrückt geworden?" Berlokuli sackte wieder in sich zusammen und bot einen jämmerlichen Anblick in ihrem Schaukelstuhl, kläglicher als vor dem Essen. Sie bewunderte immer die Klugheit ihres Katers und auch diesmal hatte er recht. Denn seine Empfehlung bewies auf ein Neues seine Weisheit und dass er die bestehende Situation richtig einschätzte. Doch konnte sie, wollte sie Joliannali Rokur ausliefern? Dieser barbarischsten aller barbarischen Hexen?
 
Besorgt beobachtete Munz seine Herrin. Mit einem tiefen Bedauern in der Stimme und kopfschüttelnd brummte er in seine Schnurbarthaare hinein: "Sie kann es nicht. Wäre sie doch nur etwas mehr eine Hexe. Oh je, sie kann es einfach nicht." "Ist doch großartig" jubelte Krax, "ist doch großartig! Juchhu, die kleine Hexe bleibt bei uns. Ist doch großartig!" "Halt den Schnabel, du Einfaltspinsel" schnauzte ihn Munz an. Und während Krax ihn völlig verdutzt anschielte, erklärte ihm Munz, dass diese Entscheidung von Berlokuli für sie alle das Ende ihrer schönen gemeinsamen Stunden bedeutete. Denn würde sich die kleine Hexe nicht ändern und so boshaft wie ihre Schwestern werden, würde es der Hexenrat alleine Berlokuli zur Last legen. Und so, wie die Sache zu liegen schien, wäre die Chance äußerst gering für eine Wesensänderung bei Joliannali. "Besonders, wenn Berlokuli sie in den Händen hat" betonte Munz mit einem schrägen Seitenblick auf seine Herrin. 
 
Der arme Krax sah erstaunt mit seinem dümmlichsten Gesichtsausdruck von Munz zu Berlokuli, von Berlokuli zu Munz. Er konnte mit seinem kleinen Gehirn diese Neuigkeiten einfach nicht fassen oder verarbeiten.
 
Berlokuli schwieg. In ihrem Kopf kreisten jahrelang verschüttete Erinnerungen, die sie bis zum heutigen Tage hartnäckig bekämpft hatte, weil sie sich nicht erinnern wollte. Sie selber war auch einmal eine Missgeburt gewesen, wie es die anderen Hexen nannten. Denn wie Joliannali hätte man sie für einen Menschen mit roten Haaren halten können, wäre da nicht diese wahnwitzige, nicht zu bändigende Haarmähne gewesen. Und es fehlte ihr an der für Hexen typischen Niederträchtigkeit und Gemeinheit. Deshalb hatte sie Rokur, die Oberhexe, jahrelang in einen Turm eingesperrt. Dort sah sie nie ein Wesen, mit dem sie hätte plaudern können.
 
Anfangs erging es ihr in der Gefangenschaft noch relativ gut. Sie war in der Hexenschule zwar die beste Schülerin gewesen, aber viel hatte sie dort nicht lernen können. Dafür störten die Mitschülerinnen zu aktiv den Unterricht und es ging mit dem Lehrstoff nur immer schleppend voran. Mit Hilfe der Hexenfibel wurde sie im Lesen und Schreiben immer sicherer, lernte im Buch "Das Kleine Einmaleins Der Hexen" nicht nur die einfachen Additions- und Subtraktionaufgaben, die sie bereits hundertprozentig beherschte, sondern wagte sich auch an die Multiplikation und Division heran. Im letzten Kapitel standen seitenlang knifflige Textaufgaben. Mit Feuereifer knobelte und rechnete sie ein halbes Jahr, dann waren auch die schwierigsten Nüsse geknackt. Später studierte sie fleißig ihr Zauberbuch. Innerhalb kürzester Zeit konnte sie jeden Spruch, jedes Wort auswendig.
 
Wie sollte sie sich nun die Langeweile vertreiben? Stumpf saß sie jahrelang auf ihrem Stuhl am Tisch. Ihr mangelte es an nichts. Sie brauchte nur an Essen zu denken und schon stand es bereits auf dem Tisch. Allerdings waren es schon damals die widerlichen Höllenburger und wohl in dieser Zeit hatte sie eine derartig krasse Abwehr gegen sie entwickelt. Denn dieses Fressen war die einzige Abwechslung an den öden Tagen. 
 
Fehlte ihr Kleidung, genügte ein kritischer Blick auf ihre Garderobe und auf der Stuhllehne hing etwas Neues. Sie hatte alles, was sie brauchte. Aber niemanden, mit dem sie ein Gespräch führen könnte. Es kam sogar so weit, dass sie anfing, ihre garstigen Klassenkameradinnen zu vermissen, obwohl die ihr nur Schwierigkeiten bereitet hatten, sie mit ihrem Hass verfolgten, sie piesackten und ärgerten, wo sie nur konnten. 
 
Sie fürchtete, irre zu werden und beruhigte sich dadurch, dass sie schließlich unaufhörlich mit dem Oberkörper hin und herschaukelte. Sie merkte es schon gar nicht mehr und wenn sie es bemerkte und damit aufhören wollte, machte sie wie unter einem inneren Zwang nach kurzer Zeit weiter. Hin und her! Hin und her! Hin und her! 
 
Nachts wachte sie irgendwann dadurch auf, dass sie mit ihrem Kopf ständig gegen das Bettgestell knallte. Jetzt wusste sie, dass sie kurz davor war, ihr letztes bisschen Verstand zu verlieren. Einmal im Jahr kam Rokur zu einem kurzen Besuch. Berlokuli hatte mit ihrem Leben abgeschlossen, wollte nur noch sterben. Die Einsamkeit ertrug sie nicht mehr. Sie überlegte, wenn sie Rokur angriff, würde diese sie gewiss töten. Kaum betrat Rokur den Turm, stürzte sich Berlokuli wie von Sinnen auf die Oberhexe. Doch Rokur hatte erstens ihren Raben nicht dabei und es zweitens gar nicht nötig, sie umzubringen. Sie lähmte sie durch einen Zauberspruch. Anscheinend hatte sie ihr Ziel erreicht und Berlokuli bösartig genug gemacht. Erst jetzt begriff Berlokuli, was die Hexen von ihr wirklich wollten.
 
Berlokuli gab sich nun alle Mühe, bei ihnen so eklig und unausstehlich wie möglich zu sein. Sie hatte Erfolg. Die Hexen meinten, sie geläutert zu haben und ließen sie aus dem Deleveturm frei. Es war ihr in den nächsten Jahren gelungen, die anderen Hexen hinter das Licht zu führen, indem sie ihnen das Theater vorspielte, besonders hart und widerlich zu sein. Zuhause freilich ließ sie die Maske fallen und hatte sich dort eine kleine friedliche Oase geschaffen. "Ob der Phönix dazumal auch ihr Ei verloren hatte?" Diese Frage drängte sich ihr jetzt erst auf. Nie vorher hatte sie darüber nachgedacht, warum sie aus der Art geschlagen war.  
 
"Warum ist mir nicht vorher die Idee gekommen?", fragte sie sich leicht verärgert. Es wäre wichtig für sie gewesen, zu erfahren, ob sie selber daran die Schuld trüge, anders als die anderen zu sein.  Heute Morgen hatte sich die Gelegenheit geboten, den Phönix auszuhorchen, denn noch nie in den letzten Jahren hatte sie ihn so heiter und gesprächig erlebt. Im Grunde genommen war es das erste Mal, dass sie sich mit ihm unterhalten konnte. Nein, der Phönix war nicht bösartig oder heimtückisch. "Wieso aber waren es seine Töchter? Da musste doch etwas bei ihr schiefgelaufen sein?" überlegte Berlokuli. "Ob die Gänsemutter mit ihrer unbezwingbaren Mutterliebe Joliannali von einem Monster zu einem reizenden Hexlein veränderte? Was hatte sie dem Ganter entgegnet? Nur ungeliebte Kinder werden unangenehm." 
 
"War der Phönix diesmal so leutselig und umgänglich, weil er ahnte, was mit Joliannalis Ei geschah? Freute es ihn, dass eine seiner Töchter entgegen jeder Erwartung liebenswert wurde? Jedes Ding hat zwei Seiten", resümierte Berlokuli, "für das, was der Phönix anscheinend als erfreulich wertet, sitze ich jetzt mächtig in der Patsche."
 
Berlokuli fröstelte bei dem Gedanken, dass bei einem nachweisbaren Rückfall das Hexengericht sie mit Sicherheit nicht mehr in den Turm "Der-Letzte-Versuch" stecken würde. Wahrscheinlicher war ein Urteil, dass sie bis zum Lebensende nach Nikezuk verbannte. Was dort ablief, konnte sie nur ahnen, denn das Hexengefängnis hieß nicht umsonst "Nie-Kehrte-Eine-Zurück". 
 
Vermutlich würden die Hexen Joliannali nach Deleve packen. Würde ihr kleines Hexenmädchen diesen Knast unbeschadet überstehen? Würde die Kleine mit den kupferroten Haaren, die die Sonne vergoldeten, in der Einsamkeit wahnsinnig werden? "Niemals könnte sie Joliannali freiwillig Rokur ausliefern" dachte Berlokuli mit wachsendem Trotz. Und war sie angesichts ihrer eigenen Erinnerungen und der drohenden Zukunkt schon verdächtig nahe am Wasser gebaut, brach sie nun beim Gedanken an Joliannalis Schicksal endgültig in Tränen aus. 
 
"Höre auf zu flennen" herrschte sie Munz an. "Wenn du schon so unvernünftig bist, dann strenge dein bisschen Grips an, wie wir uns aus dieser Lage herausgewunden bekommen. Du scheinst zu vergessen, dass auch wir von deinem Handeln betroffen sind." "Wieso ihr denn" schluchzte Berlokuli, "euch wird man doch nichts anhaben können." "Du irrst gewaltig, Berlokuli, denn wer liebt, offenbart seine Gefühle und ist angreifbar. Wir leben nicht nur mit dir zusammen, wir gehorchen dir nicht nur. Nein Berlokuli, Krax und ich hängen mit unserer ganzen Liebe an dir. Sollte dir etwas zustoßen, würden wir bis zum letzten unserer Tage darunter leiden." Munz schluckte und aus Krax kugelrundem Rabenauge rollte eine Träne.
 
Berlokuli wischte sich mit ihrem Hemdsärmel über die Augen und lächelte Munz hinterlistig an. "Ja! Aber wenn ich mich unvernünftig verhalte, würdest du mich am liebsten auf den Mond schicken." "Darin steckt ein Körnchen Wahrheit" erwiderte ihr ebenfalls grinsend Munz. "Vermutlich würde es uns auf diesem Planeten auch besser ergehen wie hier." "Du kämst also mit mir mit zum Mond?" fragte Berlokuli fast heiter. Ernst sah sie Munz an. "So blöde kann deine Entscheidung überhaupt nicht sein, dass ich dir nicht folge und sie mittrage. Die nächsten Tage werden wir unsere Köpfe zermartern, was wir erzählen und wie wir dich und Joliannali vor dem Zugriff der Hexen geschützt bekommen. Jede Sekunde, die wir klagen oder jammern wird uns in der Endabrechnung fehlen. Es muss uns gelingen, uns mit jeder Faser unseres Daseins auf einen Ausweg zu konzentrieren. Nicht jammern, kämpfen heißt ab heute die Devise. Wem es am Verstand mangelt, sollte wenigstens über genug Kampfeskraft, Mut und Entschlossenheit verfügen und jede Chance nutzen, die er nicht hat.
 
Ich weiß, wie oft du heimlich die Dorfkinder beobachtet hast, ihnen beim Spielen zusahst. Natürlich ist Joliannali für dich ein Geschenk, dein innigster Wunschtraum. Aber sie bedeutet für alle, und da schließe ich sie mit ein, die höchste Gefahrenstufe. Als erstes kehrst du ins Haus zurück, in der Hoffnung, dass die Hexenmeute noch schläfst. Dann bringst du umgehendst Joliannali zu uns. Keine Sorge, unsere Mägen sind voll. Krax mag das Kribbeln der Beine und Arme lebendiger Beute in seiner Kehle nicht und ich fühle mich zu alt für ein Katz-und-Maus-Spiel. Solange der Vorratskeller voll ist, halten wir uns an das bequemere Futter." Munz nahm das entsetzte Gesicht von Krax und Berlokuli kichernd zur Kenntnis. "Spaß beiseite. Wir werden gut auf den Winzling aufpassen und ich werde versuchen, dem Gör etwas mehr Vernunft einzublasen, wie dir zur Verfügung steht. Stell dir bitte vor, wie ihre Schwestern reagieren, wenn sie mitbekommen, dass du zu Joliannali mal nett sein solltest. Unverzüglich würden sie dich spätestens in der Hepe bei der Schulhexe anschmieren. Das ist zu gewagt. Dieses Risiko können wir nicht eingehen." 
 
Berlokuli war keinesfalls dumm und verstand. Sofort stand sie auf und ging in ihr Haus hinüber. Alle Hexen schliefen. Bereits in den wenigen Stunden waren sie, ihre Betten und Besen um mindestens einen Zentimeter gewachsen. Als Berlokulis Joliannalis Bett in die Höhe hob, wachte diese auf und sah erstaunt Berlokuli an. Diese hielt ihren Zeigefinger warnend vor den Mund und bedeutete ihr so, zu schweigen. 
 
Kurz darauf erschien Berlokuli mit ihrer federleichten Last wieder in der Scheune. Joliannali entdeckte den für sie riesengroßen Raben und Kater und fuhr mit einem Schrei des Entsetzens unter ihre Decke. 
 
"Joliannali, habe keine Angst. Das sind Krax und Munz und meine Freunde. Sie tun dir nichts und du bist hier sicherer als bei deinen Schwestern. Die würden dich bis auf das Blut quälen und hetzen, denn in ihrer Brust steckt ein Herz voller Niederträchtigkeit und Gemeinheit. Mein Kater Munz riet mir, dich hierher vor denen in Sicherheit zu bringen. Denn auch meine Tiere verstecken sich vor der Bösartigkeit der kleinen Hexen hier in der Scheune. Munz persönlich haftet für deine Sicherheit und Wohlergehen." Und schmeichelnd setzte Berlokuli zu: "Na komm, Joliannali. Zeige dich! Habe Vertrauen!"
 
Ganz langsam schob sich ein Büschel Haare unter der Decke vor, es wurden mehr und mehr und schließlich tauchte ein grünes Augenpaar auf, die etwas ängstlich, aber auch neugierig Krax und Munz musterten. Nachdem Joliannali sah, dass in den Augen der Tiere nichts Böses oder Hinterlistiges zu erkennen war, traute sie sich, in ihrem Bettchen aufzusetzen. Beinahe wäre sie aber wieder vor Angst unter die Decke gerutscht, als sich Krax nicht mehr halten konnte und laut aufschrie: "Ist die süß. Ist die putzig. Ist die niedlich." Und damit hatte er es endgültig geschafft und stürzte mit lautem Karacho von seinem Ast herunter.
 
Schnell hatte Joliannali ihren Schreck überwunden, als sie begriff, was der Vogel gerufen hatte. Nun lehnte sie sich weit aus ihrem Bettchen hinaus und beobachtete, wie Krax den Staub vom Fußboden ausprustete und versuchte, wieder sein Federkleid zu ordnen.
 
Schallend fing Joliannali an zu lachen und dieses Lachen klang so unbeschwert und beschwingt, dass bald Munz und Berlokuli angesteckt in das fröhliche Gelächter einstimmten. Krax verübelte den Dreien keineswegs das Lachen, denn er war heilfroh, dass es die trübe Stimmung endgültig vertrieb. Verträumt sah er hoch zu Joliannali und wiederholte ein ums andere Mal: "Ist die süß".
 
Die nächste Nacht wurde für Berlokuli horrormäßig, denn sie hatte immer noch keine Sekunde geschlafen. Bis zum Abend hatte sie sich um Joliannali gekümmert und ihr versucht, die Lage zu erklären. Die Kleine war fassungslos und begriff sehr gut, in welcher ausweglosen Situation sie sich befand. Immer wieder weinte sie und entschuldigte sich bei Berlokuli dafür, dass sie ihr soviel Unannehmlichkeiten bereitete. Aus Solidarität heulte Krax gleich mit und Munz war von dieser kollektiven Flennerei ziemlich genervt.
 
So betrat Berlokuli abends ihr Wohnhaus, reichlich entnervt und restlos überanstrengt. "Lange hältst du diesen Schlafentzug nicht mehr durch" mahnte eine Stimme aus ihrem jetzt schon dröhnendem Kopf. Darauf nahmen die Hexenkinder natürlich wenig Rücksicht. Inzwischen maßen sie etwa drei Zentimeter, denn am Anfang schossen sie stets sehr schnell in die Höhe, nach einigen Tagen wuchsen sie langsamer. Es war dennoch erstaunlich, wieviel Blödsinn diese immer noch im Verhältnis winzigen Wesen anstellen konnten. Berlokuli war restlos geschafft und dank Schlafmangels auch nicht gerade in guter Stimmung.
 
Wanka schrie unentwegt nach Essen und Berlokuli bestellte einen Höllenburger nach dem anderen, um einfach ihre Ruhe zu bekommen. Doch ihre Nachgiebigkeit wurde nicht belohnt. Jedesmal schmiss sich das Hexenkind in die Freßtüte, als hätte sie seit Tagen nichts mehr gegessen und wenn sie in den Koboldfraß eintauchte, dabei sofort die Tüte zerreißend, spritzten sämtliche Zutaten quer durch das Zimmer. Dabei war sie meistens satt und nahm selten wirklich etwas zu sich.
 
Zarko war förmlich von Neid durchtrieben und beeilte sich, Wanka den Höllenburger streitig zu machen. Berlokuli hatte mehrmals Zarko angeboten, ihr ebenfalls einen Höllenburger anzufordern. Prinzipiell verneinte Zarko und begann zu nörgeln, sie sei doch satt und ständig würde Berlokuli sie nötigen, gegen ihren Willen Nahrung aufzunehmen. Sie steigerte sich hysterisch solange in diese Klagen hinein, bis sie hemmungslos wie ein Tier im Todeskampf brüllte. Bekam dann aber nur Wanka ihr Essen, vergaß Zarko augenblicklich, dass sie radikal den eigenen Höllenburger abgelehnt hatte und kämpfte laut kreischend mit Wanka um jedes Salatblatt, um jeden Fleischkrümel.
 
Gegenseitig rissen sie sich ohne jegliche Rücksichtsnahme das Futter aus dem Mund, was Wanka schließlich sogar einen Zahn kostete. Zarko dachte im Traum nicht daran, sich bei Wanka zu entschuldigen. Sie bespuckte die Schwester und ließ ein blechernes, spöttisches Gekicher hören.  Der Verhöhnten schien der Verlust des Zahns auch nichts weiter auszumachen, Hauptsache, sie hatte einen Vorwand für ihre Rachsucht. Wanka erwischte Zarko an ihrer Haarmähne und stieß ihr das Gesicht in eine aufgeweichte Fleischscheibe. Mit den Fleischresten in den Augen torkelte Zorka kurz hilflos über den Tisch, legte ihren Besen beiseite und versuchte mit den Kleiderärmeln, die fettigen Klumpen abzuwischen.
 
Frohlockend stürzte sich Wanka auf die besenlose Zorka und hätte sie mit Sicherheit vom Tisch geschubst, wenn Berlokuli nicht eingegriffen hätte. Ohne Besen hätte Zorka so einen Sturz nicht überlebt und sich vermutlich das Genick gebrochen. 
 
Wenn dann die vormals heiß umkämpften Höllenburger als klebriger undefinierbarer Matsch an Wänden, Möbeln und Boden pappten, gaben die Beiden kurz Ruhe, um zu verschnaufen. Und schon krähte Wanka wieder mit ihrer extrem hohen Stimme nach Essen.
 
Berlokuli musste sich gewaltig zusammennehmen, ihren Zorn zu unterdrücken. Auch wenn sie sich vor den  Höllenburgern ekelte, so stank es ihr gehörig, wie die Hexenmädchen mit Nahrung an sich umgingen. So oft hatte sie im Dorf miterlebt, dass viele Menschenkinder darbten und ihnen das Notwendigste zu ihrer Ernährung fehlte, sodass sie sogar dadurch erkrankten. Und ihre kleinen Luder schwelgten im Überfluss und missachteten vorsätzlich ihre Privilegien. Was diese kleinen Hexen an einem Tag an Nahrungsmitteln vernichteten, hätte ausgereicht, ein ganzes Dorf in einer Hungersnot eine Woche lang über Wasser zu halten. Natürlich musste es sich Berlokuli verkneifen, solche Gedanken gegenüber den Hexen zu äußern, denn dann wäre ihr Misstrauen gegenüber Berlokuli geweckt. Aber zumindest Wanka spürte sehr genau, dass sie mit ihrer unermeßlichen Gier Berlokuli grenzenlos provozieren konnte.
 
Hirke war ein anderes Kaliber. Sie belauerte den ganzen Tag ihre Schwestern. Flogen diese mal unaufmerksam durch das Zimmer, flitzte sie mit ihrem Besen den anderen in die Flugbahn und rempelte sie gehörig an. Danach bewegte sie sich auf ihrem Besen in Zickzackschwüngen, so, als hätte diese sie getroffen. Und wenn die Schwestern irgendwo achtlos herumliefen, stellte sie ihnen ein Bein und ließ sich augenblicklich fallen. Abgesehen von der Verletzungsgefahr hätte Berlokuli dieses Verhalten vielleicht noch ertragen können. Aber gleich zischte Hirke zu Berlokuli und spielte ihr das arme Opfer ihrer Schwestern vor. Den gesamten Tag lag Hirke mit ihrem Gezeter Berlokuli in den Ohren und das war weit über deren Schmerzgrenze. Verscheuchte Berlokuli sie mit Nachdruck, setzte sie sich wieder in eine Ecke und wartete auf die nächste Möglichkeit, eine ihrer Schwestern zu schultern mit den anschließenden theatralischen Klageliedern. 
 
Jurka und Tekin stritten vom Aufwachen bis zum Schlafengehen. Sie beleidigten sich auf das Übelste und schlugen so heftig mit ihren Besen aufeinander ein, bis Berlokuli sie ihnen wegnahm. Denn ein Hexenbesen musste ein Hexenleben lang halten. Hexen wurden mit ihm geboren, er wuchs mit ihnen mit und war er zerstört, gab es keinen Ersatz.
 
Einmal musste Berlokuli ein Hexenkind in der Hexenschule ohne Besen abliefern. Nicht das Hexengör bekam den Ärger, sondern sie, weil sie nicht genügend aufgepasst hatte. Zur Strafe kassierte der Hexenrat Berlokulis Besen ein und ließ sie zur Belustigung der gesamten Hexenschar per pedes nach Hause laufen. Insgesamt neunhundertvierundachtzig Kilometer! Nach dreiunddreißig Tagen trudelte sie endlich daheim ein mit Füßen, die vollgesogenen Schwämmen glichen. Krax trug damals mit seinem Schnabel, den er vorher an einem Stein scharf wetzte, so sachte wie möglich die abgelöste, abgestorbene Haut von den Fußsohlen ab. Das war noch zu ertragen, vor allem, weil ihr Munz vor dieser Behandlung eine gesamte Flasche Hexengeist eingeflößt hatte. Normalerweise vertrug sie davon zwei Gläser und nach dem dritten Gläschen sang sie eigentümliche Lieder, lallte unzusammenhängendes Kauderwelsch und schnarchte bald unüberhörbar. Aber als Munz auf das schiere Fleisch Jod pinselte, war es mit dem Zähne zusammenbeißen aus. Sie schrie wie am Spieß, dass im nahen Dorf fast die Leute aus ihren Betten fielen. Trotzallemdem: die Tiere hatten ganze Arbeit geleistet und nach einigen Tagen konnte sie schon wieder wenigstens die Latschen anziehen.
 
Wen wundert es also da, dass Berlokuli keine besonders große Lust verspürte, Tekin und Jurka die Flugbesen wieder auszuhändigen? Doch nun bestürmten sie Berlokuli pausenlos, dass sie ihnen ihre Besen wieder zurückgäbe. Sie bettelten, drohten, randalierten und stimmten ein solches Gegröle an, dass irgendwann Berlokuli total entnervt beigab. Ihre Beteuerungen, nun besser auf die Besen aufzupassen, waren schnell verpufft wie die Sporen des Kartoffelbovistes, wenn er reif platzte. In Null Komma nichts zankten sie sich wie gehabt und droschen sich bald wieder mit den Besen gegenseitig die Köpfe ein. Eine neue Spielrunde begann nach altem Muster.
 
Pruzza war oberflächlich betrachtet nicht ganz so zänkisch wie ihre Schwestern. Aber unaufhörlich zersiebte sie Berlokulis Nerven und Geduld mit gleich verblödeten Fragen. Berlokuli wohnte einmal vor ein paar Jahren in der Dorfschule hinter einem Balken versteckt einer Unterrichtsstunde bei. Da meinte doch die Dorfschullehrerin allen Ernstes, es gäbe keine dummen Fragen. Von wegen! Die kannte Pruzza nicht.
 
Verweigerte Berlokuli Pruzza eine Antwort, stimmte sie sofort ein Wimmern und Winseln an, als befände sich eine ganze geprügelte Hundemeute im Hexenhaus. Am liebsten hätte Berlokuli Pruzza den Mund gestopft. Aber wer weiß, was ihr dann eingefallen wäre? Pruzza war keineswegs töricht, was man leicht bei ihrer dümmlichen Fragerei denken könnte. Sie war intelligent und ausgesprochen gerissen und benutzte diese scheinheilig gestellten Fragen ausschließlich dazu, Berlokuli an den Rand der Verzweiflung zu steuern.
 
Gegen Mitternacht dröhnte Berlokulis Kopf von dem nicht endenden Gekreische, Geschrei, Gezeter, Gefluche. Sie merkte, wie riesige Hitzewellen ausgehend von ihren Füßen langsam in ihr hochwallten. Die Schläfen pochten wie wild und drohten zu zerreißen. Berlokuli ballte ihre Fäuste zusammen und ihre sonst rosige Gesichtsfarbe wurde aschgrau. 
 
"Ruhe!" schrie sie außer sich, "Ruhe!"
 
Aus sechs Hexenkehlen dröhnte triumphales wieherndes höhnendes Gelächter, sechs Hexenaugenpaare funkelten heimtückisch wie noch nie und sechs Hexenbesen zeigten urplötzlich in ihre Richtung und starteten in einem Höllentempo auf ihre Augen zu. Die kleinen Hexen erkannten umgehendst, dass Berlokuli mit ihren Kräften am Ende war. 
 
Mit einer Fliegenklatsche verteidigte sich Berlokuli und wenn sie irgendwie eine dieser tückischen Kreaturen vor ihren Zauberstab bekam, murmelte sie blitzartig einen Lähmungszauber. Berlokuli meinte eben noch, völlig wehrlos dem Terror der Hexen ausgeliefert zu sein. Sie fühlte sich so zerschlagen, dass sie sich nicht mehr imstande sah, überhaupt noch reagieren zu können. Doch nun beflügelte sie die Panik, dass diese Bestien ihre deutliche Schwäche dazu ausnutzten, sie zu blenden. 
 
Und soweit hatte sie sich gerade noch unter Kontrolle, die letzten Reserven zu mobilisieren, um sich nicht von dieser Satansbrut für immer verkrüppeln zu lassen. Ihr gelang das schier Aussichtslose und auch die Letzte dieser Landplage war außer Gefecht gesetzt. Sie riss die Käfigtür auf, schmiss alle Hexlein hinein, sammelte die Besen ein und schob sie in ihre Rocktasche. Hurtig schloss sie die Käfigtür ab und sicherte ihn zusätzlich mit einem Niaz.
 
Ermattet ließ sie sich auf einen Stuhl sinken. Was zuviel war, war zuviel. "Diesen Kleinkrieg kann niemand aushalten" dachte sie resigniert. In Gedanken sah sie Joliannali vor sich. Noch heute nachmittag hatte sie gehofft, mit Zuneigung, Geduld und Verständnis die anderen Hexenkinder in ihrem Wesen etwas abzuschwächen. Es hatte doch bei der Gans in Bezug auf Joliannali auch geklappt. Richtig optimistisch war sie abends in ihr Haus gelaufen, dass dieses Hexengelege harmloser sein könnte wie die vorherigen. 
 
Berlokuli fühlte sich hundeelend und als komplette Versagerin. Wie gehabt bestrafte sie doch wieder die Hexenkinder. Dabei hatte sie völlig andere Vorsätze gefasst. Aber sie musste die Wahrheit akzeptieren: bei diesen Hexen war alles zu spät und jeder erzieherische Versuch zum kläglichen Scheitern verurteilt. Weiterhin zu versuchen, mit Großzügigkeit oder Langmut auf die Provokationen zu antworten, bedeutete nichts anderes als eine ausgeprägte Beschränkheit ihrerseits. 
 
In der nächsten Nacht würde sie wieder die Zügel stramm ziehen und jede Frechheit, jeden Übermut, jede vorwitzige Handlung sofort ahnden. Konsequent und unnachgiebig würde sie wieder enge Grenzen setzen, um so die Hexenkinder halbwegs zu disziplinieren.
 
"Der Lähmungszauber würde noch sieben Stunden wirken", überlegte sie. "Dann ist es tags und diese Quälgeister schlafen. Die heutige Nacht ist überstanden." Schlechtes Gewissen hin, schlechtes Gewissen her, Berlokuli atmete erst einmal kräftig durch. Sie sah sich in ihrer Stube um. Überall hingen Flatschen von Höllenburgern und der Boden war derart damit übersät, dass das Zeug schon in ihre Holzschuhe schwappte. Aus dem Garten holte sie sich die Mistforke, öffnete die Stubenfenster und schippte den Dreck durch sie einfach hinaus ins Freie. 
 
Als sie die leeren Eierschalen der Hexenkinder entfernte, stutzte sie. In Leuchtschrift prangten die Namen der Hexlein auf der dazugehörenden Schale. Das war nichts Ungewöhnliches. Der Namenszug leuchtete bereits auf den Eiern, wenn der Phönix sie brachte. Nur deshalb kannte Berlokuli die Namen der Hexlein. Denn hätte sie die Hexenkinder befragt, hätte sie wohl kaum eine vernünftige Antwort erhalten und die Hexen hätten ordentlich Schindluder mit ihrem Unwissen getrieben. 
 
Nachdenklich betrachtete Berlokuli einen Namen nach dem anderem. Und plötzlich dämmerte es ihr, was sie an den Eiern faszinierte und ihre Neugier weckte. Sämtliche Hexennamen bestanden aus zwei Silben: Hirke, Jurka, Pruzza, Tekin, Wanka, Zarko. Auch die Namen der alten Hexen bewiesen diese Gesetzmäßigkeit, wie Rokur, Buwe oder Blizzu. Joliannali! Der Name war eindeutig länger.  Deshalb also wusste der Phönix, dass diese Hexe nicht in der selben Machart war. "Und mein Name? Berlokuli! Wieso fiel es mir nicht schon mal früher auf?"
 
In Berlokulis Kopf tobten die Gedanken wie Blätter in einem Orkan durcheinander. Ihr wurde regelrecht schwindlig und sie tastete nach einem Stuhl, um sich zu setzen. Da steckte ganz tief in ihrem Gedächtnis eine Information, die sie damals wenig beachtete, aber eigenartigerweise dennoch abspeiste. "Was war es?" schrie es förmlich in Berlokulis Kopf. "Rokur, irgendwie hing es mit der Oberhexe zusammen. Was war es?" 
 
Berlokuli dachte so angestrengt nach, dass ihr es nicht einmal auffiel, wie laut sie mit ihren Zähnen knirschte. Bilder zogen durch ihren Kopf. Sie sah sich ängstlich als ganz junge Hexe vor der Feme stehen, mit eingefallenen Schultern und gesenktem Kopf, die Hände hinterm Rücken zusammenkrampfend. Und dann plötzlich hörte Berlokuli Rokur ganz deutlich sagen, so, als wäre es just hier in diesem Zimmer in diesem Augenblick: "Wir können sie ja in das ewige Eis verbannen. Wenn sie sich nicht den Hintern abfriert, kann sie ja mit Kimoseli Händchen halten." Und Rokur lachte, lachte ihr gehässiges, vulgäres, quietschend durchdringendes Lachen und die anderen Hexen des Hexenrates stimmten in das Gelächter ein, sodass Berlokuli um ihre Trommelfelle fürchtete und sich am liebsten vor Angst verkrochen hätte.
 
"Kimoseli" raunte Berlokuli mit zärtlicher Stimme. Mit einem Male begriff sie, dass Joliannali und sie nicht die einzigen anderartigen Hexen waren. Sie hatten eine Verbündete, wo immer die sich auch aufhielt. Und offensichtlich hatte die sich erfolgreich dem Hexenrat entzogen. Man sperrte zwar Berlokuli dazumal in Deleve ein, aber nur deswegen, weil die Hexen fürchteten, dass Kimoseli mit Berlokulis Anwesenheit gestärkt werden könnte. Denn sie glaubten eigentlich nicht daran, dass sich Berlokuli grundsätzlich änderte. 
 
"Du bist ein Schaf, Berlokuli, dass du diese Information nicht früher aus deinen morschen Hirnzellen geschüttelt hast" schalt sie sich selber. Und Berlokuli hatte nicht die leiseste Vermutung, wie sie die neue Erkenntnis nutzen könnte, aber dieses Wissen hatte so etwas Tröstliches und Beruhigendes an sich, dass ihr trotz der Aufräumarbeiten in ihrem Stübchen und dem Anblick der erstarrten Hexenkinder leicht ums Herz wurde. 
 
Kimoseli hatte aller Wahrscheinlichkeit nach nicht den geringsten Animus, dass weitere Geschöpfe in dieser finsteren Welt existierten, die ihr Los teilten. Aber Berlokuli war davon überzeugt und aus dieser Überzeugung gewann sie ganz neue Kräfte, von denen sie vorher nichts ahnte. "Ja, Joliannali, ich werde um unser Glück kämpfen und wir werden siegen" versprach sich Berlokuli, als sie die letzte Fuhre Unrat aus dem Fenster bugsierte.
 
 
 
Papa Munz
 
Als Berlokuli morgens todmüde in die Scheune zurückkehrte, starrte sie erschrocken in Joliannalis leeres Bett. Die Kleine war weg. Spurlos verschwunden. Und wo steckten Krax und Munz? Was war passiert? "Joliannali" schrie Berlokuli erschrocken, "Joliannali!". Ihre Aufregung war umsonst. Hinter den abgestellten Gartengeräten erschien eine kupferrote Haarmähne mit einem lachenden Kindergesicht. Verschmitzt legte sie ihren Finger auf den Mund, damit Berlokuli schwiege. Zu spät, denn sofort krächzte Krax: "Ich habe dich. Ich habe dich gefunden." Und schoss vom Dachboden wie ein geölter Blitz herunter auf den Schaukelstuhl von Berlokuli, den Joliannali auf ihrem Besen nun ihrerseits versuchte, vor ihm zu erreichen.
 
Krax war schneller und klopfte mit seinem Schnabel an die Rückenlehne, knapp bevor Joliannali sie erreichen konnte und jubelte mit seiner rauhen Stimme: "Anschlag! Anschlag! Joliannali! Anschlag!" "Das ist unfair" beschwerte sich Joliannali, "denn wäre Berlokuli nicht nach Hause gekommen, hättest du mich nie gefunden. Mein Versteck war das Beste" erklärte sie und zog dabei einen Schmollmund. Breit grinsend schüttelte Berlokuli den Kopf. 
 
Über ihnen schwebten die dunklen Schatten der Oberhexe, Hexenrates, Hexengericht und was machten Krax und Joliannali? Sie spielten unbeschwert in der Scheune Verstecken. Doch wo steckte Munz? Ihr alter, weiser Kater würde wohl kaum so albern sein und dieses Kinderspiel mitmachen. 
 
Berlokuli irrte, denn Munz war so albern. Nachdem Krax und Joliannali den Dachboden nach ihm absuchten, sprang er plötzlich hinter dem Stapel Anmachholz hervor, überschlug sich fast, als er auf den Schaukelstuhl zuhechtete, krallte sich mit seiner Pfote an der Lehne fest und rief laut und triumphierend: "Frei! Frei! Frei!" Joliannali und Krax vermochten es nicht zu verhindern und sahen sich nur noch verdutzt auf dem Speicher an.
 
Und Berlokuli starrte völlig entgeistert auf ihren Kater, der unter ihrem Blick sogleich versuchte, eine etwas würdevollere Haltung einzunehmen. Berlokuli glaubte, ihren Augen nicht trauen zu können. Ihr ergrauter Hexenkater, der in jeder Situation stets absolute Seriösität und Gediegenheit ausstrahlte, turnte durch die Scheune wie ein Katzenbaby. Er, der ewig Krax als einen schrägen Vogel bezeichnete, weil dieser sich nach seinem Geschmack zu kindisch aufführte, war mit ehrgeizglänzenden Augen zum Anschlagpunkt gerannt, als gelte es ein Streitgespräch mit anderen Gelehrten zu gewinnen. 
 
Nach der ersten Verblüffung lachte Berlokuli, bis ihr die Tränen kamen. Sich den dicken Bauch haltend sank sie schließlich prustend in ihren Schaukelstuhl und Munz blickte anfangs schon etwas beleidigt drein.
 
In den nächsten Monaten sollte es sich zeigen, dass Berlokuli Munz bisher völlig verkehrt eingeschätzt hatte. Hingebungsvoll spielte er mit Joliannali und es bereitete ihm sichtliches Vergnügen. Und es war ihm von Tag zu Tag auch weniger peinlich, wenn Berlokuli ihn dabei erwischte. Aber auch sie selber rutschte oft genug bäuchlings durch die Scheune, um mit Joliannali Murmeln zu spielen. Berlokuli kannte viele Spiele, obwohl sie selber in ihrer Kindheit oder Jugend niemals spielen konnte. Denn als Hexenkind wuchs sie mit ihren Schwestern auf, deren Zeitvertreib nur darin bestand, zu zanken und zu zerstören. Na, und in Deleve war an vergnügliche Beschäftigungen nicht zu denken.
 
Doch sie hatte so oft die Dorfkinder beobachtet, dass sie den dreien ständig neue Spiele beibringen konnte. Berlokuli war auf sich, Munz und Krax mächtig stolz, denn trotz aller Widrigkeiten gelang es ihnen, dass Joliannali unbekümmert heranwachsen konnte. Ein wenig zu blass war sie. Es hätte ihr gut getan, sich auch mal im Freien aufzuhalten. Doch das konnten sie nicht wagen, weder am Tag noch in der Nacht. Die Gefahr der Entdeckung war zu groß.
 
Das war ein Wermutstropfen in Berlokulis Glück. Häufig sah sie die Kleine auf dem Fensterbrett sitzen. Sehnsüchtig blickte sie hinaus. Aber Joliannali war ein verständiges Mädchen und nie beklagte sie sich, dass sie allzeit in der Scheune bleiben musste. Auch wenn das Fenster zum Lüften geöffnet wurde, widerstand sie ihrem Bedürfnis, einfach nach draußen zu fliegen.
 
Unentwegt wachte Munz über Joliannali, die er inzwischen mit stolzgeschwellter Brust "meine Kleine" nannte. Und er bewies noch andere Qualitäten als einen ausgeprägten Spieltrieb. Er hatte den Speicher durchstöbert und Berlokulis alte Hexenfibel und Rechenbuch gefunden. Einige Biberschwänze lagen in der Scheune, falls mal das Haus- oder Scheunendach undicht werden würden. Die Ersatzdachziegel dienten etwaigen Reparaturen. Findig, wie Munz war, zweckentfremdete er einen Biberschwanz und schon hatte Joliannali eine Schiefertafel. Griffel besaß Berlokuli genug und die Scheunenschule war eröffnet.
 
Während Berlokuli sich mit Joliannalis Schwestern im Haupthaus herumärgerte, unterrichtete Munz die Kleine. Joliannali war sehr gelehrig und Berlokuli staunte nicht schlecht, als eines Morgens Joliannali zur Begrüßung in sauberer Schrift nicht nur Krax und Munz auf ihre Tafel schrieb, sondern auch fehlerfrei Berlokuli. Denn dieser Name war doch recht lang und schwierig. 
 
Und dabei beließ es Munz nicht. Er sorgte dafür, dass sich Joliannali gründlich wusch, sich regelmäßig die Zähne putzte, die Fingernägel reinigte, ihre Haare kämmte, ihr Bett machte, auf ihre Kleidung achtete und ihre Sachen aufräumte. Munz entwickelte sich zu einem perfekten Hexenpapa. 
 
Es geschah selten, dass er mit dem Hexlein mal schimpfte, was dafür mit Krax eher die Regel war. Allerdings war Krax auch ein Filou. Er drückte sich vor seinen Pflichten, wo er nur konnte und sah ungerührt zu, wenn Berlokuli ihm seinen Kram nachräumte. Dieser Vogel benutzte sein spärliches Vogelhirn hauptsächlich dazu, Schabernack zu treiben und so bequem wie irgend möglich durch sein Leben zu rutschen. Falls Berlokuli der Geduldsfaden riss, legte er sein Köpfchen schief und sah sie mit solchen bekümmerten, schuldbewussten Augen an, dass ihr Unmut sich augenblicklich verflüchtigte. Nun wieder Oberwasser habend flog er zu ihrer Schulter, setzte sich und schnäbelte hingebungsvoll mit Berlokuli und alles war vergessen. Mit dieser Tour kam er allerdings bei Munz nicht durch. Der achtete unnachgiebig darauf, dass auch Krax seinen Teil zu den Hausarbeiten beitrug. Und das funktionierte selten ohne Schelte.
 
Erstaunlicherweise riss sich Krax aber für seine Verhältnisse mächtig zusammen, seitdem Joliannali bei ihnen war. Er wollte für sie kein schlechtes Vorbild sein und sogar seine Tischgepflogenheiten besserten sich. Selten stahl er ein Leckerli und hatte auch nicht mehr den Schnabel bereits mit Futter zugestopft, bevor die anderen am Tisch saßen. Und wenn Munz Joliannali aufforderte, auch das Gemüse zu essen, hörte Krax automatisch auf, sein Fressen zu sortieren und heimlich vom Teller zu schieben, was ihm nicht schmeckte. Nur einen bedauernden Seufzer konnte er sich nicht verkneifen, was ihm einen gestrengen Blick von Munz einbrachte. Krax hütete sich dann davor, den geringsten Protest anzumelden. Sofort hätte Munz die Gelegenheit ergriffen, zum x-ten Male einen Vortrag über ausgewogene Ernährung zu halten. Das war eine entschieden härtere Strafe, als wenn er nur gemeckert hätte.
 
Joliannali amüsierte sich immer köstlich, wenn sich die beiden Tiere beharkten. Und auch sie neigte zu Streichen oder neckte Munz, indem sie an seinen Schnurbarthaaren zupfte. Wenn er dann niesen musste und sie grimmig anfauchte, flüchtete sie sich schnell auf einen Dachbalken und schien sich vor Lachen auszuschütten. Munz schüttelte dann vorwurfsvoll den Kopf, aber in seinen Augen blitzte gleichzeitig der Schalk und wenn er sie kurze Zeit später zu packen kriegte, verpasste er ihr mit seiner Pfote einen Nasenstüber. Es war aber eher ein freundschaftlicher Klaps und Joliannali hatte sehr schnell herausgefunden, dass sie ihren Hexenpapa ganz leicht um den kleinen Finger wickeln konnte. Im Großen und Ganzen war aber Joliannali brav. Munz hatte es nicht nötig, ihr gegenüber Strenge zu zeigen, denn Joliannali bewunderte seine Schlauheit und sein erstaunliches Wissen und war von daher auch ohne Druckmittel oder Strafandrohungen folgsam.
 
So etwas konnte man von ihren Schwestern wahrlich nicht behaupten. Sie legten ihr dummdreistes Verhalten niemals ab. Dadurch wurden die Unterschiede zwischen den Hexlein zusehends größer. Während Joliannali sich zu einem herzigen Wesen entwickelte, dem man nur zugetan sein konnte, verschlampten und verlotterten ihre Schwestern immer mehr. Sie starrten vor Dreck, ihre langen, ungepflegten Finger- und Fußnägel rollten sich langsam nach innen, aus dem Mund rochen sie nach Jauche und rissen sie ihn auf, sah man schwarzgelbe Stumpen, die zu Zähnen keinerlei Ähnlichkeiten mehr aufwiesen.
 
Ihre Kleider waren nur noch Lumpen und Berlokuli konnte sie nicht schnell genug flicken, wie sie diese zerrissen. Streichelte Berlokuli Joliannali über die Haare, fühlten sie sich seidig an. Berührte sie aus Versehen die Haare der anderen, musste sie aufpassen, nicht kleben zu bleiben, denn die Reste unzähliger Höllenburger der letzten Wochen verkleisterten ihre Mähnen und setzten auf den Hexenköpfen Schimmel an. Eine hervorragende Brutstätte für Ungeziefer aller Art. 
 
Jeder Versuch Berlokulis scheiterte bereits im Ansatz, die Hexenkinder zu etwas Reinlichkeit zu erziehen. Inzwischen hatte sie ihren gesamten Optimismus verloren, dass diese Hexenmädchen auch nur die Spur von Einsicht oder Vernunft entwickeln könnten. Trieb es eine zu toll, klebte sie Berlokuli mit einem Zauberspruch mit den Füßen an die Decke fest. Dort tobte und schrie sie kopfüber hängend wie eine Wahnsinnige. Das ließ vordergründig Berlokuli völlig kalt. Erst wenn ihr soviel Blut in den Kopf gesackt war, dass sie aussah wie ein zu weit aufgeblasener Luftballon, holte sie die Hexe wieder herunter.
 
Diese Strafe war ausgesprochen effektiv. Denn erstmal gab die Unruhestifterin klein bei, weil sie Kopfschmerzen hatte. Stundenlang saß sie nun da und massierte ihre Schläfen, bis das Blut wieder gleichmäßig durch die Blutgefäße pochte. Ihre Gefährtinnen senkten gleichzeitig augenblicklich um einige Phon ihre Stimmen und wurden etwas vorsichtiger im Unfug anstellen. Nicht, weil sie ihre Fehler erkannten, sondern einfach und allein aus dem Grunde, weil sie ihre Feigheit auch nicht ablegten. Allerdings passierte es doch hin und wieder, dass der Übermut mit ihnen durchging und sie kurz vergessen ließ, wie feige sie waren. Dann hingen eben sechs Luftballons an der Stubendecke und inzwischen konnte Berlokuli die extremsten Spuren ihrer Gäste beseitigen.
 
Immer wieder hatte Berlokuli anfangs probiert, sich diese Höllenweiber schön zu reden, irgendetwas Angenehmes oder Positives an ihnen zu entdecken. Dadurch hoffte sie, ihnen so was ähnliches wie Sympathie oder Zuneigung entgegen bringen zu können. Doch jede Vergünstigung, jede freundliche Geste legten ihr die kleinen Monster als Schwäche aus und attackierten sie sofort. Berlokuli kam zu dem Schluss, dass die Phase verstrichen war, wo die Möglichkeit bestand, die Hexlein noch zum Guten zu beeinflussen.
 
Also unterließ sie derartige Versuche und versuchte sich so gut wie es eben ging, zu behaupten. Ihr Job erinnerte eher an eine Raubtierdompteuse als an eine Erzieherin. Nur die Peitsche fehlte, aber dafür besaß Berlokuli ihren Zauberstab. Und den erhielten die ihr Anvertrauten erst am Ende der Hexenpenne. Das war auch besser so.
 
In den vergangenen Jahren hatte Berlokuli immer sehr unter ihrer Aufgabe gelitten und morgens abgestumpft in ihrem Schaukelstuhl misslaunig vor sich her gebrütet, dass Munz und Krax es kaum wagten, sie anzusprechen. Dank Joliannali fiel es ihr diesmal viel leichter, denn nun hatte sie etwas, auf was sie sich freute. Schloss sie die Käfigtür, schaltete sie auch schon ab. Dann existierten diese Bestien nicht mehr für sie und sie strebte leichten Fußes in die Scheune hinüber. Trotz der Anspannung über die Zukunft überwogen die glücklichen Momente und Berlokuli wäre es auch egal gewesen, wenn die garstigen Schwestern für immer geblieben wären. 
 
Inzwischen hatten sie es sich in der Scheune richtig gemütlich und wohnlich gemacht. Und Berlokuli, die sonst über den Verlust ihres Häuschens lamentierte, vermisste selten die dortigen Annehmlichkeiten wie beispielsweise ihre Küche.
 
Joliannali lernte nun sticken und stricken und ihre Schwestern hatten einen neuen Sport erfunden: Fensterscheiben klirren lassen. Das war nicht zu verhindern, denn der Hexenkäfig, der mit den Hexen mitgewachsen war, nahm nun fast das gesamte Wohnzimmer ein. Er stand auch nicht mehr auf dem Tisch, den die Hexenkinder bereits nach einigen Tagen vereint zum Einstürzen gebracht hatten, sondern auf dem Fußboden. Die Größe des Käfigs hatte für Berlokuli den Vorteil, dass sie die Hexen aus Platzgründen nicht herauslassen konnte und von daher auch nicht mehr deren riskanten Flugmanövern ausgesetzt war. Eindeutig der Nachteil lag darin, dass sie aus dem Käfig heraus fast alles in Reichweite hatten. 
 
Berlokulis Stube war ihr ganzer Stolz. In anderen Häusern besaßen die Zimmer meist ein oder zwei Fenster auf einer Wandseite. Sie hatte ihr Häuschen so gebaut, dass eine einzige Stube den Mittelpunkt des Hauses bildete. Auf drei Seiten befanden sich jeweils drei Butzenfenster und so konnte Berlokuli von ihrem Schaukelstuhl aus nach Osten, Süden und Westen den Lauf der Sonne oder des Mondes beobachten.
 
Ließ sie die Küchentür offen und das war meist der Fall, wenn nicht gerade Hexenkinder zugegen waren, hatte sie auch freie Sicht durch die drei Küchenfenster nach Norden. Da ihr Häuschen auf einem Berg stand, blickte sie weit über die Landschaft, südlich auf das Dorf im Tal, östlich auf den Fluss, der sich durch die Berge schlängelte, nördlich auf ein gewaltiges Gebirge mit weißen Bergspitzen und westlich auf einen riesengroßen See, der in der Abendsonne wie ein lupenreiner Saphir leuchtete.. Es war eine liebliche Landschaft, so recht nach ihrem Geschmack und sie verliebte sich in diese Gegend sofort, als sie sie das erste Mal gesehen hatte. Genau deshalb hatte sie auch ihr Häuschen so gebaut, dass sie allzeit das gesamte Land sehen konnte.
 
Logischerweise traf ihr Haus nicht unbedingt den Geschmack und Zeitgeist der anderen Hexen. Die herrliche Landschaft und das milde Klima war ihnen in seiner Vollkommenheit eher zuwider. Wie sollte man an einem solchen Orte groß auf böse Gedanken kommen? Für Berlokuli war es sehr vorteilhaft, dass die anderen Hexen diesen Platz als langweilig fade und unmodern kitschig empfanden, dass reduzierte etwaige Besuche noch einmal.
 
Jetzt allerdings bedeuteten die schönen Butzenfenster, die tags der Sonne gestatteten, den Raum mit Licht zu durchfluten, ein herbes Ärgernis. Die Hexenmädchen erreichten sie nämlich durch die Gitterstäbe des Käfigs und schnitten mit ihren scharfen Fingernägeln solange Schrammen in das Glas, bis es zersplitterte. Natürlich war es nie eine gewesen und jede schob die Schuld an dem zerbrochenen Fenster der anderen in die Schuhe. Berlokuli hatte es aufgegeben, die Schuldige zu finden, denn die Hexenkinder logen alle wie gedruckt.
 
Jeden Morgen musste sie leise vor sich herfluchend die neuen Scheiben einkitten, die ihr vorher Krax mit scharf gewetztem Schnabel zuschnitt. Am meisten empörte es eigentlich Berlokuli, dass ihr durch diese unsinnige Arbeit Zeit verloren ging, die sie viel lieber mit Joliannali verbracht hätte.
 
Denn Munz organisierte inzwischen streng und rigoros den Tagesablauf, damit Berlokuli zu genügend Schlaf kam. Sonst hätte sie vermutlich den Tag mit Joliannali verplaudert und nachts nicht mehr ihre Sinne beieinander gehabt für die anstrengende und gefährliche Arbeit im Haus.
 
Die Zeit verflog in einem unglaublichen Tempo und langsam überragte Joliannali bei weitem ihren Lehrmeister Munz und Spielkameraden Krax. Anfangs hatte Berlokuli, wenn sie Joliannalis Bettchen leer vorfand, sie schlafend zwischen Munz Pfoten eingekuschelt entdeckt. Inzwischen ruhte eher Munz in den Armen von Joliannali. Quietschte Joliannali in der ersten Zeit vor Begeisterung, wenn sie auf Krax Kopf sitzend durch die Scheune flog, so genoß es inzwischen Krax, auf ihrer Schulter zu sitzen. 
 
Unaufhörlich wuchsen die Hexlein an die siebenundsiebzigkommasieben Zentimetermarke heran und die Zeit drängte zunehmend, Pläne zu schmieden, wie dem Hexenrat Joliannalis Verschwinden plausibel gemacht werden könnte.
 
Munz hatte eine Geschichte erfunden, die Berlokuli Rosto erzählen sollte. Rosto war die Hexe, die an der Hepe die Hexenkinder unterrichtete. Sie hatten lange hin- und herdiskutiert, viele Ideen gehabt, aber wieder verworfen und Munz´s Lügengeschichte machte den glaubhaftesten Eindruck. Wohl war ihnen nicht gerade bei dem Ganzen und je näher der Tag der Abreise rückte, umso bedrückter wurden alle vier.
 
Das Jahr schritt unaufhörlich dem Ende zu und die Natur griff noch einmal in den Tuschkasten, um in aller Pracht der Sommerszeit Lebewohl zu sagen. Die Laubbäume leuchteten in ihrem bunten Kleide zwischen Kiefern und Fichten hervor und das satte Grün der Wiese war übersät mit den fröhlichen Farbtupfern unzähliger Blumenblätter.
 
Der November meldete sich an, doch diesmal nicht mit tagelangem Dauerregen, grauem zähem Nebel und den ersten kalten Füßen. Die Sonne behielt die Oberhand, als wollte sie dieses Mal so lange wie möglich den Winter fernhalten, um Berlokuli eine letzte Freude zu machen, damit sie ihr künftiges Schicksal besser ertrage. 
 
Berlokuli mochte den Winter nicht im geringsten leiden. Die kurzen Tage, die trostlose Natur und vor allen Dingen die Kälte machten ihr Jahr für Jahr mehr zu schaffen. Nie reichte das Brennholz, egal, wieviel sie vorher sammelte und spätestens Ende Februar war sie gezwungen, Reisig und Äste, die der Sturm ihr gebrochen hatte, mit klammen Fingern aufzuklauben.
 
Wenn der Winter die Gegend unter seinen weißen glitzernden Tüchern verbarg, war es zwar wunderschön anzusehen, aber für Berlokuli nur ein geringer Trost angesichts der vielen Nachteile.
 
Der November als Winters Bote war ihr aber richtig verhasst. Aus sämtlichen Fenstern sah man nur in Trübheit. Er entkleidete mit Macht die Bäume, die vorwurfsvoll nun ihre nackten Zweige in den weinenden Himmel reckten und zerrte mit seinen Nachtfrösten so lange an den Blumen, bis die sich beleidigt in die Erde zurückzogen. In diesen Wochen setzte normalerweise Berlokuli freiwillig keinen Fuß vor die Tür, weil die feuchte Kälte sofort in jede Falte ihrer Kleidung kroch. Doch diesmal blieb ihr keine Wahl.
 
Es war soweit. Sieben Monate, sieben Tage, sieben Stunden, sieben Minuten und sieben Sekunden neigten sich dem Ende zu. Alle Hexenkinder maßen siebenundsiebzigkomma sieben Zentimeter und Berlokuli machte sich reisefertig. 
 
Da war sie schon sehr froh, zumindest auf annehmbare Wetterbedingungen für den Hinflug zur Hexenschule hoffen zu dürfen. Mit der sonst um diese Zeit üblichen Witterung wäre der Flug mit dem schweren Hexenkäfig sehr riskant und aufreibend geworden.
 
Am Tage vor der Abreise hatten sie wenig geschlafen. Immer wieder gingen Munz und Berlokuli jedes Detail in Form eines Frage- und Antwortspieles durch, was sie Rosto erzählen sollte. Die kleinste Ungenauigkeit, die geringste Abweichung hätte unweigerlich deren Misstrauen geweckt und den Hexenrat auf die Bildfläche gerufen. Berlokuli legte keinen gesteigerten Wert darauf, mit Rokur zusammen zu treffen. Bereits nur bei dem Gedanken bekam sie eine Gänsehaut. 
 
In der Abenddämmerung ging sie in ihr Haus. Die Hexenmädchen schliefen noch und wie sollte es auch anders sein, Stube und Käfig waren mit Scherben übersät und sämtliche Fensterscheiben fehlten. "Wird Zeit, dass ich diese Mistdinger los werde", knurrte Berlokuli in sich hinein.
 
Sie holte hinter der Ofenbank eine riesengroße Ledertasche hervor und stellte sie geöffnet vor den Käfig. Augenblicklich schrumpften in Zeitlupe Hexenkinder, Betten, Besen und Käfig in sich zusammen, bis Berlokuli mit einer Hand den Käfig greifen konnte. Sie setzte ihn in die Ledertasche, verschloss diese und sprach zur Sicherheit noch einen Niaz. Dann warf sie sich ihren karierten Reiseumhang um und ergriff ihren Besen. Vor ihrem Haus setzte sie sich auf den Besen,  band die Tasche an ihm fest, stieß sich vom Boden ab und stieg in den Nachthimmel.
 
Im Abflug hatte sie Joliannalis traurige Augen hinter dem Scheunenfenster erkannt und ihr ermutigend zugelächelt. Die Kleine machte sich schreckliche Sorgen, aber Berlokuli war sehr zuversichtlich, dass alles nach ihrem Wunsche klappte. Sie drehte eine letzte Runde über ihrem Haus. Da erkannte sie weit unter sich Munz vor der Scheune, der ihr aufgeregt nachwinkte. "Er ist ein Schatz", dachte sie bei sich, "und lässt es sich nicht nehmen, mir einen letzten Gruß zu schicken." Sie lenkte nun ihren Flugbesen in Richtung Süden. Berlokuli wollte auf keinen Fall zu spät in der Hepe erscheinen und sich gleich einen Rüffel abholen. 
 
Ihr Flug verlief ereignislos. Die Hexenkinder gaben Ruhe, denn in der dunklen ungewohnten Tasche zitterten sie vor Angst und somit verging ihnen der Sinn nach irgendwelchen Streichen.
 
Das Meer, wo Berlokuli immer Wetterkapriolen befürchtete, lag ruhig und glänzend im Mondlicht da, so, als wäre es der friedlichste Ort auf Erden. Aber Berlokuli hatte schon ganz andere Erfahrungen gemacht. Oft genug war sie in Stürme oder sogar Orkane geraten, die wild an ihr rüttelten und schüttelten, dass sie manchesmal die Beherrschung über ihren Besen verlor und drohte, abzustürzen.
 
Einmal schrammte sie dabei nur knapp an den Kronen gigantischer Wellen vorbei und wurde dabei nass bis auf die Unterhose. Ihre Kleider, vollgesogen mit Wasser, drückten mit einem enormen Gewicht auf den Besen und bis heute war es Berlokuli schleierhaft, wie sie damals das rettende Ufer erreichen konnte. 
 
"Vielleicht hatten die Menschen ja doch recht mit ihrem Glauben an ein höheres Wesen. Aber der sollte ausgerechnet mir, Berlokuli, einer Hexe, einem Mitglied der dunklen Zunft, seine Schutzengel schicken? Das klingt doch etwas unglaubwürdig. Obwohl: wenn dieses Wesen soviel Macht besaß, vielleicht hatte der es dann gar nicht nötig, so engstirnig, fanatisch und verbohrt zu sein wie der Pfaffe aus ihrem Dorf." 
 
Dieser Pfarrer regte Berlokuli mächtig auf. Besonders missfiel ihr sein Umgang mit der Dorfjugend. Es war schon schlimm genug, dass ihm häufig bei den Kindern die Hand ausruschte und sie damit traktierte, stur endlos ganze Buchkapitel auswendig zu lernen. Wort für Wort mussten sie die Texte wiedergeben. Auch wenn draußen die Sonne lachte und die Kinder zu einem erfrischenden Bad im See lockte. Berlokuli, die manchmal als Käfer im Dachbalken oder als Schmetterlingsraupe versteckt hinter der großen Landkarte im Schulzimmer dem Unterricht beiwohnte, schüttelte darüber jedesmal nur den Kopf. 
 
Es genügte doch wohl, dass die Kinder wussten, wo was steht. Dann könnten sie jederzeit bei Interesse das Buch aufschlagen und nachlesen, um was es geht. Anscheinend war das dem Pfarrer aber ziemlich egal. Denn über die Inhalte des Auswendiggepaukten unterhielt er sich höchst selten mit seinen Schülern.  "Wie wollte er da eigentlich wissen, ob die Kinder auch alles verstanden hatten?", fragte sich Berlokuli, denn die Texte waren in einer eigentümlich verschraubten Art geschrieben, schon in ihrer Sprache, nur dass so heutzutage kein Mensch mehr redete. 
 
Bei der Dorfjugend wagte es sich der Pfarrer nicht mehr, Ohrfeigen zu verteilen. Das bedeutete aber nicht, dass er gegenüber den Jugendlichen eine größere Wertschätzung empfand. Er beschimpfte sie unablässig als Hallodrios oder Gebrüder Leichtfüße, schlimmstenfalls sogar als  Penner, Bastarde oder Schlampen. Und wehe dem, die jungen Leute saßen nicht frischgewaschen und gewienert pünktlichst in der Messe. Oder er erwischte sie gar bei einer Kirmes beim possieren - dann übergoß er die jungen Männer und jungen Frauen mit seinem Hass und geiferte in nicht endenden Tiraden. Hochgradig beleidigend wetterte er am nächsten Sonntag über das ausschweifende Leben des Jungvolkes, stellte sogar einzelne namentlich an den Pranger und versprach ihnen ewige Qualen und Leiden im Fegefeuer. 
 
"Als ob der entscheiden könne, wen man in die Hölle lässt und wen nicht." Und breit grinsend überlegte Berlokuli, ob sie damals im Orkan die Schutzengel gesandt bekam, weil der Herr über Welt, Himmel und Leben eben diesen Dorfpfarrer kannte.
 
Auf jeden Fall zitterte die gesamte Dorfbevölkerung vor ihm und nicht wenige junge Leute vertrieb er mit seinen geharnischten Vorwürfen. Und dabei wusste Berlokuli, die manchesmal verwandelt sich auch im Pfarrhaus aufhielt, dass der Pfarrer auch nicht gerade so lebte, wie er es predigte. Einige Male war sie versucht, dem Pfaffen einen Blitz in sein Hinterteil zu zaubern. 
 
Andererseits war es die Aufgabe der Dorfbevölkerung, seine Lügen zu durchschauen und mit ihm abzurechnen. Aber die kuschten und duckten. Nur ein einziges Mal hatte Berlokuli es erlebt, dass es jemand wagte, ihm die Stirn zu zeigen. Eine einsame Stimme für die Gerechtigkeit und sofort verzogen sich ihre Leidensgenossen in ihre Schlupfwinkel wie der Hamster, der die Kreuzotter hinter sich weiß.
 
Und jedesmal, wenn wieder Jugendliche das Dorf verließen, hoffte Berlokuli inbrünstig, dass sich die Menschen endlich zur Gegenwehr aufraffen. Aber sie waren dermaßen eingeschüchtert, dass nichts dergleichen geschah und Berlokuli weinte diesen jungen Menschen nach. Denn mit jedem Jugendlichen, der seinem Dorf den Rücken kehrte, wurde das Dorfleben in jeglicher Hinsicht ärmer.
 
Dennoch hielt sie sich aus der Sache der Menschen heraus. Auch Munz war der Meinung, dass man seine Nase nicht in Angelegenheiten stecken sollte, die einen nichts angehen. Vielleicht würden die Menschen einen Eingriff, wenn auch zu ihren Gunsten, verübeln. Und da gab es schließlich noch in der Vergangenheit diesen unangenehmen Brauch von Scheiterhaufen und Hexenverbrennungen. Es war schon besser, auf Munz zu hören, denn ihr Kater hatte eigentlich immer Recht.
 
Wenn Berlokuli bei ihrem Flug in derartige Gedanken abgleiten konnte, ist es der beste Beweis, wie leicht, geruhsam und bequem diese nächtliche Reise war. Schon überquerte sie die Küstenstädte und gedachte, sich erst einmal ein ruhiges Rastplätzchen zu suchen. Denn im Osten hellte es etwas auf und sie lag gut genug in der Zeit, um sich ein Verschnaufen leisten zu können.
 
Sie erspähte eine menschenleere Oase. Sofort steuerte sie sie an und kletterte erschöpft von ihrem Besen. Diese langen Reisen strengten sie gehörig an. Dabei reiste sie früher ausgesprochen gerne und hatte bereits mehrmals den Erdball umrundet. Es war sehr lehrreich, diese unterschiedlichen Landschaften, Völker, Sprachen und Kulturen kennenzulernen. Mit als Erstes lernte Berlokuli, dass Wahrheit nicht gleich Wahrheit ist. Es kam immer darauf an, wer was aus welcher Richtung sah und wie er einen Sachverhalt beurteilte. Diese Erkenntnis half ihr ungemein im Umgang mit der Hexengemeinde.
 
Berlokuli öffnete die Ledertasche und hob den Käfig heraus. Die Hexenkinder sahen sich neugierig um, als sie aber begriffen, dass sie meilenweit entfernt von Berlokulis Haus waren, sprangen sie wild quiekend in ihre Betten und warfen sich ihre Zudecken über den Kopf. "Feiglinge" bemerkte Berlokuli dazu und deutlich konnte man die Verachtung in ihrer Stimme heraushören. Der Käfig samt Inhalt dehnte sich wieder aus, mit einer kreisenden Bewegung des Zauberstabes bestellte sie sechs Höllenburger. Da die Hexlein absolut nicht bereit waren, die Betten zu verlassen, schmiss sie ihnen die Höllenburger einfach n den Käfig.
 
Nichts in der Welt hätte sie dazu bewegen können, hier den Käfig zu öffnen. Es war eher unwahrscheinlich, dass diese Angsthasen ausgebüxt wären, aber darauf ankommen lassen wollte es Berlokuli auf keinen Fall. Die kleinen Hexen waren derart hintertrieben, dass es auch ohne weiteres möglich gewesen wäre, dass sie die Schisser vorspielen und nur einen günstigen Augenblick zur Flucht abwarteten. Denn Hexenschule oder Hexenpenne hörte sich nicht besonders gut in Hexenkinderohren an und sie ahnten natürlich, wohin die Reise ging.
 
Berlokuli war es sehr recht, dass die Hexen bockten und öffnete wieder die Tasche. Der Käfig, Hexlein, Besen und Betten begannen wieder zur Miniaturausgabe zu werden, nur die Höllenburger nicht. Berlokuli war selten gehässig, aber diesmal konnte sie ihre Schadenfreude kaum verbergen. Wenn sich die Damen Hexen in den nächsten Stunden bewegen wollten, mussten sie ausnahmsweise mal aufessen. Ein paar überstehende Salatblätter zupfte Berlokuli weg und schloss mit einem breiten Grinsen die Tasche.
 
Nun schlenderte sie zu einigen Sträuchern. Sie kannte sich hier aus und wusste, dass dahinter eine Quelle plätscherte. Das saubere, klare Wasser war ihr hundertmal lieber als das eklige sirupartige Gesöff aus der Koboldküche. Hier hatte sie auch gerastet, nachdem sie ihr allerliebstes Reiseandenken gefunden hatte: Munz.
 
Munz war in seinem früheren Leben ein Schiffskater gewesen und hätte es sich niemals träumen lassen, eines Tages zum Hexenkater aufzusteigen. Er gehörte seinerzeits einem Maat. In erster Linie war Munz´s Aufgabe, das Schiff von Ratten und Mäusen freizuhalten, aber insbesondere von der Koje seines Herrn Ungeziefer zu verjagen. Sein Seemann war zu ihm herzensgut, hatte aber gleich zwei Mankos, die für ihn als Kater zunächst unerheblich schienen. Aber es sollte sich herausstellen, dass Jonnys, Jonny hieß sein Besitzer wie fast alle Seeleute, dass Jonnys Laster dann auch für Munz weitreichende Folgen hatten. 
 
Jonny arbeitete zu wenig und trank dafür zuviel Rum. Unter diesem Problem litten viele Matrosen und daher waren es auch nur klitzekleine Fehler. Aber Jonny übertrieb es und wurde deswegen vom Kapitän gefeuert. Die restliche Heuer hatte er schnell in Rum umgesetzt und benötigte daher ziemlich dringend ein neues Schiff. Als Munz den neuen Pott sah, auf dem sie nun leben würden, war er reichlich entsetzt. Der Kahn war uralt, total verrostet, nichts funktionierte richtig, überall quietschte und knarrte es. Ein Alptraum von Schiff. Und die gesamte Besatzung teilte Jonnys Vorliebe für Rum und Abneigung gegen Arbeit.
 
Die Matrosen von seinem alten, prächtigen, stolzen Passagierdampfer lagen ebenfalls noch im Hafen und der junge, verspielte, kleine, schwarze Kater war bei Mannschaft und Passagieren gleichermaßen beliebt. Sie lockten Munz und wollten mit ihm gerne weiterreisen und angesichts dieses Schiffwrackes, auf dem Jonny angeheuert hatte, fiel es Munz verdammt schwer, seinem Herrn die Treue zu halten.
 
Bis zum letzten Augenblick hoffte Munz, dass der Kahn sich nicht von der Stelle rühren würde, aber aller Hoffnung zum Trotz liefen sie aus. Der Kapitän spendierte seinen Leuten reichlich Rum, soviel, dass Munz reichlich misstrauisch wurde. Er bespitzelte die Kapitänskajüte und erfuhr, dass dieser sein Boot auf offener See versenken wollte, um die Versicherungssumme zu kassieren. Nur sich selber wollte er retten in dem einzigen dichten Rettungsboot.
 
Munz war außer sich und überlegte fieberhaft, wie er die Pläne des Kapitäns vereiteln könnte. Dummerweise verstanden die Menschen aber nicht seine Katzensprache. Munz nagte und kratzte in das betreffende Rettungsboot ein Loch, in der Hoffnung, dass es der Kapitän bemerkte und deswegen Abstand von seinem teuflischem Plan nahm. Allerdings schenkte der nicht nur den Rum aus. Er prüfte im größeren Umfang durch Kosten dessen Qualität. Und so entdeckte er mit seinen glasigen Augen nicht das Leck.
 
In der Nacht, als Munz die Klippen hörte, schrie er auf Jonny und die anderen Matrosen ein, um sie wach zu halten, damit sie den drohenden Untergang verhindern, sich retten können. Sie waren dermaßen besoffen, dass sie nichts mehr wahrnahmen. Er konnte kratzen, beißen, die kläglichsten Lieder anstimmen, keiner reagierte. Vermutlich hielten sie in ihrem Vollrausch das Wasser, in dem sie ertranken, für Rum. Denn außer dem Krachen, als das Schiff auf die Klippen aufsetzte, bekam Munz nur das Fluchen des Kapitäns mit, als der gerechterweise ebenfalls mit dem Rettungsboot kenterte, um seiner Mannschaft auf dem Meeresgrunde Gesellschaft zu leisten.
 
Munz erwischte mit letzter Kraft einen Holzbalken, auf dem er nun seit Tagen auf dem offenen Meer trieb. Berlokuli kam gerade vom Hexenrat und befand sich auf dem Heimflug. Von dem Hexenrat war sie verwarnt worden, weil sie mal wieder zu gutmütig gewesen war. Eine andere Hexe hatte sie tagelang vollgejammert, dass sie ihren Hausbau nicht mehr bis zum eintreffenden Winter schaffen würde. Hilfsbereit, wie Berlokuli nun einmal war, half sie der Hexe. Kaum war das Haus fertig, schwärzte diese Hexe Berlokuli bei Rokur an. 
 
Und nun erblickte Berlokuli ein hilfloses Katzenvieh auf einer Latte, die sich mehr und mehr voll Wasser sog, weit und breit kein Schiff in Sicht. Mit dem frischen Anschiss im Gepäck dachte Berlokuli bei sich: "sei vernünftig und seh weg". Sie hatte durch die letzte Verwarnung anscheinend immer noch nicht genug gelernt, denn sie sah nicht weg, riss den Besen herum und fischte Munz auf. Und das war das weitaus Beste, was ihr wiederfahren konnte. Denn Munz entpuppte sich als echter Freund.
 
"Ach Munz", stöhnte Berlokuli, "könnte ich dich doch immer bei mir haben". Ihr fiel ihr Katerchen ein, als er als winziger Fleck bei der Abreise kaum erkennbar ihr hinterwinkte. Irgendwie wirkte es aufgeregt, als ob er ihr noch etwas sagen wollte. "Es wird schon nichts Wichtiges sein", überlegte Berlokuli, "das hat Zeit bis zu meiner Rückkehr". Vielleicht hatte er auch nur so wild zum Abschied gestikuliert, um ihr Mut zu machen, dass alles gut geht. 
 
Und es lief alles prächtig ohne jegliche Zwischenfälle. Die Story für Rosto war bestens. Es bestand also nicht der geringste Anlass, sich Sorgen zu machen. So ein klein wenig Zweifel konnte Berlokuli freilich nicht wegwischen. "Du bist selber eine elende Memme" raunte Berlokuli zu sich selber. "Es besteht kein Grund zur Besorgnis."
 
Mit ihrem Zauberstab wedelte Berlokuli kurz durch die Luft und ein kleines Zelt im Stile der Beduinenzelte stand neben der Quelle. Tasche und Besen hing sie sicherheitshalber unter das Zeltdach, falls irgendwelche neugierige Tiere vorbeischauten und erfrischte sich ersteinmal. Bald lag sie auf einer Liege im Zelt, lauschte träge noch dem Geplätscher des Wassers zu und fiel in einen unruhigen Schlaf.
 
Schon am späten Nachmittag war Berlokuli wieder auf den Beinen, kontrollierte die Tasche, mit der alles in Ordnung war, außer, dass die Hexenmädchen im Salat sehr beengt schliefen, gönnte sich eine letzte Stärkung durch das Quellwasser und ergriff den Besen. Sie befestigte die Tasche an ihn und flog weiter durch die Wüste. Fast übergangslos war die Nacht hereingebrochen und das Mondlicht entblößte die Weite dieser Landschaft, bestehend aus Sand, aus denen bizzar geformte nackte Felsen ragten, die die Eintönigkeit der sandigen Ebene unterbrachen. In der Ferne erkannte sie eine Anhäufung dieser Felsmassive, die gemeinsam ein kleines Gebirge bildeten.
 
Bald hatte sie ihr Ziel erreicht, denn mitten in diesem Gebirgszug befand sich die Hepe. Es war nicht leicht, in dem Geröll einen guten Platz zu entdecken, der eine weiche Landung versprach. Aber auch das klappte diesmal wie am Schnürchen und um Punkt Mitternacht stand Berlokuli vor Rosto, die sie schon vor der Schule erwartete.
 
"Na, du bist wie immer pünktlich. Wenn du auch so nichts taugst, kann man sich wenigstens auf dich verlassen. Hoffentlich war deine Reise recht unangenehm und dir tut ordentlich der Hintern durch den Ritt weh" begrüßte sie diese. "Du bist und bleibst ein Schandmaul" erwiderte ihr ungerührt Berlokuli und reichte ihr die Tasche. "Na, dann laß uns mal ansehen, was für widerliche Mikroben du diesmal bei dir hast" sagte schroff Rosto und betrat das Schulgebäude. Es war in den Felsen gehauen und von außen vermutete niemand die riesigen Säle im Innern. An den Wänden hingen im Abstand von siebzig Zentimetern Fackeln an der Wand, die ein seltsames grünes Licht verströmten. Dadurch wirkten die Säle noch unheimlicher in dem geisterhaften Licht.
 
Fenster gab es keine und durch die Türen konnte man nur in Begleitung Rostos gelangen, denn sie waren durch einen Zauberbann gesichert, damit die Schülerinnen nicht abhauen konnten. Berlokuli folgte Rosto und hoffte, diesen ungastlichen Ort so schnell wie möglich verlassen zu können. Er wirkte nicht nur unheimlich, sondern es war auch bitterkalt. Berlokuli fröstelte und fühlte sich sichtlich unbehaglich.
 
 
 
 
In der Hepe
 
Rosto stellt die Tasche auf den Boden ab und öffnete sie. Wieder wuchs der Käfig zu alter Größe heran, überall verklebt von Höllenburger. Sofort begannen die Hexenkinder ein Riesengeschrei anzustimmen und gebärdeten sich wie die Wilden. Rosto grinste heimtückisch und schwang leise flüsternd ihren Zauberstab. Augenblicklich herrschte Ruhe, denn jedem Hexlein war der Mund mit einer verfaulten Makrele gestopft. Verzweifelt mühten sich die Hexlein, sie auszuspucken, was aber nicht gelang. „Siehst du, so geht man mit Kindern um“, kommentierte mit auffallend fröhlicher Stimme Rosto. Insgeheim schüttelte sich Berlokuli vor Ekel und beinahe taten ihr die Hexenkinder leid. „Ich lasse euch jetzt aus dem Käfig und ihr setzt euch dort hinten brav in eine Bank. Ich warne euch, keine falsche Bewegung.“ Rosto schickte sich an, die Käfigtür zu öffnen und Berlokuli hoffte wider besseres Wissens, dass sich die Hexenmädchen nur ein einziges Mal in ihrem Leben benehmen würden, was sie natürlich nicht taten. Im Pulk schossen sie stoßend, schlagend, rempelnd aus dem Käfig und nahmen sofort Kurs auf die Augen der Schulhexe. Der wollten sie es tüchtig zeigen und sich für die Makrele rächen. Die war allerdings nicht weiter überrascht, hatte sie doch nichts anderes erwartet. Ein kurzer Schrei aus ihrem Munde, Funken stoben aus ihrem Zauberstab und die Besen krachten mit den Hexen auf den Boden. Die Hexenkinder wollten sich behände aufrichten, doch sie wackelten herum wie Götterspeise, denn Rosto hatte mit ihrem letzten Zauberspruch die Knochen entfernt. Mit schmerzverzerrten Gesichtern wälzten, wabberten, glibberten sie breiig im Wüstensand, der die gesamten Böden in der Schule bedeckte. Ihre Köpfe sahen aus wie aufgeschlagene rohe Eier und Augen, Nase, Mund verrutschten in alle möglichen Richtungen und in der Mitte schwamm die grünlichgraue schleimige Makrele.
 
Berlokuli kannte diesen Anblick und war jedes Mal aufs Neue entsetzt. Obwohl die Mädchen sie solange schikaniert hatten, spürte sie echtes Mitgefühl. Rosto war eine trickreiche grausame Lehrerin und jede Hexenschülerin lernte bei ihr sehr schnell die Grenzen kennen. Sie begrüßte alle Hexenkinder so, Berlokuli hatte es oft genug miterleben müssen. Sehr schnell würden auch diese Hexenkinder begreifen, dass es nicht ratsam war, sich mit Rosto anzulegen, so, wie es schon unzählige Hexenmädchen vor ihnen kapiert hatten. Das war nur der Anfang, Rosto hatte noch erheblich mehr auf Lager. Beispielsweise liebte sie es, ihren Schülerinnen zur Strafe das Gesicht auf den Po zu zaubern. Danach zwang sie die kleinen Hexen zum Stillsitzen. Nahmen diejenigen wieder ihre ursprüngliche Gestalt an, war die Nase durch das Sitzen völlig platt. In den nächsten Tagen stülpte sich die Nase wieder nach außen, aber das ging nicht ohne stundenlanges Nasenbluten ab.
 
Auch Berlokuli hatte die Mädchen bestraft, aber sie an die Decke zu hängen war im Verhältnis zu den Strafen von Rosto regelrecht harmlos. Sie wusste es zu gut, denn Berlokuli selbst besuchte auch einmal diese Schule. Bereits zu ihrer Zeit war Rosto hier die maßgebliche Lehrkraft. Berlokuli war eine Musterschülerin, stets freundlich und höflich, folgsam und fleißig. Rosto nahm es zur Kenntnis, lobte aber niemals Berlokuli, sondern beobachtete sie unentwegt mit tückisch zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen. Die Mitschülerinnen quälten und hänselten sie ständig und einmal droschen sie mit ihren Schreibtafeln so wild auf sie ein, weil sie als Einzige die Hausaufgaben erledigt hatte, dass Rosto argwöhnte, sie würden sie totschlagen. Da Hexen nicht töten dürfen, schritt sie ein und Berlokuli lächelte sie dankbar an. Mit ihrem ellenlangen Rohrstock haute ihr daraufhin Rosto mit einer solchen Wucht über den Kopf, dass der Stock in der Luft ohrenbetäubend knallte. Berlokuli dachte, er würde ihr den Schädel spalten. Noch Tage später hatte sie Kopfweh und bis heute zeugte eine Narbe von der Lektion, dass man Hexen prinzipiell nicht freundlich anlächeln darf, weil man sonst beweist, dass man nicht genügend Respekt vor ihnen hat.
 
Wie befreit fühlte sich damals Berlokuli, als sieben Jahre und sieben Monate um waren und sie in sieben Tagen, sieben Minuten und sieben Sekunden den Zauberstab erhalten und von der Hepe entlassen werden sollte. In allen Fächern stand sie glatt sechs, erlangte also überall die besten Noten. Nicht im Geringsten zweifelte Berlokuli daran, die Abschlussprüfung nicht zu bestehen. Und die schaffte sie auch als Klassenbeste mit Bravour. Aber ihre Mitschülerinnen flogen in die Freiheit. Berlokuli wurde zum Hexenrat und anschließend vor das Femegericht zitiert. Man warf ihr aufsässiges Verhalten vor, was sie überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Bis auf das eine Mal mit dem Rohrstock hatte sie Rosto nicht einmal strafen müssen. Stets erfüllte sie alle Aufgaben sofort und ausführlich. Nie beschwerte sich Berlokuli, völlig egal, was man von ihr verlangte. Die Mädchen in der Klasse drückten sich pausenlos vor sämtlichen Aufgaben, sprangen unentwegt über alle Stränge. Verlor Rosto sie für eine Sekunde aus den Augen, konnte sie sicher sein, dass diese Schülerinnen wieder einmal Missetaten vollbrachten mit erheblichen Schäden. Das war nach Berlokulis Empfinden Aufsässigkeit.
 
Sie war immer noch von einem schrecklichen Irrtum überzeugt, als man das Urteil verkündete. Der Schuldspruch war einstimmig. Den Prozess hatte sie Rosto zu verdanken und sie begriff nicht, was man ihr wirklich zur Last legte. Erst in Deleve nach ihrem Angriff auf Rokur dämmerte es ihr, was sie angeblich verbrochen hatte. Ihre Zuneigung zu Rosto hielt sich also begreiflicherweise in Grenzen. Nie wusste man sicher, woran man bei ihr war, beziehungsweise erst dann, wenn einen irgendeine Konsequenz erreichte. Besondere Gefahr im Verzuge bestand dann, wenn sich Rostos unsympathische Visage zu einer süffisanten Grimasse verzog. Was dann folgte, lief unter dem Motto: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.
 
Rosto fand besonderen Spaß daran, die Luftakrobatikstunden zu würzen, wie sie es ausdrückte. Angeblich verfeinerte es den Flugstil, wenn bei den Hexen genügend Adrenalin freigesetzt wurde. In der Schlucht hinter der Schule lernten die Hexenkinder Loopings drehen und wenn es der Lehrerin gefiel, eine kurze Bewegung mit ihrem Zauberstab und schwupp, war der Besen weg. Nun ging es im freien Fall in Richtung Erde. Die kleinen Hexen schrieen jedes Mal in Todesangst. Hatte Rosto ihren gnädigen Tag, saß man wieder kurz vor dem Aufprall auf seinem Besen und mit genügend Talent zum Fliegen riss man ihn mit einem gewaltigen Ruck, dass die Adern und Muskeln in den Handgelenken und Unterarmen fast heraussprangen, noch so in die Höhe, dass nichts passierte. Mit weniger guten Flugkünsten ballerte man unweigerlich auf. Auf diese Art verloren zwei Mitschülerinnen von Berlokuli ihren Besen, die bei der unsanften Landung zersplitterten. Diese beiden Hexen waren nun dazu verdonnert, bis an ihr Lebensende ausschließlich zu laufen, denn Ersatzbesen gab es nicht. Das ist eigentlich für eine Hexe die Höchststrafe, aber Rosto bedauerte sie keineswegs, sondern sie meinte gehässig dazu nur, dass so der Luftraum vor schlechten Fliegerinnen geschützt sei.
 
Beide Junghexen überlebten übrigens ihre Schulentlassung nicht sehr lange, denn der Weg durch diese Wüste war auf eigenen Füßen ein sicheres Todesurteil. Ihre ehemaligen Mitschülerinnen hatten sich geweigert, sie mitzunehmen. Dafür kassierten sie noch deren Hohn, als diese zum Abschied lästernd in engen Kreisen über die fußlahmen Enten flogen, so dass der lockere Wüstensand in ihre Gesichter spritzte. Zwar konnten sie auch in dieser unwirklichen Gegend sich ihre Höllenburger und Getränke herbeizaubern. Aber der Geruch des gebratenen Fleisches lockte tausende von Skorpionen an und die waren hochgiftig, auch für Hexen. Beide wussten es, doch die Eine ignorierte es und versorgte sich dennoch mit den Tüten aus der Koboldküche. Solange sie wach war, hielt sie sich diese kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Krabbler mit Hilfe des Zauberstabes vom Leibe. Doch irgendwann überkam sie unweigerlich der Schlaf und Geier kreisten über die Stelle, an der sich Scharen Skorpione über sie hermachten.
 
Die Andere ängstigte sich dermaßen vor den Giftstacheln dieser todbringenden Tiere, dass sie es nicht wagte, den Zauberstab zu benutzen, um sich zu laben. Also verdurstete und verhungerte sie. Beide hätten eine relativ große Chance gehabt, zu überleben, wenn sie zusammen gehalten hätten. Denn dann hätten sie abwechselnd wachen und die Skorpione zurücktreiben können. Aber wie es nun einmal bei den Hexen zugeht, bekamen sie sich bereits nach wenigen Metern Fußmarsch in die Wolle und stritten so heftig, dass sie sich schnell trennten und eigene Wege gingen. Weder Rosto noch die Junghexen zog man damals zur Verantwortung, denn sie hatten ja nicht direkt die Beiden um das Leben gebracht und wie bereits bemerkt, hielten sich zwar alle Hexen an das ungeschriebene Verbot des Tötens, unternahmen jedoch in den seltensten Fällen etwas, es auch zu verhindern. Bei der folgenden Verbrennung der Unglückseligen waren fast alle Hexen anwesend und es ertönte ein Jammern und Klagen, dass es in den Ohren schmerzte. Besonders Rostos spitze Wehlaute überheulte alle Anderen und wenn man keine Hexen kannte, hätte man annehmen müssen, dass diese Trauergemeinde in ihrem Kummer untröstlich ist.
 
Hexen liebten es, wenn es in ihren Reihen Todesfälle gab. Die Verbrennungen bedeuteten das Ereignis schlechthin, wo man sich mit Begeisterung gehen ließ und mit falschen Krokodilstränen und hysterischen Schmerzensschreien so recht nach Hexenherz Theater spielen konnte. Plötzlich kannte und liebte jede die Verstorbene und alle übertrafen sich gegenseitig mit den rührendsten Geschichtchen über die Verblichene. Trotz ihrer Neigung zu Feuerbestattungen ging Rosto innerhalb ihrer Schule nie bis zum Letzten. Auch dann nicht, wenn sie schlechte Laune hatte. Dann vergaß sie zwar, den Fallenden im letzten Moment den Besen wieder zu geben und ließ die Schülerinnen auch mal gehörig aufplumpsen, doch diese Unfälle endeten nie tödlich. Wohl dem, der im Sand landete. Dann taten einem zwar alle Knochen weh, aber ansonsten blieb man heil. Rumste man dagegen auf Steine oder Schotter, ging es nicht so glimpflich ab. Es lag eigentlich immer eine Junghexe in der Krankenstation mit gebrochenen Knochen, Gehirnerschütterung oder Schädelbruch. Und die meisten Schülerinnen waren unentwegt mit Hautabschürfungen übersät, die wie Feuer brannten und sie nicht ruhig schlafen ließen.
 
Die Sache mit dem Schlaf war auf der Hepe auch etwas Spezielles. Rosto war der Überzeugung, dass sie die Disziplin dadurch steigern könnte, wenn sie regelmäßig mit einer durchdringenden Sirene die Hexenkinder aus dem Bett riss. Hatte sie Langeweile oder selbst Schlafstörungen, ließ sie die Mädchen einschlummern, um sie dann mit diesem markerschütternden Alarm aus dem Bett zu werfen. Unter gleißender Wüstensonne mussten sie außerhalb der Schule antreten und war Eine zu langsam, stand sie dort bis zum Abend. Danach durfte diejenige aber nicht versäumten Schlaf nachholen, da der Unterricht begann. Und dieses Spiel wiederholte Rosto manchmal stündlich, sodass in der folgenden Nacht sämtliche Hexen völlig entnervt und übermüdet in ihren Schulbänken hingen. Und ganz genau in diesen Nächten kramte Rosto die Hefte heraus und ließ die schwierigsten Klassenarbeiten schreiben.
 
Berlokuli schrieb trotzdem immer gute Noten, weil sie regelmäßig unaufgefordert lernte. Aber ihre Klassenkameradinnen, durchweg faule Socken, die erst in allerletzter Minute mal ein Lehrbuch in die Hand nahmen und nur unter Druck lernten, für die waren solche unangekündigten Klausuren ein Fiasko. Sie zerkauten ihre Griffel und bekamen selten auch nur eine Aufgabe gelöst. Das bezeichnete dann Rosto als Arbeitsverweigerung. Nicht nur, dass die Hexenkinder eine Eins erhielten. Ein eiserner Ring mit einer Kette daran legte sich um ihre Hälse. An dieser Kette baumelten sie dann stundenlang an der vereinzelten Korkeiche vor der Schultür und über ihnen saßen die Geier und machten sich über die Hexlein lustig. Ab und zu ließen sie etwas fallen und die Aufgehängten wanden sich wie verrückt, um es nicht abzubekommen, denn Geierkot stank nicht nur, sondern war auch ausgesprochen ätzend. Davon bekam man üble Pusteln und eiternde Pickel. Zusätzlich war man dem Spott der anderen Hexen ausgesetzt, denn auch wenn sie vielleicht selbst das nächste Mal daran glauben mussten, brachten sie nie Mitleid mit der gerade Bestraften auf. Das Wort Solidarität existierte nämlich nicht im Sprachgebrauch der Hexen. Es grenzte an ein Wunder, dass stets alle Hexen Rostos Erziehungsmaßnahmen überlebten. Das sprach aber nicht für ihre Praktiken, sondern eher für die Widerstandsfähigkeit der Junghexen. Kein Wunder, dass Berlokuli nur mit Schrecken an ihre Schulzeit zurückdachte.
 
Heute war Rosto erstaunlich gnädig und beendete ihr grausames Spiel mit Berlokulis Hexenmädchen bereits nach knapp einer Stunde. Sie saßen nun, wieder mit ihren Knochen versehen, aber immer noch mit den Fischen im Mund und schmerzverzerrten Gesichtern, in den Schulbänken. Prüfend sah Rosto zu ihnen herüber und bemerkte den leeren Platz. „Da fehlt eine“, stellte sie mit einem scharfen Unterton fest und ihre Stimme klang wie eine Machete, die sich gerade einen Weg durch den Urwald schnitt. Mit ihrem gleichgültigsten Gesicht versuchte Berlokuli so beiläufig wie möglich zu erwähnen, dass ein Hexenmädchen wohl nicht durchgekommen sei. An sich war eine solche Mitteilung nichts Außergewöhnliches, denn bei den anderen Hexen gab es immer Ausfälle bei den Junghexen und nicht selten überlebte keine. Bei Berlokuli war es aber nicht alltäglich, denn bisher hatte sie immer alle Hexen durchbekommen.
 
Anscheinend völlig unbeteiligt lauschte Rosto den Ausführungen von Berlokuli, dass der Phönix das Ei im Sturm verloren hatte, morgens nachlieferte, sie völlig übermüdet vergaß, das Ei in den Käfig zu legen, weil sie auch annahm, dass es erst in der kommenden Nacht schlüpfen würde und dass sie abends beim wach werden die Eierschale gefunden hätte und zwar leer und weit und breit nichts von einer Hexe zu sehen gewesen war. Sie hätte das ganze Haus abgesucht, aber ohne Erfolg. Alles klang sehr plausibel und Rosto machte den Eindruck, dass sie die Geschichte Berlokuli abkaufte. Überwiegend war sie ja auch wahr, zum Beispiel die Ereignisse mit dem Phönix, was Berlokuli dann auch entsprechend überzeugend darstellen konnte. Na ja, und das bisschen Dazugedichtete fiel kaum ins Gewicht.
 
„Sehr schade! Du wirst dich dafür verantworten müssen“, gab knarrend Rosto von sich, als Berlokuli ihre Erzählung beendete. Und Berlokuli? Sie jubilierte innerlich und hatte große Mühe, ihre Erleichterung nicht zu zeigen. Klar! Sie müsste vor dem Hexenrat alles noch einmal wiederholen und würde eine Verwarnung erhalten. Aber davor war Berlokuli nicht bange. Das Leben der Junghexen zählte für die alten Hexen nicht viel und Berlokuli war nicht ein Fall bekannt, dass eine Hexe wirklich empfindlich zur Rechenschaft gezogen worden war, weil ein Hexenkind verschütt ging. Noch nicht einmal dann, wenn ziemlich deutlich war, dass bis zu einem gewissen Maße ein Vorsatz erkennbar war. Sie hatte nichts mehr zu befürchten, denn wenn sogar Rosto ihre Darstellungen schluckte, war mehr oder weniger alles in Sack und Tüten. Rosto erhob sich und stellte den Käfig in eine Ecke weg. Sie zögerte einen Moment, kam dann aber zu Berlokuli zurück, um sie zum Ausgang zu begleiten. Denn ohne Rosto konnte ja Berlokuli bekanntlich durch keine Tür gehen. Also schritten beide nebeneinander zur Schultür.
 
Plötzlich erhob sich im Schulzimmer ein gewaltiger Lärm und Rosto sagte kurz angebunden: „Moment! Ich muss kurz nach dem Rechten sehen!“ und verschwand. Offenbar waren die Hexenkinder dabei, den Raum zu Kleinholz zu verarbeiten, nachdem sie ohne Aufsicht blieben. Kurz darauf herrschte eisige Stille und Rosto erschien wieder. „Ich musste die Bazillen erst einmal etwas zähmen“. Bei diesem Satz entblößte sie breit lachend ihre tiefgelben Zähne. „Sie wollten gerade den Käfig zerlegen.“ Rosto liebte es, Begriffe aus der Medizin als Schimpfwörter zu benutzen. Damit meinte sie, ihre Bildung demonstrieren zu können, um Gesprächspartner leichter einzuschüchtern. Berlokuli benötigte damals als ihre ehemalige Schülerin nur sieben Stunden, um mit der soliden Allgemeinbildung eines noch nicht einmal achtmonatigen Hexenmädchen festzustellen, dass Rostos Wissensstand löchrig wie ein Edamer war und ihre Pseudobildung reine Schaumschlägerei. Aber Rosto besaß so etwas wie Bauernschläue und es war nie sehr klug, sie zu reizen. Ihr jetziges Lachen und ein unheimliches Funkeln in ihren Augen warnte Berlokuli. 
 
„Bleibe ruhig, Mädchen, noch zwei Meter bis zur Tür und du bist raus und frei“, beruhigte sie sich. „Sage einmal, Berlokuli, welcher Name stand eigentlich auf dem letzten Ei“, fragte Rosto ganz nebenbei Berlokuli beim Gehen. „Ich glaube, Josefine oder Joliannali, oder so ähnlich“ antwortete Berlokuli so beiläufig wie möglich, mit einem Fuß bereits auf die steinerne Schwelle tretend. „So genau habe ich mir die Eierschale nicht angeguckt.“
 
In diesem Moment betäubte ein Riesenknall Berlokulis Ohren und ein gewaltiger Sog riß sie zur Decke. Eiserne Ketten schlangen sich um ihren ganzen Körper, sodass sie kaum noch atmen konnte, und verhakten sich in den groben Deckensteinen. „Was soll der Quatsch, Rosto“, ächzte sie mühsam hervor, „lass mich gefälligst herunter.“ „Oh nein, meine Süße, du bleibst da oben, bis hier der Hexenrat eintrifft“, entgegnete ihr eine zynische Freundlichkeit heischende Stimme. „Lass dir die Zeit nicht lang werden, mein Schatz.“ „Was um Himmels Willen war geschehen?“ grübelte Berlokuli.
 
 
 
Die Feme
 
Berlokuli hatte große Angst, dass der Hexenrat erst in einigen Tagen erscheinen würde, denn die Ketten drückten ihr schwer in den Körper. Ihr größtes Bestreben galt nur, wieder so bald wie möglich festen Boden unter den Füßen zu gewinnen und sich frei bewegen zu können. Auf ihre Bedürfnisse würde aber der Hexenrat keine Rücksicht nehmen und sich endlos Zeit lassen, um sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien.Vermutlich würde sie Wochen an der Decke kleben, bis der Hexenrat zusammen käme, um vorher ausgiebigst ihre Qualen zu genießen. 
 
Sie versuchte noch, sich in eine bessere Lage zu bewegen, in der ihr die Ketten weniger Schmerzen zufügten, als sie mit grenzenlosem Erstaunen bemerkte, dass die Mitglieder des Rates wenige Stunden später am frühen Abend eintrafen. Eine neue Furcht keimte in ihr auf. Wenn es der Rat so eilig hatte, dann stimmte etwas nicht. Dann hatten sie einen ganz konkreten Verdacht. Was war nicht stimmig? Worüber war Rosto gestolpert? Berlokuli beeinträchtigten die Ketten nicht mehr. Sie wünschte sich fast, immer an der Decke bleiben zu dürfen, um Joliannali zu schützen.
 
Wortlos waren die Hexen des Rates unter ihr hinweggezogen, würdigten sie keines Blickes. Nicht einmal Rokur gönnte sich den Augenblick, sie hämisch anzublinzeln. Sofort eilten sie in die hinteren Säle der Schule. Was heckten sie da aus? Was besprachen sie? Was planten sie? Und Berlokuli wusste mit einem Schlag überdeutlich, dass Joliannali in höchster Gefahr schwebte. 
 
Es dauerte nicht einmal sieben Minuten, bis Rosto auftauchte, einen kurzen Spruch murmelte und Berlokuli zu Boden knallen ließ. Klirrend fiel sie in den Sand, der ihren Absturz wenig milderte. Die groben, großen Kettenglieder schnitten sich an ihrem ganzen Körper ein. Berlokuli spürte kaum die unzähligen blauen Flecke, Stiche, Druckstellen, Hautabschürfungen und blutende Wunden, die sie davongetragen hatte, so nervös und aufgeregt war sie, was sie erwartete.
 
"Lauf!" sagte Rosto hasserfüllt und Berlokuli stolperte mit den eisernen Fesseln einen langen, anscheinend nie endenden Flur ihr voran. Urplötzlich standen sie vor einer schweren Eichentür und Rosto befahl: "Halt!" Mit ihrem Zauberstab berührte sie die Tür, die sich augenblicklich öffnete und Berlokuli sah in einen, zu den ihr vertrauten Sälen in der Schule verhältnismäßig kleinen Raum. Überwiegend füllte dieses Zimmer ein wuchtiger halbrunder Tisch aus, hinter dem die Hexen des Hexenrates Platz genommen hatten. In der Mitte Rokur und deren eisiges Gesicht verhieß nichts Gutes. Alle trugen inzwischen über ihrer Kleidung kreischend rote Umhänge und auf dem Kopf schwarze spitze Hüte. Es waren die Gerichtsroben und Berlokulis Befürchtung wurde Gewissheit: die Feme tagte.
 
Kaum stand Berlokuli in der Mitte vor dem Tisch, fielen von ihr die Ketten ab. "Eine Vergünstigung" bemerkte Rokur lässig, "es soll nicht heißen, dass wir Geständnisse von Wehrlosen erpressen". Diese Äußerung war glatter Spott, denn Berlokuli wusste nur zu gut, dass sie mit oder ohne Ketten genauso hilflos gegenüber diesen Hexen war. "Und nun erzähle uns doch mal dein zauberhaftes Märchen über die Hexe, die dir angeblich flöten ging?" forderte Rokur mit süßlichem Ton Berlokuli auf.
 
Mit einem Mal war Berlokuli bis zu ihren Fußspitzen eiskalt. Haarklein und anscheinend völlig unberührt wiederholte sie die Geschichte, die sie bereits Rosto verklickert hatte. Nachdem sie ihre Ausführungen beendet hatte, hörte sie Rokur sagen: "Schön, schön!  "Und warum fehlte im Käfig das Bettchen? Du willst uns doch nicht plausibel machen, dass dein zahnloser, altersschwacher Kater oder dein völlig verblödeter Rabe die Kleine mitsamt Bett gefressen hat? Rosto entdeckte aber nur sechs Betten im Käfig. Und du selber erklärst uns, dass du das Ei überhaupt nicht in den Käfig gelegt hattest, sonst hätten es ja deine verlausten Hungerleider auch nicht erwischen können."
 
"Verdammt!", dachte Berlokuli, "Verdammt!" Das war es also, das fehlende Bett. Siedendheiß ging es ihr auf, dass sie selber Joliannali samt Bettchen in die Scheune gebracht hatte. Wieso hatte sie den alten Holzkasten nicht einfach im Hexenkäfig gelassen? So dringend benötigte ihr Hexenmädchen nicht diese Schlafstelle. Und wäre es dort geblieben, hätte es heute noch die Originalgröße, denn die Hexenbetten wuchsen nur bei Benutzung. 
 
Deshalb also hatte Munz so aufgeregt gewunken. Ihm war der wunde Punkt der Darstellung noch rechtzeitig aufgefallen. Wieso wollte sie auch um jeden Preis pünktlich eintreffen in der Hepe? Warum war sie nicht zurückgeflogen zu Munz, als er so auffällig gestikulierte? Weshalb musste sie auch immer so zuverlässig sein? Dankte man ihr es etwa? Berlokuli hätte sich selber dafür ohrfeigen können, dass sie immer so verflucht pflichtbewusst war. Sollte diese Eigenart, die die Menschen untereinander hoch schätzten, ihr jetzt das Genick brechen? Weswegen benahm sie sich nicht einfach hexischer?
 
"Verdammt!" dachte sie erneut, als sie aber laut ganz ruhig der Oberhexe antwortete, dass sie nie behauptet hätte, dass eins ihrer Tiere die kleine Hexe fraß. Das könne sie auch nicht aussagen, weil sie in diesem Falle anwesend gewesen sein müsste, um den Vorgang zu beobachten. Ferner entspräche es nicht dem Stil ihrer Haustiere, so etwas würden sie nicht tun. Sie seien gehorsam und folgten immer ihren Anweisungen. "Außerdem lasse ich mir nicht unterstellen, dass ich meine Tiere auf Hexenkinder jage" verteidigte sich Berlokuli empört und diese Empörung war keinesfalls gespielt. "Ich habe eine leere Eierschale gefunden, ein überzähliges Bettchen ist mir nicht aufgefallen und damit basta."
 
"Wir können deine Darstellung überprüfen lassen" entgegnete ihr Rokur gelassen. "Bitte, nur zu!", erwiderte Berlokuli und gleich darauf war sie aus der Sitzung entlassen. Sie wartete vor der Tür, man hatte ihr nicht einmal neue Ketten angelegt. Es würde also bald mit dem Verhör weitergehen. Kurze Zeit später nahm sie über dem Schulgewölbe ein gewaltiges Rauschen wahr. "Das müsste der Phönix sein", schoss es ihr durch den Kopf und fieberhaft durchforstete sie ihr Gehirn, ob der Phönix irgendetwas sagen könnte, was ihr oder Joliannali schaden würde. 
 
Es war wirklich der Vogel und Rosto geleitete ihn zum Sitzungszimmer an Berlokuli vorbei. Der Phönix sah ihr dabei lange in das Gesicht und seine Augen waren wieder tiefschwarz. Er begrüßte Berlokuli nicht und schritt majestätisch schweigend an ihr vorüber. War das für Berlokuli ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? "Was würde er sagen?" überlegte sie, könnte er sie in die Suppe hauen? Verdutzt stellte Berlokuli bei sich fest, dass sie inzwischen bemerkenswert kühl und beherrscht reagierte. Ihr Verstand arbeitete messerscharf und wurde nicht mehr von der Angst regiert. "Richtig, Berlokuli" ermutigte sie sich selber, "mache weiter so. Warten wir erstmal ab, was der König der Vögel wirklich aussagt und was die Hexen daraus machen. Lasse es einfach ganz gelassen auf dich zukommen und denke nur für die nächsten Minuten und nicht an Morgen."
 
Als Rosto sie in den Sitzungssaal rief, herrschte bei den Hexen hinter dem Konferenztisch eindeutig ein Durcheinander und Unstimmigkeiten. Kato, eine alte verschrumpelte Hexe mit gelbgrünem Gesicht und roten Augen starrte verärgert Berlokuli an: "Der Phönix erwartet von uns eine Entschuldigung, dass eines seiner Hexentöchter offensichtlich ums Leben kam und wünscht, dass wir dich verwarnen", knarrte sie missgelaunt. Ihrer Stimme war es eindeutig anzuhören, dass sie mit der Entwicklung dieser Sitzung wenig einverstanden war. 
 
Stinksauer klopfte Rokur unentwegt mit ihrem Zauberstab vor sich auf dem Tisch herum. Die Hexen liebten den Vogel nicht, denn sie liebten keine Kreatur, gleichgültig, wie herrschaftlich oder glanzvoll sie auch aussah. Und in diesem düsteren Raum hob sich der Phönix mit seinem goldenen und rotsamtenen Gefieder in seiner vollendeten Schönheit gewaltig ab und seine Krone erleuchtete in silbriggrünblauen Strahlen wohltuend das finstere Gewölbe. Berlokuli fühlte sich plötzlich sehr stark, allein die Anwesenheit des Phönix gab ihr Kraft und Mut.
 
Sie fühlte sich auch dadurch geschützt, weil sie erkannte, dass die anderen Hexen zwar nicht in Zuneigung für den Vogel ergriffen waren, aber ihn respektierten. Nicht einmal Rokur wagte zu widersprechen, aber hinter ihrer deformierten Stirn rumorte es mächtig, deutlich sichtbar auch für den, der sie nicht genauer kannte. Aus irgendeinem unbekannten Grunde für Berlokuli beugten sich die Hexen vor der Autorität dieses Vogels. Und das war Berlokulis Chance, ein klitzekleiner Strohhalm in ihrer Sache.
 
"Ich weiß, wie müde du am Morgen gewesen bist, als ich dir das letzte Ei brachte. Und mir ist es auch völlig bewusst, dass du eine anstrengende Nachtwache hinter dir hattest. Soweit zu deiner Verteidigung. Aber hatte ich dir nicht eindringlich geraten, es unverzüglich in die warme Stube zu tragen und in den Käfig zu seiner Sicherheit zu sperren?" fragte mit sanfter Stimme Phönix direkt Berlokuli. "So stimmte es zwar nicht" ging es ihr durch den Kopf, beeilte sich aber, sofort schuldbewusst zu nicken und verkniff sich jede Antwort. "Vertraue dem Phönix, laß ihn sprechen und alles wird gut" erklang eine leise Stimme aus Berlokulis Seele, die sehr der von Munz ähnelte. 
 
"Ich habe euch euer Leben gegeben. Wie geht ihr mit ihm um? Es ist eure Verpflichtung, etwas aus euch zu machen, etwas zu vollbringen, eure magischen Gaben zu nutzen. Ihr wurdet nicht dazu geboren, Leben zu vernichten, es wegzuwerfen oder durch Verantwortungslosigkeit oder Leichtsinn zu gefährden." mahnte nun der Phönix alle im Raum befindlichen Hexen und wieder zu Berlokuli: "du hast mich schwer enttäuscht, denn bisher hast du deine Aufgabe stets zuverlässig erfüllt. Darum verzichte ich auf eine Bestrafung und belasse es bei einer Verwarnung." Und setzte nach: "Wer weiß, wozu dein Fehlverhalten letztendlich gut ist."
 
Hatte Berlokuli da nicht ein Zwinkern in den Augen des Phönix entdeckt? Waren sie nicht für den Bruchteil eines Augenblickes wieder leuchtend goldbraun? Bevor Berlokuli sich daraus einen Reim machen konnte, drehte sich der Vogel abrupt ab und befahl Rosto, ihn zu entlassen. Diensteifrig eilte sie herbei und rannte vor ihm her, um ihm die Türen zu öffnen. 
 
Nachdem der Vogel das Zimmer verlassen hatte, senkte sich wieder die unheimliche Atmosphäre auf das Gemüt von Berlokuli. Sie fühlte sich unendlich einsam und traurig. Doch bevor sie ganz verzagen konnte, tauchte Joliannalis Bild vor ihr auf. Die Kleine lachte sie an und klatschte mit Begeisterung in die Hände. 
 
Sie ahnte, dass das Verhör weitergehen würde. Der Phönix hatte jedoch eindeutig zu ihren Gunsten ausgesagt. Und es gab dort ein kleines Mädchen, dass ihr vertraute und für die es sich lohnte, alles zu riskieren. "Nein, sie würde niemals klein beigeben. Sie würde niemals Joliannali verraten."
 
Mittlerweile stritten sich die Hexen über Berlokulis Schuld oder Unschuld und Rosto, die inzwischen zurückgekehrt war, mischte sich augenblicklich in das ganze Gekeife ein. Rokur schwieg. Kato ereiferte sich vorwurfvoll darüber, was sie alles zu Hause stehen und liegen gelassen hätte und was sie noch alles erledigen müsste, nur, um zu dieser außerplanmäßigen Versammlung zu fliegen, die doch völlig schwachsinnig sei. Denn schließlich gäbe es keinen stichhaltigen Beweis für Rostos Vermutungen. Rokur schwieg.
 
Ihr Schweigen fiel Berlokuli unangenehm auf. Es wäre das erste Mal gewesen, dass Rokur zu irgendeiner Sache nichts zu sagen hätte. "Nur, weil so ein kleines Drecksmonster verschwindet, klaut ihr mir meine Zeit?" fauchte, quer dabei über den Tisch spuckend, Kato nun speziell Rokur an. "Das ist doch wohl nicht euer Ernst, Himmelsakramento. Dir selber sind sämtliche Biester verloren gegangen, als sich Kork mit ihnen den Schnabel rot schminkte. Hast du das etwa vergessen? Also, was soll der Spuk hier?"
 
Sehr leise, kaum hörbar, antwortete die Angesprochene und augenblicklich war es in dem Zimmer still und die Hexen lehnten sich weit vor, um Rokur zu verstehen: "Wenn das Hexenkind Hirke, Jurka, Pruzza, Tekin, Wanka oder Zarko geheißen hätte, wäre es nicht zu dieser Verhandlung gekommen. Sie hieß aber Joliannali. Wenn diese bei einer anderen Hexe gemopst worden wäre, auch dann hätte niemand ein Eilgericht angesetzt. Es wäre eher die logische Konsequenz gewesen, sofort die Aufzucht einer Hexe zu verhindern, deren Name ein Albtraum ist und die vermutlich eines Tages die Schande für unseren gesamten Stand sein wird."
 
Ein widerlich gehässiges Gerassel, was entfernt an ein Lachen erinnerte, drang aus Rokurs sarkastischen Mund. "Aber ausgerechnet bei Berlokuli soll sich ein Hexenkind mit dem Namen Joliannali in Luft auflösen? Das glaube ich nie und nimmer. Gut, bei Kimoseli sind wir noch darauf hereingefallen, weil wir nicht wussten, was es bedeutet, wenn eine Hexe so einen langen Namen trägt, der mit diesem überaus albernen Li endet. Jeder anständige Hexenname besteht aus zwei Silben."
 
Es entstand eine kurze Pause, mit der Rokur anscheinend die Wirkung ihrer Worte verstärken wollte. "Hätten wir Kimoseli damals rechtzeitig gebremst und ihr nicht die Verantwortung für die Eiergelege übertragen", nun erhob sich Rokur, fixierte Berlokuli mit Augen, die an eine Schlange erinnerten, zeigte mit ihrem überlangen, spitzen Zeigefinger auf sie und schrie nun förmlich: "dann wäre uns auch diese Missgeburt erspart geblieben." Jetzt starrten alle Hexen Berlokuli an und murmelten und tuschelten zustimmend. Berlokuli schluckte.
 
"Auch, wenn der Phönix den ersten Teil der Geschichte von Berlokuli bestätigt" fuhr Rokur nun wieder gedämpfter fort, "glaube ich niemals an ein zufälliges Ableben ausgerechnet dieser Hexe namens Joliannali. Vielmehr denke ich, dass sie Berlokuli versteckt und uns entzieht, weil sie genau weiß, dass diese Junghexe genauso verdreht ist wie sie selber. Und wehe dir" und mit diesen Worten näherte sich Rokurs wutverfressendes Gesicht dem der Beklagten, "wir finden dieses Hexengör bei dir." Berlokuli kämpfte mit Unwohlsein, denn der abartige Mundgeruch von Rokur drehte ihr den Magen um. "Dann bist du auf Nimmerwiedersehen in Nikezuk" triumphierte Rokur, "und diesmal wird dir keine Kimoseli helfen. Ich werde nach deiner Verurteilung das größte Fest veranstalten, was jemals Hexen erlebten und von dem sie noch in hundert Jahren schwärmen werden. Denn ich wusste immer, dass dir das Zeug zu einer echten Hexe fehlt und das es ein gravierender Fehler war, dich frei herumlaufen zu lassen. Man hätte dich niemals aus Deleve herauslassen dürfen. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde du mich wirklich in dem Turm angegriffen hast. Aber du hast dich dort nie verändert. Wegen dir wurde ich damals im Hexenrat überstimmt und dafür wirst du jetzt büßen. Mich, Rokur, führt man nicht ungestraft hinter´s Licht." 
 
Hatte Berlokuli sich schon insgeheim erträumt, hier mit heiler Haut herauszukommen, zerstoben ihre Hoffnungen nun wie Schneeflöckchen im Winde. Rokurs Beitrag hatte der Gerichtsverhandlung eine für sie mehr als bedrohliche Wendung gegeben.
 
 
Merkuroxine
 
Man hatte Berlokuli in eine vergitterte Kammer abseits der Schulsäle gebracht. In einer Ecke war aus Steinen eine Art Bank gezimmert. Eigenartigerweise waren die Wände feucht und unaufhörlich tropfte es von der Decke in den bereits durchnässten Sand auf dem Boden. Es wimmelte überall von Spinnen. Man hatte ihr nicht einmal eine Decke mitgegeben, geschweige denn ein Kissen. Berlokuli überlegte, dass es hier eine Quelle geben müsste. Auch in der Wüste gab es Wasserstellen und Berlokuli hatte mal irgendwo gelesen, dass Kenner an bestimmten Stellen graben, um an unterirdische Quellen zu gelangen. Eigentlich war es ja sehr schön, mitten in der Wüste Wasser zu finden, allerdings störte es sie in dieser feuchten Höhle massiv. So kletterte sie auf die entlegenste Ecke des Steinbettes und kauerte sich dort zusammen. Es war der einzige halbwegs trockene Ort in diesem Verließ.
 
Den Zauberstab hatte Rokur ihr abgenommen, ebenfalls den Besen. Aber der hätte ihr hier nichts genutzt, denn er hätte wohl durch die Stäbe gepasst, aber nicht sie selber. Außerdem wären sie nie durch die Türen entkommen, die Rosto durch ihren Bann sicherte. Vielleicht hätte die Anwesenheit ihres Besen Berlokuli ein bisschen mehr Selbstvertrauen gegeben, weil sie etwas Bekanntes dabei gehabt hätte, etwas, was sie mochte. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was der Hexenrat weiter plante. Rosto hatte sie hierhin abgeführt und im Anschluss wollten sie beraten, wie sie weiter verfahren.
 
Berlokuli strengte ihre Gehirnzellen mächtig an, um irgendeinen Weg zu finden, wie sie Joliannali, Munz oder Krax warnen könnte. In dieser ausweglosen Situation kam ihr kein rettender Gedanke. Vielleicht vermissten die drei sie bereits? Oder Munz mit seinen feinen Sinnen ahnte, dass nicht alles glatt gegangen war? Wenn er nun Krax losgeschickt hat, um sie zu suchen. „Quatsch!“ Berlokuli verwarf die zart aufgekeimte Hoffnung. „Er käme nie durch die gesicherten Türen und wenn, säße er wie ich im Mauseloch fest.“ Die Höhlen der Schule waren die bestgehütete Festung, nicht einmal ein Floh hätte sie gegen Rostos Willen verlassen können. Auch da, wo Berlokuli noch im Besitze ihres Zauberstabes war, hätte ihr innerhalb des Schulgemäuers die raffinierteste Verwandlung nichts genutzt.
 
Es war sinnlos, sich den Kopf zu zermartern. „Drehe jetzt bloß nicht durch, Berlokuli. Die wollen dich weich kochen, zermürben. Dann hast du sofort verloren. Lenke dich ab. Denke an etwas, was dich interessiert und wo du nicht vor einer unlösbaren Aufgabe stehst. Denke positiv!“, dachte sie und gab sich recht. Aber an was sollte sie hier, in diesem feuchtkalten, dunklen Verließ denken, was dazu angetan sein könnte, ihre Stimmung aufzuhellen. Nicht einmal Gedanken an Joliannali, an ihren kupfernen Haarschopf und ihr glockenhelles Lachen konnte Berlokuli aus ihrer trüben Laune reißen, im Gegenteil. Denn dann kroch die Angst um das Hexenmädchen in ihr hoch und griff mit behaarten Spinnenbeinen nach ihrem Herz. Und Spinnen gab es hier auch so schon genug, sie musste diese Viecher nicht auch noch in ihre Gefühle lassen.
 
„Kimoseli!“ Wieder war dieser Name aufgetaucht. Was hatte Rokur gefaselt? Mit Missgeburt war sie gemeint, eindeutig, denn Rokur hatte auf sie gezeigt. Und Kimoseli war früher anscheinend für die Hexeneier zuständig. Und weshalb rief Rokur: „Dann bist du auf Nimmerwiedersehen in Nikezuk und diesmal wird dir keine Kimoseli helfen“. Wieso sollte ihr ausgerechnet eine Hexe helfen, die sie überhaupt nicht kannte? Immer wieder kreiste ihr der Gedanke durch den Kopf, aber sie konnte sich keinen Reim darauf machen. „Aber Kimoseli muss eine angenehme Hexe sein und ohne jede Falschheit oder Gemeinheit“ war ihr letzter Gedanke, als ihr die Augen zufielen. Die Aufregungen an diesem Tage waren zuviel und erschöpft schlief sie ein.
 
Die lästigen Spinnen, die überall an ihr herumkrochen, verschwanden hinter einem wunderbaren Traum, der jetzt ihre Wirklichkeit war und nicht mehr dieser elende Kerker. Sie sah eine wunderschöne Sommerwiese mit leuchtend gelben Butterblumen. Joliannali flog vor Vergnügen kreischend mit ihrem Besen und versuchte, im Flug Blumen zu pflücken. Bauz, dabei hatte sie einen Moment nicht aufgepasst und fiel hin. Ihre roten Haare im grünen Gras leuchteten in der Sonne wie Klatschmohn.
 
Berlokuli war hellwach und wischte sich eine fette Spinne aus dem Gesicht. Igitt, sie hasste Spinnen. Was hatte sie da eben geträumt? Joliannali hatte keine roten Haare, sondern rötliche mit einem intensivem kupfernen Schimmer. Aber diese Wiese war schön gewesen, hatte etwas Heimeliges. Aber irgendetwas beunruhigte sie an dem Traum. Wieder ließ sich eine dicke Spinne an ihrem Faden direkt über Berlokulis Gesicht von der Decke gleiten. Berlokuli schnippte sie weg und das Spinnentier landete vor der Steinbank.
 
„Du Riesentrampel“, schimpfte mit spitzer Stimme das Tier und sortierte seine langen, dünnen Beine. „Entschuldigung“, sagte Berlokuli, froh, mit irgendjemanden sprechen zu können, auch wenn es sich dabei um ein Lebewesen handelte, für das sie keinerlei Sympathie hegte, außer an feuchtwarmen Sommerabenden, wenn die Mückenplage überhand nahm. „Es tut mir leid, dass ich hier in euer Reich ohne mein Zutun gesperrt wurde. Aber warum müsst ihr ständig auf mir herumkriechen. Ich mag das nicht. Es ist eklig.“ Aus allen Ecken vernahm Berlokuli nun leise Protestrufe, aber die eben Weggeschnippte lenkte ein: „Schon gut! Wenigstens hat sie uns nicht zerquetscht oder versucht, zu zertreten, wie es Rosto genüsslich zu tun pflegt. Lasst sie in Ruhe. Wer von denen hier hereinkommt, hat bereits Kummer genug, auch ohne uns.“ Es erklang ein leiser Pfiff und sämtliche Spinnen krochen in einen Spalt in der Steinwand.
 
Sofort untersuchte Berlokuli diese winzig kleine Lücke. Eine sehr kleine, sogar für Berlokulis Geschmack hübsche Spinne blieb stehen. Berlokuli sah, dass sie aus allen Kräften schrie, aber an ihr Ohr drangen nur leise gehauchte Worte: „Du vermutest richtig. Dieser Weg führt über etliche Höhlen nach draußen und ist nicht gebannt. Aber du bist einfach zu groß für diesen Fluchtweg.“ Damit folgte sie den anderen Spinnentieren. Berlokuli versuchte mit den Fingernägeln die Öffnung zu vergrößern. Es war sinnlos. Riesige Steine umrahmten den Ausgang, gegen die ihre Finger machtlos waren. Und wieder übermannte sie Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Dieses Mal gelang es ihr nicht, die Tränen zurückzuhalten und ein Schluchzer nach dem anderen presste sich aus ihrer Brust.
 
Die kleine Spinne mit einem Kreuz auf dem Rücken, das aus Perlen zusammengesetzt schien, kam aus dem Ritz zurückgekrabbelt und sah lange mit ihren kreisrunden, hervorstehenden Augen Berlokuli an. Berlokuli, die die kleine Spinne als ihren letzten Gesprächspartner wieder erkannte, schnäuzte sich gewaltig. Die Anwesenheit dieses Tieres tröstete sie und es musste eine Kreatur sein mit viel Verständnis und Gutmütigkeit, sonst wäre sie nicht zurückgekommen. Berlokuli fühlte für dieses Wesen plötzlich tiefe Zuneigung und Dankbarkeit und hielt ihren Finger hin, damit der Winzling hinaufkrabbeln könnte. Sie erzählte ihr alles und redete sich dabei ihre Seele frei. Aufmerksam hörte ihr die Spinne zu. „Du hast ein Riesenglück, dass du deine Geschichte nicht Krokoroxus erzählt hast. Es ist ein böses Spinnentier und er wäre vermutlich sofort zu Rosto geeilt, um für einige Vergünstigungen sein Wissen feilzubieten. Es hätte ihn wenig dabei gestört, dass uns sonst Rosto nur nachstellt und wäre vermutlich dumm genug gewesen, zu glauben, eine Belohnung zu erhalten, bevor sie ihn platt haut. Allerdings hätte Rosto dann uns das erste Mal einen richtigen Gefallen getan.“ Und die kleine Spinne, die Merkuroxine hieß, erzählte ihr vieles aus der Spinnenwelt, was Berlokuli mächtig an die Hexengemeinde erinnerte.
 
„Nimmst du mich mit, wenn du hier herausgelassen wirst?“ fragte die Spinne, „einmal in meinem Leben möchte ich einen Wald mit tausenden Bäumen sehen“. Es wunderte schon Berlokuli etwas, wieso diese kleine Wüstenspinne eine Vorstellung von Wäldern hatte, denn es gab hier nichts Vergleichbares. Aber eigentlich hatte sie ganz andere Sorgen. Gutmütig willigte sie ein. Es würde ihr nichts helfen, aber wenn sie schon selber alle daheim ins Unglück gerieten, sollte diese kleine Spinne wenigstens ihr Glück finden.
 
Merkuroxine war keinesfalls dumm. Immer wieder fragte sie Berlokuli nach dem Traum aus und warum sie so plötzlich aufwachte. Es gab nichts Beängstigendes in dem Traum, aber er alarmierte Berlokuli. Dieser Traum hatte etwas mit ihr zu tun, dass fühlte sie sehr deutlich. „Warst du mit deinem kleinen Hexenmädchen jemals im Freien? Du hattest mir doch erzählt, dass sie stets in der Scheune blieb.“ Es stimmte haargenau, was Merkuroxine da sagte. Jetzt fiel es auch Berlokuli auf. Das Mädchen im Traum konnte Joliannali nicht sein, nicht nur, weil die Haarfarbe nicht stimmte. „Sage einmal Berlokuli, du hast mir jetzt soviel aus deinem Leben berichtet. Aber wo warst du als Hexenkind, bevor du zu Rostos Hepe kamst? Darüber hast du nichts, aber auch gar nichts erzählt.“ Diese Merkuroxine war eine ausgesprochen gute Zuhörerin. Ihrer Aufmerksamkeit entging nicht das geringste Detail. In Berlokulis Achtung wuchs sie von Minute zu Minute und sie bewunderte dieses winzige Wesen mit dem hellen Verstand.
 
Berlokuli kaute wieder auf dem Fingernagel des kleinen Fingers herum. Wie einen Film betrachtete sie ihr bisheriges Leben. Sie wollte, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. „Vielleicht ein Vergessenszauber“, stellte die Spinnendame sachlich fest, „vielleicht bist du mit einem Vergessenszauber belegt worden.“ „Was?“ entfuhr es Berlokuli grenzenlos verblüfft. Und Merkuroxine erklärte ihr ganz genau, dass nur die größten Hexen ihn beherrschten und dass er im Gegensatz zu den meisten anderen Zaubersprüchen nicht seine Wirkung nach sieben Stunden verlor. Er könne nur damit aufgehoben werden, wenn die betreffende Person sich an die Hexe erinnerte, die sie mit dem Zauber belegt hatte. Und sie müsste genau wissen, wann und wie sie den Bann erhalten habe.
 
Berlokuli bekam vor Erstaunen vorerst gar nicht den Mund geschlossen. Woher wusste diese kleine Spinne derart viel, auch aus ihrer Welt? Wie konnten in ihrem nicht einmal stecknadelgroßen Kopf so viele kluge Gedanken Platz finden? Und sie bedauerte zutiefst, dass sie erst jetzt Merkuroxine kennen gelernt hatte. Mit dem Lebensmut von Krax, mit der Weisheit von Munz und mit der Schläue von Merkuroxine wäre sie nie in diese missliche Lage gekommen.
 
„Woher weißt du das?“ stotterte sie verdattert. Und Merkuroxine erzählte ihr von einer Hexe, die sieben Jahre in diesem Loch als Rostos Gefangene hausen musste, weil sie ein kleines Hexenmädchen wie ihre eigene Tochter liebte. Und diese Hexe hätte ihr in der langen Gefangenschaft viel erzählt und beigebracht. Schließlich habe sie sich mit dem Vergessenszauber, den sie bei Rosto erfolgreich anwendete, befreien können. Sie wollte damals Merkuroxine mitnehmen, hatte es ihr fest versprochen, aber der einzige sichere Fluchtort war ein Land im ewigen Eis. Was sollte sie als Spinne an einem für sie so lebensfeindlichen Ort. Also blieb sie im Wüstengebirge.
 
Berlokuli war wie elektrisiert. „Wie hieß diese Hexe?“ fragte sie ganz aufgedreht, „bestimmt hast du ihren Namen erfahren“. „Kimoseli“, lautete die Antwort, mit der Berlokuli fest gerechnet hatte. Sie stand von ihrem steinernen Lager auf und lief in Kreisen in der kleinen Kammer herum, ungeachtet der Wassertropfen, die von der Decke nun auch auf ihre Haare und Kleidung fielen. Stundenlang marschierte sie so und bemerkte gar nicht, dass sie zunehmend nasser wurde. Lediglich über Merkuroxine hielt sie schützend die Hand, damit diese im Trockenen blieb. Sie schaffte es nicht mehr, sitzen zu bleiben, so regten sie diese Neuigkeiten auf.
 
Merkuroxine mahnte sie zur Ruhe. „Strenge dein Gehirn an, gehe systematisch alle Hexen durch, mit denen du es jemals zu tun hattest, versuche dich an jede Kleinigkeit im Umgang mit ihnen zu erinnern“. Aber Berlokuli fand nichts, was darauf deutete, dass eine der Hexen sie verhext haben könnte. „Was war in Deleve“, bohrte Merkuroxine weiter, „erinnere dich!“ Merkuroxine ließ nicht locker und so zwang sich Berlokuli dazu, intensiv an Deleve zu denken. Dort hatte sie es nur mit Rokur zu tun bei deren jährlichen Kontrollbesuchen. Obwohl sie dort so vereinsamt war, hätte sie auf diese Visiten gut verzichten können. Rokur machte ihr Angst und in ihrer Gesellschaft schnürte sich ihr Hals zu, dass ihr bange wurde zu ersticken.
 
Berlokuli wollte sich gerade auf andere Ereignisse konzentrieren, auf wesentlich angenehmere, als ihr mit Schaudern der erste Besuch von Rokur einfiel. Die Oberhexe nahm ihren Kopf, zog sie zu sich heran und hielt ihn in ihren langen, knöchernen Fingern einige Minuten, angeblich, um sie zu trösten. Zwangsweise atmete sie den Geruch dieser Frau ein, die nach altem Schweiß muffig und moddrig stank. Es war so furchtbar abstoßend, dass ihr schwindlig und ganz schwarz vor Augen wurde. Deshalb hatte sie diese Szene weit aus dem Gedächtnis verdrängt.
 
„Rokur war es, ganz genau in diesem Moment.“ Berlokuli war sich völlig sicher. „Rokur“, flüsterte sie und ihr fiel auch ein, dass diese sich an diesem Tage ausgesprochen schmierig freundlich verhielt, fast so, als würde sie um Freundschaft heischen. In Wirklichkeit hatte Rokur ihr ihre Erinnerungen an die Kindheit gelöscht. Wenn Berlokuli gekonnt hätte, hätte sie Merkuroxine am liebsten umarmt und geküsst. Das hätte aber leider der Winzling nicht unbeschadet überstanden. Aber Merkuroxine spürte auch so die überschwängliche Freude ihrer neuen Freundin und teilte sie ehrlich mit ihrem mitfühlenden Herzen.
 
Und im nächsten Augenblick wusste Berlokuli, dass das Mädchen aus dem Traum wirklich nicht Joliannali war. Sie war es selber. Kimoseli war mit ihr ausgeritten, hatte ihr diese wunderschöne Wiese gezeigt und als Dank wollte ihr Berlokuli die Butterblumen für einen Blumenstrauß pflücken, bis sie den unfreiwilligen Salto schoss und prustend vor Lachen im Gras liegen blieb. Und Kimoseli war besorgt zu ihr geeilt, doch als sie sah, dass das Hexenmädchen unversehrt war, lachte auch sie aus vollem Halse.
 
„Dann bist du, Berlokuli, ihre Hexentochter. Zum Abschied sagte noch Kimoseli, vielleicht ist es ein großer Segen, dass ich dich nicht mitnehmen kann, denn vermutlich wird eines Tages mein Hexentöchterlein auch hier landen und braucht deine Hilfe. Du bist also so etwas wie mein Patenkind“ ulkte Merkuroxine. „Lass dich ansehen. Na ja, ganz schön proper für das Patenkind einer Spinne.“
 
Berlokuli grinste, hörte ihr aber nur noch mit einem halben Ohr zu. Mit einem Male sah Berlokuli Kimoseli ganz deutlich vor sich, hörte ihre wohlklingende Stimme, fühlte ihre zärtliche streichelnde Hand auf ihrem Kopf. Nach ihrer allerersten Überraschung, nachdem sie Joliannali kennen lernte, hatte sie versucht, ihr Mädchen mit einem Abhaltezauber vor ihren Schwestern zu schützen. Obwohl Berlokuli zu diesem Zeitpunkt nichts von Kimoseli ahnte, hatte sie instinktiv das Gleiche wie sie getan. Auch Kimoseli beschützte dazumal das Hexenkind Berlokuli mit diesem Zauber. Tagsüber, wenn die garstigen Schwestern schliefen, streiften sie beide oft durch die Natur und Kimoseli zeigte Berlokuli, wie schön diese Erde sein konnte. Von ihr lernte sie das Stricken. Weil Berlokuli so gar nicht die Höllenburger mochte, bereitete ihr die Ziehmutter heimlich andere Speisen. Bratkartoffeln mit Sülze und Rahmsoße mochte Berlokuli am liebsten und diese Sülze besorgte sich Kimoseli ganz frisch extra von einem, man sollte es nicht glauben – von einem Kobold.
 
Sie hatte eine Kindheit. Sie besaß eine liebevolle Hexenmutter, die es trotz aller Schwierigkeiten und unmöglichen Schwestern erreichte, sie unbeschwert aufwachsen zu lassen. Sie war geliebt worden. Sie fühlte sich mit einem Mal reich, unermesslich reich. Und wie Schuppen fiel es ihr von den Augen, dass Rokur zwar eine der größten Hexen aller Zeiten war. Aber in ihrer Missgunst, Bosheit und Argwohn stellte sie eines der armseligsten Geschöpfe unter aller Sonne dar. Darum fürchtete und hasste sie Berlokuli.
 
Das Kerkerzimmer war weiterhin ungastlich. Kein Stein verschob sich, kein Fluchtweg bot sich und die Gitter gaben nicht nach. Aber Berlokuli fühlte sich plötzlich unverwundbar und stark. „Kimoseli“ murmelte sie vor sich hin, „irgendwann werde ich dich finden. Mit ewigem Eis kann eigentlich nur der Nordpol gemeint sein. Ich werde dich dort besuchen, mit Joliannali und meinen Tierfreunden. Wir werden siegen.“
 
„Es wird nicht einfach sein, Berlokuli“, mischte sich unaufgefordert Merkuroxine in deren Selbstgespräch ein. „Aber so gefällst du mir entschieden besser als vorhin. Zusammengekauert auf dem Steinbett und weinerlich lamentierend warst du ein richtiger Jammerlappen. Jetzt zeigst du Kampfgeist. Jetzt beweist du, dass du Kimoselis Tochter bist und ihr ebenbürtig. Denn eine Kimoseli hatte nie aufgegeben. Meine Freundschaft ist dir sicher. Ich nehme die Herausforderung an und werde dich allzeit begleiten, egal wohin. Auch wenn ich so unbedeutend und klein bin, werde ich alles aufbieten, um dich zu unterstützen, koste es, was es wolle“.
 
„Du bist zwar körperlich winzig, aber geistig eine Größe und von immenser Wichtigkeit für mich. Ich fühle mich aufrichtig geehrt, dass du mir deine Freundschaft anbietest.“ Kurz darauf hörten sie Rostos heranschlurfende Schritte und Berlokuli beeilte sich, ihre neue kleine Weggefährtin sicher in den Falten ihres Ärmels zu verstecken.
 
 
Ein sonderbarer Heimflug
 
Rosto befehligte Berlokuli in das Konferenzzimmer. Dort erwartete sie wie in der vorigen Nacht der Hexenrat. „Einen recht guten Abend“, flötete Rokur, „schön dich zu sehen. Ich hoffe, du hast den letzten Tag halbwegs gut verbracht und den verdienten Schlaf gefunden.“ „Danke der Nachfrage“, knurrte Berlokuli zurück. Wenn Rokur so liebsäuselnd wurde, heckte sie eine Gemeinheit aus, davon war Berlokuli überzeugt und sämtliche Sirenen schrillten in ihrem Kopf auf.
 
„Wir möchten uns bei dir entschuldigen. Da wir keinen Beweis erbringen können, dass du wirklich etwas mit Joliannalis Verschwinden zu tun hast, leisten wir Abbitte und entschuldigen uns bei dir. Lass uns über die peinliche Sache Gras wachsen“, säuselte Rokur ungerührt weiter. „Diese falsche Natter“ dachte Berlokuli. „Wann kommt sie endlich mit dem richtigen Ding heraus.“ Berlokuli brauchte nicht lange warten, denn wieder ergriff Rokur das Wort: „Wir sollten den Anlass feiern, dass wir wieder Vertrauen zueinander gefunden haben. Sieh, Berlokuli, wir kennen uns nun so viele Jahre. Und manchmal habe ich mir überlegt, dass du meinen könntest, dass ich irgendeine Abneigung gegen dich hege. Bin ich nicht sogar zu dir nach Deleve gekommen und habe mich um dein Wohlbefinden gekümmert?“ Es kostete Berlokuli viel Beherrschung, nicht Rokur anzuschreien „Ja, um mir meine Kindheit zu klauen!“ Aber Merkuroxine war inzwischen von ihrem Ärmel innen an der Kleidung hoch gekrochen und hatte den Weg in Berlokulis Ohrmuschel gefunden. „Klappe halten“, schrie sie Berlokuli in den Gehörgang, diesmal überdeutlich laut, „lächle, lächle einfach! Los komm, rechter Mundwinkel nach oben, Marsch, linker Mundwinkel nach oben, Marsch und so die Stellung halten, zack zack!“ Berlokuli tat wie befohlen, aber auch deswegen, weil sie über  Merkuroxine grinsen musste, die gerade Qualitäten als General entwickelte. Und während Berlokuli die Oberhexe leicht blöde angrinste, entdeckte sie überrascht das erste Mal, dass die auch verunsichert werden konnte.
 
„Sieh, meine Liebe“, und Rokurs Stimme klang bei weitem nicht mehr so selbstsicher, „solltest du denken, dass ich dich nicht mag, irrst du. Ich meine es doch nur gut mit dir.“ Oh, dieser Satz: „Ich meine es doch nur gut mit dir“, brachte Berlokuli zum Kochen. Stets hörte sie ihn von Rosto, Rokur oder anderen Hexen, bevor sie sie in die Suppe hauten. Mit diesem Satz läuteten sie prinzipiell ihre Gemeinheiten ein. Berlokuli mühte sich redlich um Fassung, konnte aber nicht verhindern, dass ihr siedendheiß wurde und ihre Gesichtsfarbe in ein leuchtendes Rot wechselte. „Alarm! Alarm! Los, sage ihr: „Ich weiß deine Güte zu schätzen“, brüllte die kleine Spinne aus vollem Halse. „Ich weiß deine Güte zu schätzen“, wiederholte mechanisch Berlokuli. „Du beschämst mich mit deiner unendlichen Gnade“, soufflierte Merkuroxine weiter. „Du beschämst mich mit deiner unendlichen Gnade“, sagte Berlokuli etwas beherrschter und nagelte ihre Mundwinkel innerlich fest. Rokur zuckte etwas vor Berlokulis anscheinend versteinertem Gegrinse leicht zurück. Es war ihr nicht geheuer und Berlokuli hörte bei ihrer weiteren Ansprache eine kleine Unsicherheit heraus: „Damit du erkennst, dass wir dir nichts mehr nachtragen, haben wir beschlossen, dich nach Hause zu begleiten und als Gäste bei dir einzukehren.“ „Welch eine Ehre“, rief Merkuroxine, „Sag: Welch eine Ehre! Und vertraue auf dein Glück.“
 
„Welch eine Ehre“, sagte Berlokuli und: „Welch eine Ehre und vertrauen auf mein Glück.“ „Wie bitte?“ fragte entgeistert Rokur. „Na, auf mein Glück vertrauen, dass der Haushalt in meiner Abwesenheit nicht so weit gelitten hat, dass sich Ihro Durchlaucht nachher nicht richtig wohlfühlen bei mir. Wenn sie schon so großzügig sind, mich zu besuchen, möchte ich natürlich dazu beitragen, dass der Hexenrat auf den gewohnten Komfort nicht verzichten muss.“ Eine Spinne rutschte nach diesem Schreck ermattet in sich zusammen und griff sich gleichzeitig mit acht Armen an den Kopf. Auch wenn Berlokuli den Winzling nicht sah, war ihr völlig bewusst, dass Merkuroxine fassungslos zusammenbrach, als sie den Teil des Satzes leicht verändert wiederholte, der nur für sie bestimmt war. Aber schließlich war sie nicht ganz doof und ein wenig Schlagfertigkeit durfte die Spinne ihr auch zutrauen.
 
Rokur musterte Berlokuli von oben bis unten. Von dieser Hexe war sie Zynismus nicht gewöhnt. Berlokuli wirkte auf sie auf geheimnisvolle Art verändert. Und Rokur war eine Hexe, die eine Gefahr meilenweit roch. Aber sie war sich ihrer Sache zu siebenhundert Prozent sicher und wollte sich jetzt keine Blöße geben mit einem Rückzieher. „Gut, dann bereiten wir die Reise zu dir vor und bedanken uns für deine Einladung“, bemerkte sie abschließend in geschäftsmäßigen Ton und Berlokuli war aus der Versammlung entlassen.
 
Für Berlokuli lag Rokurs falsches Spiel auf der Hand, denn sonst hätte sie ihr Zauberstab und Besen ausgehändigt und sie wäre nicht wieder zurück in das Verließ gewandert. Nervös warteten Merkuroxine und Berlokuli darauf, dass sie nun abflögen, aber vorerst geschah nichts. Sie konnten nichts anderes tun, als die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Merkuroxine war erleichtert, als Berlokuli endlich wenigstens für einige Stunden, wenn auch sehr unruhig, schlief und sorgte dafür, dass die anderen Spinnen sie nicht störten. Erst am nächsten Abend erschien wieder Rosto und führte die Beiden hinaus. Berlokuli erhielt ihren Besen zurück, ihren Zauberstab verwahrte Rokur, damit sie ihn nicht versehentlich im Getümmel verliere. Und Berlokuli war inzwischen so abgebrüht, dass sie ihr für die Fürsorge brav dankte. Inzwischen hatte sie Gefallen daran gefunden, die so von sich überzeugte Hexe zu verunsichern. Außerdem – was hatte sie schon zu verlieren? Nikezuk wartete so oder so auf sie.
 
Doch als sie endlich aus dem Schulgemäuer trat, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen: Nicht nur die sieben Hexen des Hexenrates standen vor der Hepe, sondern der Platz war voll von Hexen. „Das ist aber nett, dass du uns einlädst“ oder so ähnlich schallte es ihr aus hunderten Kehlen zynisch entgegen. Für einen Moment drohte Berlokulis Herz still zu stehen. „Ruhig, ganz ruhig bleiben“, bemerkte Merkuroxine, die sich wieder in Berlokulis Ohr niedergelassen hatte, damit diese sie akustisch verstehen konnte. „Sie wollen dich nur einschüchtern. Vielleicht ist alles nur Theater.“ Insoweit war das Aufgebot der Hexen kein Theater, als dass sie sich hier nur versammelten, um sie zu erschrecken, denn alle Hexen waren reisefertig. Daher hatte sie also so lange auf den Abflug warten müssen, weil der Hexenrat die Zeit benötigte, die Hexengemeinde zusammen zu trommeln.
 
Es war ungemütlich in der kalten Abendluft vor der Hepe. Nicht nur, weil ein frischer Wind blies und den feinen Sand aufwirbelte, der sich überall festsetzte und sogar auf den Zähnen knirschte. So viele bösartige Charaktere zusammen auf einem Fleck verbreiteten eine üble Atmosphäre, die einem empfindsamen Wesen wie Berlokuli schwer auf die Stimmung drückte. Dennoch fühlte sie sich fast so etwas wie erleichtert, als sie auf den Besen aufsetzen durfte.
 
„Versuche nicht auszubrechen“, mahnte Merkuroxine, „es sind zu viele Hexen da. Da kommen wir nicht weit. Bleibe vorerst im Pulk. Setzt du dich an die Spitze, legen sie es dir als Fluchtversuch aus. Darauf warten sie nur, eine Treibjagd mit dir zu veranstalten und dich zu Tode zu hetzen.“ Berlokuli verwarf wieder ihre aufgekeimten Fluchtgedanken, denn sie musste ihrer kleinen Spinne Recht geben. Auf ein Zeichen von Rokur hin setzte sich der eigenartige Tross in Bewegung. Eine nach der Anderen stieß sich, auf dem Besen sitzend mit den Füßen vom Boden ab und schwang sich in die Lüfte. Interessiert sahen den Hexen die Geier zu. So einen Hexenaufmarsch hatten sie auch noch nie zu Gesichte bekommen. Man darf auch nicht annehmen, dass der ganze Spuk lautlos und geordnet ablief, obwohl die Kreaturen der Nacht doch eigentlich dafür eher bekannt sind. Die Hexen kicherten, kreischten, rülpsten, jammerten, sangen, was man so singen nennen kann, fluchten, zankten. Und für manche endete bereits der Flug, bevor sie überhaupt abgehoben hatte, weil sie von einer Mithexe umgerempelt oder rücksichtslos niedergetrampelt wurde oder ihr eine andere aus Schabernack von hinten den Besen wegzog, woraufhin es unweigerlich zu Prügeleien kam. Rokur und Rosto hatten alle Hände voll zu tun, die Streitdrosseln zu trennen, bevor diese ihren Zauberstab zückten und gegeneinander richteten. Berlokuli beobachtete allerdings sehr genau, dass Rokur sie dabei keine Sekunde aus dem Blickfeld verlor.
 
Rosto blieb in der Schule. Sie konnte die Hexenkinder nicht alleine lassen und sammelte nun die Hexen ein, die den chaotischen Abflug nicht unversehrt überstanden hatten. Als Berlokuli bereits etliche Meter nach oben zurückgelegt hatte, drehte sie sich noch einmal um und sah zurück zur Hexenschule. Sie erkannte Rosto, die wie eine angestochene Tarantel auf dem Platz vor der Hepe hin- und herlief und versuchte, die Kampfhähne auseinander zu bekommen. Zirka siebzig Hexen schlugen im Knäuel wild aufeinander ein. „Das geht gut für uns an“, murmelte Berlokuli vergnügt vor sich her, „die ersten Hexendamen haben sich aus der illustren Runde verabschiedet“. „Was faselst du da“, erklang plötzlich Rokurs eiskalte Stimme neben ihr. Vor Schreck hätte Berlokuli beinahe ihren Besen verrissen. „Ich habe mir einen Witz erzählt“ entgegnete sie dennoch seelenruhig. „Das mache ich immer so auf Reisen, damit mir die Zeit nicht zu lang wird. Verstehe: Langeweile auf längeren Strecken schmälert die Aufmerksamkeit immens und die Konzentration baut sich im Verhältnis der Wegezeit mal Reisegeschwindigkeit proportional zur –.“ „Genug“, herrschte sie Rokur an, die keine Lust verspürte, einem Vortrag von Berlokuli über das Reisen zu lauschen. „Nimm dich in Acht!“ verwarnte sie noch Berlokuli, als sie pfeilschnell wieder zum Anfang des Zuges flog, weil sich dort gerade Hexen gegenseitig versuchten, die Spitzenposition streitig zu machen. Jede wollte als Erste fliegen. Da wurde die Flugbahn nicht mehr eingehalten, denen, die zum Überholen ansetzten, der Weg abgeschnitten, an den Besen herumgezerrt, herübergelangt, geschlagen, getreten und immer wieder kam eine der Hexen mit ihrem Besen ins Trudeln und drohte abzustürzen.
 
Merkuroxine schüttete sich in Berlokulis Ohr schier vor Lachen aus. „Das war aber eben knapp. Diese Rokur erscheint ja wie ein Gespenst aus dem Nichts. Aber schlagfertig bist du, dass muss man dir lassen. Bei Gelegenheit erklärst du mir mal deine mathematische Reiseformel. Man lernt ja schließlich nie aus.“ Und nach diesem Satz schien Merkuroxine vor Lachen zu explodieren. „Halt dich lieber ordentlich fest, du Kichererbse, damit du nicht unterwegs verfrüht aussteigst“, raunte Berlokuli grinsend Merkuroxine zu, „wir haben keinen Fallschirm an Bord.“ „Ich mit meinem Spinnenfaden eher als du. Also beachte genau deine Reiseproportionen“ prustete Merkuroxine los, „sonst stimmt in der Endabrechnung das Produkt nicht“. Und Berlokuli hätte beinahe den Kopf über das alberne Ding in ihrem Ohr geschüttelt.
 
Rokur traute sich mit diesem Haufen nirgends zu rasten. War sie an der Spitze des Zuges, gab es hinten Ärger. Schaffte sie hinten Ordnung, flippten die Hexen in der Mitte oder vorne aus. Unentwegt umrundete sie die mitfliegenden Hexen mit mehr oder weniger Erfolg. Auf jeden Fall wurde sie zunehmend mit der Organisation des Fluges überforderter und reagierte immer gehetzter und hysterischer. Je mehr sie sich dem Meer näherten, umso kräftiger blies der Wind aus der Wüste. Über den Küstenstädten war er bereits zum Sturm angeschwollen. Auf dem Meer hatte er Orkanstärke erreicht und peitschte riesige Wellen auf. Berlokuli kannte derart Unwetter. Sie liebte das Meer, unterschätzte es aber auch nicht. Das friedliche Wetter auf dem Hinweg war eher die Ausnahme. Sogleich lenkte sie ihren Besen höher und augenblicklich folgte ihr Rokur. „Wo willst du hin“ herrschte diese Berlokuli an. „Na hör mal“, gab entrüstet Berlokuli zur Antwort, „bemerkst du nicht die Wetterlage? Ich fliege höher, um nicht von einer Riesenwelle erwischt zu werden und unterzugehen. Oder beabsichtigst du, deine Gastgeberin zu ersäufen?“ Um Rokurs Lippen zuckte es verräterisch, aber ihr verblieb keine Zeit, etwas zu entgegnen. In dem kurzen Augenblick, den sie Berlokuli widmete, war unter ihnen das absolute Chaos ausgebrochen. Gleich Dutzende von Hexen stürzten ab und weil sie nicht einmal im Sturzflug, also in höchster Gefahr, voneinander abließen und sich weiterhin hasserfüllt bedrängten, plumpsten sie wie Steine in die Wellen. Rokur verwandelte ihren Zauberstab in eine neunschwänzige Katze und peitschte damit ihre Hexenschar in eine höhere Flugbahn.
 
Berlokuli, angesichts der eigenen vertrackten Lage, konnte kaum so etwas wie Mitleid mit den Ertrunkenen aufbringen. Denn jede abgesoffene Hexe war in erster Linie für sie eine gute Hexe, konnte die doch so nicht mehr sie oder Joliannali angreifen. Aber das Gegröle, das die anderen Hexen anstimmten, wenn es wieder ein Opfer unter ihnen gab, stieß sie zutiefst ab. Diese Schadenfreude war einfach nur widerwärtig und abartig und zeugte von dem geringen Respekt, den ihre Mitreisenden grundsätzlich vor dem Leben hatten. Abgesehen davon, dass es auch unglaublich dumm von ihnen war, es zu bejubeln, dass sich die Reihe der Angreiferinnen stetig lichtete.
 
Die Hexen überquerten nun wieder festes Land. Der Mond schien, der Himmel war sternenklar und der Wind hatte sich gelegt. Abgesehen von einigen wenigen Nebelfeldern herrschte bestes Flugwetter mit einer guten Sicht. Direkt vor ihr bekamen sich zwei Hexen so in die Haare, sodass sie nicht mehr auf ihre Flughöhe achteten. Krachend klatschten sie gegen einen Fahnenmast und die Wetterfahne eines hohen Hauses, bevor Berlokuli noch „Passt auf!“ schreien konnte. Es würgte sie, als sie sich kurz umsah und die aufgespießten Leiber dieser Hexen erblickte. „Sage mal, bist du total bescheuert, Berlokuli“, schimpfte Merkuroxine nicht ganz grundlos, „vielleicht warnst du noch diese Furien. Es ist ihre Sache, wenn sie so leichtfertig ihr Leben aufs Spiel setzen, du trägst dafür nicht die Verantwortung. Wenn sie sich gerne gegenseitig umbringen möchten, dann bitte, lass sie. Wenigstens richten sie dann nicht ihre Aggressionen gegen uns.“ Berlokuli wusste, dass Merkuroxines Ansichten nicht von der Hand zu weisen waren, aber sie konnte einfach nicht über ihren Schatten springen. Und als eine andere Hexe begann, der davor Reitenden kurz vor einem Berggipfel Reisig aus dem Besen zu zupfen, womit der Besen unter Umständen seine Lenkbarkeit verlor, schrie wieder Berlokuli laut: „Vorsicht!“ Verblüfft sahen sich beide Hexen nach ihr um. Sie konnten es nicht fassen, dass ausgerechnet Berlokuli, gegen die sie doch auf Kriegspfad waren, sich um ihre Sicherheit bemühte. Wieder rief Berlokuli „Vorsicht!“ und die Beiden sahen sich verdutzt an und starrten dann wieder staunend zu Berlokuli hinüber. Platsch! Das war der Berg. Es soll ganz Allgemein von Vorteil sein, wenn man beim Fliegen nach vorne guckt.
 
„Sehr gut“, lobte Merkuroxine, „sehr gut! Langsam setzt du deine Fähigkeiten echt effektiv ein. Gratuliere!“ Berlokuli drehte es den Magen um die Leber, die nun miteinander Polka tanzten. Und in ihr nagte das schlechte Gewissen. Hätte sie die Eine nicht gewarnt, würde sich zwar jetzt ihr Besen schwerer fliegen lassen, aber sie hätte es vielleicht hingekriegt. Und hätte sie das zweite Mal den Mund gehalten, hätte sie nicht deren Aufmerksamkeit auf sich gezogen und sie hätten das Hindernis rechtzeitig erkannt. „Hätte, hätte, hätte! Berlokuli, passiert ist passiert. Das sind erwachsene Hexen gewesen. Die wollen keinen Babysitter mehr. Du hast gegen deine eigenen Interessen versucht, Unheil von ihnen abzuwenden. Was sie ursächlich aber selber heraufbeschworen haben. Oder hast du ihnen gesagt, dass sie sich die Besen beschädigen sollen? Hast du ihnen etwa geraten, dich hirnlos anzustarren, anstatt deine Warnung Ernst zu nehmen. Deine Skrupel in Ehren, Berlokuli, aber du musst endlich der Wahrheit ins Auge schauen: Solche rachsüchtigen, kleinkarierten, missmutigen, unbarmherzigen Seelen sind zur Engstirnigkeit verurteilt. Aber Intoleranz ist die Schwester der Dummheit. Bei allen guten Geistern, du bekommst sie nicht mehr erzogen, sieh das endlich ein. Und ohne dein Zutun hätten sie sich weiter gegenseitig schikaniert und wären dadurch mit Sicherheit in den nächsten Gipfel gerast.“ „Ja“, dachte Berlokuli, „ich bin nicht ihre Erzieherin“. Aber ein fader Geschmack blieb bei ihr zurück. Es waren aber nicht die letzten Hexen, die durch ihren Übermut verunglückten, ganz ohne Berlokulis Einwirken. Aber als sie die Fichten, Kiefern, Birken und jahrhundertealte Eichen entdeckte, die zu dem Wald gehörten, hinter dem ihr Haus lag, drückten sie ganz andere Sorgen.
 
Nun zwang Rokur die Hexen, so niedrig wie möglich knapp über den Baumwipfeln zu fliegen, damit sie von Berlokulis Haus aus nicht gesehen werden, denn es stand ja als einzelnes Gebäude auf einem Berg. „Sie werden versuchen, dich vorzuschicken, damit Joliannali dich als Erstes sieht und sie denkt, dass alles in Ordnung ist. Sie bauen darauf, dass sie dir entgegenläuft und sofort haben sie sie ohne weitere Mühe. Versuche das zu verhindern, Berlokuli“, stotterte Merkuroxine vor lauter Aufregung.
 
Kaum erblickten die Hexen Berlokulis Haus, verstummten sie. Die ganze Reise über hatten sie sich wie tollwütige Kojoten benommen, aber Berlokuli überwiegend in Ruhe gelassen. Jetzt aber einte sie das gemeinsame Unternehmen, Berlokuli grundsätzlich fertig zu machen und diese unbekannte Hexe, die angeblich ebenfalls gutherzig sein sollte, zu fangen. Schweigend und diszipliniert folgten sie Rokurs Anweisungen und bildeten etwa siebzig Zentimeter über den Boden in siebenhundert Metern Entfernung einen Kreis um Berlokulis Haus. Wie erstarrt hingen sie auf ihren Besen in der Luft, aber ihre gespannten Gesichtsmuskeln verrieten ihre Gier nach Blut und tückisch glänzten die glasigen Augen, die jeden einzelnen Grashalm absuchten nach einem möglichen Opfer. 
 
Berlokuli versuchte, sich dicht hinter Rokur aufzuhalten. Gemäß der Warnung von Merkuroxine wollte sie auf keinen Fall als Erstes und alleine von ihren Lieben daheim gesehen werden. Sie spähte zu ihrem verwinkelten, leicht schief gebauten Hexenhaus herauf, dass langsam, fast lautlos von den mitgereisten Hexen als drohende Schatten eingekreist wurde. Am Waldesrand hoben sich die Silhouetten der Hexen kaum von den Bäumen ab, als würde der Wald sie schlucken.
 
Aber ihr Haus schien die Bedrohung nicht zu spüren, der Mond hüllte es in sein sanftes Licht ein wie immer und spiegelte sich verspielt in den Butzenfenstern. Sanft glänzten die Biberschwänze auf dem Dach und aus dem Schornstein quoll weißer Rauch wie eine Säule gegen den Himmel. „Aha, Munz hat eingeheizt“, ging es Berlokuli durch den Kopf und schalt sich sogleich einen Narren, denn schließlich war eine warme Stube momentan das Unwichtigste auf der Welt. „Moment!
 
Es ist zwar schon November, aber so mild, wie noch nie“, fiel es plötzlich Berlokuli ein. Normalerweise gab es Anfang November große Herbststürme und nachts die ersten Minusgrade, aber die erträglichen Temperaturen, die sie schon auf dem Hinweg zur Hepe verwöhnten, hatten gehalten. Diese Nacht war sternenklar und es kühlte sich nicht mehr ab wie in einer frischeren Sommernacht. Sie geizte immer mit dem knappen Heizmaterial, damit es möglichst ein einziges Mal wirklich über den gesamten Winter reichte. In so einer verhältnismäßig lauen Nacht hätte sie sich abends einen dicken Wollpullover übergezogen, aber nie den Ofen angeschürt und Munz auch nicht. Der Anblick der Rauchfahne stimmte plötzlich Berlokuli zuversichtlich. Munz hatte ihr ein Zeichen gesetzt.
 
Kaum merklich zog sich der Kreis der Hexen enger, glitt knapp über den Boden den Berg hinauf. Berlokuli beobachtete das Anschleichen der Hexen auf ihren Besen sehr aufmerksam. Die vor dem Wald und vor dem Dorf sind schwer auszumachen, überlegte sie, aber die Hexenweiber vor den Bergspitzen im Osten und im Westen, wo der See im Mondlicht funkelte wie ein Edelstein, da hoben sich die Hexen wie ein Schattenbild scharf ab. Allerdings erkannte man immer mehr Details von ihnen. Denn obwohl der Mond noch immer am Himmel stand, wurde sein Licht blasser und blasser und im Osten kündigte ein hellroter Streifen am Horizont die Sonne an. Sie hatten sich fast auf siebzig Meter dem Haus genähert, als sie auf ein Zeichen von Rokur hin wie durch Geisterhand alle gleichzeitig stoppten. Unter einer riesengroßen Trauerweide versammelte sich der Hexenrat, um die weitere Vorgehensweise zu planen.
 
Auch der Rat war dezimiert. Rosto kümmerte sich um ihre Schule, zwei Ratshexen waren in das Meer gestürzt, als sie miteinander alte Rechnungen begleichen wollten und eine hatte zu spät einen Strommast gesehen. Von den weit über siebenhundert Hexen, die sich in der Hepe trafen, war vielleicht gerade die Hälfte hier gelandet, schätzte Berlokuli grob über den Daumen. Aber die schnürten dicht an dicht wie aufgefädelt den Kreis um ihr Haus immer enger. Berlokuli fiel es auf, dass sich inzwischen einige Hexen die Augen rieben oder gähnten. Die ganze Nacht waren sie unterwegs gewesen, ohne eine einzige Pause zu machen. Sie waren gewohnt, tagsüber zu schlafen und die Zuordnung und Entschlossenheit im Hexenring nahm sichtbar ab.
 
Der Hexenrat tagte fast eine gesamte Stunde. Offenbar konnten sich nicht einmal diese drei Hexen einigen und nutzten ihre Zusammenkunft in erster Linie dazu, sich gegenseitig anzupöbeln. Die Sonne kletterte langsam am Horizont hoch und tauchte die gespenstige Szenerie in ein rotes Licht. Nebelschwaden breiteten sich vom Fluss und vom See aus und verteilten sich bis zum Fuße des Berges. Der Kreis der Hexen wurde immer eiriger und bekam Lücken. Als Rokur endlich von der Trauerweide zurückgeflogen kam, die ohne ihre Blätter wirklich traurig aussah, flog sie an der Hexenkette vorbei und rief den Hexen etwas zu, was Berlokuli aus dieser Entfernung nicht mitbekam.
 
Berlokuli war sich sicher, dass sie jetzt die letzten Instruktionen für den Angriff erteilte. Sie merkte, wie ihre Handflächen feucht wurden und sich ein dicker Kloß in ihrem Halse bildete. Sie sah zu ihrem Haus hinüber. Dort hatte sich nichts verändert, außer, dass Munz inzwischen lang ausgestreckt auf der Bank lag. Berlokuli verstand nicht, warum er nicht zu ihnen herüber sah. Munz hatte gute Augen und ein noch besseres Gehör, gerade in der Nacht. Er hätte sie längst wahrgenommen haben müssen. Wollte er ihr irgendetwas signalisieren mit seiner Gleichgültigkeit?
 
Rokur hatte nun fast alle Hexen abgeklappert und näherte sich ihr. „Sagt sie mir jetzt, dass ich vorausfliegen soll“, überlegte Berlokuli. „Wie soll ich mich dann verhalten?“ Die Angst stand ihr deutlich im Gesicht, als Rokur vor ihr stoppte und laut zu den Hexen rechts und links von Berlokuli rief: „Für heute reicht es, Mithexen. Wir machen einen Rückzug und lagern an dem Punkt, wo wir den Kreis bildeten. Die Kreisformation bleibt erhalten, um jeglichen Fluchtweg abzuschneiden. Abends stürmen wir dann“, ihr Blick traf auf Berlokuli und ihr Gesicht verzog sich zu einer zynischen Fratze, die wohl ein Lächeln darstellen sollte, „ich meine natürlich, abends werden wir dann unsere allseits geliebte Hexe Berlokuli besuchen, die uns ja so nett eingeladen hat.“ Das Echo auf Rokurs Ansprache war sehr unterschiedlich. Es gab Gelächter, Proteste und wütendes Gemurmel, andere Hexen wiederum nahmen die Ankündigung erfreut und erleichtert auf. Berlokuli hatte Mühe, das Gesagte nicht nur zu verstehen, sondern auch zu kapieren. Doch auf dem Rückflug spürte sie, wie sich ihr Körper entkrampfte und ihr Blut wieder gleichmäßig durch die Adern pochte.
 
Am Ausgangspunkt landeten sie auf dem Boden. Einige der Hexen fielen eher vom Besen als das sie abstiegen oder blieben erschöpft einfach auf ihm sitzend auf der Wiese liegen. „Unsere Henkersfrist?“ fragte Merkuroxine in Berlokulis Ohr. Inmitten der Hexen konnte ihr Berlokuli natürlich nicht antworten, aber sie nickte auch nicht. Zu Merkuroxine Verwunderung schüttelte Berlokuli unmerklich den Kopf. Sie wusste nicht, was Munz ausheckte, aber sie war sich ganz sicher, dass er einen Ausweg glaubte gefunden zu haben. Er war klug, auf ihn konnte sie sich verlassen. Und er war nicht unvorbereitet. Ihr untrüglicher Blick hatte ihn auf der Gartenbank neben ihrer Haustür entdeckt. „Aber wo in aller Welt wollte er Joliannali sicher verstecken?“ Berlokuli verließ wieder der Mut. Sie wusste, dass die Hexen jeden Winkel des Hauses gründlich absuchen würden. Sie sah wieder hinüber zu ihrem Haus, das jetzt sehr klein wirkte. Komisch, sie hatte von Krax keine einzige Feder gesichtet. Berlokuli erschreckte: „Oh je, wenn man an den Unglücksraben nur denkt, sitzt er einem auch schon auf der Schulter. Hoffentlich kann er nur dieses eine Mal seinen vorlauten Schnabel halten“ betete sie insgeheim.
 
Aber es war nicht Krax. Dieser Rabe war größer und es gab keinen Grund, um erleichtert zu sein. Gleich darauf erkannte Berlokuli diesen Vogel an seinem roten Schnabel. Es war Kork, Rokurs Rabe. Er flog auf die Schulter der Oberhexe zu, aber dabei absichtlich derart dicht an ihrem Gesicht vorbei, dass er ihr mit einem gezielten Flügelschlag um ein Haar die Nase brach. Merkuroxine wäre fast aus der Ohrmuschel gefallen, als Berlokulis Kopf so unverhofft nach hinten schleuderte und Berlokuli selbst kramte nach ihrem Taschentuch. Ihre Nase blutete wie verrückt.
 
„Unterlasse gefälligst derartige Spielchen“, schnauzte ihn Rokur an. „Später bekommst du genug Gelegenheit, dich mit dieser fliegenden Kuh auseinanderzusetzen. Da kannst du sie meinetwegen in Stücke reißen. Aber alles zu seiner Zeit.“ Arrogant und feixend griente Kork Berlokuli an. „Was hast du mir zu berichten, Kork?“ „Ich konnte hier nichts Auffälliges feststellen“, krächzte er zu Rokur gewandt, „außer einen räudigen Kater, der sich Tag und Nacht putzt.“
 
Zu Berlokuli schielend bemerkte er noch: „Vielleicht sollte man ihm eine Tüte Flohpulver mit ins Grab legen. Lebendig begraben zu werden soll sehr hässlich sein. Und Flöhe sind doch auch nur Tiere.“
 
„Du hast aber in den letzten sieben Stunden deinen Beobachtungsposten nicht verlassen?“ fragte Rokur streng dazwischen. „Nie würde ich es wagen, deine Befehle nicht gewissenhaft auszuführen“, log Kork.
 
Denn logischerweise hatte er einen Abstecher zum See unternommen und sich dort am immer noch reichlich gedeckten Insektentisch gelabt. Denn auch den Mücken gefiel dieser viel zu warme November. Ein paar Frösche, bekannterweise die speziellen Liebhaber der Mücken, ließ er sich ebenfalls gerechterweise munden und am Angelsteg fand sich obendrein ein achtlos weggeworfenes Brot, was aber keinen ganz so frischen Eindruck wie die Lebendkost machte. Satt und zufrieden tätigte er dann erst einmal ein Nickerchen. Rokur hielt ihn mit Fressen so kurz, dass der ungewohnt volle Magen ihn automatisch matt setzte. Rokur kannte ihren verschlagenen Vogel und glaubte ihm kein Wort. Jetzt war aber nicht der Zeitpunkt, mit ihm abzurechnen.
 
Mit einem Schlag war Berlokuli klar, wieso sie ihren eigenen Raben nicht sehen konnte. Wenn Kork sich hier schon seit Stunden herumtrieb, hätte man Krax nicht mal aus dem Haus geprügelt bekommen. Der fürchtete dermaßen den brutalen Vogel der Oberhexe, dass er vermutlich zurzeit bibbernd unter ihrem Bette saß. Kork war sein Alptraum und wegen ihm war Krax schon Wochen vor jeder Rabenversammlung krank, mochte nicht mehr richtig fressen und saß nur still vor sich hin leidend auf der Schaukelstuhllehne. Berlokuli benötigte nicht sehr viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie ihr armer Rabe sich fühlte, als er Kork sah und keine Berlokuli ihm beistehen konnte.
 
Berlokuli, das Taschentuch fest auf die Nase pressend, ging in Richtung Waldesrand. „Wo willst du hin“, herrschte Rokur sie an, wild mit dem Zauberstab fuchtelnd. „Mich dort unter der Kiefer lang legen, damit sich meine Nase endlich erholt, die mir dein gerupfter Gockel blutig gehauen hat“ antwortete Berlokuli und rote Flecken im Gesicht zeugten von ihrem Zorn. Am liebsten hätte sich Kork noch einmal auf sie gestürzt, denn ihn als Hühnervogel zu bezeichnen, war ausgesprochen beleidigend. Rokur liebte es aber nicht, dass er irgendetwas in eigener Regie unternahm. So schluckte er griesgrämig seinen Groll hinunter und blieb auf ihrer Schulter sitzen. „Die Stunde wird kommen, wo ich dir und deinen Mistviechern die Augen aushacke“, dachte er finster und verfolgte gespannt jeden Schritt Berlokulis, darauf hoffend, dass sie einen Fluchtversuch unternahm.
 
Rokur ließ Berlokuli gehen, wies aber drei jüngere Hexen an, sie zu bewachen. Als sie sich zu Korks großem Bedauern wirklich unter dem Baum ausstreckte, setzten sich die Drei ein Stückchen von Berlokuli entfernt ins Gras, um sie im Auge zu behalten, denn die Eine ertrug keinen Blutgeruch. Davon wurde ihr speiübel.
 
Bald ließ ihre Aufmerksamkeit aber nach, weil sie inzwischen damit beschäftigt waren, sich miteinander ausgiebigst zu streiten. In den unbeobachteten Momenten nutzte Berlokuli hinter dem vorgehaltenen blutverschmierten Schnäuztuch die Gelegenheit, Merkuroxine ihre Beobachtungen mitzuteilen. „Warte ab, Berlokuli“, stimmte Merkuroxine Berlokuli wieder optimistischer, „Über Tage läuft hier nichts ab und bis zum Abend hat sich der Schmutzhaufen wieder so gezankt und gefetzt, dass vermutlich Rokur alleine suchen muss. Und mit der wird dein Munz mit links fertig.“ Leider waren die Hexen aber von der langen Reise so erschöpft, dass sie bald einschliefen.
 
Inzwischen hatte Rokur sämtliche Hexenraben angefordert, außer Krax natürlich, um Berlokulis Haus zu bewachen. Berlokuli lehnte sich an den Stamm der Kiefer beim Sitzen an. Ihre Nase hatte sich wieder beruhigt, aber sie konnte nicht schlafen. Es war sowieso für sie schleierhaft, wie diese Hexen kreuz und quer in einer Reihe Ruhe fanden. Sie selber hatte ein weiches Mooslager gefunden, aber viele der Hexen lagen im feuchten Gras oder durchmatschter Erde. Sie hatten nicht einmal nach einem bequemen Plätzchen geguckt und sich einfach da niedergelassen, wo sie gerade standen. Nun schnarchten, sabberten, schmatzten, pfiffen, schnorchelten sie vor sich her oder babbelten im Schlaf unzusammenhängendes Zeug. Dazwischen lagen massenweise leere Tüten von Höllenburgern, die sie kurz vor dem Einschlafen noch schnell in sich hineinstopften. Über ihnen kreisten ihre Raben und veranstalteten einen Höllenlärm.
 
Berlokuli hätte laut losgelacht, wenn die Lage nicht so ernst gewesen wäre. Sollte das etwa ein lautloses Anpirschen an ihr Haus sein? War Rokur wirklich so dämlich, zu glauben, dass man bei ihr daheim bisher nichts von der Anwesenheit der Hexen bemerkt hätte? Spätestens diese Meute von Rabenkrähen alarmierte jeden in sieben Kilometern Umkreis. Und vor allen Dingen: Kannte Rokur keine Uhr? Da hatte ja sogar Munz ein besseres Zeitgefühl und Krax mehr Verständnis für Entfernungen.
 
„Ist doch logisch, dass wir erst in den Morgenstunden eintreffen, auch wenn im November die Nächte länger sind und wir ununterbrochen flogen. Dass irgendwann ihre Kumpaninnen müde werden und nicht mehr weiterkönnen, liegt doch auf der Hand. Wieso führt sie dann noch dieses alberne Manöver durch, als würden sie gleich meine Kate stürmen?“ dachte Berlokuli kopfschüttelnd. „Entweder hat sie einen besonderen Trick auf Lager oder sie ist bei weitem nicht so clever, wie ich sie immer einschätzte“, stellte sie verwundert fest.
 
 
 
 
Die Ruhe vor dem Sturm
 
Berlokuli war sehr dankbar dafür, dass auch dieser Novembertag ein herrlich sonniger Herbsttag wurde. Nicht weit von ihr entfernt landete ein kleiner zerrupfter Rabe. Berlokuli brauchte sich nicht lange anzustrengen, um zu wissen, dass es Koru sein müsste. Krax hatte ihr viel von dem armen geschundenen Tier erzählt.
 
Sie hob vorsichtig ein Moospolster hoch, um es nicht zu zerstören und erwischte wirklich auf Anhieb einen fetten Regenwurm. Kurz blickte sie sich um, ob sie jemand beobachtete und schmiss ihn in Korus Richtung. Das gefiel dem Wurm zwar weniger, aber Koru, der auch fix überallhin sicherte, schmiss sich wie ein Verhungernder auf ihn. Erstaunt und erschrocken blickte er Berlokuli an und beeilte sich dann, schnell wieder wegzufliegen.
 
„So würde vermutlich heute Krax aussehen“, dachte Berlokuli mitfühlend, „wenn ich ihn damals nicht aus Buwes Fängen befreit bekommen hätte. Und ihre Gedanken schweiften wieder zu ihrem Haus zurück. Gut, Krax war ein Sabbelkopf und manchmal gehörig begriffsstutzig, aber lieb und loyal. Und was konnte er mit Joliannali herumtollen und versprühte dabei die reinste Lebensfreude. Für Joliannali war er der wichtigste Spielkamerad. Und ihr Munz, nein, auf den ließ sie nichts kommen. Er ließ sich nicht so leicht ins Boxhorn jagen, war ein rechter Draufgänger. Doch dabei benutzte er immer seinen Verstand. Berlokuli schmunzelte bei dem Gedanken, was er Kork und den Hexen für eine Show geboten hatte. Munz war zwar sehr Sauberkeit liebend und verbrachte viel Zeit damit, sein Fell zu pflegen. Aber nicht nachts auf der Gartenbank. So etwas erledigte er hauptsächlich morgens nach dem Frühstückskaffee und abends nach dem Fressen auf seinem Lieblingsplatz am Ofen. Er lümmelte sich auch gerne auf der Gartenbank herum, um sich seinen Pelz von der Sonne bescheinen zu lassen, während er in seinen Katzenträumen gerade die reizendsten Katzendamen traf. Doch Mondlicht wärmte nicht, wenn es auch zugegebenermaßen ausgesprochen romantisch war. Niemals würde Munz freiwillig seine rheumatischen Knochen der feuchten Nachtluft aussetzen, um dann endlos über zwackende Zipperlein zu klagen. Es sei denn, er hätte etwas zu erledigen und das war häufiger der Fall.
 
Wenn er nachts unterwegs war, besuchte er häufig die Dorfkatzen. Ein ziemlich weiter Weg und Berlokuli staunte oftmals, welchen riesigen Radius Munz´ Ausflüge hatten. Sie hatte sich schon häufig deshalb erboten, ihn hinzufliegen, was er aber immer dankend ablehnte. „Jeder braucht so seine Geheimnisse“, pflegte er dann zu sagen, oder „Es untergräbt meine Autorität, wenn mein Frauchen mich bei unseren Treffen abliefert.“
 
Die Unternehmungen ihres Katers gefielen Berlokuli nicht immer, vor allen Dingen dann, wenn er nicht stundenlang, sondern tagelang, ohne sich vernünftig abzumelden, wegblieb. So besuchte er ab und zu einen Kater, der in einem Häuschen neben einer winzigen Kirche lebte. Diese Kapelle nutzten vor allem Wanderer als Rastort, denn sie befand sich weitab vom Dorf und von der Hauptstraße an einem Nebenweg auf einer kleinen Lichtung. Im Schatten des Kirchleins und der darum wuchernden Rosensträucher vertilgten sie ihre Vesper, bedankten sich im Inneren vor dem Altar kurz für den schönen Tag und zogen weiter. So mancher Wandersmann suchte dort auch Zuflucht vor Unwettern. Angeblich soll an dieser Stelle in Urzeiten ein Adliger vor einer Horde Räuber gerettet worden sein, der aus Dankbarkeit diese Kirche erbaute. Im Wohnhaus nebenan lebte eine alte Frau, die die Kirche betreute. Zu ihr gehörte der Kumpel von Munz. Der war als Katzenjunges weggelaufen, weil er vor Johanna soviel Angst hatte.
 
Johanna, eine Schneeeule aus dem hohen Norden, kam in einem besonders strengen Winter als Jungvogel in ihre Gegend. Eine Stromleitung wurde ihr zum Verhängnis. Sie brach sich den Flügel. Glück im Unglück fand sie die Alte und pflegte sie gesund. Die Eule blieb. Der kleine Kater, den sie vor dem Ersäufen gerettet hatte, wagte seinen ersten nächtlichen Freigang und wäre fast in Johannas Fänge geraten. Daraufhin beschloss er, den Ort zu verlassen, an dem dieser schreckliche Raubvogel wohnte, der ihm nach dem Leben trachtete.
 
Im Wald geriet er allerdings an einen riesenhaften verwilderten Kater, der ihn als mögliche Konkurrenz sofort packte. Zufällig stromerte Munz herum und hörte den kleinen Kater um sein Leben schreien. Munz rettete das Junge vor den Krallen des Widersachers. Er wollte den Kleinen nach Hause bringen, aber der reagierte mit panischer Angst und erzählte ihm, warum er nicht zurück wollte.
 
Die Frau Sommer, so hieß die alte Dame, staunte nicht schlecht, als Munz antrabte mit Mietzi im Maul. „Wie kann man einen Kater nur Mietzi nennen“, amüsierte sich Berlokuli. „Na, vielleicht hat sie zu spät mitbekommen, dass es ein Männchen war.“ Auf jeden Fall getraute sich der kleine Kater nicht mehr, das Haus zu verlassen und die Frau begriff sehr bald, warum. Denn Mietzi saß ununterbrochen auf dem Fensterbrett und sah sehnsüchtig hinaus. Aber zwischendurch duckte er sich plötzlich und schielte ängstlich zum Kirchenturm. Sie war sehr unglücklich darüber, dass ihre handzahme Eule dem Katzenjungen nachstellte, denn sie mochte beide gern und wollte sich von keinem der Tiere trennen.
 
 
Da beobachtete sie eines Abends Munz, der auch ein vortrefflicher Jäger war, wie er haufenweise erbeutete Mäuse vor Johannas Ausflugsloch legte. Nach einigen Nächten war die Eule neugierig gewesen, wer ihr ständig die Geschenke brachte und Munz unterhielt sich mit ihr. Ihr war es sehr peinlich, dass sie fast ein Tier geschlagen hätte, dass zu ihrem Frauchen gehörte. Keinesfalls wollte sie die Frau Sommer, die ihre beste Freundin war, unglücklich sehen. Schließlich überredete Munz den jungen Kater, ihm nach draußen zu folgen. Mietzi vertraute Munz, denn der war schließlich so stark gewesen, dass er den Wildkater vertreiben konnte und folgte ihm zögerlich. Johanna sah sich das kleine Tier genau an und versprach Mietzi, ihn nicht mehr zu jagen.
 
Frau Sommer konnte zwar die Tiersprache nicht verstehen, war aber eine exzellente Beobachterin und begeistert von Munz. Am liebsten hätte sie es gesehen, wenn Munz bei ihr geblieben wäre. Nur sehr ungern ließ sie den Kater wieder ziehen, aber Berlokuli war heilfroh, als Munz nach zwei Wochen wieder unversehrt nach Hause kam. Sie machte ihm schwere Vorwürfe, weil sie tagelang sorgenvoll die Gegend nach ihm abgesucht hatte. Erst als er ihr haarklein den Grund für seine lange Abwesenheit schilderte, war sie dann doch ein wenig stolz auf Munz und lenkte ein.
 
Berlokuli rutschte am Kiefernstamm so herum, dass sie im Schatten zu sitzen kam. Die Novembersonne wärmte zwar nur noch wenig, konnte aber immer noch blenden. Die Hexe, die als nächstes vor ihr lag, schimpfte plötzlich laut und vernehmlich: „Dieses Mistvieh, dieses elende Mistvieh“, ohne aber aufzuwachen. Angewidert drehte sich Berlokuli von ihr ab. Nicht einmal im Schlaf konnten die Hexen anderes tun außer böse Gedanken zu pflegen.
 
„Da ist die Frau Sommer anders geartet. Nachdem, was Munz von ihr erzählt, würde ich sie zu gerne einmal kennen lernen“, seufzte Berlokuli. Sie wusste, dass dieser Wunsch nie in Erfüllung gehen würde. Von Munz hatte Berlokuli erfahren, dass Frau Sommer drei Söhne hatte, die der Pfarrer nach alter Manier vertrieb. In der Stadt lernten sie nacheinander eine junge Frau kennen, die sie zu Missetaten anstiftete. Sie wurden gefasst, konnten aber auf sehr mysteriöse Art fliehen. Frau Sommer hatte aber keine Ahnung, wo sie zurzeit steckten und wie es ihnen erging. Während der Gerichtsverhandlung sah Frau Sommer damals im Zuschauerraum eindeutig eine Hexe, aber keiner glaubte ihr und alle lachten sie aus. Die anderen Leute hatten lediglich die Frau gesehen, mit denen die Söhne zusammengesteckt hatten.
 
„Ich weiß nicht, warum sie hinter die Verwandlung sehen kann, aber ich bin mir ganz sicher, dass sie nicht irrt. Es war bestimmt eine von uns. Sie würde mich eher umbringen und so ihre Söhne rächen, als mir die Hand zu geben“ mutmaßte Berlokuli bekümmert. „Dabei ist Hexe nicht unbedingt gleich Hexe.“ Doch als sie sich umsah, zweifelte sie doch ein bisschen an ihrer eigenen Feststellung. „Na gut“, berichtigte sie sich, „Ausnahmen bestätigen halt immer noch die Regel.“
 
Berlokuli lauschte. In ihrem Ohr hörte sie einen ganz leisen, regelmäßig wiederkehrenden Ton: „Na so was“, sie grinste, „eine schnarchende Spinne. Merkuroxine passt sich aber schnell an.“ Und schon war Berlokuli gedanklich wieder bei Frau Sommer. „Die passt sich nicht an“, resümierte sie, denn sie selber hatte damals mitbekommen, wie sie versuchte, den Pfarrer als Mitschuldigen zur Rede zu stellen. Denn hätte er ihre Jungen nicht aus dem  Dorf getrieben, dann wären sie nie in schlechte Gesellschaft geraten und gestrauchelt. Die Dorfgemeinschaft schleimte sich bei dem Pfaffen ein, indem sie nicht zu ihr hielten. Auch die Beschwerde ans Bistum unterschrieb kein Anderer, obwohl alle unter dem Pfaffen litten. Frau Sommer reichte dennoch die Beschwerde ein und erklärte den Dörflern, dass solche Waschlappen wie sie den Pfarrer hätten, den sie verdienten. Danach zog sie in das leer stehende Haus an der Kapelle. Mit diesen Leuten wollte sie nichts mehr zu tun haben.
 
„Und wie dankte es der Paffe seiner Gemeinde?“ fragte sich Berlokuli. „Seitdem treibt er es noch ungehemmter und gebärdet sich immer toller. Das haben sie nun davon.“ Aber diese Frau Sommer, die gefiel ihr. Nie wird sie vergessen, wie die große schlanke Frau mit den ausdrucksstarken Augen auf dem Marktbrunnen stand und zum gesamten Dorf redete. Furchtlos benannte sie öffentlich die Verfehlungen des Kirchenmannes ihm direkt ins Gesicht. Am liebsten hätte Berlokuli applaudiert und ihr zugejubelt: Nur wie sollte sie es damals anstellen als Schmetterlingsraupe?
 
„Ach, wenn ich etwas mehr von einer Frau Sommer hätte“, dachte Berlokuli bewundernd, was die andere anging und ein wenig enttäuscht, was die eigene Person betraf. Sie selber hatte es nämlich nie gewagt, sich offen gegen Andere aufzulehnen. Kimoseli hatte sich ebenfalls widersetzt. Aber wie oft hatte sie versucht, die anderen Hexen nachzuäffen, nur um nicht anzuecken? Wie oft hatte sie geschwiegen, wenn sie hätte schreien müssen? Wie oft hatte sie mitgemacht, anstatt sich zu verweigern? Und hätte ihr der Phönix nicht die Kleine gebracht, wäre sie in dem bisherigen Fahrwasser vermutlich ewig weitergeschippert, ohne einmal ihr Leben zu hinterfragen. Sie hatte es Joliannali zu verdanken, endlich aus ihrem Trott zu kommen, nachzudenken und ihre eigene Person zu hinterfragen.
 
Wenn auch jetzt noch das Hexenmädchen sie brauchte, sie benötigte Joliannali noch viel mehr. Sie mussten jetzt einfach die schwierige Situation meistern, wie, dass wusste sie auch nicht. Aber der ganze Schlamassel, in dem sie saßen, könnte auch etwas Gutes haben und eine Riesenchance sein: Die alten Fesseln abzuschütteln, um endlich sein wahres Gesicht zeigen zu können. „Vorausgesetzt, wir überleben und entwischen der Meute“, überdachte Berlokuli die Lage, „wäre die Zeit vorbei, in Gemeinheit und Schmutz zu versinken und zu verkommen. Dann könnten wir nach Freiheit und Frieden greifen. Der Kampf hier ist völlig aussichtslos angesichts der etwa dreihundert Hexen, die hier lagern. Aber wenn es sich nicht lohnt, dafür zu kämpfen, wofür dann? Bevor ihr Joliannali ergreift, zerreiße ich mich lieber, aber von euch ziehe ich so viele wie möglich mit ins Verderben“ dachte Berlokuli und war selbst erstaunt darüber, wie sich in ihrem Innern eine ungeheuere Kampfbereitschaft aufbaute.
 
Vom langen Sitzen tat Berlokuli der Po und Rücken weh. Sie stand auf und wollte gerade einige Schritte laufen, als sich scharfe Krallen in ihre Schulter bohrten und ein roter Schnabel dicht vor ihren Augen schwebte. „Was hast du vor?“ fragte Rokur, die wie aus dem Nichts plötzlich vor ihr stand. „Mir die Füße vertreten, weil mein Allerwertester schmerzt. Teile deinem stinkendem Hühnerknochen mit, dass mir nun auch die Schulter wehtut.“ „Kork!“ rief Rokur kurz. Nur sehr widerwillig löste er seine Krallen aus Berlokulis Fleisch. Diese einmalig günstige Gelegenheit, ihr die Augen auszustechen, ließ er ungern ungenutzt vorübergehen.
 
Mit offener Feindseligkeit schaute Berlokuli Rokur an. Diese wurde sichtlich nervös. „Was starrst du mich so an!“ „Ach, ich überlege mir gerade, dass du viele Fertigkeiten hast. Aber zwei Dinge musst du noch lernen. Erstens, wie du deine Flugratte erzogen bekommst und zweitens, Sommer glücklich zu machen. Das zweite beherrscht mein Munz, vielleicht solltest du Kork mal zu ihm in Pflege geben, damit er ihm Manieren beibringt.“
 
In Rokurs Gesicht arbeitete es, aber ihr fiel nichts dazu ein. Sie wollte sich aber keine Blöße geben, zuzugeben, dass sie Berlokulis Worte nicht verstanden hatte. Also setzte sie ein möglichst überhebliches Gesicht auf und verschwand.
 
Berlokuli fing an, gymnastische Übungen zu machen, wohlwissend, dass Rokur und Kork jede ihrer Bewegungen scharf aus dem Hinterhalt beäugten. Sie versuchte dabei aber den Kopf möglichst still zu halten, um die schlafende Merkuroxine nicht zu verlieren.
 
Aber die war durch den Zwischenfall wach geworden: „Ich habe deine Worte zwar nicht begriffen und Rokur anscheinend auch nicht. Aber du warst umwerfend. Die Oberhexe guckte aus ihrer Wäsche, als hätte Kork gerade Handstand mit Überschlag und Rolle rückwärts gemacht. Aber gucke mal zur Sonne. Du musst dich hinlegen und wenigstens noch ein paar Stunden schlafen. Wenn du mit deinen Kräften weiter so hausierst, machst du im verkehrtesten Moment schlapp.“ 
 
Merkuroxine hatte wieder einmal völlig Recht. Die Mittagsstunde war bereits überschritten. Berlokuli schlenderte also gehorsam zu ihrem Mooslager zurück und machte es sich so bequem wie möglich. Sie war sich völlig sicher, so aufgewühlt von den Ereignissen nicht einschlafen zu können, aber wenigstens ein wenig ruhen wollte sie und ihre Knochen etwas ausstrecken. Aber bald schnarchte sie leise vor sich hin. Und diesmal lauschte Merkuroxine ihrem „Rotzebü“.
 
Die kleine Spinne war wach geblieben, um Berlokuli rechtzeitig zu wecken, falls sich irgendetwas im Hexencamp tun sollte. Inzwischen sackte die Sonne wie ein nasser Sack hinter die Bergkuppen. Ihre letzten Strahlen drangen aber kaum noch zu den Wegelagerern durch, denn dicker Nebel versperrte die Sicht. Es war deutlich kälter geworden. Merkuroxine war auf das Ohrläppchen von Berlokuli geklettert, um etwas in dieser Nebelbrühe erkennen zu können. An den Vibrationen spürte sie, dass Bewegung in die Hexen kam. Sehen konnte sie sie freilich nicht. Und auch Rokur sah sie nicht nahen, aber ihre feinen Antennen ertasteten Korks Bewegungen. Und wo der war, war Rokur nicht weit. Hastig krabbelte sie in Berlokulis Ohr zurück. „Alarm“, schrie sie aus vollem Halse, „Feind in Sicht. Werde wach, Berlokuli!“
 
Berlokuli richtete sich auf und war noch ganz benommen. Sie fühlte sich wie zerschlagen und versuchte, sich in dieser Nebelsuppe ohne oben und unten, ohne rechts und links zu orientieren, als plötzlich Rokurs fieses Gesicht aus dem Dunst knapp vor ihrem erschien und sie deren stinkenden Atem roch. „Genug gepennt. Schmeiß dich in die Socken! Dein Besuch will willkommen geheißen werden. Du kannst jetzt vorausfliegen und deine Vorbereitungen treffen. Wir kommen dann nach.“
 
„Aber es wäre unhöflich, euch hier warten zu lassen. Schließlich habt ihr euch für mich so geplagt und diese lange beschwerliche Reise unternommen, um mich sicher nach Hause zu geleiten. Es wird Zeit, dass...“ Weiter kam Berlokuli nicht. Drohend richtete Rokur ihren Zauberstab auf sie: „Flieg, sage ich dir. Und keine Sperenzchen! Sonst wirst du den Tag verfluchen, an dem der Phönix dein Ei legte.“ Berlokuli bemerkte ein Kitzeln in ihrem Ohr. Aufgeregt versuchte ihr Merkuroxine so zu verdeutlichen, dass sie Rokurs Befehl ausführen sollte. Berlokuli verstand. Bevor sie sich von Rokur abdrehte, lächelte sie ihr allerdings noch breit ins Gesicht: „Lasst mich aber nicht zu lange warten.“ „Worauf du dich verlassen kannst“, raunte Rokur und Kork gluckste hämisch.
 
So langsam wie möglich flog Berlokuli zu ihrem Haus. „Gut so“, sagte Merkuroxine, „ich konnte doch eben nicht sprechen, denn das Rabenvieh hätte mich im Gegensatz zu den Hexen gehört. Er saß doch fast neben mir. Berlokuli, dein Kater ist schlau, der weiß schon lange Bescheid. Und Joliannali müsste blind wie ein Maulwurf sein, wenn sie die Hexen nicht sehen würde. Vielleicht ist ihnen etwas Gutes eingefallen. Solange auch nur das kleinste Fünkchen Hoffnung besteht, geben wir nicht auf.“
 
Je höher sie flogen, umso mehr lichtete sich der Nebel. Kurz vor ihrem Haus riss er gänzlich auf. Dafür standen die Grashalme hier ganz steif, überzogen mit Raureif, der wie ein Zuckerüberzug auf einem Napfkuchen aussah. Nur ein paar Meter höher vom Rastplatz schien vertraut der Mond und die Sterne funkelten am inzwischen fast schwarzen Himmel, denn zu dieser Zeit brach schnell die Nacht herein.
 
Munz lag nach wie vor auf der Bank. Als Berlokuli vor ihm landete, wurde sie von ihm demonstrativ schläfrig begrüßt: „Du warst lange weg. Wird Zeit, dass du dich mal wieder blicken läßt.“ Berlokuli entging es nicht, wie aufmerksam und lauernd Munz durch seine halbgeöffneten Augen hellwach die Gegend absuchte. Nun räkelte sich Munz genüsslich, als gäbe es nichts in der Welt, was ihn irgendwie beunruhigen würde. Dabei verdrehte er lediglich ein wenig die Augen nach oben und zuckte mit den Lidern, als wolle er Berlokuli auf etwas aufmerksam machen. Nun streckte er sich zu einem gewaltigen Katzenbuckel. Berlokuli folgte seinen Bewegungen und wie nebenbei blickte sie am Ende auf Munzens hoch gestreckten Schwanz. Sie entdeckte eine Möwe, die mit ihrem fetten Hinterteil krampfhaft versuchte, Platz in einem verlassenen Spatzennest in der Dachrinne zu finden.
 
Beinahe hätte sie laut gelacht über soviel Blödheit. Eine Möwe weit weg von der Küste mag ja noch angehen. Aber im Spatzennest, unauffälliger ging es wirklich nicht. Rosto war also doch nicht in der Schule geblieben. Sie wollte Berlokulis Ankunft bespitzeln und hatte die Strecke natürlich als Seevogel schneller zurückgelegt. Die Mühe hätte sie sich sparen können, nachdem Rokur heute morgen die Hexen zurückpfiff. Völlig belanglos antwortete Berlokuli nun ihrem Kater, dass sie in der Hepe aufgehalten worden war und deshalb etwas später komme. Munz bemerkte, dass Berlokuli etwas steif den Kopf hielt. Doch nicht nur er entdeckte die Spinne in Berlokulis Ohr und er begriff augenblicklich, dass die dort nicht zufällig saß, so behutsam, wie Berlokuli den Kopf bewegte. Gerade hatte sie gesagt: „Wir sollten reingehen und Ordnung schaffen, denn ich habe Besuch mitgebracht“, flog wie ein Pfeil ein schwarzer Schatten auf sie zu.
 
Blitzschnell reagierte Munz und sprang mit aller Gewalt in die gleiche Richtung, sodass Berlokuli hinfiel. Dadurch verfehlte Kork knapp Berlokulis Ohr, was er ihr ohne Hemmungen mitsamt Merkuroxine abgebissen hätte, denn auch er hatte, als er Berlokuli auf Geheiß Rokurs verfolgte, mit seinen scharfen Vogelaugen die kleine Spinne entdeckt. Dafür kugelte er jetzt durch die Wucht des Aufpralls mit dem Kater quer durch das Kräuterbeet. Schnell rappelte sich Berlokuli auf, fasste an ihr Ohr und sah Munz mit schreckgeweiteten Augen an, als wollte sie losschreien. Doch der hatte eindeutig den Schalk in den Augen, öffnete leicht so sein Maul, dass die dusslige Möwe Rosto und Kork keinen Einblick bekamen und Berlokuli sah auf seiner Zunge – eine wie Espenlaub zitternde Spinne. Unauffällig zwinkerte Munz seiner Herrin zu, schloss wieder sein Katzenmaul und sprang zurück auf die Bank.
 
Bevor Berlokuli selbst richtig alles begriff, drehte sie sich schwungvoll zu Kork um und tat etwas, was sie noch nie vorher getan hatte: Sie trat mit Inbrunst und mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften einem Tier in das Hinterteil. Und Kork, der sich gerade erhoben hatte, zischte wie ein Feuerwerkskörper in hohem Bogen aus dem Beet und blieb mit seinem gesamten Schnabel kopfüber eingespitzt im Blumenkübel stecken. „Was ist hier los?“ wetterte Rokur, die ihrem Raben gefolgt war. „Nichts ist los, außer dass dein missratener Piepmatz mich wie gewöhnlich grundlos angreift und mir den Kopf weghacken will.“, keifte Berlokuli die Oberhexe an. „Hör zu! Ich wüsste gerne, warum du mir wiederholt deinen Gossengeier auf den Hals hetzt?“ Berlokuli war richtig wütend und sogar Munz staunte über diesen Ton, den er vorher bei Berlokuli nie hörte. Und das gegenüber der Oberhexe! Donnerwetter! Noch eine Premiere!
 
Außerdem nützte er die Verwirrung, die nun durch Rokurs Auftauchen entstanden war, dazu, dass Spinnlein auszuspucken, bevor er sie aus Versehen verschluckt, und ihr leise zuzuschnurren: „Los, in mein Fell. Da sieht dich keiner.“ Merkuroxine war zwar völlig perplex, ließ sich aber kein weiteres Mal auffordern und verschwand.
 
„Antworte“ brüllte Rokur ihren Raben an, der es vorzog, erst einmal lieber in der Blumenerde stecken zu bleiben. Kork meinte, bei Berlokuli eine Spinne im Ohr gesehen zu haben, aber sicher war er sich aus der großen Entfernung nicht, ob der dunkle Fleck wirklich eine war. Und wenn, hatte er sie nicht gekriegt. Sie war ihm durch die Lappen gegangen. Er hatte versagt. So konnte er erstens Rokur nichts beweisen, zum Beispiel, dass das vielleicht eine Mitstreiterin oder die gesuchte verwandelte Joliannali sei und zweitens hatte er gepfuscht. Auf so etwas konnte seine Herrin verdammt gut und Korks Gehirn lief auf vollen Touren, als Rokur ihn an den Beinen wie ein Pflanzenbüschel aus der Erde zog.
 
„Mach deinen Schnabel auf, Kork, aber fix“, zeterte Rokur auf ihn ein. Berlokuli und Munz sahen gespannt zu Kork und Rokur hinüber. „Die wollten sich doch beide absprechen“, erklärte Kork den Umstehenden kläglich und zeigte dabei mit seinem leicht zerrupften Flügel auf Berlokuli und ihren Kater, „und das wollte ich nur verhindern.“ „Na, so ein selten blödes Mistvieh“, dröhnte es aus der Dachrinne und Rosto sprang hinunter. „Seit zwei Nächten halte ich in diesem Nest Wache...“ „Wie?“ höhnte Rokur, „in einem Sperlingsnest sitzt du als Seemöwe? Du solltest demnächst ein bisschen Tierkunde auf der Hepe einführen.“ „Das ist doch wohl jetzt völlig unwichtig“ keifte Rosto umso heftiger, denn sie vertrug es nicht, wenn man ihr mangelhafte Kenntnisse nachwies. „Da hätten wir uns wirklich nicht soviel Umstände machen müssen, um die beiden ungestört belauschen zu können. Es ist nicht zu glauben, dass dein eigener Rabe, Rokur, unsere Pläne durchkreuzt. Im Grunde genommen müsste man dich dafür wie die Fleischklopse im Höllenburger platt klopfen.“ Rosto war außer sich und sie besaß genug Macht im Hexenrat, sich eine derartige Rede gegenüber Rokur leisten zu können. Und Rokur schnaubte wie ein Pferd und schleuderte wutentbrannt Kork von sich, der allerdings damit gerechnet hatte, geschickt vor einem eventuellen neuen Aufprall die Flügel ausbreitete und sich aus dem Staub machte. 
 
 
Gelangweilt sah ihm Munz nach, aber beinahe wäre er vor Überraschung von der Bank gerutscht, als Berlokuli sagte: „Wie reizend von dir, Rosto, dass du dich doch noch freimachen konntest, um uns zu folgen. Erst dein Anblick verleiht doch jeder Festivität den richtigen Glamour.“ Und Munz hörte im Fell seines Halses eine Spinne kichern, die aber sofort wieder verstummte, als Krax aus der Tür auf Berlokuli zuhüpfte. Er hatte mitbekommen, dass Kork sein Fett abbekommen hatte und verschwunden war. Nun traute er sich endlich, das Haus zu verlassen. „So lange, so lange, Sorgen gemacht. So lange, so lange, Sorgen gemacht.“ krächzte er vor sich her und immer wieder „So lange, so lange, Sorgen gemacht. So lange, so lange, Sorgen gemacht.“ Rokur, immer noch vor Wut bebend, schrie Berlokuli an: „Stell deinen Vogel ab, sonst überlebt er unseren Besuch nicht.“ „Na wie denn ohne Zauberstab“, antwortete diese, „außerdem freut er sich doch nur, dass er mich sieht.“ Rosto riss ihren Stab aus der Rocktasche und schon war der Schnabel von Krax zusammengebunden. An Krax dankbaren Augen erkannte Berlokuli, dass er sich absichtlich so aufgeführt hatte, um ganz genau zu provozieren, dass ihn jemand am Quatschen hinderte. Er hatte stets Angst, sich irgendwie mal zu verplaudern, darum stellte er sich ja auch auf der Rabenversammlung als dümmlich hin. Munz und Berlokuli tauschten miteinander zweifelnde Blicke aus und es fehlte nicht viel, dass sich beide über die geistigen Fähigkeiten der leitenden Hexen ans Hirn langten. Krax war auf jeden Fall sehr zufrieden darüber, dass Rosto ihm den Dienst erwiesen hatte. Nun konnte er endlich gefahrlos seine Berlokuli begrüßen, flog auf ihre Schulter und rieb unauffällig ein wenig seinen Kopf an ihrem Ohr, das bis vor kurzem noch Merkuroxines Domizil gewesen war.
 
Rokur und Rosto beachteten nicht mehr Berlokuli und ihre Tiere. Gespenstisch schwebten aus der Nebelbank die Köpfe der Hexen heran und je näher sie kamen, umso mehr glitten die dazu gehörenden Körper und Besen aus dem Nebel heraus. Auf ein Zeichen von Rokur hin zog sich der Kreis der Hexen immer enger um das Haus. In dichten Dreierreihen hintereinander umzingelten sie die Bergspitze. Nicht einmal eine Maus hätte sich ungesehen herausflüchten können. Rokur winkte und ein halbes Dutzend Hexen flogen heran und bauten sich mit gezückten Zauberstäben vor Berlokuli auf. „Passt auch auf den Stubentiger auf. Wenn er eine verkehrte Bewegung macht, schickt ihr ihn zur Hölle“, wies Rokur sie an und stürzte in Berlokulis Haus. Rosto blieb dicht auf ihren Fersen und außer ihnen stürmten noch Traka, Birku und Buwe ins Haus und verstärkten den Suchtrupp. Besonders Traka war die Richtige für diese Aufgabe. Zerfressen von Ehrgeiz, machthungrig und prestigelüsternd tat sie stets mehr, als man von ihr verlangte. Jeder wusste, dass sie eines Tages zu gerne Rokur abgelöst hätte.
 
Die Geräusche, die aus Berlokulis Behausung drangen, waren ausgesprochen beunruhigend. Es klirrte und krachte, schepperte und knallte, und ein schweres Plumpsen und Rumsen zeigte an, dass auch Möbel umgestoßen wurden. Die Fünf nahmen gründlich das ganze Haus auseinander, schmissen sämtliche Möbel und Sachen in den Garten, die von anderen Hexen noch einmal zerlegt und durchsucht wurden. Federn der aufgeschlitzten Bettdecken und Kissen flogen durch die Luft, die sie sofort einfingen und mit einer Lupe absuchten. Aber: Keine Joliannali tauchte auf und Berlokuli war mächtig erleichtert. Es fiel ihr aber auch auf, dass nur das alte Gelumpe aus dem Haus geschmissen wurde, was sie üblicherweise während des Aufenthaltes der Hexenkinder hereinstellten. Hatten Munz und Krax nicht umgeräumt? Nun gingen die Hexen in die Scheune. Diesmal machte Munz ein sehr besorgtes Gesicht. Berlokuli kroch die Angst hoch. „Da versteckt sich also Joliannali“, mutmaßte sie. Auch aus der Scheune warfen die Hexen alles ins Freie, was wieder und wieder gedreht, in Einzelteile zerstückelt, untersucht wurde. Aber auch das war nur alter Plunder. Triumphierend kam schließlich Rokur mit Berlokulis geliebter Tischstanduhr aus der Scheune. „Was willst du denn mit diesem potthässlichen Kitsch“, sagte sie mit einem schrägen Seitenblick auf Berlokuli.
 
Durch die Art und Weise, wie Munz auf seiner Bank zusammensackte, begriff Berlokuli sofort auch ohne Worte, dass seine Besorgnis der Uhr galt. Natürlich hing sie an dieser wunderschönen Uhr mit dem reichlich verzierten Marmorsockel und der vergoldeten Frau. Nie wieder würde sie ein zweites, identisches Stück finden oder kaufen können. Die antike Uhr war eine Rarität und unersetzbar. Vor acht Monaten noch wäre Berlokuli in Tränen ausgebrochen, wenn sie diese Uhr verloren hätte. Heute war sie ebenso schön und kostbar, aber angesichts Joliannali völlig unwichtig. Der Verlust der Uhr war traurig, aber Joliannali zu verlieren, eine Katastrophe. Eine der Hexen, die Berlokuli, Munz und Krax bewachen sollte und unwissentlich auch Merkuroxine, eilte Rokur zur Hilfe, weil diese die Tür des Uhrwerks nicht geöffnet bekam. Gemeinsam zogen sie mit Gewalt das Uhrwerk heraus. Federn und Räder, Schräubchen und Spiralen spritzten in weitem Umkreis auf den Fußweg, aber auch im leeren Gehäuse fanden sie kein Hexenkind. „Wer ein wenig denken könnte, wüsste ungefähr, dass ein Hexenkind in diesem Alter wenigstens siebenundsiebzig Zentimeter misst“, knurrte Munz. „Wer keine Vorstellung von Maßen hat, findet in der Scheune gleich mehrere Zollstöcke. Und dann könnte er glänzend sein mathematisches Gehirn demonstrieren, wenn er feststellt, dass ein Hexenmädchen in dieser Größenordnung niemals in ein Uhrwerk mit einem Durchmesser von fünfzehn Zentimeter passt.“  Munz war so sauer, dass ihn Rokurs giftige Blicke nicht die Bohne interessierten. Aber die beiden Hexen ließen von der Uhr ab. Anscheinend war es ihnen doch zu peinlich, von einem Kater den Spiegel der Unfähigkeit vorgehalten zu bekommen.
 
„So lange, so lange, Sorgen gemacht“ krächzte Krax, denn die Zeit des Zaubers war abgelaufen. Zack! Da hatte er wieder eine Schlinge um den Schnabel. Für Rokurs unterdrückte Wut kam er gerade recht. Die Hexen hatten den Eingang zum Keller gefunden. „Gleich werden meine sorgsam gehüteten Fressalien in den Dreck fliegen“ bedauerte Berlokuli. „Wenn diese Banausinnen wenigstens den Käse, die Wurst, die Marmelade, den Räucherfisch, das eingekochte Obst und andere Leckereien verdrücken würden.“ Berlokuli war überzeugt, dass ihre leckeren Speisen von Dutzenden Füßen zertrampelt werden und diese Monster anschließend ihre Höllenburger hineinschoben, um sich danach genüsslich die Finger zu lecken. Auf Berlokuli fragenden Blick schüttelte Munz nur kurz den Kopf. „Willst du wohl aufpassen“, piepste Merkuroxine, „fast hätte ich in deinem Fell den Halt verloren.“ Verwundert legte Krax den Kopf schief und schielte zu Munz. „Gut, das dein Schnabel zugebunden ist“, dachte Munz. „ Du würdest sonst jetzt sofort lostrompeten, dass ich eine Spinne im Fell habe.“
 
Berlokuli begriff nicht, was ihr Munz mit dem Kopfschütteln andeuten wollte. Aber als auch der Keller sich als Fehlalarm entpuppte, weil er einfach leer war, kapierte sie. Berlokuli verstand die Welt nicht mehr. Verstört kaute sie auf ihrem kleinen Fingernagel herum und strengte sich an, die Vorgänge geistig erfassen zu können. „Irgendwie reicht mein Spatzenhirn einfach nicht aus, um plausible Erklärungen zu finden. Wo sind meine ganzen Sachen geblieben?“ Bisher hatten die Hexen, bis auf die Uhr, nur wertlosen Ramsch aufgestöbert. Ihr war es ja sehr recht, dass sie die Speisen, die Wolle und andere verfängliche Dinge nicht fanden. Lieber verzichtete sie auf diese, als durch sie unnötig in Schwierigkeiten zu geraten. Alles konnte man irgendwann ersetzen, nur Joliannali nicht. Bliebe sie verschont, dann waren Berlokuli irgendwelche Klamotten sowieso egal. Aber trotzdem war es mehr wie merkwürdig, dass ihre kleinen Schätze nicht ans Licht befördert wurden.
 
Zunehmend wurden die Hexen aggressiver, je negativer ihre Suche verlief. Buwe konnte ihren Zorn kaum noch zügeln. Nicht einmal eine Stricknadel hatte sie gefunden, obwohl sie genau wusste, dass Berlokuli Handarbeiten liebte. Sie hatte sie nämlich dabei schon einmal erwischt. Es zeichnete sich ab, dass diese ganze Aktion ein Schlag ins Wasser war. Nur diese verräterische Uhr war ans Tageslicht bugsiert worden und das reichte niemals für eine Verurteilung nach Nikezuk aus. Und die Toleranz für Misserfolge ist bei Hexen sehr gering. Hexen können halt nicht verlieren.
 
Mehr und mehr ging die Suche nach Joliannali in blankes Randalieren über. Türen krachten, Fensterscheiben klirrten mal wieder, Ofenkacheln wurden abgeschlagen, der klägliche Rest der Möbel sinnlos zerschmettert. Die Hexen fingen sich wieder zunehmend an zu streiten und zu prügeln. Im Vorübergehen traten, spuckten, schlugen sie nach Berlokuli und den Tieren. Berlokuli setzte deswegen Krax neben Munz auf die Bank und stellte sich davor. Wenigstens sie sollten unversehrt bleiben. Merkuroxine schätzte diese Schutzmaßnahme völlig anders ein. Denn nun war sie verdächtig nahe an Krax. „Sein Schnabel ist zugebunden“ beruhigte sie sich unentwegt, um nicht in blanke Panik auszubrechen.
 
Im Vorbeigehen rammte eine Hexe Berlokuli den Ellenbogen in den Bauch, dass die kaum Luft bekam. „So sag doch was, Munz“ forderte Merkuroxine trotz Krax´ Nähe den Kater auf, „die erschlagen sonst noch Berlokuli“. „Krabble zu Krax rüber“, forderte sie Munz auf. „Was?“ schrie Merkuroxine. „Spinnst du? Raben fressen Spinnen.“ „Der nicht, hoffe ich. Lauf zu, ich weiß, was ich sage. Willst du Berlokuli nun helfen oder nicht?“ befahl er streng und Merkuroxine glitt zögerlich in Krax Federkleid.
 
 
 
Munz´ Feldzug
 
Ohne Merkuroxine konnte sich Munz nun wieder frei bewegen und sprang mit einem Satz auf den Schornstein des Räucherofens. Die Aufpasserhexen wollten sich auf ihn stürzen, als er über die Hexenmenge schrie: „Na, Rokur, hast du gefunden, was du suchst? Nur um dein Mütchen an Berlokuli zu kühlen, spannst du mit einer dreisten Lüge die ganze Hexenwelt vor deinen Karren, ohne Rücksicht darauf, dass anständige Hexen vielleicht noch mehr zu tun haben. Dir und Rosto geht es doch nicht um ein verlorenes Hexenkind. Soviel Anteilnahme und Fürsorge wäre mir neu. Was willst du eigentlich wirklich hier erreichen?“
 
Mit einem Male herrschte Totenstille. Die Hexen, die Berlokuli und Munz bewachen sollten und gerade dabei waren, ihm nachzuhechten, hielten mit einem Ruck in ihren Bewegungen an. Ihre Zauberstäbe, die sie eigentlich gegen Munz richten wollten, verharrten auf halber Strecke und spuckten rosa und türkise Seifenblasen aus. Rokur kam aus dem Haus gefegt wie ein wild gewordener Stier. Dampfwolken traten aus ihrer Nase: „Wie kannst du verwanzter Bettvorleger es wagen, so mit mir, der Oberhexe, zu reden? Dir werde ich dein freches Maul stopfen.“ Mit diesen Worten zeigte ihr Zauberstab auf Munz und Berlokuli schrie laut vor Angst um ihren Kater auf. „Töte mich doch!“ Munz ließ sich nicht beeindrucken. „Auch wenn ich verstumme, werden dich irgendwann die Mithexen fragen, welchen einzigen schlüssigen Beweis du wirklich für die Existenz dieser Phantomhexe hast.“
 
Rokur entging es in ihrer Rage, dass inzwischen die meisten Hexen sich einander anglotzten, wie Karpfen mit Verdauungsproblemen und ihr unaufhörlich auf den Leib rückten. Bevor sie nur einen Fluch ausstoßen konnte, um dem Zauberstab die Kraft zu verleihen, Munz zu vernichten, legte die ihr am nächsten stehende Hexe die Hand auf den Stab und die Funken trafen eine Klamotte, die nun als Fliege davon flog und sofort von Kork geschnappt und heruntergeschlungen wurde. Allerdings bekam sie ihm nicht sonderlich, denn seine Augen traten weit aus seinem Kopf heraus und bekamen einen sonderlich starren Blick. Mehrmals musste er mächtig aufstoßen und bei jedem Hickser hatte man den Eindruck, dass er sich übergeben müsse. Sein Schnabel stand weit offen und seine Zunge hechelte wie verrückt. Er sah sehr erleichtert aus, als er diese Fliege endlich wieder herausgewürgt hatte und plop, flog sie ihm im hohen Bogen wieder als Stein aus dem Schnabel.
 
„Warum antwortest du nicht, Rokur?“ fragte die Hexe, die den Angriff auf Munz verhindert hatte. Eine andere keifte: „Ich hätte auch gerne gewusst, ob ich hier meine Zeit sinnlos verplempere“. Und die Nächste schrie: „Seit Stunden suchen wir hier und finden nicht den geringsten Hinweis auf ein Hexenkind.“ „Welches fieses Ding ziehst du ab, während du uns hier beschäftigst?“ „Wer einer Rokur traut, der hat man den Verstand geklaut.“ „Die nimmt uns doch nur mit ihrem Hexenkindmärchen auf den Arm.“ „Weißt du eigentlich, was ich inzwischen zu Hause alles versäume, weil ich hier Bettfedern für dich seziere?“ So und so ähnlich schrieen nun sämtliche Hexen durcheinander.
 
Rokurs Nasenflügel bebten vor Zorn und ihre Augen fixierten tückisch Munz, als wollten sie Giftpfeile auf ihn abschießen. Aber die anderen Hexen bedrängten sie immer weiter, sodass  sie sich Berlokulis Kater nicht weiter widmen konnte. Sie musste ihnen Rede und Antwort stehen. Und Munz ließ nicht locker: „Jede hier weiß, dass Rosto Berlokuli nach der Hepe vor die Feme brachte. Und genauso weiß jede, dass du die Einzige warst, die gegen ihre Entlassung aus Deleve stimmte. Und ausgerechnet ihr beiden zettelt hier das Unternehmen an. Das ist doch wahrhaftig eigenartig.“
 
„Schweig!“ Rokur verlor vollends die Beherrschung und hüpfte auf und nieder wie ein Jojo. „Ich brachte Berlokuli vor das Gericht, weil sie in der Hepe zeigte, dass sie ein elender Krüppel ist. Unverbesserlich!“ klang Rostos eiskalte Stimme aus dem Türrahmen. Der Krach, den die Hexen angestimmt hatten, ebbte ab, „Und ich erkannte als Einzige, dass Berlokuli nur zum Schein sich an unsere Gepflogenheiten anpasste.“ Rokur hatte sich wieder gefasst. „Sie wurde immer wieder vor die Feme zitiert, weil sie von Grund auf nicht in der Lage war, unsere Gesetze zu akzeptieren. Und nicht einmal stand sie vor dem Hexenrat wegen der üblichen Verbrechen.“ „Was hat das aber mit der angeblichen Existenz dieser Hexe zu tun, Rokur?“ bohrte Munz weiter. „Du hast meine Frage immer noch nicht beantwortet. Und deine Hexengemeinde hat ein Recht darauf, zu erfahren, weshalb sie sich die Finger schmutzig macht.“
 
Wieder reagierten die Hexen mit wildem Gezeter und bestürmten Rokur und Rosto, ihnen endlich reinen Wein einzuschenken. Und immer lauter wurden Stimmen, dass man das Theater satt habe, dass man jetzt nach Hause fliegen wolle, dass man keine Lust mehr verspüre, Rokur auf dem Leim zu gehen und so weiter. Die Stimmung wendete sich eindeutig gegen Rokur und Rosto und beide wurden zunehmend nervöser. Besonders Rosto bekam es mit der Angst zu tun. Sie kannte die Hexen, wenn sie enttäuscht waren oder zu lange auf einen sichtbaren Erfolg warten mussten. Sie waren hierher angereist, um ihren Jagdinstinkt zu befriedigen. Eine Treibjagd großen Stils hatten sie sich vorgestellt mit einem anschließenden Schauprozess vor der Feme. Aber Berlokuli lieferte ihnen keinen Vorwand, die Hatz auf sie zu eröffnen. Und seit Stunden wühlten sie ihr Haus um und dumm, nahmen jeden Gegenstand mehrmals auseinander, aber Joliannali blieb verschwunden. Rosto wusste sehr genau, wie leicht die Stimmung der Hexen kippen konnte und sich dann urplötzlich gegen sie selbst richten würde.
 
Für sie war es an der Zeit, das Lager zu wechseln, um sich nicht den Angriffen der Mithexen auszuliefern. „Rokur, ich weiß, dass du Berlokuli schon lange gerne in Nikezuk sehen möchtest, wobei es dir ja wohl eher nicht um Berlokuli geht, sondern weil du mit so einer Aktion gedenkst, Kimoseli aus der Reserve zu locken. Aber hast du dich da nicht in die Idee mit Joliannali etwas verrannt? Es ist verständlich, dass du endlich mit deiner Schwester abrechnen möchtest, aber das ist doch nur möglich, wenn etwas Handfestes vorliegt und nicht ein Hirngespinst.“ Rosto atmete auf. Sie war aus der Sache heraus. Und die Hexen, die sie bereits umringt hatten, zogen sich zurück in Richtung der Oberhexe. Aber als sie Rokur ins Gesicht sah, wusste sie, dass sie ab diesem Moment ihre Todfeindin gesehen hatte.
 
Berlokuli klappte vor Erstaunen der Unterkiefer herunter. So verhielt sich das Ganze also: Rokur und Kimoseli waren Schwestern. Alles hätte sie vermutet, nur das nicht. Lag vielleicht in der gemeinsamen Kindheit die Ursache für Rokurs abgrundtiefen Hass auf Kimoseli? Hatte sie deswegen Berlokuli als Kimoselis Ziehtochter von Anfang an auf der Pieke?
 
In Merkuroxine, die bis Munz´ Ansprache nur völlig eingeschüchtert unter Krax Flügel kauerte, war Leben gekommen. In der Aufregung vergaß sie völlig, wo sie war und welche Gefahren um sie herum lauerten. Lauthals feuerte sie Munz an „Mach weiter so, Junge, mach weiter so. Gib es der alten Hexe tüchtig. Hetz sie auf! Hetz sie auf! Großartig Junge!“ Dabei vollführte sie mal mit den rechten Beinen einen Schwinger, mal mit den linken, als sei sie im Boxring gelandet. Jeden Redebeitrag von Berlokulis Kater quittierte sie mit einem Riesenapplaus und zwar gleichzeitig mit sämtlichen Beinen. „Ach ist der goldig“, seufzte sie dann ein über das andere Mal mit träumenden Augen. Munz hatte einen echten Fan gefunden.
 
Der bemühte sich unterdessen, Rokur weiter in die Enge zu schieben: „Rokur, mich interessiert kein Blablabla. Komm auf den Punkt. Fakten wollen wir sehen, nichts als Fakten. Nicht die Angeklagte hat die Beweispflicht zu erbringen, sondern die Anklägerin.“ „Ja“, riefen etliche Hexen und Zwischenrufe wie: „Höre endlich auf, uns vollzuquatschen.“, „Was Handfestes wollen wir sehen.“, „Beweise, Rokur, Beweise“ oder „Du veräppelst uns doch nur“ spiegelten nicht nur die Meinung der Hexen wieder. Sie witterten ein Ersatzopfer für Berlokuli und Joliannali, nämlich Rokur. Und als eine Hexe zynisch die Oberhexe fragte: „Hast du keinen Friseur, dem du deine Geschichtchen erzählen kannst“, wurde es für die Oberhexe reichlich brenzlig. Nicht weil ihr der Friseur fehlte, denn was sollte eine Hexe bei der Mähne mit so einem schon anfangen. Nein, weil die untergebenen Hexen anfingen, sich über sie lustig zu machen, sie nicht mehr Ernst nahmen. Sie waren dabei, Rokurs Autorität als Oberhexe zu demontieren.
 
Krax ließ sich von Merkuroxines Begeisterung anstecken und hüpfte auf und ab, denn krächzen konnte er ja nicht mit dem zugebundenen Schnabel. Prompt passierte es, dass Merkuroxine den Halt verlor und an einem seidenen Faden zu Boden trudelte. Gerade noch rechtzeitig erkannte Krax das Missgeschick. Zwar bekam er den Schnabel nicht weit genug zum Sprechen auf, aber immerhin einen kleinen Spalt. Das reichte. Er benutzte seinen Schnabel wie eine Pinzette, erwischte den Faden kurz über der Spinne und jonglierte sie zurück unter den Flügel.
 
Merkuroxine war derartig vertieft in die Auseinandersetzungen der Hexen, dass sie zunächst gar nicht registrierte, was geschehen war. Als ihr dann doch bewusst wurde, dass sie soeben Millimeter unter der Futterluke eines Vogels geschwebt war, sah sie Krax entsetzt an. Der bemerkte es und zwinkerte ihr freundlich zu. Daraufhin verhielt sie sich sehr lautlos. Merkuroxine war in Ohnmacht gefallen. Krax stutzte, wieso die Spinne plötzlich schwieg, deutete ihren Zustand richtig, obgleich er nicht nachvollziehen konnte, warum, und schob sie tiefer unter den Flügel. In seinen verwegensten Träumen wäre Krax nie auf die Idee gekommen, dass sie sich davor fürchtete, von ihm vernascht zu werden. Hätte sie Krax besser gekannt, dann wüsste sie, dass sie nirgends so sicher aufgehoben war wie in seinem Gefieder.
 
Denn Krax fraß so ziemlich alles, sogar Höllenburger, wenn es sein musste. Nur eine Sorte Futter rührte er radikal nicht an: Spinnen. Als Küken wurde er von Buwe tagein tagaus ausschließlich mit Spinnentieren gefüttert. Mit seinem kleinen Schnabel, der zu dieser Zeit auch noch recht weich war, kam er kaum mit den großen Viechern zurecht, die ihm Buwe hinschmiss. Satt wurde er von dem Viehzeug auch nicht, weil kaum Fleisch daran war. Fast alles an ihnen war unverdaubar. Und er ekelte sich bis zum Anschlag über die langen dünnen Beine, die auch noch um seinen Schnabel zappelten, wenn ihr Körper schon im Magen war. Nie wieder Spinne, hatte er sich geschworen, als er bei Buwe herauskam.
 
Außerdem hatte sogar Krax inzwischen geschnallt, dass es mit dieser Spinne etwas Besonderes auf sich hatte. Wenn Munz auf sie aufgepasst hatte, gehörte sie zu Berlokuli. Die teilte aber eigentlich mit Krax die Abneigung gegen diese Tiere. Und wenn sie trotzdem die Spinne mitgebracht hatte, dann gab es einen triftigen Grund. Außerdem hatte sein Freund Munz ihm sie anvertraut, also musste er für ihre Sicherheit sorgen. Und wenn ein Tier dermaßen euphorisch seinen Kumpel beklatschte, würde er ihm sowieso kein Leid antun. So einfach war das für Krax.
 
Für Rokur war die Lage nicht mehr so einfach. Sie stand vollends mit dem Rücken zur Wand. Wenn sie jetzt nicht verhinderte, dass ein Tumult ausbrach, könnte sie schnell die Zielscheibe für die unzufriedenen Hexengefährtinnen werden. Zu ihrer Ehrenrettung muss aber festgestellt werden, dass Rokur nicht die Feigheit ihrer Genossinnen besaß. Jede andere Hexe, mal abgesehen von Kimoseli und Berlokuli, hätte versucht, die Meinung zu wechseln wie Rosto oder würde plötzlich behaupten, dass sie schon immer ganz genau so und nicht anders dachte wie die Mehrheit oder wäre einfach abgehauen. Flucht wäre ihr aber zu diesem Zeitpunkt schon schlecht bekommen, denn dann wäre der Jagdinstinkt bei ihren Mithexen ausgebrochen. Und Munz piekte und stocherte weiter und völlig egal, was Rokur antwortete oder sagte, Munz hatte stets die besseren Argumente. 
 
Berlokuli war derart perplex über seine rednerische Gewandtheit, dass sie nur staunend und bewundernd da stand. Merkuroxine hatte den Schwächeanfall überstanden und anfangs vorsichtig, aber bald ungehemmt mit Krax schon mal den vermeintlichen Sieg gefeiert.
 
Rokur begann, sich anrempelnde Hexen mit Knuffen und Tritten vom Leibe zu halten. Auch Korks gewaltiger Schnabel teilte fleißig aus und die ersten Hexen flogen inzwischen empört in Richtung ihrer Heimat ab. Rokur wagte einen letzten verzweifelten Versuch, die Hexen auf ihre Seite zu ziehen: „Habt ihr vergessen, was Kimoseli mit euren Zauberstäben veranstaltete. Damals glaubtet ihr, sie sei nur eine harmlose Irre. Ich hatte euch rechtzeitig vor ihr gewarnt. Durch meine Recherchen seid ihr dahinter gekommen, dass sie Kontakte zu Menschen pflegte. Alles habe ich daran gesetzt, zu verhindern, dass sich Berlokuli und Kimoseli verbinden. Wenn es das Hexenkind nicht gibt, werde ich vor euch in aller Form Abbitte leisten. Aber wehe euch, es gibt sie und wir machen sie nicht rechtzeitig unschädlich. Dann wird es eines Tages eine Allianz dieser Geistesgestörten geben und sie werden gegen uns Unterstützung bei den Menschen finden. Wollt ihr das?“
 
Der Pulk der Hexen war unschlüssig, was er von diesen Worten halten sollte. Die Erinnerung an Kimoseli in Verbindung mit ihren Zauberstäben verfehlte bei ihnen nicht die Wirkung. Ratlos sahen sie sich gegenseitig an. „Rokur“, tönte Munz dazwischen, „fällt dir nicht mehr ein, als bei deinen Freundinnen unbegründete Ängste zu schüren und mit waghalsigen Theorien zu argumentieren, wo dir schlicht und ergreifend, und da sind wir wieder dort angelangt, wo wir begonnen hatten, die Beweise fehlen.“
 
Und? Munz hatte die Zuhörerinnen wieder von seiner Position überzeugt. „Du vergisst das Bett, Munz“, erwiderte ihm Rokur. „Das ist ein Beweis. Denn nur Berlokuli konnte es entfernt haben, denn die sechs anderen Hexenmädchen lebten bereits an jenem Tage im Käfig. Aber gut. Ich gebe mich geschlagen. Niemand soll sagen, dass ich nicht bereit wäre, Zugeständnisse zu machen. Wir werden Blizzu herbitten und uns mit ihr gemeinsam beraten. Blizzu ist für ihre Neutralität bekannt und soll entscheiden, was weiter zu tun ist.“
 
Schon wieder graute der Morgen und die Hexen waren die Debatte leid und müde. So akzeptierten sie den Vorschlag von Rokur. Zwei Hexen wurden losgeschickt, um Blizzu zu holen.
 
Man beschloss, Berlokuli, Krax und Munz in den Scheunenkeller zu sperren, bis die alte blinde Hexe eintraf. So führte man sie durch die Scheune dorthin. Was Berlokuli in der Scheune zu sehen bekam, war ein Bild des Jammers. Das Scheunenfenster zerbrochen, die Tür eingetreten, in der Zwischendecke klaffte ein riesiges Loch und sogar die massiven Eichenbalken zeigten Spuren von gröbster Gewalteinwirkung. Der Boden war bedeckt mit Trümmern, Scherben, Splittern und Müll.
 
Noch vor wenigen Tagen hatte sie hier mit Joliannali und den Tieren gewohnt, weil ja die Hexenkinder das Haus belegten. Und die Scheune mit ihren groben Steinwänden und dem rustikalen Steinboden war ein gemütliches Ersatzquartier. Da hatte sie noch überlegt, wenn sie das Wohnhaus nicht hätten, könnte dieses gemütliche Häuschen ohne weiteres auch ausreichen als behagliche Heimstätte. Platz genug war vorhanden. Und jetzt ähnelte die Scheune eher einer Ruine.
 
Nachdem die Hexen Schutt beiseite räumten, stellte Berlokuli fest, dass wenigstens der Kellereingang unversehrt war. Der Keller war als Aufenthaltsraum nicht sehr angenehm, denn er besaß kein Fenster und man kam in ihn nur durch eine Falltür hinein. Doch er war wenigstens trocken. Es war in ihm kühl, aber auch in härtesten Wintern sank das Thermometer hier nie unter die Gefriermarke. Deshalb war er ja auch so vorzüglich als Vorratsraum geeignet.
 
Hier hatten sich die Hexen eindeutig nur sehr kurz aufgehalten, denn die meisten Regale standen noch an der Wand und einige leere Weckgläser auf dem untersten Regalboden in der Ecke hatten den Angriff heil überstanden. Immerhin konnten die Freunde in diesem wenig gastlichen Raum zusammenbleiben und mussten sich nicht mit den widerlichen Hexen einen Schlafplatz teilen, die sie unentwegt argwöhnisch belauerten. Großzügigerweise überließ man Munz eine Kerze, die er sehr nachhaltig verlangte. Nach lautstarkem Protest seinerseits erhielten sie auch drei Tüten mit Höllenburgern. Als sie unten um die Kerze herumsaßen, zeigte Munz mit seiner Pfote auf die Schnauze. Jeder verstand: Kein verdächtiges Wort, die Wände haben vielleicht Ohren. Denn es war ohne Weiteres möglich, dass ein herumliegendes Staubkorn eine verwandelte Hexe war, die sie belauschte.
 
Mit langen Zähnen und angewiderten Gesichtern zwangen Berlokuli und Munz die Höllenburger hinunter. Es half alles nichts. Irgendwann mussten sie essen. Krax bekam seine Portion durch den Spalt im Schnabel geschoben, die Berlokuli vorher zu kleinen Kugeln formte. Immer wieder sah Berlokuli fragend Munz an, doch der riss jedes Mal die Augen entsetzt auf und seine riesigen Pupillen gemahnten, zu schweigen. Jetzt konnte er ihr bestimmt nicht erklären, wo Joliannali steckt. Und Berlokuli war einsichtig und wusste, dass sie sich gedulden muss. So erklärten Munz und Berlokuli sich nur gegenseitig, wie schrecklich müde sie seien und dass sie sich unbedingt ausstrecken müssten, um zu schlafen. Merkuroxine krabbelte vorsichtig in Berlokulis Ohr zurück, bevorzugte es aber, lieber kein Wort zu sprechen. Und dieses Mal fand Berlokuli wirklich Ruhe ohne endlose Grübeleien. Die Anwesenheit und Nähe ihrer Tiere halfen ihr, den nach diesen erlebnisreichen Tagen für sie so wichtigen Schlaf zu finden.
 
Gegen Mittag wurde Merkuroxine von eigenartigen Erschütterungen geweckt. Das spärliche Licht, was durch die Dielenspalten der Falltür drang, war nicht gerade eine Festbeleuchtung. Merkuroxine kneisterte mächtig, bis sich ihre Augen an die schlechten  Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Und da waren wieder dieses Kratzgeräusch und ein Stampfen.
 
Jetzt hatten sich Merkuroxines Augen so weit angepasst, dass sie die Quelle der Geräusche erkannte: Es war Krax. Er versuchte zwischen den Steinen eine Spalte des grob gepflasterten Bodens zu verbreitern, um seinen Schnabel hereinzustecken. Nach der letzten Nacht war Merkuroxine ihm gegenüber etwas mutiger und wagte sich näher an ihn heran. Er erkannte sie und sah sie mit runden, hilflosen und richtig ängstlichen Augen an.
 
„Was macht der da“, fragte sich die Spinne völlig irritiert, „dreht der denn total ab?“ Krax zog seinen Schnabel aus den Steinen, öffnete ihn und steckte ihn sofort zurück. „Ach, der Zauber hat nachgelassen und er ist seine Fessel um den Schnabel los“, fiel Merkuroxine ein. „Ist doch schön für ihn.“ Sie wollte sich gerade in Berlokulis Ohr zurückbegeben, als Krax seine seltsamen Verrenkungen wiederholte. Gerade wollte ihn Merkuroxine fragen, ob das nicht die verkehrte Stunde für Gymnastik sei, als sie sich erinnerte, dass sie ja nicht sprechen darf, weil sie unter Umständen belauscht werden. Sie sah sich noch einmal zum Vogel um, der immer verzweifelter guckte. Wieder hob er den Kopf, machte ein Gesicht, als wolle er etwas sagen und schlug den Schnabel in die Spalte.
 
Und jetzt ging Merkuroxine ein nicht vorhandener Kronleuchter auf. Er hatte Angst zu sprechen. Er befürchtete, etwas zu verraten. „Meine Güte“, dachte Merkuroxine, „er gehört zu denen, die schneller sprechen als sie denken. Und hat das Gehirn endlich das Mundwerk eingeholt, ist es zu spät.“ Das war allerdings gefährlich und zwar für sie alle. Nun begriff Merkuroxine, warum er immer die stupiden Sätze krächzte, bis eine Hexe mit schwachen Nerven ihn mundtot machte. Angestrengt dachte das Spinnlein nach. Und dann war sie furchtbar mutig.
 
Sie krabbelte zu Krax, zeigte mit einem ihrer Beine auf seinen Schnabel und malte danach Kreise in die Luft. Jederzeit hätte er sie nun fressen können, aber er nickte und in seinen Augen stand Dankbarkeit. Daraufhin strich sich Merkuroxine über ihr Hinterteil, wackelte ein wenig damit und ergriff einen zarten seidenen Faden. Sie ging zu Krax und befestigte ihn an seinem Schnabel. Nun lief sie dreimal um ihn herum, strich sich wieder über den Po und absolvierte die nächsten Runden um seinen Schnabel.
 
Krax hielt absolut still und ließ es sich gefallen. Drei Stunden lang wiederholte sich das Podexstreicheln, wackeln und herumrennen, bis endlich der vorlaute Plapperschnabel sicher eingepackt war. Merkuroxine war erschöpft, aber Krax hatte wieder seinen vergnügten Gesichtsausdruck. Es ist ja auch nicht schön, wenn man sich auf seine eigene Klappe nicht verlassen kann.
 
Und die Spinnenfäden hielten. Obwohl sie so dünn waren, nahmen sie es in der Festigkeit ohne weiteres mit der Zauberstabfessel auf. Krax hielt seinen Flügel vor Merkuroxine auf den Boden. Fragend blickte sie ihn an und kletterte nach seinem ermunternden Blick hinauf. Vorsichtig führte Krax den Flügel samt Merkuroxine vor sein Rabengesicht und zwinkerte ihr zu. Und diesmal zwinkerte sie verschmitzt zurück und fiel nicht in Ohnmacht. Wenn ihr das jemand in der Wiege geflötet hätte, dass eines Tages ein Rabe ihr Freund sein würde, dem hätte sie einen Vogel gezeigt.
 
Nachdem Krax sie zurücksetzte, marschierte Merkuroxine mit stolz geschwellter Brust zurück in ihr Berlokuliohr. Sie hatte sich richtig was getraut und einen neuen Freund gefunden Beim Einkuscheln dachte sie auch an Munz, an diesen tollen dreisten Kater. „Schade, beinahe hätte es der Kater geschafft, die Hexen zu spalten und dass sie die Suche abbrechen“, überlegte sie und gähnte aus vollem Herzen. „Wir schaffen es aber doch noch.“ Und Merkuroxine träumte bald von netten Katern und Raben und vermisste ihre Wüste nicht im Geringsten. Sie fühlte sich trotz aller Widrigkeiten restlos zufrieden und glücklich.
 
Ihr Glück wäre getrübter gewesen, wenn sie die Laus auf Berlokulis Kopf entdeckt hätte. Vielleicht hätte sie dann ganz schnell Krax´ Schnabel wieder aufgewickelt. Denn Rosto hatte sich versucht, bei Rokur wieder einzuschleimen, nachdem diese leicht Oberwasser bekam. Sie benötigte nicht sehr viel Phantasie, um sich vorzustellen, was Rokur mit ihr bei nächster Gelegenheit anstellte, wenn ihr Auftritt am Nachmittag das letzte Wort war. Und sie kannte Rokur lange genug, um zu wissen, dass diese Hexe wie keine Zweite nachtragend und rachsüchtig sein konnte. Deshalb erbot sie sich eilfertig, Rokur als Spionin zu dienen, um die Drei auszubaldowern. Und nur deswegen verblieben sie ohne Bewachung im Keller.
 
Ansonsten hätten sich andere Hexen vorgedrängelt und sich den Keller unter den Nagel gerissen. Denn der November hatte seine ungewohnte Freundlichkeit abgelegt. Oben im Haus und in der Scheune zitterten die Hexen vor Kälte. Da sie ja sämtliche Fenster zerschmissen hatten und die Türen demoliert, pfiff der Wind ungebremst durch die Räume. Und er brachte seinen Partner mit, nämlich Väterchen Frost. Der liebkoste nicht gerade die Weichteile der Hexen und vor lauter Zähneklappern vergaßen sie sogar, sich ihre übliche Schikane zu servieren.
 
Sie froren sich zu Puppenlappen, aber der Eingang zum temperierten Keller blieb versperrt. Letztendlich waren die Gefangenen, die sich aneinandergeschmiegt wärmten, besser dran. Leider auch Rosto, die bereits wieder triumphierte. Berlokuli war klug und besonders ihr Kater. Sie sagten nichts Nennenswertes. Aber von ihrer Helferin ahnte noch niemand etwas. Diese Spinne war bestimmt eine Verwandelte, vielleicht sogar Joliannali oder Kimoseli. Denn eine simple Spinne konnte niemals so klug sein. Und Rosto kannte nun den Schwachpunkt dieser Gesellschaft: Krax. Als erstes würde sie ihm morgen den Schnabel befreien und sie war sich sicher, dass es weniger Druckmittel bedurfte, um ihn singen zu lassen wie eine Nachtigall.
 
Rosto war sich ihrer Sache absolut sicher und wagte es nun auch, sich ihren Träumen auf Berlokulis Kopf hinzugeben. Heute Abend würde sie auf der Seite der Gewinner stehen, ganz egal, wer sie auch wären. Bei Rokur hatte sie wieder ein Stein im Brett, weil sie ihr Neuigkeiten mitteilen konnte. Und falls Berlokuli siegen sollte, könnte sie darauf verweisen, dass sie ja gestern schon Joliannali für eine Mär hielt.
 
Merkuroxine dachte, sie hätte überhaupt noch nicht geschlafen, als am frühen Abend Hexen in der Scheune die Falltür hochrissen und Buwe den Gefangenen in barschem Ton befahl, nach oben zu kommen. Aber Berlokuli fühlte sich richtig erfrischt, nachdem sie endlich einmal wieder richtig durchgeschlafen hatte und war als Erste auf den Beinen. Gefolgt von Munz und Krax erklomm sie die schmale Treppe und betrat gerade die letzte Stufe, als ein spitzer Gegenstand auf ihren Kopf einhackte. Sofort dachte sie, dass Kork sie angegriffen hätte und sah sich wütend um.
 
Zu ihrer Verwunderung erblickte sie aber nur Koru auf Buwes Schulter, der gerade etwas herunterschluckte. Berlokuli tastete die Stelle an ihrem Kopf ab, an der sie getroffen worden war. Sie blutete leicht. „Sag mal, warst du das“, fragte sie Koru sichtlich schockiert. „Dieser Vogel hat nicht alle beieinander“, erklärte kurz Buwe und schubste ihn mit ihrer Faust von ihrer Schulter. Augenblicklich verschwand Koru durch das offene Fenster in Richtung Wald.
 
 
 
Die Hexe Blizzu
 
Nachdem Berlokuli die Schäden in der Scheune gesehen hatte, erahnte sie, in welchem Zustand ihr Wohnhaus sein müsste. Als Buwe sie nach dort brachte, wurden ihre Vorstellungen von der Realität weit übertroffen. Es grenzte an ein Wunder, dass die Hexen überhaupt die Mauern stehen gelassen hatten.
 
Mitten in der Stube thronte Blizzu. Sie saß auf einem ausgefransten, halbgefüllten Kissen, das auf Berlokulis umgedrehten Nachttopf lag. Offensichtlich war der Nachttopf der einzige Gegenstand im Haus, der nicht demoliert war. 
 
Blizzu fror entsetzlich und zeterte ständig herum, sie bräuchte eine weitere Decke und die Hexen suchten alles im Haus ab, um noch einen Fetzen zu finden. „Sagt mal, ihr Schlauberger, wozu habt ihr eigentlich Zauberstäbe?“ rutschte es Berlokuli heraus. Verdutzt sahen sich die Hexen gegenseitig an. In Windeseile wirbelten dann unzählige Stäbe durch die Luft und für die nächsten sieben Stunden war November, Wind und Schneeregen ausgesperrt.
 
Fenster und Türen waren vorerst wieder im alten Zustand. Nur der Ofen spuckte soviel Qualm in das Zimmer, dass sie das Feuer schnell wieder löschten. Berlokuli hatte auch öfter probiert, ihn mit Zauberei in Gang zu kriegen, aber anscheinend mochte der keinen Hokuspokus. Deshalb heizte sie ihn immer per Hand und dann zog er auch und heizte in Nullkommanichts das ganze Häuschen durch. Brennholz lag ja eigentlich mehr wie genug herum und Höllenburgertüten zum Anheizen. Aber Berlokuli verspürte nicht die geringste Lust, diesen abartigen Gästen auch noch eine warme Stube zu bieten.
 
Rokur betrat das Zimmer und baute sich drohend vor Berlokuli auf. „Wo ist Rosto?“ Berlokuli war völlig irritiert und stotterte nur noch: „Woher soll ich das denn wissen? Ich war bis eben im Keller und danach hat Buwe uns hergeleitet.“ Rokurs Stimme wurde gefährlich leise: „Rosto war auch im Keller. Was hast du mit ihr gemacht?“
 
Munz schaltete sich ein: „Ach weißt du, Rokur, dieser Höllenburger war uns einfach zu pappig. Und als uns Rosto im Keller die Begrüßungsrede hielt, haben wir sie höflichst um ihren Zauberstab gebeten. Den hat sie uns natürlich sofort überlassen, weil wir sie so nett darum gebeten hatten. Dann haben wir uns das knackige Persönchen gegriffen und sie über der Kerze gegrillt. Und bevor wir sie verputzten, hat sie uns noch einen guten Appetit gewünscht. Danach haben wir schnell mit unseren scharfen Krallen und Fingernägeln ein sieben Meter tiefes Loch gescharrt, um ihren unzerstörbaren Zauberstab loszuwerden, zugeschüttet und alles wieder schön geglättet, damit nichts auffällt. Darum sind wir jetzt auch so unausgeschlafen. Ja Rokur, ganz genau so war es.“
 
Mit offenen Mündern starrten alle Hexen außer Rokur auf Munz und hörten seiner Erzählung zu. Nachdem er geendet hatte, brachen sie in dröhnendes Gelächter aus. Rokur hätte Munz am liebsten den Hals umgedreht.
 
 
Sie lief wieder aus der Stube in die Scheune und rief weiter nach der Schulhexe, aber ihre Suche war vergebene Mühe. Auch andere Hexen suchten Keller und Umgebung ab, aber mit dem gleichen Resultat. Rosto blieb verschwunden.
 
Erst als Blizzu nach etlichen Stunden sehr ungehalten reagierte, stellte Rokur die Nachforschungen ein. Sie war überzeugt davon, dass Berlokuli sie auf dem Gewissen hatte. Ein endloser Krach entspann sich zwischen Rokur und Berlokuli, die immer wieder beteuerte, dass niemand außer Krax und Munz im Keller war. Plötzlich erinnerte sich Buwe an den Zwischenfall auf der Treppe, als Koru nach Berlokuli hackte. Mit ihrer sirenenartigen Stimme rief sie quer über die Landschaft nach ihrem Raben.
 
Unverzüglich kam er angeflogen, setzte sich auf Buwes Schulter und wippte wieder in alter Manier auf und nieder. Buwe nahm ihn ins Kreuzverhör, warum er nach Berlokuli gepickt hatte. Schließlich presste Koru heraus: „Hunger! Dicke Laus!“ Buwe wollte sich gerade Koru greifen, als Blizzu sie anherrschte, den Raben in Ruhe zu lassen. „Sorge dafür, dass deine Tiere vernünftig gefüttert werden“, tadelte sie Buwe, „ich brauche kein Augenlicht, um zu sehen, wie spack diese Hungerkralle ist.“ Versöhnlicher stellte sie nun Koru die Frage, wo er den Zauberstab gelassen hätte, denn er musste ihn ausgebrochen haben. Koru wippte immer heftiger. „Angst! Buwes Faust! Angst!“ Alles Süßholzgeraspel half nichts. Mehr war aus dem Tier nicht herauszubekommen. Aber er wollte gerne die Hexen dorthin führen, wo er ihn vermutlich verloren hatte.
 
Wichtiger als irgendeine Hexe, die es möglicherweise gar nicht gab, war das Aufspüren des Zauberstabes. Ein Trupp Hexen flog mit ihm los, um ihn zu finden. Aber Koru war nicht in der Lage, sicher zu bestimmen, wo er lang geflogen war und letztendlich mussten die Hexen den Zauberstab zähneknirschend abschreiben. Sollte ihn wirklich ein Mensch finden, wüsste der vermutlich gar nicht, was er in den Händen hielt. Aber einen Zauberstab zu verlieren, beinhaltete für die Hexengemeinde immer ein großes Restrisiko. Denn was würde der Phönix dazu sagen?
 
Buwe war geladen. Sie versorgte zwar immer so ihr Viehzeug, dass die knapp, wenn überhaupt, überleben konnten, erwartete dafür aber, dass ihre Tiere die gescheitesten und geschicktesten ihrer Art waren. Und ihr Rabe hatte versagt. Aus völlig profanen Gründen hatte er die Agentin gefressen, die möglicherweise die ihr verhasste Berlokuli hätte überführen können, damit diese endlich nach Nikezuk käme. Eigenhändig wollte sie Koru für diese Tat erwürgen, wenn sie ihn nur in die Finger kriegte. Denn Hunger war in der Tat für sie eine profane Angelegenheit. Sie war stets satt.
 
Rokur maß dem Ganzen weniger Gewicht bei. Sie glaubte nicht, dass Rosto bei ihrer Dummheit wirklich etwas herausgefunden hatte. Außerdem erinnerte sie sich gut an die letzte Nacht, als die Schulhexe sie in die Suppe haute und das angesichts der Tatsache, dass eigentlich Rosto der Auslöser für die hiesige Aktion war. Peinlich war nur, dass Rokur jetzt eine Hexe finden musste, die dumm genug war, den Job in der Hepe zu übernehmen. Was Rokur nur wirklich erzürnte war das Verlangen von Blizzu, dass sie sich für die verkehrten Anschuldigungen betreffs Rosto bei Berlokuli entschuldigen musste.
 
Und Berlokuli? Die saß eng zusammengerückt mit ihren Tieren in der Ecke am Ofen, wo einst die Bank begann, die rings um den Ofen führte. In der Aufregung um den Zauberstab fanden sie wenig Beachtung und konnten sich manchmal Einiges zuraunen.
 
„Sag mal Krax, ist Koru wirklich so blöd?“, flüsterte Munz seinem Raben einmal zu. Der wiegte bedächtig den Kopf und schüttelte ihn verneinend. Mit ausufernden Gebärden erklärte er Munz: „Wer Buwe überlebt, kann nicht dumm sein.“ Etwas Spöttisches lag in Munz´ Gesicht, aber nichtsdestotrotz musste er Krax recht geben. Merkuroxine kroch aus Berlokulis Ohr in das von Krax: „Frisst der mich?“ Krax Kopf ging nach rechts und nach links. Das konnte er beruhigt verneinen, denn er kannte Buwes Speisezettel. Berlokuli hatte sich zunächst herausgehalten und die gesamte Zeit die Hexen beobachtet. Und sie hatte Buwes Fratze genau studiert.
 
Plötzlich senkte sie ihren Kopf über den von Munz und zischte dabei: „Hilf ihm!“ Munz schielte sie an: „Um jeden Preis?“ Berlokuli erwiderte ihm leise: „Ich bin nicht Gott und kann nicht entscheiden, welches Leben wichtiger ist. Um jeden Preis!“ Unmerklich nickte Munz.
 
Koru kam mit hängendem Kopf, als würde ein Verurteilter zum Galgen geführt, im Gefolge des Suchtrupps zurück und Buwe schmiss sich auf ihn. Aber urplötzlich war Munz dazwischen und schrie, so laut er konnte: „Blizzu! Sind wir hier zusammengekommen, um einen Raben zu strafen oder einen Zauberstab zu suchen? Sind wir nicht viel mehr hier, um zu klären, ob Berlokuli ein Hexenkind versteckt oder nicht?“
 
 
Das war wirklich der höchste Preis. Denn seit Stunden redete niemand mehr über das Hexenmädchen und die Gelegenheit war günstig, dass sich alles nach der erfolglosen Zauberstabsuche auflöste. Aber Koru bekam seine Chance und verschwand lautlos aus der Stube. Als es Buwe bemerkte, war es zu spät. Sie nahm zwar sofort die Verfolgung auf, hatte den Raben auch noch kurz vor dem Wald gesehen, aber dann war er mit einem Male verschwunden. Noch einer, der sich anscheinend in Luft auflöste.
 
Blizzu besann sich auf ihre Aufgabe und eröffnete die Verhandlung. Sie genoss ein sehr hohes Ansehen bei den Hexen, weil es ihr auch nach der Erblindung gelungen war, sich zu behaupten. Es war fast so, als verfügte sie über ein inneres Auge, dass sie rechtzeitig vor allen Nachstellungen warnte. Dabei hielt sie sich aus dem Gezänke der anderen Hexen stets heraus, wusste aber immer am besten, wann sie sich auf die Seite der einen oder anderen stellen musste oder wie sie eine Hexe durch Lobhudeleien mit bemerkenswerter Hinterhältigkeit im richtigen Moment aufhetzte.
 
Rokur stellte sich vor Blizzu und erklärte ihr genau, warum sie glaubte, dass das fehlende Bett, aber auch der Name dieser Hexe, ein sicheres Indiz dafür war, dass Joliannali lebte. Außerdem verwies sie wieder auf Kimoseli, die als Junghexe intensive Kontakte zu Menschen pflegte. „Wer garantiert uns, dass Joliannali wirklich zu Tode kam? Und wenn dieses Krüppelei frei herumläuft und nach ihren Bedürfnissen und Berlokulis Wünschen aufwächst, bedeutet sie großes Unheil für die gesamte Zunft der Hexen“, schloss sie ihre Erläuterungen.
 
Berlokuli und Munz versuchten Blizzu und die Hexen damit zu überzeugen, dass sie bisher nichts unternommen hätten, um die Suche nach Joliannali zu boykottieren. Und obwohl man ihnen das ganze Haus auf den Kopf gestellt und verwüstet habe, seien die Hexen nicht fündig geworden. Immer wieder beschwor Berlokuli, dass sie Menschen nur kannte, weil sie auf ihren Streifzügen sie ab und zu heimlich belauschte, um sich über ihre Verhältnisse zu informieren, so, wie es andere Hexen auch taten. Dass sie aber nicht einen Menschen näher oder intensiver kannte, ganz zu schweigen davon, dass sie mit ihnen freundschaftlich verkehrte. Und dass entsprach eindeutig der Wahrheit. Aber Rokur würde sie immer mit haltlosen Verdächtigungen drangsalieren, für die es keinerlei stichhaltige Beweise gab.
 
Blizzu schaukelte, auf Berlokuli umgestülpten Nachttopf sitzend, mit ihrem Oberkörper hin und her und wog das Gehörte gegeneinander ab. „Was wären deine weiteren Pläne, Rokur?“ lispelte es schließlich aus den schmalen Lippen, die zusammengezogen von zahlreichen Falten den zahnlosen Mund umgaben. „Ich bin dafür, dass wir gründlich das Dorf absuchen und überzeugt, dass wir dann dieses Hexenluder zu Tage befördern. Jetzt einen Rückzieher zu machen, gefährdet unserer aller Zukunft“, schlug Rokur mit Nachdruck den Hexen vor.
 
Die Hexen witterten ein neues Abenteuer, bei dem sie auch die Menschen ärgern und schikanieren konnten. Geschützt durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit würden sie es denen mal richtig zeigen. Das war so richtig nach ihrem Geschmack, ein ganzes Dorf aufzumischen. Von daher stimmten sie Rokurs Vorschlag mit Begeisterung zu. Aber Blizzu wog wiederum ab. Denn da gab es doch aus der Vergangenheit diese hässlichen Erinnerungen an Hexenverfolgungen. Zugegeben, den Hexen selber hatten die Leute selten Schäden zugefügt. Auf den Scheiterhaufen brannten nur selten die, die gemeint waren. Wenn nicht eine so dumm war, Besen und Zauberstab zu verlieren und zwar gleichzeitig, konnte ihr nichts geschehen. Und auch wenn Hexen im Allgemeinen sehr unordentlich waren, um nicht den harten Ausdruck schlampig zu verwenden, diese beiden Dinge verlegten sie selten, denn sie hatten sie ständig in Benutzung und es war für sie so etwas wie ihre Lebensversicherung. Von klein auf waren sie angehalten, darauf zu achten, weil es, wie schon bemerkt, keinen Ersatz gab.
 
Opfer dieser Hexenprozesse wurden eher Menschen, die die lieben Mitmenschen aus habgierigen Gründen beseitigen wollten, um sich ihr Eigentum unter den Nagel zu reißen. Und gerade die, die viel über Moral, Sittlichkeit, Respekt vor dem Leben, Glauben und Kampf gegen das Böse sprachen, verdienten nicht schlecht an der Verfolgung unliebsamer Zeitgenossen. Oder man entledigte sich so seiner Widersacher, die eine andere Meinung vertraten oder eine besonders hübsche Frau hatten, die man klammheimlich begehrte. Es gab aber auch Opfer der Hexenverfolgung, die man einfach nur loswerden wollte, weil man sie als Belastung ansah. So brannten bei München die Scheiterhaufen für Waisenkinder, die das Staatssäckel zu sehr belasteten.
 
Im Grunde genommen betrafen die Hexenverfolgungen nie wirklich die Hexen. Die hatten in dieser Zeit eher genügend Gründe, ihr hämisches Lachen anzustimmen. Aber eine gewisse Furcht vor Unannehmlichkeiten bestand bei ihnen. Es könnten ja eines Tages intelligentere Menschen leben, die der Sache mehr auf den Grund gehen. Und das wollte man nicht unbedingt riskieren, denn im Allgemeinen war man sich der eigenen Feigheit sehr wohl bewusst.
 
Es musste also ein Plan her, wie man das Dorf absuchen konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Wilde Diskussionen entbrannten und Blizzu hatte ordentlich zu tun, nicht die Kontrolle über die Hexensitzung zu verlieren. Schnell war man sich einig, dass Dorf in einer Verwandlung heimzusuchen. Die Idee mit den Nashörnern, Elefanten oder Drachen war bald verworfen. Drachen waren viel zu auffällig und Elefanten oder Nashörner passten einfach nicht in ein süddeutsches Dorf.
 
Die Vorschläge wurden zunehmend kleiner. Eine Hundemeute würde von den Menschen zu schnell als Angriff gewertet werden und sie würden versuchen, diese zu verjagen. Katzen könnten von den Dorfkötern angegriffen werden. Mäuse passten nicht durch Türschlösser, Flöhe konnten zwar weit springen, aber nicht weit genug für dieses Vorhaben. Und wie oft sollten sie vor Hindernissen Anlauf nehmen, um endlich das Ziel zu treffen? Läuse, Käfer und Wanzen wären zu unbeweglich und Spinnen zu langsam, um die weite Distanz zwischen dem Haus von Berlokuli und dem Dorf zurückzulegen. Es müssten schon Tiere sein, die fliegen können. Als Schmetterlinge wäre man zu empfindlich, auch Motten passen nicht unbedingt durch kleinste Ritzen. Schließlich schlug Rokur Mücken und Fliegen vor. Sie gab es haufenweise und waren daher völlig unauffällig. Es gab quasi kein Hindernis in menschlichen Behausungen, dass sie von ihrer Größe her nicht überwinden konnten. Ferner konnten sie auch fliegen, also weitere Strecken ungesehen zurücklegen. Alle bewunderten Rokurs Scharfsinn und schnell war man sich einig: Fliegen und Mücken wären die absolut ideale Verwandlung, um das Dorf unauffällig auszukundschaften.
 
Da es bereits wieder tagte, wurde der Erkundungsflug auf den folgenden Abend verlegt. Blizzu wurde von zwei Hexen nach Hause geleitet. Ihre Mission war erfüllt. Sie ermahnte vor ihrem Heimflug noch einmal die Hexen zur Vorsicht. Rokur wünschte sie ein gutes Gelingen der Aktion, beschied ihr aber, dass das die letzte Gelegenheit für sie sei, Joliannalis Existenz zu beweisen. Würde die Suche im Dorf ebenfalls ein Flop werden, ginge nicht nur sie davon aus, dass an der Geschichte nichts dran sei. Dann hätte sie unverzüglich ihre Repressalien gegen Berlokuli zu beenden.
 
Die Hexen suchten sich ein Quartier, um sich ausschlafen zu können. Diesmal vergaßen sie nicht, sich Berlokulis Haus so zurecht zu zaubern, dass es halbwegs erträglich war, dort noch einen Tag zu verbringen. Denn inzwischen ließ sich die Sonne überhaupt nicht mehr blicken und dafür machten sich dicke Wolken am Himmel breit, die unaufhörlich im Wechsel mal für Schnee, mal für Regen, Graupelschauer oder Hagel sorgten. Für die, die im Hause keinen Platz mehr fanden, wurden mittels Zauberstab Zelte mit Öfen aufgestellt. Berlokulis liebevoll gehegter Garten versank unter der Last leerer Höllenburgertüten, unter Essensresten und Koboldutensilien.
 
Denn die Kobolde legten inzwischen zu jedem Höllenburger eine Kleinigkeit für die Hexen in die Tüte. Beispielsweise eine kleine Kristallkugel, die aber meistens nur dickschleimigen Nebel statt der Zukunft zeigten oder Nachbildungen von Zauberstäben ohne jegliche Wirkung oder kleine Hexenfiguren, nachgebildet den Hexenratshexen. Diese Beilagen hatte der neue Oberkobold eingeführt. Er war sehr pfiffig und versuchte, mit solchen Geschenken die Geduld der Hexen auf ihre Essensbestellung zu erhöhen, weil er einfach an seinem Leben hing. Und seine Rechnung ging auf. Die Hexen, die niemals warten konnten, zeigten plötzlich Langmut in ihren Bestellungen, in der Hoffnung, ein besonders schönes Geschenk zu erhalten. Im Grunde genommen waren die Gaben nur Ramsch, die auch sehr bald unbeachtet in die Ecke flogen. Aber ihre Gier, etwas Zusätzliches zu erhalten, ohne etwas dafür tun zu müssen, die Neugier, was diesmal wohl in der Tüte steckte, das disziplinierte ungemein und bald bekamen auch die mäkligsten Hexen nicht mehr mit, dass die Qualität der Höllenburger sich immer weiter verschlechterte.
 
Der eindeutige Nachteil war, dass die Hexen nun vermehrt Essen bestellten, obwohl sie gar keinen Hunger verspürten. Aber dem Chefkoch war das gleichgültig. Das Fließband wurde schneller gestellt, die Zutaten entsprechend zusammengemanscht, die Fleischrestescheiben nicht mehr unbedingt durchgebraten und die Zugaben großzügiger. Geschäftsidee nannten es die Kobolde und der neue Oberkobold war einer, der extra länger zur Koboldschule ging, um solche Raffinessen zu lernen. Im Kochunterricht hatte er zwar als Schlechtester abgeschnitten, aber in dem neuen Unterrichtsfach Management war er der Klassenbeste. Das befähigte ihn als Oberkoch der Koboldküche eindeutig. Und der Erfolg gab ihm recht. Er war bereits sieben Monate im Amt, was andere Kobolde nur sieben Tage überlebten und seinen Fraß hätten seine Vorgänger nicht einmal sieben Stunden überlebt.
 
Berlokuli, Munz und Krax und natürlich die immer noch nicht entdeckte Merkuroxine verbrachten nicht so einen geruhsamen Tag wie den letzten. Niemand wollte mit ihnen alleine bleiben. Auch wenn Koru die Tat gestanden hatte, war man sich nicht so sicher, ob er nicht nur ein Geständnis aus Blödheit ablegte, weil Buwe ihn so unter Druck setzte. So einem geistig minderbemittelten Tier traute man einen Hexenmord einfach nicht zu. Vielmehr begegnete man Berlokuli vorsichtiger. Sie war nun mal mit Rosto zusammen gewesen, als die spurlos verschwand. Die Freunde verbrachten den Tag in der Ecke am Ofen, von sieben Hexen und sieben Raben bewacht. Und an Munz´ Gesicht erkannte Berlokuli, dass dieses Mal der Kater wirklich besorgt war und dass seine Sorge Joliannali galt. „Wo um alles in der Welt hat Munz Joliannali versteckt“, grübelte Berlokuli. Sie kannte im ganzen Dorf keinen Platz, wo man ungesehen ein Hexenmädchen verschwinden lassen könnte. Und im gesamten Dorf gab es keine Seele, der sie ruhigen Gewissens ein Hexenkind anvertraut hätte.
 
Der Tag war für Berlokuli quälend lang. Sie fand keine Ruhe und keinen Schlaf. Merkuroxine, die sonst in ihrem Ohr saß, hatte bei Krax Zuflucht gesucht. Angesichts der sie bewachenden Raben war sie unter seinem Flügel sicherer vor Entdeckung. Bisher war niemanden aufgefallen, mit was Krax´ Schnabel verschlossen war. In der ganzen Aufregung beachtete ihn keine Hexe und stolperte auch nicht darüber, dass der Zauberbann nicht nachließ. Der Einzige, der wirklich problemlos einschlummerte, war Krax. Die Schnabelsperre hielt, er saß auf Berlokulis Schoß wie in einem Nest, vor ihm war Munz zusammengerollt und Merkuroxine hätte ihn bestimmt rechtzeitig gewarnt, wenn irgendetwas geschah. Von Kork war nichts zu sehen, denn der war unterwegs, um Koru zu suchen. Buwe hatte sich in ihrer Empörung über ihr Rabenvieh nicht eingekriegt und bestand darauf, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Damit sie endlich Ruhe gäbe, schickte Rokur ihren Raben los, um Koru zu stellen und zurückzubringen.
 
Wie ernst Kork den Auftrag nahm, war ungewiss. Die Raben mochten es nicht sonderlich, von den Hexen gegeneinander aufgewiegelt und benutzt zu werden. Ihre Streitereien lösten sie intern, da durften sich normalerweise auch keine Hexen einmischen. Auch wenn Kork von Grund auf schlecht war, hielt er sich im Allgemeinen an den Ehrenkodex der Raben wie die Anderen auch. Daher war es viel wahrscheinlicher, dass er den Sonderauftrag dazu nutzte, einen netten kleinen Ausflug zu unternehmen. Berlokuli glaubte einen Moment lang, Koru draußen vor dem Fenster gesehen zu haben. Aber das konnte nicht sein. „Wenn Kork ihn nicht bereits erledigt hat, dann ist er inzwischen meilenweit entfernt“, glaubte Berlokuli.
 
Zwischendurch war Kork einmal kurz wiedergekommen und hatte Rokur von einer Kapelle und einem Haus abseits vom Dorf erzählt. Interessiert hörte ihm Rokur zu und beschloss, dieses Haus im Anschluss an das Dorf zu inspizieren, falls sie dort nichts fanden. Sie hatte ihr Versprechen gegenüber Blizzu schon wieder vergessen, dass das Dorf wirklich die letzte Einsatzstätte sein sollte und dass bei Erfolglosigkeit Berlokuli unverzüglich rehabilitiert werden müsste. Berlokuli und Munz sahen sich an. Damit konnte nur das Haus von Frau Sommer gemeint sein. Aber Berlokuli nahm diese Nachricht eher gelassen auf. Frau Sommer hasste Hexen und dort konnte Joliannali folglich nicht sein. Munz war wütend auf sich, dass er diesen dämlichen Raben nicht einfach Buwe überlassen hatte. Denn dass Kork nun wegen ihm die Gegend inspizierte, passte ihm überhaupt nicht. Inzwischen war er mehr wie beunruhigt.
 
Und das nicht grundlos. Berlokuli vermutete richtig, dass es im Dorf keinen sicheren Platz für Joliannali gab. Aber was die Frau Sommer betraf, da befand sie sich auf dem Holzweg. Munz hatte fieberhaft nach Berlokulis Abschied zur Hepe überlegt, wo er das Kind unterbringen könnte. Denn ihm war bewusst, dass in kürzester Zeit die Hexen hier einfallen würden. Er kannte Frau Sommers Geschichte zur Genüge, aber für ihn war sie die einzige Person, wo man es wagen konnte, alles auf eine Karte zu setzen. Er und Krax brachten Joliannali noch am selben Abend zur Kapelle, die sie in der Abenddämmerung erreichten. Sie besah sich gerade interessiert die schönen, bunten Kirchenfenster, als Frau Sommer mit einer Schrotflinte bewaffnet eintrat. Vom Küchenfenster aus hatte sie beobachtet, wie das Hexenkind in die Kirche ging. Und Frau Sommer wusste, was ihre Haarpracht bedeutete.
 
Doch zu ihrem Erstaunen stellte sich Munz vor das Hexenmädchen und Krax wich nicht von ihrer Schulter. Sie forderte den Kater auf, zu Verschwinden, denn sie wollte ihn nicht gerne mit erschießen, als sich Mietzi entschlossen zu Munz gesellte. Ein paar Flügelschläge waren zu vernehmen und Johanna, die Schneeeule, war aus dem Turm heruntergeflogen und landete direkt vor dem Kind. Joliannali wusste nicht, was die Frau Sommer in der Hand hatte und verstand auch nicht, wieso die Tiere schweigend als Schutzschild vor ihr standen. Sie sah in das Gesicht der alten Frau, was eigentlich sehr nett gewesen wäre, wenn sie nicht so streng geguckt hätte. Und ein wenig eingeschüchtert wünschte sie Frau Sommer einen schönen Abend und entschuldigte sich bei ihr, dass sie einfach hier eingedrungen sei, denn sie dachte, es ist Frau Sommers Wohnung.
 
Diese senkte die Flinte und holte aus der Tasche eine türkise Brille mit orange-lilanen Brillengläsern. Als sie die Brille aufsetzte, kicherte Joliannali, denn mit dieser Brille sah Frau Sommer zum Piepen aus. Und Frau Sommer entdeckte hinter ihrer ulkigen Brille das Gleiche wie ohne Brille, nur etwas bunter: Ein fröhliches kleines Mädchen mit einer kupferroten Hexenmähne und Dutzende von Sommersprossen auf der Nase. Denn mit dieser Brille, über die sich Joliannali belustigte, konnte man erkennen, ob jemand in einer Verwandlung steckte. In diesem Falle hätte Frau Sommer die wahre Gestalt gesehen, so, wie in der Gerichtsverhandlung gegen ihre Söhne die vermeintliche Zuschauerin, die durch die Brillengläser eindeutig eine Hexe war. Nun war die gute Frau sehr verunsichert. Das freundliche Kindergesicht passte nicht zu einer bösartigen Hexe. Außerdem befand sich die Kleine in einer Kapelle und unterstand damit auch dem Schutz der Kirche. Frau Sommer war wirklich fromm und nicht so frömmelnd wie der Dorfpfarrer. Und das Kirchenasyl war ihr heilig. Sie hätte es nie gebrochen. Eine richtige Hexe hätte auch nie freiwillig eine Kirche besucht. Irgendetwas passte hier nicht zusammen.
 
Munz erklärte nun Joliannali, was sie zu Frau Sommer zu sagen hätte und eifrig übersetzte Joliannali die Tiersprache in deren Sprache. Und Munz hatte sich in seiner Menschenkenntnis nicht geirrt. Die Frau Sommer war zwar anfangs überaus misstrauisch, aber schließlich konnten Munz und Krax sie überzeugen. Außerdem war Joliannali ein derart liebes und offenes Kind, sodass sie das Herz von Frau Sommer im Sturm eroberte. Sie schalt sich zwar eine Närrin, half dann aber sogar noch Munz, die Habseligkeiten von Berlokuli zu retten und zu verstecken. Nur eben diese Uhr, das schafften sie nicht. Sie war einfach mit ihrem Marmorsockel zu schwer für eine alte Frau. Berlokuli hatte sich ja schon mächtig mit ihr plagen müssen.
 
Munz hatte ausgerechnet, dass bis zum folgenden Abend nichts passieren dürfte und so ackerten Frau Sommer, Joliannali, die Katzen, Krax und Johanna die Nacht und den folgenden Tag durch, bis auch absolut nichts Verdächtiges oder Wertvolles mehr im Hause war. Unzählige Male marschierten sie den Weg zwischen Kapelle und Hexenhaus hin und her. Zum Schluss versteckten sie noch so gut wie es eben ging die Uhr, die übrigens auch Frau Sommer ausgiebig bewunderte. Deshalb hatten die Hexen in Berlokulis Haus nichts gefunden und darum sank Munz´ Laune auf den Tiefpunkt, als er das Gespräch zwischen Rokur und Kork mitbekam. Warum hatte er auch bloß auf Berlokuli gehört und nicht Koru seinem Schicksal überlassen?
 
Das Wetter passte sich der Stimmung von Berlokuli und Munz an. Den ganzen Tag über war es trübe und neblig. Die Wolken hingen dicht an dicht und berührten fast das Dach von Berlokulis Haus. Doch am späten Nachmittag schob ein kräftiger Wind die Wolken weiter nach Norden und am frühen Abend hatte man kilometerweite Sicht. Dafür war es bitterkalt. Gevatter Winter eroberte unaufhaltbar das Land.
 
Was Munz, Krax und Berlokuli trotz der guten Sicht nicht sahen, war eine sehr gepflegte Schneeeule, die seit einigen Tagen und Nächten fast unbeweglich am Waldrand gut getarnt auf einer hohen Kiefer saß. Nur selten verließ sie für kurze Zeit ihren Standort. Die übrige Zeit verharrte sie auf ihren Ast und verfolgte mit ihren großen runden Augen unablässig jede Bewegung am Hexenhaus. Und unter ihr auf dem Boden befand sich ein dichter Reisigstapel. Da brauchte man schon mehr wie Argusaugen, wenn man unter dem Kleinholz den kleinen schwarzen, arg ramponierten Vogel erkennen wollte. Kork war bereits einige Male an der Kiefer vorbeigeflogen. Noch nicht einmal er entdeckte die Eule auf dem Baum oder den Raben unter dem Holz.
 
Als Koru aus dem Hexenhaus zum Wald flüchtete und Buwe ihn immer mehr einholte und ihm bedrohlich nahe auf den Fersen war, versuchte er im Zickzackflug durch die Bäume sie abzuhängen. Plötzlich spürte er im Genick starke scharfe Krallen, die ihn mit aller Gewalt zu Boden rissen. Fest drückten sie ihn in das Laub und verhinderten so jeglichen Befreiungsversuch. Buwe zischte in geringer Entfernung vorbei, ohne ihn zu sehen. Was sollte es ihm nützen, denn nun war Koru einem Raubvogel in die Fänge geraten. Er erwartete den tödlichen Biss in sein Genick. Aber nichts geschah. Stattdessen fragte ihn jemand: „Warum ist die hinter dir her?“ Immer noch in der Falle erzählte zitternd der Rabe, was vorgefallen war und weshalb er Reißaus genommen hatte. „Na, dann wollen wir mal für dich ein sicheres Versteck auskundschaften“, hörte Koru am Ende seines Berichtes. Völlig verdattert drehte er den Kopf nach hinten und sah über sich eine derart riesige Schneeeule, wie er noch nie eine gesehen hatte. Und diese Eule lächelte ihn an und sagte tröstend: „Keine Sorge. Ich habe schon gefrühstückt. Hast du Hunger?“ Ihr war nämlich nicht entgangen, dass sie da nur Federn, Haut und Knochen in den Fängen hielt. Als Mahlzeit wäre er ihr eh zu dürr gewesen.
 
Koru wagte es nicht, zu nicken. Er starrte nur dieses große Tier an und war regelrecht gelähmt vor Angst. „Kennst du Krax und Munz?“ fragte ihn nun der Eulenvogel, der immer noch auf dem Kleinen saß und ihn festhielt, um zu vermeiden, dass der vielleicht in Panik davonfliegt, seinen Häschern direkt in die Arme. Erst sollte er sich beruhigen. „Wenn du diese Beiden kennst, folge mir. Dann kannst du mir vertrauen.“ Damit lockerte sie ihren Griff und hüpfte von ihm herunter. Vorsichtshalber blieb Koru erst einmal liegen. „Los komm“, forderte ihn die Eule auf, „ich denke, du hast Hunger. Oder bist du magersüchtig? Soll ich dir das Futter herbringen? Bist du es gewohnt, dass man dich bedient?“ Endlich reagierte Koru und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Sehr schön. Dann bring dich in die Senkrechte und spute dich. Soviel Zeit habe ich nicht. Ich muss in meinen Ausguck zurück.“
 
Majestätisch schritt die Eule voran und Koru in seiner aussichtslosen Lage, hüpfte hinterdrein. Sie hatte die Möglichkeit gehabt, ihn zu töten und es nicht getan. Vielleicht würde sie ihm wirklich helfen. Unter dem Reisighaufen zog sie ein Päckchen hervor, zog mit dem Schnabel geschickt die Schleife auf und öffnete es. Koru dachte, er sei in Schlaraffia gelandet, als er das herrlichste Fressen vor sich ausgebreitet sah. „Lang zu!“ ermutigte ihn Johanna, denn es war Frau Sommers Eule. „Mein Frauchen versorgt mich immer bestens mit Proviant. Morgens, nachdem die Hexen sich eingemummelt haben, fliege ich immer schnell nach Hause und hole mir ein neues Paket. Friss dich ruhig satt.“ Das ließ sich Koru kein zweites Mal sagen. Und als Johanna sah, wie dieses dünne Gerüst dem Essen zusprach, rang sie sich zu einer Nulldiät für diesen Tag durch.
 
Johannas Versteck für Frau Sommers Lunchpaket bot sich dann auch als idealer Unterschlupf für Koru an, wenn Hexen oder Kork in Sicht waren. Gegen Mittag hatte auch Johanna für eine halbe Stunde die Augen zugemacht. Als sie erwachte, stellte sie erschrocken fest, dass Koru nicht mehr da war. War sie einem Schwindler aufgesessen? Sollte er sie im Auftrag der Hexen aushorchen und die ganze Flucht mit Buwe war nur gestellt, um sie hinters Licht zu führen? Aber da entdeckte sie ihn. Hätte an diesem Tage die Sonne geschienen, hätte sie mit absoluter Sicherheit nicht den kleinen Raben gesehen, der auf der Wiese hinter einem Stein zwischen Wald und Hexenhaus verzweifelt Deckung suchte. Und aus Richtung Dorf kam geradewegs auf ihn ein größerer Rabe mit rotem Schnabel zugeflogen und das konnte eindeutig nur Kork sein. „Mit diesem Häufchen Unglück hat man nichts als Scherereien“, schimpfte die Schneeeule vor sich her, als sie elegant von ihrem Ast glitt und Kork entgegen flog. Der war viel zu verblüfft, um sich zu fragen, wieso hier so eine Eule unterwegs war. Er sah nur ihre Flügelspanne und den gebogenen Schnabel und machte, dass er einen der Alleebäume vor dem Dorf als Zufluchtsstätte ansteuerte.
 
Die Schneeeule drehte ab und flog zurück zum Waldrand. Koru hatte die Verfolgungsjagd auf Kork dazu benutzt, sich in Sicherheit zu bringen. Johanna war stinksauer auf den Kleinen, als sie zurückkam, und schalt ihn einen echten Unglücksraben. Schuldbewusst senkte Koru seinen Kopf und stotterte verschämt: „Ich wollte doch nur helfen.“ „Aber du hilfst niemanden, wenn du dich so leichtsinnig verhältst“, hielt ihm Johanna entgegen. Koru entschuldigte sich ein ums andere Mal. Und schließlich erfuhr die Eule, dass er sich zum Hexenhaus geschlichen hatte, in der Hoffnung, wichtige Hinweise zum weiteren Vorgehen der Hexen zu erfahren. Er hatte einfach nicht damit gerechnet, dass Kork nach so kurzer Zeit zurückkam. Aber die Informationen, die er mitbrachte, besänftigten Johanna schnellstens. Logisch war die Aktion des Raben purer Leichtsinn, aber Johanna bewunderte nun ehrlich seinen Mut. „Was so ein voller Magen nicht alles vermag“, dachte sie grinsend. Die Nachrichten waren Gold wert. Sie kannte nun den weiteren Plan der Hexen und sie rechnete sich gute Chancen aus, denen ein Strich durch die Rechnung machen zu können. Jetzt hatte es Johanna sehr eilig.
 
„Du hältst hier die Stellung. Beobachte jedes Detail da drüben, die geringste Kleinigkeit darf dir nicht entgehen. Bei Gefahr rutschst du sofort unter den Reisigstapel und wagst dich nicht eher heraus, bis wirklich die Luft rein ist“, wies Johanna Koru an. „Ich bin in circa drei Stunden wieder da. Jetzt bloß keine Selbstmördergeschichten mehr, sonst gefährdest du meine Pläne und ich brauche kommende Nacht unbedingt deine Unterstützung. Kann ich mich auf dich verlassen?“ Koru nickte. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass ihn jemand richtig ernst nahm und ihm sagte, dass er gebraucht würde. Mit absoluter Sicherheit konnte sich Johanna auf Koru verlassen. Und sie wusste es auch. Bevor die Hexen in und um das Haus herum erwachten, saß Johanna wieder auf ihrer Kiefer und weihte Koru in ihr Vorhaben ein.

Unerwarteter Widerstand
 
Am frühen Abend verschlangen die Hexen nach dem Aufstehen als Erstes die georderten Höllenburger, denn von einer Wäsche oder Zähne putzen hielten sie überhaupt nichts. Diesmal vertrödelten sie wenig Zeit mit dem üblichen Gezänk über die Geschenke in ihren Tüten. Ziemlich schnell versammelten sie sich vor dem Haus, zückten ihre Zauberstäbe und es machte hintereinander hunderte Male „plop, plop, plop“, nachdem sie einen Zauberspruch murmelten. Plötzlich saßen sämtliche Hexenraben als versteinerte Figuren da. Manche, die noch abhauen wollten, erwischten sie in der Flugbewegung und schwer plumpsten sie auf das hart gefrorene Gras. Es war nicht so, dass die Hexen ihnen einen bösen Willen unterstellten. Aber die Laus Rosto war ihnen Warnung genug und sie wollten nicht unbedingt testen, wie gefräßig ihre anderen Hausgenossen waren.
 
Bis auf die Hexen, die Berlokuli und ihre Tiere bewachen sollten, verwandelten sich nun unter einem wahren Funkenregen aus den Zauberstäben alle in kleine Blutsauger. Ein riesiger Mückenschwarm schwebte vor dem Hexenhaus. Als Fliege hatte sich keine Hexe verzaubert. Denn alle Hexen wollten unbedingt Mücken sein, um die Gelegenheit auszunutzen, die Menschen wenigstens mal gehörig zu pieken, obwohl ihnen Blizzu eingeschärft hatte, auf jede Provokation der Dörfler zu verzichten. Ihr eindeutiger Auftrag lautete die ausschließliche Suche nach dem Hexenkind. Aber eine Hexe wäre keine Hexe, wenn sie nicht jede Situation nutzen würde, um andere zu ärgern.
 
Wieder spürte man bei ihnen eine wilde Kampfeslust. Ihr Jagdtrieb war erneut entfacht. Langsam formierte sich der Mückenschwarm, der ja eigentlich ein Hexenschwarm war, zum Abflug. Nicht einmal unter einer Lupe hätte das menschliche Auge erkennen können, dass diese Mücken nicht echt waren. Wer sie allerdings beobachtete, bemerkte bald, dass mit diesen Mücken etwas nicht stimmen konnte. Denn normalerweise fliegen Mücken nicht unbedingt rempelnd und stoßend um die Wette. Immerhin fehlte das gewohnte Gekreische der Hexen, aber als Mücken nahm das „ssszsss“ ebenfalls eine bedenkliche Lautstärke an. Die Mückenhexen waren so damit beschäftigt, die vorderen Plätze zu ergattern und sich die besten Flugpositionen zu sichern, dass sie nicht den Schatten bemerkten, der sich sehr leise vom Waldrand löste und die Dorfkirche ansteuerte.
 
Es dauerte eine knappe halbe Stunde, bis die Disziplin so weit hergestellt war, dass der Zug sich in Bewegung setzte konnte. Da es ja am Nachmittag aufgeklart hatte, brauchten sich die Hexen keine Gedanken um die Orientierung zu machen. Im Lichte des Vollmonds lag der Weg deutlich sichtbar vor ihnen. Dass sie selber im Mondlicht genauso gut erkennbar waren, darüber dachten sie überhaupt nicht nach. Wozu auch? Hätten sie gewusst, dass Johanna im Kirchturm saß und letzte Instruktionen erteilte, wären sie vielleicht ein wenig nervös geworden. Denn am Mittag, als die Eule Koru alleine im Wald zurückließ, war sie zur Kapelle geflogen. Im Turm in der unteren Etage, also direkt unter ihrem Heimatquartier, lebte eine Fledermauskolonie.
 
Johanna bekam die kleinen Nachtflieger leicht geweckt. Denn sie schliefen nicht besonders fest, weil sie die Aufregungen der letzten Tage mit Frau Sommer und Joliannali mitbekommen hatten. Die Schneeeule informierte sie über den Stand der Dinge und was Koru herausfinden konnte. „Schick, schick, schick“, rief ein Winzling von Fledermaus, „da können wir ja noch mal ordentlich zulangen!“ Igor, ein sehr alter Fledermausmann und Anführer der Kolonie, hörte aufmerksam Johanna zu.
 
„Wenn die das Dorf unter die Lupe nehmen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch hier erscheinen“, stellte er richtigerweise fest. Er erinnerte seine Artgenossen daran, wie oft Frau Sommer ihren Schlafplatz kontrollierte, abgestürzte Jungtiere wieder zur Decke brachte oder kranke Tiere gesund pflegte. „Die Zeit ist gekommen. Wir können uns endlich für ihre Fürsorge revanchieren“ schwor er seine Kolonie ein. „Frau Sommer wird freiwillig Joliannali niemals ausliefern und dann werden die Hexen massiv gegen sie vorgehen. Es wird kein gemütlicher Ausflug werden“, räumte er offenherzig ein, „denn sich mit Hexen anzulegen, ist gefährlich. Aber sie frei schalten und walten zu lassen und ruhig abzuwarten, ob der Terror uns verschont oder auch ereilt, ist entschieden gefährlicher. Kommen wir ihnen zuvor, haben wir den Überraschungseffekt auf unserer Seite. Hauen wir uns also heute Nacht die Mägen voll mit dieser Mistbrut. Wer dafür ist, hebe die Hand.“
 
Auf Johanna wirkte es eigenartig, wie die Fledermäuse ihre Hand hoben, weil sie doch dabei kopfüber an der Decke hingen und so die Ärmchen mit der Flughaut nach unten gestreckt wurden. Aber im Grunde genommen war es schnurz, wie es aussah. Das Ergebnis zählte.  Das fiel einstimmig für einen Angriff auf die Hexen aus. Und aus Dutzenden Kehlen erscholl der Schrei: „Einer für alle, alle für einen“. Und aufgeregt rief die kleine Fledermaus wieder „Schick, schick, schick“ und bekam gleich darauf einen Wutanfall, weil Mama Fledermaus dem Vorwitzigen erklärte, dass er und die anderen Kleinen nicht mitkämen. Joliannali übersetzte inzwischen Frau Sommer, was in der Kapelle diskutiert wurde. Die rannte los und heizte dort sofort den Ofen an, damit ihre Nachtschwärmer abends ausreichend beweglich und munter wären.
 
Johanna war sehr glücklich darüber, dass sie ihre Fledermäuse nicht lange bitten musste. Nun erkundigte sie sich bei Igor über die Fledermäuse in der Kirchturmspitze im Dorf. Igor kratzte sich am Kopf. „Die Fledermäuse im Dorf, Johanna, sind so eine spezielle Sache. Sie sind extrem ängstlich und werden niemals eine Sache unterstützen, die für sie riskant werden könnte.“ Als Johanna resignierend meinte, dass sie diese Fledermäuse so dringend benötigte, lachte er leise vor sich her und beruhigte sie. Er flöge mit zur Dorfkirche, denn er wisse, wie man mit ihnen zu reden habe. Beide machten sich zum Dorf auf, nachdem Johanna Futter für sich und Koru von Joliannali einpacken ließ.
 
Zuerst waren die Fledermäuse dort ziemlich sauer über die Ruhestörung, denn auch sie waren gerade in den Winterschlaf gefallen. Und wäre der November nicht so sehr lange mild gewesen, hätte den Trupp nicht mal ein Erdbeben geweckt. Aber sie wurden zunehmend munterer, als ihnen Igor eine hahnebüchende Geschichte auftischte. Angeblich hätten die Hexen auf ihrem letzten Umweltgipfel erfahren, erklärte ihnen Igor, dass Fledermäuse zu den bedrohten Tierarten gehörten. Die Hexen als nachtaktive Wesen fühlten sich aber innig verbunden mit sämtlichen Nachttieren. Sie wären sehr traurig gewesen, dass viele Fledermäuse nicht den Winter überlebten, weil sie im Herbst nicht genügend Futter fanden.
 
Eine Fütterung hätte der Hexenkongress aber als nicht artgerecht abgelehnt. So kam die Gruppe „Hexen, deine Heimat, deine Natur“ oder auch kurz „HHN e.V.“ auf die Idee, den Fledermäusen ein echtes Opfer zu bringen und sich selbst als Lebendfutter in Form von Insekten anzubieten. Die Fledermäuse sollten sie wie normale Beute jagen, um nicht durch ein dargereichtes Fressen abhängig zu werden oder die Jagd zu verlernen. Denn so würden sie ihre Autonomie einbüßen. Leider hatte der Kongress der naturschützenden Hexen zu spät getagt, sodass sie erst jetzt auf dem Weg seien. Denn einmal den Beschluss gefasst, konnten sie sich in ihrer Euphorie nicht mehr bremsen. Außerdem wollten sie diese Unternehmung noch unbedingt in diesem Jahr durchführen, weil sich der HHN e.V. an dem internationalen Preisausschreiben „Unsere Erde“ der Hexenvereinigung beteiligen wollte. Als juristischen Beistand hätten sie die Schneeeule Johanna und den Hexenraben Koru bestellt, die in ihrer Verantwortung als Schiedsrichter die korrekte Durchführung des Wettbewerbes gewährleisten sollten. So wollte man auch verhindern, dass die Hexen des HHN e.V. den Fledermäusen freiwillig in die Rachen fliegen, anstatt sich wie normale Fliegen oder Mücken zu verhalten und die Flucht zu ergreifen.
 
Der Schalk blitzte aus Igors Augen, als er trocken verkündete: „Man könnte ja dem HHN e.V. mitteilen, dass sie im Frühjahr wiederkommen sollen. Aber es wäre doch unhöflich und undankbar, sie unverrichteter Dinge abziehen zu lassen, wo sie aufgrund ihrer hehren Überzeugungen die Strapazen einer langen Reise auf sich nahmen, um zu uns zu kommen. Es ist schließlich eine Ehre für uns, dass sie uns erwählt haben für ihre großzügigen Pläne. Mit Sicherheit werden die Fledermäuse unserer Region im Abschlussbericht für den Hexenkongress erwähnt werden und sich so ein Denkmal in der Hexenwissenschaft für alle Ewigkeiten errichten. Und“, schloss Igor seine Rede, „wie stehen wir vor den Fledermäusen der Welt da, wenn wir uns blamieren, indem wir sie wegen dem bisschen Winterschlaf verprellen?“
 
Johanna benötigte all ihre Beherrschung, um nicht laut loszulachen. Aber als dann der Anführer der Dorffledermäuse ganz ernsthaft sagte, dass seine Fledermäuse sich natürlich der kolossalen Ehre völlig bewusst seien, dass ausgerechnet sie vom Hexenkongress erwählt wurden, klappte der Schneeeule nur noch die untere Schnabelhälfte herunter. Und weiter faselte er etwas von gigantischer Chance, auserkoren sein, sicherlich aufgrund seiner außerordentlichen und hervorstechenden Leistungen als Kolonieführer, Freude, Würdigung seiner Verdienste, Profit nun für all seine Untertanen, Ruhm, Lorbeeren, Eichenlaub mit Schwertern, Krönung seines Lebenswerkes, bla, bla, bla. Nachdem er eine halbe Stunde lang die Welt von seinen Führungsqualitäten, seiner Klugheit, seinem Mut, seiner Kampfkraft, seiner Energie, seinem Jagdvermögen und und und überzeugt hatte, kam er endlich auf den Punkt: Er und seine Untergebenen würden niemals die Ehre aller Fledermauspopulationen weltweit beschmutzen und deshalb stünden sie selbstverständlich abends bereit, um die ihnen gestellte Aufgabe heroisch zu erledigen. Ungläubig registrierte die Schneeeule, dass es doch jemanden gab, der so meschugge war, allen Ernstes auf Igors radikalen Unsinn hereinzufallen.
 
Bevor sich Igor und Johanna trennten, weil Johanna zu ihrem Beobachtungsposten zurück wollte, machten sich beide fast vor Lachen in die nicht vorhandenen Hosen. „Du musst nur geschwollen genug mit denen reden, dann glauben sie alles“ meinte Igor mit einem leisen Bedauern in der Stimme, „die Dorfmentalität hat eben auch vor den Tieren nicht Halt gemacht. Jedes Wesen ist auch ein Produkt seiner Umgebung. Es gibt reizende Dörfer in unserem Land mit netten Menschen. Aber hier spürst du ununterbrochen den Einfluss eines gewissen Herrn. Und das färbt sogar auf die Fledermäuse ab.“ „Kein Wunder“, meinte Johanna, „die müssen sich ja auch ständig seine schwachsinnigen Hetztiraden von der Kanzel anhören“.
 
Koru schüttelte nur den Kopf, als ihm die Schneeeule alles erzählte. Sie beschlossen, dass Johanna die Fledermäuse aus dem Dorf anführen sollte, er würde mit den Nachtschwärmern aus der Waldkapelle das Hexenhaus umfliegen, um so aus dem Hinterhalt kommend, Flüchtenden den Weg abzuschneiden. Die Vögel wollten dafür sorgen, dass die Fledermäuse freies Spiel hatten. Hexen, die sich in ihre Ursprungsgestalt versetzten, mussten von ihnen in Schach gehalten werden, dass sie möglichst nicht ihre Zauberstäbe benutzen könnten. Koru hatte furchtbare Angst, zu versagen. Aber dann dachte er an Berlokuli, Krax und Munz. Erinnerte sich an die Höllenburger, die Krax in den Rabenversammlungen absichtlich unabsichtlich fallen ließ, obwohl er dadurch stets Ungemach erlitt. Sah Berlokuli, die, selber in Bedrängnis, ihm mit unsagbar traurigen Augen den Regenwurm hinschmiss. Und Munz, der ihm zur Flucht verhalf, auch wenn es ihre Probleme vergrößerte. Koru schluckte. „Ich schaffe es, Freunde, und wenn ich dabei kaputt gehe. Ihr seid es wert.“ krächzte er leise vor sich her. „Keine Angst, Kleiner. Du bist mutig und stark. Du erreichst alles, was du dir wünschst. Du musst nur selber fest genug an dich glauben“, gab ihm Johanna mit auf den Weg. Und Koru war sehr stolz, dass dieser große starke Vogel ihm das Vertrauen schenkte.
 
In Igor fand Koru einen erfahrenen Mitstreiter. Vorsichtig und umsichtig schafften sie es mit den Kapellenfledermäusen, das Hexenhaus zu umgehen und pirschten sich an die Rückwand des Hauses heran. Sie benötigten dafür weniger Zeit als geplant, was sich sehr bald als Segen herausstellen sollte. Inzwischen hatte Johanna im Kirchturm alle Mühe, die Nachtflieger zurückzuhalten, nachdem sie die Mücken mit ihrem Radar erfasst hatten. „Psst, noch nicht. Lasst sie erst über die große Kreuzung fliegen. Da haben sie keine Versteckmöglichkeiten mehr“ dämpfte sie den Elan der Fledermäuse. Doch bevor die ersten Mücken die Kreuzung erreichten, flatterte eine kleine, vereinzelte Fledermaus zu dem gut sichtbaren Schwarm. „Oh je, was soll ich jetzt machen?“ rumorte es in Johannas Kopf, „Koru ist mit Igor bestimmt noch nicht am Ziel.“. Wo kam dieses vertrackte Vieh bloß her, was ihnen nun einen Strich durch die Rechnung machte? Bevor die Eule diese einmalige Gelegenheit zum Gegenschlag versäumte, gab sie gezwungenermaßen vorzeitig das Zeichen zum Angriff. Lautlos segelten die Fledermäuse los und holten sich von der verspäteten unverhofften Mahlzeit, soviel sie kriegen konnten.
 
 
Auf diesen Angriff waren die Hexen nicht gefasst. Wild stob der Schwarm auseinander, versuchten sich die Mückenhexen zu verstecken. Etliche kehrten schleunigst um. Sie wollten sich ins Hexenhaus retten. Aber da schoss Koru, der geradeso trotz Johannas verfrühtem Angriff seine Position mit seinen Fledermäusen bezogen hatte, hervor und versperrte ihnen den Weg zum rettenden Haus. Die Hexen waren in einen Rückhalt geraten, aus dem es kein Entrinnen gab. 
 
Berlokuli, Munz und Krax hatten mitbekommen, dass etwas vor dem Haus nicht stimmte und stürzten an das Fenster. Merkuroxine krabbelte sogar auf den Kopf von Krax, um bessere Sicht zu haben. Die Aufpasserhexen, die ebenfalls das Gemetzel beobachteten, achteten nicht mehr auf sie. Entsetzt starrten sie mit geweiteten Augen, die die Größe von Untertassen erlangten, zuerst aus dem Fenster, dann schmissen sie sich von innen mit aller Kraft gegen die Haustür, damit bloß keine Fledermaus eindringe. Damit kam aber auch keine Mücke, die sich angesichts der Tür schon in Sicherheit wähnte, herein. Die sieben stemmten sich mit aller Gewalt dagegen und verstopften sicherheitshalber das Schlüsselloch. Das diese Öffnung zu klein für eine Fledermaus war und sie selber zu groß als Fledermausmenü, auf diese Idee kamen sie nicht. Außerdem hätten sie sich mit ihren Zauberstäben verteidigen können. Ihren angegriffenen Artgenossinnen zu Hilfe zu eilen, war angesichts der Hexenfeigheit von vornherein ausgeschlossen.
 
Die für die Fledermäuse überraschende Mitwirkung der im Hause sich verschanzenden Hexen machten sie sich zunutze. Zwei der Nachtsegler hielten sich direkt im Türrahmen auf und mussten fast nur noch die Schnauze weit genug öffnen. Die in Panik geratenen Mückenhexen, die in Todesangst Einlass ins Haus begehrten, stellten sich beinahe an, um verspeist zu werden. Eine der Fledermäuse quietschte vor Vergnügen und rief zwischendurch immer wieder wie eine staatlich geprüfte Arzthelferin: „Die Nächste, bitte!“.
 
Dermaßen geschockt und überrascht besaßen nur vier Hexen die Geistesgegenwärtigkeit, sich blitzschnell zurück zu verwandeln. Die eine der Hexen, um deren Kopf unzählige Fledermäuse kreisten, verlor die Nerven und richtete ihren Zauberstab auf die Tiere. Mit donnernder Stimme rief sie einen Fluch, der die Tiere ermorden sollte. Sie hatte eine Kleinigkeit vergessen: Hexen dürfen nicht töten. Sie explodierte augenblicklich wie ein Goldregenfeuerwerk und ihr herrenloser Zauberstab schwebte wie eine Daunenfeder zur Erde. In nur wenigen Minuten war der Mückenschwarm verschwunden. Auf der Wiese wälzten sich Hexen, die von den Angreifern nicht voll erwischt worden waren. Ihnen fehlten oft ganze Gliedmaßen. Rokur, Traka und Börö, die schnell genug wieder ihre Hexengestalt angenommen hatten, konnten sich kaum auf ihren Besen halten, weil die Tiere sie weiterhin attackierten. Johannas Flügelschlag versetzte Rokur einen so gewaltigen Schlag auf den Hinterkopf, dass sie ohnmächtig wurde und vom Besen fiel. Auf Börö flog Koru mit aller Gewalt zu und rammte sich ihr in die Magengegend. Benommen trudelte sie zu Boden und blieb dort liegen. Nur Traka schaffte es, unverletzt in die Scheune zu gelangen und sich dort zu verbergen. Noch einige Male umkreisten die Fledermäuse das Hexenhaus. Johanna und Koru gaben dann ein Signal und die Tiere waren wie ein Spuk genauso schnell weg, wie sie gekommen waren.
 
Kaum war die Armee der Flugtiere aus dem Gesichtsfeld der Hexen verschwunden, rannte Traka zu Rokur und Börö, verzauberte deren Besen in fliegende Tragen und lenkte sie mitsamt den beiden verletzten Hexen zum Haus. Die Aufpasserhexen von Berlokuli, die immer noch schlotternd die Tür verbarrikadierten, weigerten sich, sie freizugeben. Trakas Zauberstab sandte eine Kanonenkugel zur Tür. Sie zersplitterte durch die Wucht des Einschlages in tausend Stücke und die sieben Hasenfüße wurden quer durch das Zimmer gegen die rückwärtige Wand geschleudert.  
 
Auf das Gejammer der Hexen achtete Traka nicht weiter, die nun leicht verschraubt auf dem Boden lagen und ihre Blessuren beklagten. Sie schnauzte sie nur an, nicht so zimperlich zu sein und schickte zwei von ihnen unter ärgsten Beschimpfungen und Drohungen zu Blizzu mit dem Anliegen, sofort die Feme einzuberufen. Die Beiden schleppten sich zu ihren Besen, denn sonst blühte ihnen mehr als nur einige schmerzhafte Prellungen. Mit Traka war nicht unbedingt zu spaßen. Nachdem sie sich noch einmal vergewissert hatten, dass von den Tieren weit und breit nichts mehr zu sehen war, flogen sie davon. Traka inspizierte derweil die Wiese und las die Zauberstäbe der umgekommenen Hexen ein. Immer wieder flog sie los und kehrte nach kürzester Zeit mit weiteren Stäben zurück. In der Stube von Berlokuli bildete sich langsam ein richtiger Berg von ihnen. Berlokuli, der Kater, der Rabe und die Spinne sahen sich völlig verdattert an. Munz war der Erste, der seine Fassung wiedererlangte und kurz sagte: „Verschwinde Merkuroxine!“ „Ach ja“ wisperte sie und kletterte wieder unter Krax´ Flügel.
 
Dann setzte er ein wenig gereizt nach: „Berlokuli, deine Gutmütigkeit entspricht der eines kompletten Volltrottels. Aber mit dieser wenig löblichen Eigenschaft behältst du öfter Recht als man vermuten könnte.“ Und Berlokuli grinste breit über das ganze Gesicht. Auch sie hatte Koru gesehen und von ihrem Kater noch nie ein so nettes Kompliment gehört. Und der nahm sich insgeheim vor, alles Gedachte über Koru schleunigst zu berichtigen.
 
Blizzu kam nach wenigen Stunden. Als sie von dem Desaster erfuhr, befreite sie erst einmal die Raben aus ihrer Versteinerung. Dann entsandte sie die Hexenvögel in alle Himmelsrichtungen, um sämtliche übrig gebliebenen Hexen einzuberufen. Denn der Hexenrat existierte quasi nicht mehr. Die einzige Überlebende war Rokur. Und während die Hexen in Berlokulis Haus die einberufenen Hexen erwarteten, flog Traka immer wieder zur Dorfkirche und sammelte Zauberstäbe ein, die die Fledermäuse oben aus dem Turmfenster spuckten. Es grenzte an ein Wunder, dass kein Dörfler von den auf das Kopfsteinpflaster klappernden Zauberstäben geweckt wurde. Denn Traka flog frech durch das Dorf, ohne sich zu verwandeln. Davon hatte sie die Nase gestrichen voll. „Lieber unvorsichtig, als im Fledermausmagen enden“, erwiderte sie auf Blizzus Einwände. Außerdem schätzte sie die Leute so ein, dass niemand dem anderen glauben würde, wenn er erzählte, dass er gestern Nacht eine Hexe sah.
 
Unterdessen hielt der Anführer der Dorffledermäuse eine bombastische Dankesrede für die Hexen und philosophierte über das Wirken, das Schaffen und die Verdienste der Geehrten für das Umwelt- und Naturschutzprogramm. Besonders lobte er den wissenschaftlichen Fortschritt praxisorientierter Theorie und den theoretischen Ansatz der Praxis als Leitgedanken in dem Werk der Hexen. Das sei ihr besonderer Verdienst, mit dem sie einen unschätzbaren Beitrag für die Erforschung der Umwelt und ihrer Belastungen leisteten. Er erntete donnernden Applaus und kurz darauf hingen die Nachtflieger wieder an der Decke und träumten sich theoretisch in den praktischen Frühling. Vielleicht hätte sich Trakas plötzliche Abneigung gegen Fledermäuse verringert, wenn sie die mehr als schwülstige Hymne auf die Hexen mitgekriegt hätte und es nachträglich bedauert, dass sie sich nicht hatte fressen lassen.
 
Die Zauberstäbe, die die Fledermäuse von der Waldkapelle hervorwürgten, packte Johanna in ein Netz und brachte sie ins Dorf oder zur Wiese, um sie dort zu verteilen. So vermied sie, dass fehlende Stäbe eine Spur zu Frau Sommers Haus legen könnten. Da nur Traka unterwegs war, brauchte sich die Eule nicht zu bekümmern, bei ihrem Tun beobachtet zu werden. Auch Koru erbrach vierzehn Zauberstäbe. Und einen davon kannte er sehr genau. Es war der Zauberstab von Buwe. Der kleine Rabe fühlte sich plötzlich wie ein Adler und sein Herz pochte beschwingt und leicht, als würde es in seiner Brust einen Walzer tanzen. Ein Hexenrabe ohne Herrin verlor zwar in der Rabenversammlung an Ansehen, aber das war für Koru zweitrangig. Er hatte dort auch mit Buwe nie eine gute Stellung bekleidet. Aber dieser nun personenlose Zauberstab verkündete dem kleinen Raben das Ende seiner Qualen. Unabsichtlich hatte er sich selbst von seinem schlimmsten Alptraum befreit und sich gleichzeitig für die ganzen Demütigungen, Schikanen und Brutalitäten gerächt, die er bei seiner Meisterin erfahren musste. Und Koru, der ewig geknechtete, machte eine ganz neue Erfahrung: Sein Leben konnte lebenswert sein.
 
Die Fledermäuse um ihn herum feierten ihren großen Sieg über die Hexen. Sie hatten mehr Gegenwehr erwartet und nicht gedacht, dass er ihnen so leicht zufallen würde. Keinerlei Opfer mussten sie beklagen und gleichzeitig bestürmten Dutzende von ihnen Joliannali, der Frau Sommer ihre Abenteuer zu übersetzen. Sie schlabberten bereitgestelltes Zuckerwasser und übertrafen sich gegenseitig mit ihren Prahlereien. Gerade war Johanna von der Wiese zurückgekehrt, wo sie die letzten Zauberstäbe deponierte, als Igor seine Frau aufforderte, die kleinen Fledermausracker zu wecken, damit sie mitfeiern könnten. Kurz darauf erschien die Fledermausmutter mit entsetzlich starrem Blick im Ausflugsloch. Sie war unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Igor schüttelte sie, aber sie beantwortete keine Frage.
 
Ein Fledermauskind lugte aus dem Loch und Igor holte es zu den anderen. Der Kleine erzählte, dass Boris, der Sohn von Igor und Katinka, partout nicht an der Decke bleiben wollte, obgleich die Eltern es doch ihnen so aufgetragen hatten. Vorwitzig wie er war, schmiedete er nach seinem Wutanfall, weil er nicht mitdurfte, Pläne, wie er die Erwachsenen überrumpeln würde, dass sie ihn doch mitnehmen müssten. Er hätte sich kurz nach ihnen dann abgesetzt. „Habt ihr denn Boris nicht mitgebracht?“ nuschelte ängstlich das Fledermauskind und sah die großen Fledermäuse nacheinander fragend an. Alle senkten den Kopf und es entstand betretenes Schweigen. „Das war die Fledermaus, die beinahe unseren Angriff vermasselt hätte“, stöhnte Johanna laut auf.
 
Koru sah nur auf die Fledermausmama, die stumm und regungslos da stand. Ihr Anblick wäre für ihn erträglicher gewesen, wenn sie geklagt, getobt oder sonst was gemacht hätte. Aber ihr Schweigen schnürte ihm die Kehle zu, sein eben noch vor Begeisterung hüpfendes Herz wurde schwer wie ein Backstein und wie von alleine breiteten sich seine Schwingen aus und er stieß sich vom Boden in die Lüfte ab. „Bleib hier, du Spinner“, schrie ihm Johanna angstvoll nach. „Da wimmelt es gleich von Hexen und ihren Raben. Es kann niemand nach ihm suchen. Vermutlich lebt er gar nicht mehr. Komm zurück, Koru, was du vorhast ist dein sicherer Tod.“
 
Der Rabe hörte sie nicht, weil er nicht hören wollte. Er visierte die Kiefer am Waldrand an, wo die Schneeeule vorher sich als Wache postierte. Dort konnte man ihn höchstens dann wahrnehmen, wenn man wusste, dass sich dort jemand verbarg. Aber Koru konnte die gesamte Wiese bis zur Kreuzung, aber auch in der anderen Richtung bis Berlokulis Haus überblicken. Er beobachtete Traka, die nach weiteren Zauberstäben Ausschau hielt, Blizzus Anreise, die Ankunft weiterer Hexen und ständig startende und landende Raben. Von einem kleinen Fledermausjungen sah er aber vorerst nicht das geringste Anzeichen. Eine gute halbe Stunde beobachtete er mit seinen scharfen Augen das umliegende Gelände, als er eine winzige Spur entdeckte, die dadurch entstanden war, dass das gefrorene Gras zur Seite gedrückt war.
 
 
So niedrig wie möglich flog Koru über die Wiese, um
nicht gesehen zu werden, und folgte dieser Fährte. Und da erkannte er an ihrem Ende ein kleines braunes hilflos über den Boden rutschendes Ding: Boris. „Dem Himmel sei Dank“, frohlockte Koru, „der kleine Naseweis lebt.“ Als er vor dem Fledermauskind aufsetzte, duckte sich der Winzling zitternd auf den Boden. „Dir müsste man den Hintern versohlen“, schimpfte Koru, aber besonders überzeugend klang es nicht. Denn es war viel zu deutlich herauszuhören, wie erleichtert der Rabe war. Boris reckte sein völlig verschmutztes Gesicht hoch und erkannte Koru. Doch bevor er richtig begreifen oder sich freuen konnte, stürzte Koru mit einem Male zur Seite und ein riesiger Rabe mit rotem Schnabel stand vor ihm.
 
„Was haben wir denn da?“ sprach der Angreifer, der Koru zur Seite gestoßen hatte. „Einen von diesen widerlichen Flugsaugern, die für das Massaker an den Hexen verantwortlich sind. Sieh an, sieh an! Und das Klappergestell Koru bei seiner Suche nach leicht zu schlagender Nahrung. Für mehr reicht es wohl nicht, du elender Aasfresser. Ich dachte, du bist über alle Berge. Aber du Schwächling schaffst es ja nicht einmal, sieben Kilometer hinter dich zu bringen, ohne als nasser Sack vom Himmel zu fallen. Hat die böse Buwe dir nicht genug Spinnen eingeflößt?“ höhnte Kork. „Tut mir aufrichtig leid, aber deine Beute muss ich dir abspenstig machen. Die Hexen werden sich über den Segelfloh als Zeitzeugen freuen. Und dich nehme ich gleich mit. Sie werden begeistert sein, dich wieder zu sehen und vermutlich auch einige Frägchen an dich haben.“
 
Die Sache war klar und die Lage aussichtslos. Kork wog das Dreifache an Gewicht und überragte Koru gut um die Hälfte. Er war der mit Abstand größte Hexenrabe und Koru andersherum der mickrigste. Darum war Kork recht verblüfft, als Koru ganz ruhig sagte: „Verpiss dich. Schwafle deinen Hexen sonst was vor. Mich kriegst du nicht und die Fledermaus gehört mir.“ War das der Vogel, den Kork aus der Rabenversammlung stets als Idiot immer auf und ab hüpfen sah? Wie redete dieser hirnlose Kranke mit ihm, Kork, den stolzesten und stärksten aller Raben?
 
Drohend stellte sich Kork vor Koru. „Wie bitte? Welche dreckige Laus belästigt da mein Ohr?“ Als Antwort erhielt Kork die Krallen von Koru in das Gesicht, dass er ins Stolpern geriet. Nun wurde Kork richtig wütend und sein steinharter Schnabel schlug nach Koru aus. Der war aber auf diesen Gegenschlag gefasst und wich geschickt aus, sodass der Hieb ins Leere ging und Kork Mühe hatte, das Gleichgewicht zu halten. Gleichzeitig sprang Koru mit einem Satz auf seinen Kopf und hämmerte ihm schnell drei-, vielleicht auch viermal auf die Schädeldecke. Bevor Kork den Kopf zur Abwehr drehen konnte, war Koru wieder vor ihm auf dem Boden. Ein erbitterter Kampf auf Leben und Tod entbrannte. Korus einziger Vorteil bestand darin, dass er knallhart abschätzte, dass er diesen Krieg niemals gewinnen könnte. Aber er nahm ihn an, mit allen Konsequenzen. Er war nicht gewillt, sein und Boris Leben unter Preis zu verkaufen. Und das machte ihn stark, denn er rang nicht nur um die eigene Existenz, sondern auch um das Leben des Kleinen. Koru war nicht allein.
 
Andere Hexenraben bemerkten das Getümmel und gesellten sich zu den Kämpfenden. Ihre Aufträge von den Hexen verblassten unter dem Eindruck dieser kurzweiligen und imposanten Vorstellung. So bildeten immer mehr Pflichtvergessene um die Kontrahenten einen Kreis. Langsam entstand so etwas Ähnliches wie eine Arena. So aussichtslos wie zu vermuten war Korus Position gegen Kork nicht. Was der eine an Kraft mitbrachte, machte der andere durch seine Schnelligkeit und Beweglichkeit wett. Koru besaß ein unglaubliches Reaktionsvermögen, in langen Jahren als Überlebenstraining bei Buwe bis zum Letzten perfektioniert, und mit dem Mut der Verzweiflung steckte er Hiebe von Kork anscheinend unberührt weg. Dieser reagierte sehr verunsichert, denn normalerweise müssten derartige Verletzungen jeden Gegner umhauen. Aber Koru war es gewöhnt, einzustecken.
 
Die Raben, die dem zuerst angeblich sehr ungleichem Kampf zuschauten und anfangs Kork ermunterten, den Hungerleider kurzerhand wegzuputzen, feuerten mehr und mehr Koru an und geizten keineswegs mit Beifall, wenn der Kleine dem Großen mal wieder zeigte, wo der Hammer hängt. Sie fanden Geschmack an dem radikalen Außenseiter, der wie David mit der Steinschleuder gegen einen Goliath auszog, um ihn das Fürchten zu lernen. Es befriedigte zutiefst ihre Sensationsgeilheit.
 
Und Kork bangte bald um seinen Ruf als mächtigster Rabe. Er spürte verängstigt, dass sein unnachgiebiger Gegner, der immer wieder austeilte, wo Kork nur noch sein k.o. erwartete, ihm den Schneid abkaufte. Er war es einfach nicht gewöhnt, dass es sich ein Rabenvieh wagte, sich ihm zu widersetzen. Normalerweise kuschten alle vor seiner Ehrfurcht gebietenden Haltung. Zunehmend bekam er es mit der Angst zu tun, denn er begriff, dass er die Auseinandersetzung nicht gewinnen konnte ohne Verlust seiner Autorität. Wenn er jetzt Koru vernichtete, würden Jahrzehnte später noch die Raben den Mut und die Entschlossenheit des Unterlegenen besingen, währenddessen er längst vergessen war. Koru schickte sich an, ein echter Märtyrer und Vorbild für alle Krähenvögel zu werden und ihn zum Gespött aller Vögel zu machen.
 
Außerdem ließ merklich seine Konzentration nach, sein Bewegungsablauf wurde behäbiger und er setzte sichtlich weniger den flinken Angriffen des Gegners etwas entgegen. Der Vorzeigehexenrabe der Oberhexe Rokur geriet ins Wanken. Fieberhaft grübelte er, wie er sich elegant aus der Affäre ziehen könnte. Mit letzter Kraft schwang er sich hoch und schrie Koru zu, dass er ihm die Gnade erweise, alleine das Fledermausbaby zu fressen, obwohl er es zuerst gesehen hatte. Er hätte eben ein Herz für Versager. Er würde doch nicht so hartherzig sein, ihm, Koru, das bereits halb verweste Fleisch streitig zu machen, was ihm nur einen weiteren qualvollen Tag in seinem jämmerlichen Dasein bescheren würde. Keiner der umstehenden Raben glaubte Kork im Mindesten seine Großzügigkeit. Alle traten beiseite, um Koru aus ihrem Kreis zu entlassen. Niemand versuchte, ihn aufzuhalten, was angesichts seines Zustandes ein Leichtes gewesen wäre, um sich bei den Hexen durch seine Gefangennahme Bonuspunkte zu verdienen, denn jeder der Raben hatte mitbekommen, dass nach Koru gefahndet wurde. Der schwächliche Koru hatte erfolgreich Kork die Stirn geboten. Wer einen derartigen Kampf für sich entscheiden konnte, besaß ihre Hochachtung und die Raben dachten nicht daran, sich als Handlanger für die Hexen zu betätigen.
 
Und der geflügelte Gladiator fackelte nicht lange, griff Boris mit seinem Schnabel und flog in sehr unregelmäßigen Bahnen zurück zur Kapelle. Er hörte auch nicht mehr den Kleinen, der ihm unterwegs erzählte, dass seine Mama ihn, den tollen Koru, losgeschickt habe, weil der Papa von seinem Sohn sowieso nur verlangt hätte, die Suppe alleine auszulöffeln, die er sich eingebrockt habe, dass die Mama die beste Fledermaus aller Zeiten wäre und Papa Igor zu streng, aber dass er ganz genau so werden wolle wie sein Papa. Koru versuchte nur noch, mit seinen verschwommenen Augen rechtzeitig Hindernisse zu erkennen, um nicht gegen einen Baum zu fliegen. Und als Koru in der Kapelle eintraf, stimmte sowieso nichts mehr. Igor klammerte sich an seinen Sohn, als würde er ertrinken, sodass Frau Sommer dem Jungen kaum das gebrochene Ärmchen schienen konnte, Katinka lachte hysterisch und hing Johanna ständig am Hals, die krampfhaft versuchte, ihren Glibberküssen auszuweichen.
 
Und Joliannali? Die hatte in ihrem Kindergesicht tiefe Sorgenfalten und ließ Koru nicht eine Sekunde aus den Augen, der hoch oben in der Eiche mehr hing als saß.
 
 
 
 
Ein Held
 
Den Eltern von Boris träufelte Frau Sommer noch unentwegt Beruhigungstee ein, als ihr Filius schon lange mit stolz geschwellter Brust den Umstehenden von Korus Taten berichtete und stolz seinen Verband präsentierte. Auch der lächerlichste und harmloseste Angriff seines Beschützers wurde der Stoß des edlen Ritters in das Herz des alles überragenden Löwen. Seine Eltern, die noch nicht den Schock des möglichen Verlustes ihres Kindes verdaut hatten, stürzten bei den begeisterten Berichten ihres Sohnes von einer Ohnmacht in die andere.
 
Johanna flog mehrmals zu Koru und bemühte sich, den Raben davon zu überzeugen, hinunter zu Frau Sommer zu kommen. Mit glasigen Augen schüttelte er mühsam den Kopf. Ob Hexe oder Mensch, er hatte die nackten großen Zweibeiner zur Genüge kennen gelernt. Ihre Brutalitäten hatten sein bisheriges Dasein bestimmt und er traute diesen Kreaturen nicht mehr. Wie in einem Film betrachtete er die Bilder von sich als Küken, eingepfercht in einem engen Drahtverhau, wie ihm Buwe, wenn sie gnädig war, sein Leben mit ein paar grässlichen Spinnen als einzige Nahrung erhielt oder bei schlechter Laune den Käfig mit ihm an die Wand schleuderte. Als sie ihn später dressierte, jede Unachtsamkeit, jeden kleinsten Fehler oder Verstoß augenblicklich mit Schlägen und Tritten ahndete. Oft steckte sie ihn zu ihrem Vergnügen in einen Verschlag mit vor Hunger schon wahnsinnig gewordenen Mäusen, benutzte ihn als Köder, um in einem Wasserbecken mit seinen Schwanzfedern Piranhas zu angeln oder hing ihn an eine Strippe kopfüber an die Wand.
 
Egal, wie sich die Schneeeule mühte, sie konnte Koru nicht dazu bewegen, ihr zu ihrer Herrin zu folgen. Und dabei blutete er aus unzähligen Wunden und wurde zusehends schlapper. Vielleicht wäre er zu Berlokuli gekommen, die mit einem einzigen Regenwurm sein Misstrauen erschütterte, aber sie war ja nicht da. Johanna erwog bereits, ihn gegen seinen Willen zu ergreifen, als der Vogel neben ihr plötzlich zusammensackte und vom Ast fiel. „Das war es dann wohl“, dachte Koru beim Hinabfallen und erwartete seinen harten Aufschlag auf der Erde, als ihn plötzlich ein himmelblaues Tuch umgab und er spürte, wie er durch die Luft schwebte. War das der Tod? Ihm wurde schwarz vor Augen und die Welt verschwand hinter einem dicken, zähflüssigen Nebel.
 
Unter sich bildete sich aus dem grauen Nebel ein reißender Strudel und in seinem Mittelpunkt glomm ein geheimnisvolles grünes Licht. Es wurde immer größer und heller und er wollte neugierig geworden darauf zu fliegen, aber jedes Mal, wenn er glaubte, gleich in diesem Lichtschein zu landen, schob sich eine Kinderhand zwischen ihn und die Lichtquelle. Er biss nach der Hand, um zu dem Licht zu gelangen, um zu sehen, was es mit dem lockenden Geschimmer auf sich habe. Von ganz weit her drang eine Stimme durch den Nebel: „Aua!“.
 
Er lauschte und hörte eine weitere Stimme, die sagte: „Halt den Kopf fest, Joliannali, Koru hat Schmerzen und weiß nicht, was er tut. Er hat nicht mit Absicht nach dir gehackt.“. Worüber sprachen diese Stimmen? Wieder leuchtete und funkelte es unter ihm in den verschiedenen Grüntönen. Gleich wollte er dorthin segeln, aber erst wollte er wissen, was man sich über ihn erzählte. Der Nebel verschluckte fast die Worte, als die eine Stimme schalt: „Ich hatte es dir doch verboten, das Haus zu verlassen und den Besen zu benutzen. Das war sehr ungehorsam von dir, Joliannali.“ „Man darf nicht immer gehorsam sein“, erwiderte die andere ferne Stimme, „sonst wäre der kleine Rabe jetzt tot.“ „Da gebe ich dir Recht. Aber wäre Boris gehorsam gewesen, wäre Koru jetzt nicht in dieser Verfassung. Womit bewiesen ist, dass Gehorsam nicht unbedingt eine negative Eigenschaft ist“, entgegnete die erste wieder etwas verärgert.
 
Das Licht verschwand und einen kurzen Augenblick verzogen sich die Nebelschwaden. Koru blinzelte und erblickte den hellblauen Stoff, in dem er sicher zum Boden gelangt war. Und oben, wo das Tuch endete, sah er in das Tränen verschmierte Gesicht der kleinen Hexe, das etwas schuldbewusst, aber auch trotzig aussah. „Frau Sommer, Koru ist wach“, hörte der Rabe noch, bevor er wieder in den Nebel eintauchte und der Sog sich langsam wieder in einen mächtigen Strudel auswuchs.
 
Und da erschien auch wieder dieser grüne Lichtfunke, aber diesmal wirkte er eher gespenstisch und drohend und Koru wollte nicht mehr zu ihm fliegen. Andere Dinge beschäftigten ihn jetzt viel mehr. Er wusste nun, dass er doch bei der Frau und der Hexe war und dass das Hexenmädchen ihn aufgefangen hatte. Aber warum und hatte er nicht eben nach der Kleinen gebissen? „Sie hat mich trotzdem nicht geschlagen“, ging es Koru durch den Sinn und die kleine Hand deckte wieder das Licht zu. Alles purzelte nun wild in seinem Kopf durcheinander und schließlich versank er in einem riesigen schwarzen Loch.
 
In dieser Finsternis bekam er Angst und wollte unbedingt wieder ein Licht sehen. Ein rotgelboranger Feuerball flog auf ihn zu, kam näher und näher und erreichte ihn bald. Koru fürchtete, von ihm getroffen und verbrannt zu werden und zwang sich dazu, die Augen zu öffnen, um dem Feuer ausweichen zu können.
 
Aber der Feuerball war die kleine harmlose Flamme einer Kerze. Und je mehr sich seine Augen an den Kerzenschein gewöhnten, sah er ringsumher die Fledermäuse sitzen, die alle sehr traurig aussahen. „Oh je“, stöhnte Koru auf, „war Boris so doll verletzt?“ „Nein, Koru, der ist schon wieder recht munter und fidel“, erklärte ihm eine sanfte Stimme, die er irgendwo schon einmal gehört hatte. Ach ja, richtig, es war die gleiche von vorhin. Die kleine Hexe sprach mit ihm. Erst jetzt bemerkte Koru, dass er auf ihrem Schoß lag und dass ihre zierliche, schmale Hand, die vorher ständig das grüne Licht verbarg, ununterbrochen sanft seinen Kopf streichelte. Er wollte sich gerade wegducken, um keinen Hieb von ihr einstecken zu müssen, als wohlige Wärme ihn durchströmte. Ihre Liebkosungen linderten seine unerträglichen Schmerzen und vermittelten ihm ein angenehmes Gefühl, obwohl es ihm so schlecht ging. „Ich habe dich angegriffen“, krächzte Koru mühselig und verunsichert. „Das ist nicht schlimm“, antwortete Joliannali, „ich hätte mich auch gewehrt, wenn ich soviel wie du erleiden müsste.“
 
Koru glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu können. Sie schien ihm nichts nachzutragen, nutzte seine Hilflosigkeit nicht aus. War er vielleicht doch tot und das Hexenmädchen war der Rabenhimmel? Er versuchte seinen Kopf anzuheben, aber es gelang ihm nicht.
 
Der Fledermausjunge mit seiner Schiene rutschte zu ihm heran. „Nicht, du überlebst es  doch“, weinte er. „Frau Sommer hat gesagt, sie hat alles Menschenmögliche getan, aber es müsste ein Wunder geschehen, wenn du am Leben bleibst, weil du doch soviel Blut verloren hast. Bitte, bitte, nicht sterben. Ich will doch von dir lernen, wie man so mutig wird. Und es ist doch alles nur meine Schuld. Du wirst ganz gewiss wieder gesund, nicht wahr?“
 
Jetzt erst begriff Koru langsam, dass die Fledermäuse sich wegen ihm versammelt hatten, dass ihre Gesichter nicht aus Sorge um Boris so bedrückt waren. Ihr Kummer galt ihm, ihm, dem hässlichsten und mickrigsten Raben der Hexenwelt. „Von mir kannst du doch nichts lernen“, stotterte Koru ganz irritiert, „ich bin doch seit jeher ein Versager“.
 
„Das stimmt nicht, Koru“, flüsterte ihm Joliannali ins Ohr, „du bist ein richtiger Held. Wie die aus Frau Sommers dicken Buch mit den alten Sagen.“ Für Koru war das alles zuviel. Er ließ es sich gefallen, dass ihm Joliannali den Schnabel vorsichtig öffnete, weil er zu schwach war, ihn selber aufzumachen. Durch eine Pipette rutschte Brühe und Tee in ihn hinein und gleich schlief er ermattet ein. Aber die ihn weiterhin streichelnde Hand von Joliannali verscheuchte alle bösen Träume und er schmiegte seinen Kopf möglichst dicht an sie an. Frau Sommer beobachtete Joliannali und Koru. Auf der einen Seite war sie mehr als verwundert, dass der Rabe überhaupt noch atmete. Er war übersät gewesen von bösen klaffenden Wunden und sie konnte dem Hexenkind ehrlicherweise bei dem Blutverlust keine Hoffnung machen, dass er es übersteht. Andererseits hatte sie entsetzt festgestellt, dass dieser hauchdünne Vogel überall hässlich verheilte Narben hatte und ihr war klar, welche Torturen er in seinem bisherigen Leben ertragen musste.
 
Vielleicht war es sogar seine klitzekleine Chance, denn diese Wundmale waren ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Vogel ausgesprochen zäh war. Und die Frau hoffte insgeheim, dass Joliannalis Liebe in ihm soweit die Lebenslust weckte, dass er den beinahe aussichtslosen Kampf gegen den Tod doch gewinne. Und so, wie Joliannali den Raben behandelte, schöpfte sie wider besseren Wissens neue Hoffnung.
 
Trotzdem ärgerte sie sich über das heutige Verhalten des Mädchens. Was wäre gewesen, wenn sie jemand beobachtet hätte. Es war mehr als leichtsinnig. Sie hatte ihr so eingeschärft, im Hause zu bleiben, sich nicht draußen sehen zu lassen und auf keinen Fall den Besen zu benutzen, gleichgültig, was auch passieren würde.
 
Auf der anderen Seite musste sie selbstkritisch zugeben, dass sie als Kind die Warnungen ebenfalls in den Wind geschlagen hätte. Nie und nimmer wäre sie imstande gewesen, zuzusehen, wie der Vogel in sein Verderben stürzt. „Nur doofe Kind sind brav“, tröstete sich Frau Sommer nun schon wieder ein klein wenig belustigt und Joliannali war eben alles andere als das. Sie konnte es beurteilen, denn schließlich war sie früher einmal die Lehrerin der Dorfschule und in diesem Dorf mit genug dämlichen Kindern konfrontiert. Sie hatte im Grunde genommen nichts gegen Dummheit, denn wer dumm war, konnte selten etwas dafür. Die Sache mit der Faulheit wäre auch noch so gerade wegzustecken gewesen. Und Ansprüche hatte doch jeder Mensch. Aber Dummdreistfaule, da war wenigstens eine nachteilige Eigenschaft zuviel auf einmal. Diese Kinder, die eigentlich wenigstens durchschnittlich veranlagt waren, aber zu faul, ihre grauen Zellen zu bewegen, weshalb sie langsam verdummten, die aber frech Ansprüche stellten ohne jegliche Gegenleistung zu erbringen, die verwöhnt bis zum geht nicht mehr Puderzucker in den Allerwertesten von den Eltern gepustet bekamen und nie fragten, wo etwas herkommt, die sich selber unentwegt als Nabel der Welt verstanden und niemals über ihre Schuhspitzen hinweg zum Nachbarn sahen, diese Kinder gingen ihr tüchtig auf die Nerven.
 
Bei der kleinsten Anforderung brachen sie wehklagend zusammen und waren danach noch stolz darauf, wie sie sich wieder mal erfolgreich um sämtliche Pflichten drückten. Und wenn es nicht gelang, flennten sie sich bei ihren Eltern aus und die rannten zur Schule und verteidigten vehement die Lebensuntüchtigkeit ihrer Ableger, damit sie bloß wieder ihre Ruhe hatten. Und bei diesen Erinnerungen an ihren früheren Schulalltag fragte sich Frau Sommer, wer eigentlich mehr eine Hexe sei, dieses Kind voller Mitgefühl für den schwer verletzten Vogel und der verkehrten Haarpracht oder die allzu geleckten Gören mit den wohlanständigen, betuchten Eltern, die nur eins erstrebten: Dass ihre Nachzucht sie möglichst nicht belästigte.
 
Hauptsache, ihre Kinder störten sie nicht beim Geldverdienen und wenn sie sich abends zufrieden über ihren dicken Bauch strichen. Die Wörter, die die Töchter und Söhne am meisten hörten war „keine Zeit“. Vermutlich hingen deshalb so viele Bilder von den Kindern an der Wand, damit die Frauen und Herren Erzeuger nicht vergaßen, wie sie aussahen. Was die lieben Kleinen den ganzen Tag trieben, interessierte sie erst dann, wenn die Beschwerden kamen oder sich die Kinder dem Trott widersetzten. Dann hagelte es Strafen. Nur dass diese Kinder, die es wagten, auszubrechen, sich zu widersetzen und auf ihre eigene Persönlichkeit pochten, eine echte Chance boten, etwas zu verändern, in Bewegung zu bringen. Aber genau sie trieb der Herr Pfarrer aus dem Dorf und die Eltern schauten meist zu. Besser ein Kind in der fernen Stadt wohnen haben als ein widerspenstiges Kind unter dem eigenen Dach.
 
Und während Frau Sommer für sich und Joliannali einige Brote strich und belegte, dachte sie seufzend an ihre eigenen drei Söhne, die dazumal den Mief dieses Provinznestes nicht mehr riechen konnten, sich lebendig begraben fühlten, weil sie nie die Chance erhalten hätten, sich zu entfalten und regelrecht flüchteten. Eine Flucht in ihr Unglück. Frau Sommer gab sich einen Ruck. Es half nichts, sich jetzt trübsinnigen Gedanken hinzugeben. Und Joliannali musste endlich was zwischen die Zähne bekommen.
 
Sie wollte schon den Tisch decken. Aber dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht und sie packte die fertigen Brote zusammengeklappt auf ein Brettchen, nahm zwei Tassen und die Kanne und ging zu Joliannali in die abgedunkelte Zimmerecke. „Zeit zum Essen“, rief sie leise und das Hexenmädchen blickte sie richtig erschrocken an. Aber dann sah sie Brote und Tassen in der Hand von Frau Sommer und rutschte dankbar lächelnd etwas zur Seite, damit sie sich ebenfalls auf das Sofa setzen konnte.
 
„Ich wollte mir nur deine Ausreden ersparen, warum du auf keinen Fall zum Tisch kommen kannst“, sagte Frau Sommer augenzwinkernd und streichelte auch Koru über den Kopf, als Joliannali nach einem Brot griff. Der kleine Rabe hatte inzwischen ruhige Atemzüge und schien sich bei Joliannali trotz allem wohl zu fühlen. „Und heute gibt es keine Diskussion mehr über Gehorsamkeit und es wird widerspruchslos im Bett geschlafen“, sprach sie streng zu Joliannali, die sofort wieder ein Trotzgesicht bekam. „Aber halte deinen Piepmatz unter deiner Bettdecke gehörig warm“, setzte sie schmunzelnd nach. Und Joliannali gab ihr einen dicken Kuss auf die Wange.
 
Derweil ging es in Berlokulis Haus nicht so friedlich und freundlich wie bei Frau Sommer zu. Die herbeigerufenen Hexen waren eingetroffen und schrieen und keiften sich gegenseitig an. Immer wieder mahnte Blizzu zu Ruhe, aber auch sie konnte sich nicht durchsetzten. Traka hatte genug von den chaotischen Verhältnissen, die ihre Kolleginnen verzapften, hob den Zauberstab und rief einen Fluch dazwischen. Ein greller Blitz erhellte Berlokulis Stube und augenblicklich verstummten die Frauen der dunklen Zunft und saßen auf dem Boden rings um Blizzu. Sie waren gefesselt und geknebelt. Ein neuer Hexenrat musste nach den Ereignissen gewählt werden. Die Diskussion war eröffnet. Solange die Hexen einen sachlichen Redebeitrag beisteuerten, verschwand der Knebel in ihrem Mund. Doch sowie sie wieder begannen, herumzustänkern, zu fluchen oder sich Beleidigungen an den Kopf zu schmeißen, verstopfte eine schleimige Warzenkröte die Mundhöhle, die sich solange aufblies, bis den Hexen der Mund weit offen stand und sie keinen Ton mehr hervorbrachten.
 
Als erstes stritten die Versammelten darum, ob sie überhaupt noch einen Hexenrat wählen dürften. Nach der Kalkulation von Blizzu  waren von den weltweit 777 Hexen 707 Hexen in den letzten Nächten ums Leben gekommen. Demnach existierten nur noch siebzig Hexen. Blizzu rechnete weiter vor, dass die sechs Junghexen in der Hepe von dieser Zahl abgezogen werden müssten, weil sie ja noch keinen Zauberstab hatten. Stimmberechtigt wären also nur 64 Hexen. Allerdings könnte man aus dieser Erhebung getrost Kimoseli streichen und damit verblieben nur noch 63 Hexen.
 
Gesetzt den Fall, dass Rokurs Anschuldigungen betreffs Berlokuli zuträfen, gelte sie als unsichere Kandidatin und diese Joliannali würde, falls es sie noch gäbe, schon alleine durch die Tatsache herausfallen, dass ihr ja ebenfalls als Junghexe der Zauberstab fehle und sie damit keine Vollhexe ist. Zog man also von der Summe die Beiden noch ab, verblieben 61 Hexen in der Vollversammlung. 
 
Das würde noch reichen, einen neuen Hexenrat zu wählen, da von 777 möglichen Hexen mindestens sieben Prozent wählen müssten. Die Hexenversammlung glaubte Blizzus Rechnung zu gerne, denn bei den meisten haperte es bereits bei den einfachsten Additions- und Subtraktionsaufgaben, bei Prozentrechnung winkten sie von vornherein ab. Und bei dem Gedanken, möglicherweise bei Kimoseli zu Kreuze zu kriechen, damit die ihre Stimme abgab, war ihnen eh ausgesprochen unwohl zumute. Aber Blizzu, nicht unbedingt ein mathematisches Genie, hatte aus Versehen richtig geraten.
 
Nach langem Hickhack wurden schließlich die sechs fehlenden Hexen für den Hexenrat ernannt und somit auch die neuen Mitglieder der Feme zusammengesetzt. Trakas Gier nach Prestige und Pöstchen wurde dahingehend voll befriedigt, dass sie in den Hexenrat kam. Sie strengte natürlich sofort die erste Sitzung der Feme an. Rokurs Verhalten während des Feldzuges gegen Berlokuli wurde auf ihren Antrag hin verhandelt. Sie warf ihr stümperhaftes Vorgehen und eine miese Planung vor, was letztendlich 707 Hexen den Garaus machte. Außerdem sei sie alleine dafür verantwortlich, dass bis zur Zauberstabübergabe, also Volljährigkeit, die Hexenvollversammlung eine krumme Zahl hätte, vorausgesetzt, dass es diese Joliannali wirklich gebe. Denn in der Anzahl von 63 beziehungsweise 64 Hexen sei keine sieben erhalten und so etwas bedeute Unglück.
 
Die anderen Hexen pflichteten empört Traka zu und so verbuchte sie für sich den ersten Erfolg im Hexenrat: Rokur wurde als Oberhexe gefeuert und verlor ihren Sitz im Hexenrat und in der Feme, was diese mit eisigem Schweigen quittierte. Eine neue Hexe musste für den Rat bestimmt werden und Traka schlug die etwas beschränkte Börö vor. Auch mit dem Hintergedanken, sie als neue Lehrkraft in die Hepe abzuschieben. Da sie außer Traka und Rokur den Fledermausangriff überlebte, schrieben ihr die Hexen besondere Fähigkeiten und Klugheit zu, obgleich sie wussten, dass Börö im Allgemeinen ziemlich dusslig war und sich vermutlich eher aus Versehen zurückverwandelt hatte. Börö erhielt die erforderlichen Wahlstimmen und fühlte sich sehr geehrt, als man ihr das Schulamt antrug. Traka frohlockte. Alles war nach ihren Wünschen verlaufen. Rokur war außer Gefecht und für sie der Weg zur Spitze frei. Und ihre Wahl als Oberhexe, nachdem sie sich dermaßen gut durchgesetzt hatte, würde jetzt nur noch eine reine Formsache sein. Relativ schnell waren die Stimmen ausgezählt und die frisch gewählte Oberhexe hieß: Blizzu.
 
Traka verspürte eine innige Lust, der blinden Hexe an den Hals zu springen, als sie ihr mit zuvorkommender Freundlichkeit zum neuen Amt gratulierte. Und nun begann alles aufs Neue: Berlokuli wurde zum Verschwinden der Junghexe und deren Bett befragt, Rokur, diesmal aber Zeugin und nicht Anklägerin, brachte ihre Version vor, die ganze Sache wurde vertagt bis zum Eintreffen des Phönix. Der musste allerdings sowieso kommen wegen der verwaisten Zauberstäbe. Als erste Amtshandlung befahl Blizzu, die eingesammelten Reste der nicht ganz von den Fledermäusen erwischten Hexen zu bestatten, also zu verbrennen. Gnädigerweise entfernte Traka die Knebelkröten, damit alle hinterbliebenen Hexen nach Lust und Laune jammern und klagen konnten, was sie auch gründlich besorgten. Auch Berlokuli standen die Tränen in den Augen. Den Scheiterhaufen hatten die Hexen ausgerechnet auf ihrem so liebevoll gepflegten Kräutergarten errichtet. Bis jetzt hatte sie gehofft, dass noch etwas von ihm zu retten sei nach Entfernung der Höllenburgerabfälle.
 
Die Hexen, die wie die Pfadfinder im Kreis um ein Lagerfeuer saßen, schrieen laut auf, schluchzten und schnieften in der Lautstärke explodierender Dampfkessel und schlugen sich in ihrem unendlichen Schmerz immer wieder auf die Brust. Wie ernst es mit ihrer Trauer stand, war leicht festzustellen, als der Phönix kam.
 
Mit einem Ruck kehrte Ruhe ein, schnell wurden die Tränensturzbäche mit dem Handrücken weggewischt, in die Röcke oder Schürzen geschnäuzt und sie folgten ihm augenblicklich ins Haus. Blizzu erklärte ihm den Verhandlungsstand und bat den goldenen Vogel, noch einmal zu dem fehlenden Hexenei Stellung zu beziehen.
 
Dieses Ansinnen lehnte der Phönix rigoros ab. Er verwies die Hexen auf seine Aussage von der letzten Femesitzung in der Hepe, da er nicht gewillt war, alles zehnmal wiederzukäuen. Börö las diese Erklärung vor, er meinte, er habe nichts zuzufügen und die Hexen waren wieder am gleichen Punkt wie vorher. Nun forderte der Phönix sie auf, zu schweigen. „Ich bin nicht hier, um mir euren Unsinn anzuhören“, sagte er leise, aber gebieterisch zu den Anwesenden. „Wo sind die Zauberstäbe?“ Traka führte ihn zu dem Haufen Stäbe und der Phönix schüttelte bei dem Anblick nur den Kopf. Mit seiner Kralle nahm er einen Zauberstab nach dem anderen hoch und legte ihn sich auf seine Krone. Sofort funkten goldene Lichtblitze auf, die die Versammlung blendeten, sodass sich die Hexen schützend die Augen zuhielten oder sich abwendeten. Der Stab war verschwunden und auf dem Kopf des Vogels war eine neue kleine Feder hinzugekommen. Siebenhundertfünf Mal wiederholte sich die Prozedur und seine Krone wurde immer voller und dichter.
 
„Es fehlen zwei Zauberstäbe“, stellte der Phönix fest. Die Köpfe der Hexen senkten sich und betreten blickten sie sich schräg von unten her an. Traka versicherte sofort, dass sie nach den Stäben gewissenhaft gesucht habe und erklärte dem König der Lüfte die näheren Umstände zu den Fundorten. Und der Zauberstab von Rosto sei bereits vorher abhanden gekommen. Sie war sich völlig sicher, dass sie alle übrigen Stäbe gefunden hatte. „Dann musst du dich verzählt haben. Wer hat dir beim Suchen geholfen?“ wollte der Phönix wissen. „Na niemand, es war ja keiner da, der dazu in der Lage war.“ „Und warum hast du die Neuankömmlinge nicht gleich für Nachforschungen eingeteilt?“ hakte der Phönix nach und sprach so leise, dass man ihn kaum noch verstand. Traka blieb der Mund offen stehen und unsicher flackerten ihre Augäpfel hin und her.
 
Der Phönix warf mit einer ruckartigen Bewegung seinen Kopf in den Nacken und als er ihn wieder nach vorne kippte, lag Trakas Zauberstab auf seinem Kopf, es flammten kurz die Blitze auf und anstelle des Stabes war eine neue Feder in der Krone. „Ihr kennt das Gesetz“, bemerkte leise der Vogel und wandte sich der neuen Oberhexe zu, während Traka verzweifelt ihre Tasche nach ihrem Stab abklopfte: „Blizzu, trägst du für den Sucheinsatz nach Rostos Zauberstab die Verantwortung?“
 
„Zu diesem Zeitpunkt war Rokur noch Oberhexe“, beeilte sie sich wahrheitsgemäß zu antworten. Der Phönix schaute Rokur starr ins Gesicht: „Wirklich schade! Aus dir hätte etwas Großes werden können.“ Und dann wiederholte er die Kopfbewegung und Rokurs Stab verschwand in dem gleichen Stile wie Trakas. „Bevor du noch auf dumme Gedanken kommst, lieferst du bitte Berlokulis Zauberstab an Blizzu ab“, ermahnte der Phönix Rokur. Sie schien aber nicht weiter beeindruckt zu sein, zog das Gewünschte aus ihrer Tasche und legte ihn vor Blizzu. „Ich würde euch empfehlen, intensiv nach den verloren gegangenen Zauberstäben zu suchen, wenn ihr nicht auf euren Hokuspokus verzichten möchtet“, erklärte der Phönix den Beiden und schickte sich an, dass Hexenhaus zu verlassen.
 
Nun kam Bewegung in Traka, die bisher zum x-ten Male ihre Rocktasche nach ihrem Stab von innen nach außen und von außen nach innen drehte. Sie schmiss sich dem Phönix vor die Beine, klammerte sich an sie an und bettelte in allen Tonlagen nach einem Zauberstab. Er verzog jedoch keinerlei Miene und schritt vor die Eingangstür, Traka hinter sich herschleifend. Als er zu den Wolken empor flog, hing sie noch ein Weilchen an seinen Krallen, bis ihre Kräfte versagten und sie zu Boden fiel. Dort blieb sie wie betäubt liegen.
 
Die so machtversessene Traka, die sich vor kurzem noch an ihrem Sieg berauschte und bereits insgeheim plante, wie sie Blizzu schleunigst beseitigt bekäme, um ohne Einschränkung willkürlich die anderen Hexen zu beherrschen, war nicht nur aus einiger Höhe zu Boden gefallen. Geblendet von der Chance, endlich in den Hexenrat zu kommen, hatte sie ihre Suche eingestellt, aber auch, weil nach ihrer Meinung die Zauberstäbe vollzählig waren. Aber richtig beachtet hatte sie sie zum Schluss nicht mehr und vielleicht war ihr ja wirklich ein Fehler unterlaufen. Der Phönix hätte sie nie gestraft, wenn sie unvermindert gesucht und die anderen Hexen aufgefordert hätte, sie dabei zu unterstützen. Irgendeine Hexe wäre mit Sicherheit zu faul gewesen und dann hätte diejenige ihren Zauberstab für den fehlenden abgeben müssen. Aber so musste sie für ihre Pflichtvergessenheit büßen.
 
Und sie konnte sich fest darauf verlassen, dass keine ihrer Mithexen das geringste Mitgefühl für sie empfanden. Sie machten ungerührt mit ihrer Sitzung weiter. Blizzu schlug vor, dass Verfahren gegen Berlokuli einzustellen, weil ihr nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte, dass sie wirklich das Hexenkind verstecke. Rokur protestierte schärfstens und beharrte darauf, das Dorf abzusuchen. Leider musste Blizzu die ehemalige Oberhexe daran erinnern, dass sie ohne Zauberstab keine Stimme mehr in der Hexenversammlung habe und damit auch keine Anträge mehr an den Rat stellen könne. Gelassen meinte daraufhin Rokur, dass sie ja dann auch nicht mehr anwesend sein bräuchte, wenn auf ihre Ratschläge, mit oder ohne Stab, anscheinend keine Hexe weiteren Wert lege.
 
Somit ergriff sie ihren Besen, schmiss Berlokuli deren Besen vor die Füße und verließ die Stube. Bevor sie abflog, verhöhnte sie noch Traka in ihrem Elend und teilte ihr mit, dass es wenigstens etwas Erfreuliches in dieser Situation für sie gäbe, nämlich dass diese ihr Schicksal mit ihr teilen müsse. Die neue Oberhexe, durch Rokur aufmerksamer geworden, befahl zwei Hexen, Traka zu holen. Gestützt auf die beiden Hexen, was schon fast so aussah, als würden sie Traka tragen, wurde sie vor den Rat gestellt und von Blizzu offiziell entlassen. Denn ohne Zauberstab war ihre Berufung in den Hexenrat erloschen. Aber die nahm kaum noch Notiz von dem Geschehen um sie herum. Teilnahmslos starrte sie anscheinend vor sich Löcher in die Luft und reagierte nicht. 
 
Inzwischen war in die Hexenversammlung große Unruhe gekommen, denn man war bereits seit über vierzig Stunden pausenlos auf den Beinen. So beschloss Blizzu eine Unterbrechung, ließ Berlokuli und ihre Tiere in den Keller schaffen und die Hexen suchten sich ein Plätzchen für die nötige Erholungspause. Diesmal brauchten Munz, Berlokuli, Krax und Merkuroxine weniger eine Spionin befürchten, denn die Hexen steckten sie nur in den Speisekeller, weil sie Angst vor ihr hatten.
 
Welche dunklen Mächte hatten die Fledermäuse herbeigerufen oder Rosto verschwinden lassen, obwohl diese Hexe doch nicht einmal über ihren Zauberstab verfügen konnte? Dennoch hielten sich bis auf Merkuroxine alle drei an ihr Schweigegelübde. Krax allerdings zwangsweise, denn der hielt es kaum noch aus, nicht herumzuplappern. Solange war er in einem Stück noch nie sprachlos gewesen. Die Spinne flüsterte Berlokuli in den Gehörgang, dass sie weiterhin gut auf Rokur achten müsse, denn sie war sich sicher, dass diese den verlorenen Zauberstab hätte. Schon im Einschlafen begriffen dachte Berlokuli darüber nach und stimmte Merkuroxine zu. „Na klar! Rokur wusste, dass sie für Rostos Stab zur Verantwortung gezogen wird. Also musste sie rechtzeitig für Ersatz sorgen, bevor sie ohne dasteht. Vermutlich zog sie sich eiskalt einen aus dem Haufen, als Traka annahm, sie läge noch besinnungslos auf ihrer Besentrage und die Gegend nach besitzerlosen Stäben erforschte. Darum hat sie sich nicht weiter darüber aufgeregt, dass man sie aus dem Rat entfernte, aber Traka hineinkommt.
 
Diese Rokur ist gerissen und knüppelhart“, folgerte Berlokuli „und hat den Tumult nach dem Fledermausangriff sofort genutzt, um sich abzusichern. Und Traka, fasziniert über ihre vermeintlichen Erfolge, tappte blindlings in die Falle. Und genau aus diesem Grunde reagierte Rokur mit dieser Gleichgültigkeit, als sie auch meinen Stab abgeben musste. Denn sie hatte noch einen Zauberstab, den sie vorher Traka stahl.“ Aber weiter denken konnte Berlokuli nicht mehr und schloss sich Merkuroxines Schnarchen an.
 
Als die Falltür hochgerissen wurde, fühlte sich Berlokuli wie gerädert, als hätte sie keine Minute geruht. Außerdem litt sie inzwischen darunter, dass sie sich in den letzten Tagen nicht einmal frisch machen oder umziehen konnte. Ganz abgesehen davon, dass ihr Magen gegen die Koboldkost massiv rebellierte.
 
In der Hexenstube fing das Späßchen mit der Rechnerei von vorne an. Irgendwann kam Blizzu zu dem Schluss, dass es ohne Rokur und Traka noch genügend Hexen gab, um die sieben Prozent zu erfüllen. Also wurde wieder einmal gewählt und diesmal stimmte die Mehrheit für die Hexe Rona, eine überaus hässliche Hexe, sogar für den Hexengeschmack. Rona griff den Vorschlag von Rokur auf, dass Dorf noch einmal unter die Lupe zu nehmen.
 
Blizzu reagierte unwirsch. Sie wolle von diesem ganzen Märchen um Joliannali nichts mehr hören und sie riskiere es auch nicht, durch einen neuen angeblichen großartigen Plan noch den Rest der Hexen um die Ecke zu bringen. Aber Rona gab nicht auf. Berlokuli kannte sie nicht weiter, aber offenbar versuchte die neue Ratshexe ihr unbedingt was anzuhängen. So verlangte sie eine Überprüfung Berlokulis magischer Fähigkeiten, denn auch ohne Zauberstab wäre es ihr gelungen, hunderte Hexen auszulöschen, die gegen sie vorgegangen waren. Berlokuli schluckte. Was sollte denn das jetzt? Ein Hexenprozess im Hexenprozess? Wollte Rona ihr jetzt allen Ernstes die Schuld in die Schuhe schieben, was das Ableben der Hexen betraf?
 
„Sehr gut“, raunte Munz. Er erkannte sofort die Chance, von Joliannali abzulenken und bei Berlokuli, die zuerst ganz erstaunt Munz anschaute, klingelte es dann auch. Sie stellte sich auf dumm und löcherte Rona mit den einfältigsten Fragen, wie sie denn in der Lage sein könnte, einen Fledermausschwarm als Gefangene zu dirigieren oder eine Laus auf ihrem Kopf zu fressen oder zankende Hexen ins Meer zu schubsen, die weit vor oder hinter ihr flogen?
 
Die neue Hexenratshexe ging darauf ein und setzte eine Femesitzung durch, die die zahlreichen Hexenverluste klären sollte. Blizzu scheiterte mit ihren immer zorniger werdenden Einwänden, dass diese Prüfung völlig sinnlos sei. Nach endlosem ergebnislosen Geschwafel der Hexenratshexen hatte sie schließlich die Nase endgültig voll und kündigte ihren Heimflug an. Von dem Gelaber der Rona und Berlokuli waren alle Hexen derart entnervt und ermattet, dass das fällige Urteil diesmal schnellstens und einstimmig gefällt war: Freispruch für Berlokuli in sämtlichen Punkten.
 

 
Der Waldspaziergang
 
Blizzu drückte Berlokuli nach dieser Entscheidung wortlos ihren Zauberstab in die Hand. Den Besen hatte sie ja schon von Rokur zurückerhalten, die anscheinend ahnte, was kommen wird. Dann beeilte sie sich, sich reisefertig zu machen und flog im Geleit zweier Hexen davon. Auch die anderen Hexen machten ziemlich fix, von dannen zu kommen. Nach nicht einmal sieben Minuten waren alle Hexen fort, bis auf Traka.
 
Sie saß noch immer apathisch an jenem Ort, an die sie gestern von den beiden Hexen hingestellt wurde. Hilflos sah Berlokuli Munz an und der wedelte mit seiner Pfote. „Was meint der denn jetzt“ fragte sich noch Berlokuli, als ihr Merkuroxine zurief: „Du sollst ihr eine kleben, damit sie zu sich kommt.“ Also ging Berlokuli zu ihr hin und haute Traka eine richtig deftige Ohrfeige runter. In Zeitlupe hob Traka den Kopf, sah Berlokuli irre an und fragte sie, ob sie ihr einen Höllenburger bestellen könne. Ohne Zauberstab hatte sie da nämlich ein Problem. Berlokuli tat ihr den Gefallen. Hauptsache, sie musste das Zeug nicht selber schlucken und Traka würde sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen.
 
Traka, die beim Kauen ihren Schlund aufriss wie ein Scheunentor, kam plötzlich Höllenburger-Krümel spuckend auf die Idee, sie könne Berlokuli beim Renovieren ihres Hauses helfen. „Um Himmels Willen“, dachte Berlokuli, „das fehlt mir gerade noch. Damit ich für sie das Fressen ordern kann, werde ich mir den Rest meines Lebens versauen? Na, so weit kommt es noch.“
 
Doch bevor sie Stellung dazu beziehen konnte, flötete Munz überfreundlich: „Ach weißt du, Traka, wir wissen sehr genau, wem wir den Abriss in unserem Haus zu verdanken haben. Streng mal deine grauen Wabbelwindungen in deinem Hirn mächtig an und erinnere dich an die entmachtete Rokur, an die entschwundene Rosto und an reizende Mücken verspeisende Flattertiere. Wenn ich dir einen guten Rat erteilen dürfte, dann löse dich am besten in Luft auf, möglichst, bevor du den letzten Bissen getätigt hast und Berlokuli ihren Zauberstab in der Hand hält.“ Traka bekam einen gehetzten Gesichtsausdruck, schwang sich mit einem Riesensatz auf den Besen und brauste ab, bevor Munz geendet hatte.
 
„Bei Knoblauch und Hexenwurz“, seufzte erleichtert Berlokuli auf, „die sind wir los!“ Sie drehte sich um und betrachtete schaudernd ihr Häuschen. „Ei, Berlokuli“, rief in ihrem Ohr Merkuroxine, „hast du es überhaupt realisiert: Haus im Eimer, richtig, aber nix Nikezuk und Joliannali haben sie auch nicht. Wird Zeit, dass man mal einen Jubelschrei hört.“
 
Und Merkuroxine lag richtig mit ihrer Vermutung: Berlokuli hatte noch gar nicht verstanden, dass sie frei war. Vor wenigen Tagen war sie sich so sicher, in Nikezuk zu enden und sah Joliannali bereits in Deleve hocken. Was bedeutete da schon ein verwüstetes Haus und Garten? Nichts. Aber zunächst wartete Merkuroxine umsonst auf einen Freudenausbruch. Berlokuli ging langsam durch ihre Stube, verließ das Haus und wandelte wie im Traum durch den Garten, gefolgt von Munz und Krax. Es wirkte wie eine Prozession.
 
Und dann entdeckte Berlokuli ihre umgekippte Uhr, aber bis auf das Uhrwerk war sie heil. So schleppte sie ihren Schatz in ihre Stube und stellte sie mitten im Zimmer auf den Fußboden. Sie setzte sich daneben und begann, über die vergoldete Frau zu streichen.
 
Und plötzlich brach alles gleichzeitig aus ihr mit einer solchen Wucht heraus, dass ihre Tiere entsetzt zurückwichen und Merkuroxine vor Schreck aus dem Ohr fiel. Berlokuli lachte, schrie und heulte und das alles gleichzeitig. Und als sie sich nach einer Weile, die wie eine Ewigkeit anmutete, beruhigte, blieb ihr Weinen. Und während ihr die Tränen über die Wangen flossen, strich ihr Munz mit der samtweichen Pfote über ihre Hexenmähne und sagte nur immer wieder: „Rotz dich aus, großes Mädchen. Das war alles zuviel.“
 
Doch immer, wenn sie ihn fragend ansah, schüttelte er den Kopf. Keine Fragen über Joliannali, keine verfänglichen Botschaften oder Gespräche. Noch konnten sie sich nicht in Sicherheit wiegen, ob nicht doch ein Spion im Hause versteckt war. Krax´ Schnabel wurde aus der Spinnenfadenzwangsjacke befreit, verschlang sofort drei Höllenburger und forderte von Merkuroxine ein neues Schnabelkorsett an.
 
Die Hexe und ihre Tiere gingen die nächsten Tage ans Aufräumen und Instandsetzen des Hauses heran. Nach ein paar ereignislosen, aber arbeitsreichen Tagen lud Munz alle zu einem Spaziergang ein. Es gab eigentlich noch jede Menge Arbeit, aber schließlich brauchte man auch mal eine Erholung. So marschierten sie alle Vier an einem sonnigen Winternachmittag in den Wald.
 
Merkuroxine war außer sich, als sie endlich richtig den Wald anstaunen konnte, aber beim Anblick des ersten Spechtes beschloss sie, bei Berlokuli zu bleiben. Denn auf der Speisekarte dieses Vogels standen auch notfalls Spinnentiere drauf.
 
Munz hatte sich einen morschen, schon ewig lange nicht mehr benutzten Hochstand eines Jägers ausgeguckt. Nachdem sie die schlampig aufgenagelten Sprossen der Leiter erklommen hatten, bot sich ihnen nicht nur eine beeindruckende Aussicht über das Tal. Hier endlich wagte Munz, zu reden.
 
Berlokuli war richtig geplättet, als sie erfuhr, wo Joliannali steckte. Die ganze Zeit hatte sie ihren Gehirnkasten gemartert, wo das Hexenkind abgeblieben war, aber auf Frau Sommer wäre sie nie gekommen. Diese Frau stand ohnehin ganz oben in ihrer Gunst, aber dass sie einer kleinen Hexe Zuflucht gewährte nach ihren schlimmen Erfahrungen und traurigen Geschichte, das steigerte ihre Sympathien für diesen Menschen ins Unermessliche und Berlokuli empfand tiefste Dankbarkeit für diese alles überragende Geisteshaltung dieser Frau.
 
Und Berlokuli berichtete Munz und Krax von ihren Erlebnissen in der Hepe und wie im Moment der abgrundtiefen Verzweiflung eine kleine Spinne namens Merkuroxine in ihr Leben trat, sie tröstete, sie beriet, sie wieder aufbaute.
 
Merkuroxine erzählte ihrerseits von Kimoseli, die auch einmal in dem Verlies der Hepe saß. Zu diesem Zeitpunkt opferten die Spinnen noch einmal täglich dem ekelhaften Spinnenchef Krokoroxus eine Jungspinne, der gegenüber seinen hilflosen Artgenossen seine kannibalischen Genüsse pflegte. Und diesmal war eigentlich Merkuroxine dran. Aber Kimoseli schützte sie und schuf den Brauch ab, indem sie dem Spinnenchef einen erbärmlichen Fluch androhte. Nachdem Kimoseli nach Nikezuk kam, nahm Krokoroxus sein schändliches Treiben wieder auf, aber als die Kunde die Runde machte, dass Kimoseli dort geflohen sei, vergriff er sich nie wieder an eine Jungspinne.
 
Berlokuli stutzte. Kimoseli war also in Nikezuk gewesen, aber ihr war eine Rückkehr gelungen. Das war zweifellos eine sehr spannende Neuigkeit und kichernd stellte Berlokuli fest, dass ja eigentlich dann Nikezuk Nikezukak heißen müsste, nämlich  „Nie-Kehrte-Eine-Zurück-Außer-Kimoseli“.
 
Die Vier beratschlagten, nachdem sie ihre Informationen ausgetauscht hatten, über die weitere Vorgehensweise. Merkuroxine, die zum Renovieren ja zu klein war, hatte tagelang jeden Krümel im Hause umgedreht und nichts Verdächtiges entdeckt. So beschloss Munz, dass man es vielleicht wagen könnte, Frau Sommer und Joliannali zu besuchen.
 
Eigentlich gedachte er, den Besuch vorzubereiten, aber bereits am nächsten Mittag weckte Berlokuli die drei Tiere auf. Sie konnte es nicht mehr erwarten, ihr Hexenmädchen wieder zu sehen. Sie hatte nichts geschlafen und aus Gräsern und Kleeblüten, die der Frost für sie getrocknet hatte, einen Kranz als Dankeschön für Frau Sommer gebastelt. „Lieber Munz“, klärte Berlokuli ihren Kater auf, „alte Damen besucht man zum Kaffeekränzchen am Nachmittag und nicht in der Nacht.“ Und egal, wie sich der verschlafene Munz wehrte, bald sah er ein, dass er seine vor Ungeduld bald platzende Berlokuli nicht mehr zurückhalten konnte und so machten sich eine erwartungsfrohe Hexe, ein griesgrämiger Munz und eine wie immer neugierige Merkuroxine auf Berlokulis Flugbesen auf den Weg, gefolgt von einem vergnügten Krax, der sich selbstverständlich lieber auf seine eigenen Flügel verließ.
 
Kurz vor Frau Sommers Haus visierte Berlokuli einen Landeplatz an, denn sie wollte die Frau nicht erschrecken, indem sie über deren Haus kreiste. Das letzte Stück könnten sie ruhig zu Fuß laufen.
 
Der Turm der Waldkapelle war bereits deutlich zu sehen, als ein Ruf sie zum still stehen anhielt: „Stopp! Wer da?“ Und Berlokuli erkannte einen silbernen Stock, der direkt aus dem Glockenturm auf sie gerichtet war. Diese Teufelsdinger der Menschen kannte sie: Es waren Gewehre und gegen andere Menschen gerichtet verheerender in ihrer Wirkung wie so mancher Zauberstab, seitdem diese nicht mehr direkt töten durften.
 
 
Und Berlokuli fragte sich, ob sie in die geschickt ausgelegte Falle dieser Frau Sommer gerannt war, die nur zum Schein Joliannali aufnahm, um sich an einer Hexe für ihre Söhne zu rächen. Was würde mit Joliannali geschehen, wenn sie erstmal aus dem Weg geräumt ist? Blitzschnell drehte sich Berlokuli um, doch bevor sie hinter einen rettenden Baum springen konnte, durchdrangen unzählige messerähnliche Stiche ihren Allerwertesten.
 
„Es ist völlig in Ordnung, dass du dich an mir schadlos halten willst“, schrie Berlokuli auf, „aber verschone das Kind. Sie kann nichts dafür.“ „Komm ganz langsam hinter dem Baum hervor“, antwortete die Frauenstimme, „Arme hoch mitsamt Zauberstab. Und wenn ich sage, jetzt, schmeißt du das Ding wenigstens siebzig Zentimeter vor dir hin. Verstanden?“
 
Berlokuli überdachte kurz ihre Lage. Welche Chance hatte sie noch, um von Joliannali das Schlimmste abzuwenden? Waren die Rachegelüste der Alten befriedigt, wenn sie sich als ihr Racheopfer stellte? Würde sie dann das Hexenmädchen ziehen lassen? Munz und Krax mit Merkuroxine konnten sie nicht beraten. Sie waren selbst unter dem Kugelhagel ins Dickicht geflüchtet. Da hörte Berlokuli die aufgeregte Stimme von Joliannali, die sie zwar nicht verstehen konnte, aber sofort erkannte. Sie würde alles tun, um das Kind zu schützen. Ihr Podex brannte wie Feuer und die Beine drohten, den Dienst zu versagen.
 
Mühselig humpelte Berlokuli vom sicheren Baum auf den gut einsichtbaren Platz vor der Kapelle und schmiss, wie geheißen, den Zauberstab weit von sich. In der Kirchentür erschien eine hagere weißhaarige Frau, deren große braune Augen von einer türkisen Brille mit orange-lilanen Brillengläsern verdeckt waren. Mit dieser Brille sah die Frau total albern aus und wenn Berlokulis verlängerter Rücken nicht so unendlich wehgetan hätte, wäre ihr unter Umständen das Lachen gekommen. Wieso konnten die Kugeln des Feuerstockes sie als Hexe überhaupt verletzen, ging es Berlokuli durch den Kopf, denn gegen Pulver und Blei waren Hexen eigentlich immun? Da gewahrte sie Joliannalis Kopf hinter Frau Sommer in der Kapellentür.
 
„Lauf Mädchen“, brüllte Berlokuli, „lauf um dein Leben.“ Sie wollte auf das Mädchen zu rennen, aber die Schmerzen übermannten sie und Berlokuli spürte nur noch die Wiese, die ungebremst auf sie zuraste.
 
Das nächste, was Berlokuli mitbekam, war eine sehr harte Unterlage, die sich als Küchentisch entpuppte. Bäuchlings lag sie auf ihm und die Frau Sommer regte sich über die dämliche Hexe auf, die nicht etwa den Kontakt über ihre Tiere suchte, sondern höchstpersönlich hier aufkreuzte.
 
„Solange ich die Verantwortung für dich habe, Joliannali, nehme ich sie auch ernst. Es hätte auch irgendeine Dreckshexe in Gestalt von Berlokuli hier auftauchen können. Was dann?“ „Aber du brauchst doch nicht gleich schießen“, hörte Berlokuli das Hexenmädchen vorwurfsvoll sagen, unterbrochen von Schniefern und Schluchzern. „Ich habe deine Hexe für klüger eingeschätzt und für mich zählt in erster Linie nur deine Sicherheit, basta.“
 
Und Berlokuli murmelte mühsam hervor: „Danke, Frau Sommer.“ „Keine Ursache“ antwortete diese breit grinsend, „sie können gerne noch eine Portion Schrot nachbekommen. Gut, dass sie wieder beieinander sind. Hier, trinken sie das,“ und damit hielt ihr Frau Sommer ein Glas Wasser an die Lippen. Dachte Berlokuli. Aber nach dem ersten Schluck spuckte sie in weitem Bogen das Zeug aus und nun brannte ihr Mund fast genauso wie der Po.
 
„Um Himmels Willen“ stöhnte Berlokuli, „was ist denn das für ein Höllenzeug?“ „Nun seien sie mal nicht so zimperlich, werte Berlokuli. Um meinen Schnaps quer durch die Küche zu prusten, ist er zu wertvoll. Wie soll ich ihnen die Schrotkörner herauspopeln, ohne dass sie mir die Wände hochkriechen?“ Und erneut reichte Frau Sommer das Glas an und forderte Berlokuli auf, es möglichst in einem Zuge auszutrinken.
 
Joliannali streichelte mitfühlend über ihre Wangen und gehorsam tat Berlokuli wie geheißen, aber Tränen traten ihr in die Augen und sie meinte, Flammen ausatmen zu können. Das war also dieses Getränk, was die Leute in der Dorfkneipe in sich hineinschütteten und wonach sie sich so eigenartig aufführten. „Sie will mich betäuben, damit ich nicht mitbekomme, wie sie die Kugeln herausschneidet“, überlegte Berlokuli, trank das nächste Glas, dass schon wesentlich besser schmeckte und weniger scharf im Hals kratzte und spürte, wie es wellenförmig in ihrem Körper heiß wurde.
 
„Sagen sie“, lallte leicht Berlokuli und bemerkte, dass ihre Zunge ungeheuer schwer wurde, „Wieso konnten sie mich mit dem Gewehr verletzen?“ „Altes Rezept gegen niederträchtige Hexen von meiner Großmutter“, klärte sie Frau Sommer auf, „die Flinte war mit in Knoblauch gewälztem Schrot geladen.“
 
Berlokuli staunte, denn diesen Trick kannte nicht einmal sie selber. „Woher wusste das Frau Sommers Großmutter?“ Lange grübelte sie nicht mehr darüber nach.
 
Frau Sommers Küchentisch wurde zum Operationstisch und Joliannali assistierte so gut wie möglich. Und Berlokuli? Die sang mit reichlich verzerrter Stimme und ziemlich unmelodisch: „Muck, muck, muck, muck, muck, muck, Berlokuli ist nicht in Nikezuk. Meck, meck, meck, meck, meck, meck, die schlimmen Hexenweibsen sind nun weg.“ Und jedes Mal kicherte sie völlig albern herum.
 
Joliannali liebte ihre Berlokuli, aber jetzt sah sie öfters sehr verunsichert drein und schüttelte nachdenklich ihren Kopf.
 
Bevor Berlokuli einschlief, fiel ihr Blick auf ein Bild an der Wand. Einen kurzen Augenblick stutzte sie und meinte, ihren Augen nicht trauen zu können, aber gleich danach war sie entschlummert.
 
Frau Sommer leistete ganze Arbeit und hatte schließlich das letzte Schrotkörnchen entfernt. Nachdem Joliannali sah, mit welcher Sicherheit und Geschicklichkeit ihre Gastgeberin zu Werke ging, beruhigte sie sich etwas. Berlokuli würde bestimmt wieder gesund werden.
 
Berlokuli war da ganz anderer Meinung, als sie am nächsten Mittag erwachte. Ihr Gesäß tat höllisch weh und in ihrem Gehirnkasten schienen tausend Kobolde Achterbahn zu fahren. Ihr Magen benahm sich so, als hätte sie hintereinander siebenhundert Höllenburger essen müssen und nur alleine der Gedanke an etwas Essbares erzeugte eine Übelkeit, als müsste sie erbrechen. Ihr Hexengeist war ja schon ein kräftiger Wein, aber dieser Schnaps der Menschen einfach im wahrsten Sinne des Wortes umwerfend. Sie brauchte einige Zeit, um sich in Erinnerung zu rufen, was geschehen war. Ach, hätte sie doch bloß auf Munz gehört und sich noch etwas geduldet. Frau Sommer konnte sie keinen Vorwurf machen. Im Gegensatz zu ihr handelte sie umsichtig und überließ nichts dem Zufall. Da fiel ihr wieder das Bild ein. Irgendwie hatte die Frau und das Hexenmädchen das Kunststück vollbracht, sie vom Küchentisch ins Bett zu hieven.
 
Auf allen Vieren kroch Berlokuli von der Matratze hinunter und schwankte mehr als sie ging zur Küche. Sie musste sich dabei den Kopf festhalten, damit ihr Gehirn nicht einfach herausfalle, auf jeden Fall empfand es so die Hexe. „Wo hatte es gehangen“, strengte sie sich an, die Einzelheiten von gestern Abend in ihr Gedächtnis zurückholend. Aber als sie das Bild wieder entdeckte, war sie sehr enttäuscht. Es zeigte nur eine Frau, die der Frau Sommer sehr ähnelte. „Vermutlich ihre Mutter“, mutmaßte sie, als sie erschrocken zusammenfuhr. Unbemerkt war die Hausherrin in die Küche gekommen und sagte leise, aber eindeutig verärgert: „Habe ich nun hier zwei Hexengören zu Gast oder eine erwachsene Hexe, die etwas mehr Verstand haben sollte als ein Hexenkind?“ Berlokuli drehte sich zu ihr um. Dabei wurde ihr schwarz vor Augen. Sie bekam noch mit, wie Frau Sommer nach Joliannali schrie.
 
Irgendwie mussten die Beiden sie wieder ins Schlafzimmer zurückgebracht haben, denn Berlokuli lag wieder im Bett, als sie spät abends erneut aufwachte. Kaum, dass sie die Augen öffnete, schimpfte Frau Sommer, die vor dem Bett saß, wie ein Rohrspatz los. Wie man so unvernünftig sein könnte, wieso sie mit dem frisch operierten Hinterteil einfach aufstünde und dass Berlokuli, würde sie einen Floh verschlucken, wohl mehr Hirn im Magen als im Kopf hätte. Frau Sommer war sauer. Joliannali brachte über das ganze Gesicht feixend eine Tasse Brühe herein, denn es stimmte sie leicht schadenfroh, dass ihre große Erzieherin von der Frau auch ihr Fett wegbekam.
 
Als Frau Sommer Berlokuli die Suppe hinreichte, verzog diese angeekelt das Gesicht. Bloß jetzt nichts in diesen vom Alkohol vermurksten Magen kippen. Doch da war sie bei der Frau an der verkehrten Stelle, die sie begann, wie ein Baby zu füttern. Es war Berlokuli so unangenehm, dass sie schließlich beschloss, alleine zu essen. Erstaunlicherweise akzeptierte ihr Bauch die Brühe und sie fühlte sich sichtlich besser und gekräftigt. Und auch die Kopfschmerzen ließen etwas nach.
 
„Joliannali, hole mal bitte das Bild, das in der Küche hängt“, forderte Frau Sommer das Hexenmädchen laut auf und sprach zu Berlokuli gewandt weiter: „Es war mir schon klar, dass es Ihr Interesse weckt. Aber vielleicht sollten sie ihre Geduld mehr schulen. Außerdem können sie tagsüber eh nicht erkennen, was sie sehen wollten. Die beste Freundin meiner Großmutter war eine Hexe, nämlich die, die neben ihr abgebildet ist. Am Tage erscheint aber nur meine Oma auf der Photographie, erst nachts sieht man beide.“
 
Und als Joliannali das Bild brachte und Berlokuli es in ihren Händen hielt, lachten ihr zwei Frauen entgegen, Frau Sommers Großmutter und die Hexe: Kimoseli. In den nächsten Tagen hatten sich beide, die Frau und die Hexe, viel zu erzählen, denn vorerst war an einen Heimflug von Berlokuli nicht zu denken. Erst mussten die Wunden verheilen.
 
Berlokuli erfuhr die Hintergründe des Fledermausangriffes auf die Hexen und von Korus Heldentaten. Sie war sehr erleichtert, dass der Vogel entgegen allen Erwartungen bereits auf dem Weg der Genesung war. Aber Frau Sommers Kenntnisse in Heilkunde hatte sie ja nun auch kennen und schätzen gelernt. Sie amüsierte sich köstlich über die Geschichte, die Igor den Kirchenfledermäusen aufgetischt hatte. Leider schliefen die Flugtiere inzwischen wirklich tief und fest, sodass sie sich nicht bei ihnen bedanken konnte. Igor hätte sie doch zu gerne kennen gelernt. Aber Johanna versprach der Hexe, den Fledermäusen ihre Wünsche auszurichten. Von der Schneeeule war Berlokuli restlos begeistert. Das war ein Tier nach ihrem Geschmack: Wunderschön anzusehen und mit einem scharfen Verstand ausgestattet. Berlokuli bewunderte diesen Eulenvogel und konnte nicht oft genug die Frau zu dieser Hausgenossin beglückwünschen. Langsam wurde Krax schon ganz eifersüchtig.
 
Frau Sommer, die Berlokuli inzwischen Erika nannte, klärte diese über die Bewandtnis mit der so albern wirkenden Brille auf. Diese Brille hatte einst Kimoseli ihrer Oma als Vorsichtsmaßnahme geschenkt und diese hatte sie an ihre Tochter und die an ihre Tochter weitergegeben. Über Kimoseli wusste Erika zu erzählen, dass sie einst in der Hexenwelt als sehr mächtig galt. Da die meisten Hexen ihren Verstand nur einseitig dazu nutzten, irgendwelche Gemeinheiten oder Bösartigkeiten auszuhecken und giftige Gedanken um sich zu spritzen, entwickelten sie ihre geistigen Fähigkeiten nicht besonders großartig weiter. Kimoseli, von Anfang an eine Außenseiterin, nutzte jede Chance, etwas dazuzulernen. Bald war sie den anderen Hexen intellektuell weit überlegen, kannte sich aber auch in der Magie besser aus wie ihre Hexenschwestern. Edith, Erikas Großmutter, war ebenfalls in der Dorfschule Lehrerin gewesen und die beiden lernten sich durch Kimoselis Lerneifer kennen.
 
Nach einiger Zeit fiel nämlich Edith auf, dass immer ein Schmetterling während des Unterrichtes auf dem Schrank saß und sprach das Tier nach einer Unterrichtsstunde an. Ab da war das Tier verschwunden, aber nun hockte ein Spatz im Sommer auf dem Fensterbrett. Verwundert fragte sie das Vögelchen, ob es der vorherige Schmetterling sei. Daraufhin kam er nicht wieder, aber ihren aufmerksamen Augen entging nicht die Fliege, die nun stets brav auf der Wandtafel sehr gesittet saß. Am Pult stehend meinte sie, nachdem die Kinder in der Pause waren, sie könnte die Fliegenklatsche benutzen, verzichte aber darauf, weil sie nie ein Geschöpf töten würde, dass lernen möchte. Auf dem Heimgang begleitete sie die Fliege und offenbarte ihre wahre Identität. Zuerst war Edith sehr erschrocken, obwohl sie geahnt hatte, dass mit diesen Tieren in ihren Unterrichtsstunden etwas nicht stimmte.
 
Aber sie war viel zu neugierig, Näheres von der Hexe zu erfahren, als in blinde Panik auszubrechen. Außerdem hatte die ihr bisher nichts getan, warum sollte es sich jetzt plötzlich ändern. Kimoseli und Edith trafen sich bald täglich und es stellte sich heraus, dass die Hexe unermesslich wissbegierig war. Edith besorgte laufend neue Bücher, brachte Kimoseli auch Englisch und Französisch bei und diese lernte dann sogar noch weitere Sprachen in Eigenregie. Kimoseli und Edith verstanden sich prächtig und vertrauten einander mehr wie ihresgleichen. Edith erfuhr dann, dass Kimoseli größte Probleme hatte, weil man ihr zur Last legte, dass ein Hexenkind völlig aus der Art geschlagen war.
 
Sie hatte seinerzeit die Hexenaufzucht übernommen, denn zu diesem Zeitpunkt existierten weltweit nur sieben Hexen. Darunter befand sich ihre Schwester, die an Heimtücke und Gemeinheit alle anderen übertraf. „Das kann nur Rokur gewesen sein“, mutmaßte Berlokuli. Erika erzählte aus dem Wissen ihrer Großmutter weiter, dass diese Hexe sich anschickte, die Weltmacht zu erobern und wohin sie auch kam, eine Spur der Verwüstung hinterließ. Die fünf anderen Hexen folgten ihr blindlings, nicht aus Überzeugung, sondern aus Furcht. Denn wer sich dieser Hexe wagte, in den Weg zu stellen, war so gut wie tot.
 
Als Kimoseli sich erbot, die Hexenzucht zu übernehmen, stimmten erst einmal alle zu, froh, diese lästige Aufgabe loszuwerden. Bald vermehrten sich die Hexen sprunghaft. Und Kimoselis Absicht erfüllte sich: Mit zunehmender Hexenzahl wuchs die Uneinigkeit in der Hexengemeinde und Rokurs Machtansprüche und Einfluss sank. Mit ihren inneren Zankereien beschäftigt, neutralisierte sich das Böse.
 
Als dann das Hexenkind aus dem Ei schlüpfte, was so gar nicht zu den anderen Hexen passte, versteckte Kimoseli zunächst das Hexenmädchen. Ihre Schwester bekam davon Wind und versuchte, Kimoseli über diese kleine Hexe zu stürzen. Kurze Zeit später war Kimoseli verschwunden. Erikas Oma stellte monatelang Nachforschungen an, aber alle Spuren verloren sich im Nichts.
 
Erika und Berlokuli waren sich sofort darüber einig, dass Berlokuli damals der Stein des Anstoßes war. Beide waren sehr verwundert darüber, wie klein doch die Welt sei, dass ausgerechnet sie beide, Kimoselis Ziehtochter und Ediths Enkelin, sich über eine Verkettung unglaublicher Ereignisse fanden. Die Frau und die Hexe verstanden sich wie ihre Vorgängerinnen prächtig miteinander und entdeckten auch einige Gemeinsamkeiten, zum Beispiel ihr gemeinsames großes Hobby, das Kochen. Sowie Berlokuli wieder so leidlich laufen konnte (an sitzen war noch lange nicht zu denken), war es Joliannalis größtes Vergnügen, zwischen den Kochtöpfen hin- und her zu springen und den beiden Damen bei der Zubereitung leckerster Gerichte auf die Finger zu schauen.
 
Frau Sommers Suppen und Eintöpfe waren nicht zu übertreffen, aber im Backen war Berlokuli ihr überlegen. Besonders ihre Einmalkuchen überzeugten auch den verwöhntesten Geschmack. Einmalkuchen hießen sie deshalb, weil sie die Hexe ohne Rezept zubereitete. Sie rührte in den Teig die vorhandenen Zutaten, wie ein Maler seine Ölfarben auf der Palette, bis sie durch Kosten, wie der Maler durch Beobachtung, die richtige Mischung heraushatte. Da sie sich nie alle Mengen und Bestandteile ihres Kuchens merken konnte, waren sie eben einmalig, denn ein zweites Mal würde es sie nie geben. Und Joliannali zeigte ausgesprochenes Geschick und bald stritten sich die Hexe und die Menschenfrau lachend darüber, von wem das Hexlein ihr Koch- und Backtalent habe.
 
Allerdings zeigte das Hexenmädchen weniger Eifer bei den Unterrichtsstunden von Frau Sommer, die sie auf dem Gebiet in die Pflicht nahm. Geschichte und Deutsch fand sie ja noch ganz spannend, auch Englisch und Französisch hätten ihr gut gefallen, wenn da nicht das blöde Vokabelpauken gewesen wäre. Biologie und Chemie lagen ihr, aber Physik mit den trockenen Formeln mochte sie gar nicht. Solange es an die Grundrechenarten ging, war Joliannali fit. Aber bei diesen vertrackten Textaufgaben hatte das Hexenkind das Gefühl, nie so schräg um die Ecke denken zu können, wie die Ergebnisse waren.
 
Manchmal suchte sie bei Berlokuli Schutz vor Erikas Anforderungen, aber da war sie schief gewickelt. „Wer keine Bildung hat, bleibt dumm“, pflegte sie zu sagen. „Und mit der Dummheit verhält es sich wie mit einem Zauberstab: Sie tötet nicht direkt und kann einem doch das Leben verkürzen.“
 
Also büffelte Joliannali mit mehr oder weniger Begeisterung und schmunzelnd bemerkte Erika, dass auch Berlokuli aufmerksam dem Unterricht folgte oder gar klammheimlich in Joliannalis Büchern las.
 
Und als Berlokuli eines Nachmittags gespannt ein kleines in Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen auswickelte, dass auf dem Nachttisch lag und ein  Vokabelheft zum Vorschein kam, kriegte sie zwar erst einmal einen puterroten Kopf, weil sie sich doch arg ertappt fühlte, legte aber nach kürzester Zeit das voll geschriebene Heft demonstrativ auf den Küchentisch in der Hoffnung, ein weiteres Heft geschenkt zu bekommen. Erika erfüllte prompt ohne Worte ihren Wunsch.
 
Aber auch die Hexe piesackte Joliannali ausgiebig, aber mit Zauberkunde und Zaubersprüchen. Nun war Erika diejenige, die die Ohren spitzte.
 
Und da Joliannali irgendwann nicht mehr allein das Opfer der Lehrwütigen sein wollte, setzte sie nun ihren Ehrgeiz daran, Krax und Koru die Menschensprache beizubringen, denn Johanna und die Katzen winkten dankend ab. Joliannali konnte sie vom Vorteil der Mehrsprachigkeit nicht überzeugen. Und Krax und Koru ertrugen Joliannalis Anstrengungen auch nur, um dem Hexenmädchen einen Gefallen zu tun.
 
Berlokuli verfolgte Joliannalis Bemühungen eher mit gemischten Gefühlen. Denn das widersprach eigentlich den Hexengesetzen. Nicht, weil es verboten, sondern weil es nicht ausdrücklich erlaubt und nicht üblich war.
 
Aber das Gleiche galt auch für Handarbeiten und die machte sie ja selber. Beim Stricken, Häkeln, Nähen, Stopfen, Sticken und Weben bewies das Hexenkind so eine Fingerfertigkeit, dass sie die Lehrmeisterinnen in kürzester Zeit übertrumpfte.
 
Auch beim Kartenspiel schlug das Hexenkind regelmäßig die beiden Älteren, aber da vermutete Berlokuli, dass es nicht mit rechten Dingen zuging. Aber falls Joliannali schummelte, dann machte sie es so raffiniert, dass ihr keine auf die Schliche kam, denn auch die Frau betrachtete sehr misstrauisch die Erfolge des Hexenmädchens.
 
Auf jeden Fall gab es nie in dem Häuschen bei der Kapelle einen Anflug von Langeweile. Zwischen kochen, essen, lernen, schlafen und unvermeidbaren Hausarbeiten blieb immer genügend Zeit für Kurzweil, Spiele, Basteleien und fröhliches Gelächter.
 
Fast tat es Berlokuli leid, dass ihre Wunden verheilten und die Stunde des Abschieds unaufhörlich näher rückte.
 

 
Fenster und nochmals Fenster
 
Und die beschauliche Zeit verging schneller, als Berlokuli dachte. Winzig kleine Narben zeugten nur noch von den Schrottreffern und sie lief wieder wie früher herum. Auch das Sitzen funktionierte schmerzfrei. Die Stunde des Abschieds eilte mit Riesenschritten heran und er fiel Berlokuli ausgesprochen schwer.
 
Erika witzelte, sie müsse ja nicht gehen, denn Schrot und Knoblauch habe sie noch zur Genüge da. Dieses freundliche Angebot lehnte dann aber doch die Hexe belustigt mit spielerisch erhobenem Zeigefinger ab. Die Beiden hatten sich darauf geeinigt, dass Joliannali noch so lange bei der Kapelle verblieb, bis die ältere Hexe ihr Wohnhaus soweit in Ordnung habe, dass ein Nachkommen von Joliannali sinnvoll erschien. Frau Sommer war darüber sehr froh, denn nach den lustigen Wochen fürchtete sie sich ein wenig davor, wieder alleine, auch wenn ihr Johanna und Mietzi ja blieben, in ihrem Haus zu leben. Denn trotz ihrer selbst gewählten Distanz zu der Dorfgemeinschaft war sie ein sehr geselliger Mensch.
 
Berlokuli war sehr betrübt, ohne das Hexenkind in ihr verlassenes Häuschen zurückzukehren. Und der kleinen Hexe passte das Ganze sowieso nicht. Sie witterte neue Abenteuer und beharrte darauf, Berlokuli begleiten zu dürfen, um ihr zu helfen. Frau und Hexe sprachen schließlich ein Machtwort und grummelnd schickte sich das Hexlein. Das kleine Gesichtchen mit den trotzig aufeinander gepressten Lippen verriet eindrucksvoll ihre Gedanken, aber die beiden Älteren ließen sich auch nicht durch ihr bockiges Türzuschlagen und aufstampfenden Fuß in ihrem Entschluss beeinflussen. Sie lachten Joliannali aus und meinten nur, dass sie ganz genau mit diesem Verhalten zeige, dass sie für Berlokuli in deren Hause keine wirkliche Unterstützung sei. Schmollend zog sich das Hexenmädchen zurück.
 
Aber wenn sie ganz ehrlich zu sich selber war, musste sie zugeben, dass ihr Hilfsangebot an Berlokuli nicht ganz so ehrenhaft war, wie sie es darzustellen versuchte. Vielmehr wäre es eine willkommene Gelegenheit für sie gewesen, der Physik, den Vokabeln und diesen verflixten mathematischen Textaufgaben zu entgehen. Ob Kind oder Hexenkind: Man musste sich ja nicht unbedingt nach den unangenehmeren Dingen des Lebens reißen. So lenkte Joliannali nach einer Weile ein und gewann ihre Fröhlichkeit zurück. Berlokuli war sehr froh, dass die Einsicht über den kleinen Sturkopf gesiegt hatte, denn auf keinen Fall wollte sie sich in Unfrieden von dem Hexlein trennen.
 
Immer wieder hatte Erika die Hexe überreden wollen, bei ihr zu überwintern und erst im Frühling bei besseren Bedingungen heimzukehren. Berlokulis Essensvorräte lagerten eh in ihrer Speisekammer, denn dorthin hatten die Tiere, die Frau und das Hexlein sie vor dem Hexenangriff in Sicherheit gebracht. So bräuchte sie nicht einmal im Essen jemanden zur Last fallen. Diese Einladung hatte etwas Verlockendes. Sie würde die leichte und lockere Atmosphäre, trotz aller Schmerzen und Blessuren, der letzten Wochen vermissen.
 
Aber Berlokuli kribbelte es voller Tatendrang in den Fingern. Ihr ungeheiztes, unbewohntes Häuschen mit noch immer fehlenden Fensterscheiben könnte sie nicht einfach dem strengen Winter preisgeben. Es wäre nicht klug, die dringend notwendigen Arbeiten weiter vor sich her zu schieben. Dazu hing sie viel zu sehr an ihrem Heim.
 
Außerdem wollte sie die Gastfreundschaft der neuen Freundin nicht über Gebühr strapazieren. Diese hatte ihr wie selbstverständlich die ganze Zeit ihre Schlafstube abgetreten und  schlief selber auf dem kleinen, zu kurzen Sofa im Wohnzimmer, wo sie sich nicht einmal ordentlich ausstrecken konnte. Berlokuli hatte oft dagegen protestiert und wollte mit ihr die Schlafgelegenheit tauschen, aber das ließ Erika nicht zu. Auch so eine Menschenfrau konnte dickköpfig sein.
 
Immerhin nahm die Frau Abstand von der Idee, der Hexe vor Ort im Hexenhaus tatkräftig unter die Arme zu greifen. Für Joliannali wäre es nicht gut gewesen, unbeaufsichtigt allein bei der Kapelle zu bleiben. Letztendlich schien die Gefahr für sie gebannt, aber alle Vorsichtsmaßnahmen außer Kraft zu setzen, könnte ein Fehler sein. Und Berlokuli war am meisten damit gedient, zu wissen, dass das Hexenkind gut aufgehoben und versorgt war.
 
So bereitete Berlokuli ihren Abflug vor. Als Proviant packte sie nur wenig ihrer Vorräte ein, denn in ihrem Hexenhaus wollte sie erst etwas einlagern, wenn das Häuschen wieder richtig bewohnbar war. Johanna hatte ihr angeboten, jeden Abend vorbeizukommen und ihre Vorräte aufzufüllen. So blieb man im Kontakt und Erika und Joliannali würden über den Stand der Dinge laufend informiert werden. Nach einem ausgiebigen Abendessen, dass ein richtiges Festmahl wurde, denn die drei Köchinnen hatten ihre gesamte Kunst aufgewendet, setzte sich Berlokuli auf ihren Besen und flog mit Merkuroxine und Munz, gefolgt von Krax, Richtung Heimat.
 
Inzwischen lag auf der Landschaft ein dicker weißer Teppich und als sich Berlokuli mit ihren Tieren dem Berg mit ihrem Haus näherte, machte es von weitem einen recht passablen Eindruck. Der Schnee verhüllte all die Schäden, die die Hexen ihrem Garten angetan hatten. Doch im Innern des Hauses wirkte alles recht öd. Durch die noch nicht neu verglasten Fenster hatte der Wind die Schneeflocken hineingepustet. Wände, Böden und sämtliche Gegenstände funkelten wie kleine Bergkristalle, denn alles war mit einer Eisschicht bedeckt.
 
Insgeheim ärgerte sich Berlokuli bereits, nachdem sie alles genauer in Augenschein genommen hatte, nicht auf Erikas Vorschlag eingegangen zu sein. Obwohl sie schon einige Nächte vor ihrem Flug zur Kapelle im Hause gewirbelt hatte, waren noch so viele Reparaturen erforderlich, dass Berlokuli fast verzagte. Wo sollte sie beginnen?
 
Merkuroxine nahm ihr die Entscheidung ab, denn sie fror erbärmlich. „Ärmel hoch, Augen zu und durch“, ermunterte sich Berlokuli selber und feuerte zunächst den Kaminofen an. Die fehlenden Fensterscheiben wurden provisorisch hineingezaubert und die abgerissenen Fensterläden mittels Zauberstab eingehängt. Nachdem der Kachelofen bullernd das Häuschen mit seiner Wärme erfüllte und Berlokulis verfrorene Finger rotkribbelnd erwachten, kehrte auch wieder ihr Schwung und Tatkraft zurück. Sie kochte sich auf ihren zusammen gezauberten Herd einen Tee, denn die sinnlose Zerstörungswut der Hexen hatte auch vor der Kochmaschine nicht Halt gemacht. Ein großes Stück mitgebrachter Schinken wurde gerecht geteilt und als Krax, Munz und Berlokuli ihren Anteil verdrückten, beratschlagten sie über die beste Vorgehensweise. Merkuroxine hatte sich mittlerweile ein Netz direkt über den Ofen gesponnen. Sie war müde, ihr war kalt und ihre Mitarbeit nicht erforderlich.
 
Munz und Berlokuli trugen das Glas herbei, was sie bereits organisiert hatten und Krax wetzte seinen Schnabel. Während Munz Maß nahm und die Messwerte auf die Scheiben übertrug, hielt Berlokuli kleine Metallstifte an die hölzernen Fensterrahmen, die Krax mit seinem harten Schnabel einschlug. Dann knetete Berlokuli den Fensterkitt weich und der Rabe schnitt das Glas passgenau nach den Markierungen des Katers zurecht. Nun entfernte Berlokuli mit einem entgegenwirkenden Zauberspruch die unechte Glasscheibe, setze die neue Scheibe ein, Munz hielt sie fest, Rabe und Hexe klopften behände die Haltenägel auf der andern Seite in den Rahmen und Berlokuli drückte den Fensterkitt in die Ränder zwischen Holz und Glas. Das alles musste sehr zügig vonstatten gehen, denn sowie die Fensteröffnung ungeschützt war, zog es bitterkalt hinein. Berlokuli hatte vom Verglasen dank der Hexenkinder genügend Ahnung, um zu wissen, dass diese Form der Reparatur im Frühjahr nachgebessert werden müsste. Denn bei den Temperaturen verfestigte sich der Fensterkitt nicht ausreichend langsam, sondern härtete zu schnell durch, die Feuchtigkeit im Kitt gefror und riss dadurch ein. Aber es hielt erstmal und so genügte ihr der einstweilige Erfolg, ihr Hexenhaus winterfest zu bekommen.
 
Es war eine mühselige Aufgabe, denn jede Fensterhälfte besaß vier von Holzsprossen getrennte Scheiben. Also acht Scheiben für jedes Fenster und vierundzwanzig pro Wand. Morgens stellten die Drei nicht ohne Stolz fest, dass bis auf die drei Fenster nach Osten alle Fenster wieder intakt und gebrauchsfähig waren. Zweiundsiebzig Mal messen und schneiden, hämmern und zukitten. Krax rieb sich morgens den geschundenen Schnabel, Munz kneisterte mit seinen vom Ablesen des Zollstockes überanstrengten Augen und Berlokuli massierte ihre tauben Hände. Und Merkuroxine geizte nicht mit Lob für die hervorragende Arbeit. Die Fenster nach Osten würden in der nächsten Nacht ein Kinderspiel sein und außerdem hofften sie, dass der kräftige Wind aus dieser Himmelsrichtung vielleicht abebbte. Das würde die Arbeit erheblich vereinfachen. Zufrieden begaben sich die Handwerker zur Ruhe auf dem Fußboden, wo Berlokuli aus Matratzen und Decken ein notdürftiges Nachtquartier errichtet hatte. Sie waren so müde, dass sie sogar ihr Frühstück als Nachtmahl vergaßen.
 
Gegen Mittag weckte Merkuroxine kurz Berlokuli, damit diese den Zauber für die Ostfenster erneuerte, was sie im Halbschlaf erledigte. Die letzten Sonnenstrahlen der Wintersonne spiegelten sich bereits im See, als es laut gegen die Haustür pochte. Sicherheitshalber tastete Berlokuli nach ihrem Zauberstab, als sie schlaftrunken zur Türe stolperte. Es war Johanna mit dem Abendessen.
 
Berlokulis Herz hüpfte vor Freude, als sie das Paket auspackte. Nicht nur belegte Brote, eine Thermoskanne mit frisch gebrühten heißem Kaffee und in einem isolierten Henkelmann warmgehaltene Suppe kamen zum Vorschein, sondern auch Sahnebonbons, die die Freundin extra für sie zubereitet hatte, weil sie inzwischen diese Vorliebe von Berlokuli kannte.
 
Auf einem beiliegenden Zettel stand in Erikas säuberlicher Schrift: „Nichts übertreiben! Johanna hat den Befehl, eure Nahrungsaufnahme zu überwachen, bevor ihr wieder an die Arbeit geht.“ Und dahinter war ein gefaltetes Blatt. Es stammte von Joliannali. Als es Berlokuli entfaltete, erblickte sie ein farbenfrohes Bild, auf dem Joliannali alles aufgemalt hatte, was sie liebte. Frau Sommer war sehr gut getroffen. Munz und Mietzi, Krax und Koru, Johanna und auch Merkuroxine, die Joliannali sofort in ihr Herz geschlossen hatte, tummelten sich ebenfalls in dem Gemälde. Außen herum bildeten zahlreiche Fledermäuse einen Rand und die Kapelle mit Erikas Haus und das Hexenhaus fehlten selbstverständlich nicht. Aber mitten in der Mitte erkannte sich eindeutig Berlokuli.
 
Sie wischte sich verstohlen eine Träne vom Auge und hängte das Bild neben dem Ofen an die Wand. Jahrelang hatte sie sich soviel Mühe gegeben, den garstigen Hexen nachzueifern, um bloß keine Schwierigkeiten zu bekommen. Jetzt hatte sie die Probleme gehabt, aber Berlokuli kümmerte es nicht mehr. Sie hatte den stärksten Zauber kennen gelernt, stärker als jede schwarze Magie, stärker als die durchschlagende Wirkung eines Zauberstabes: Freundschaft. Erika und Joliannali hatten sie nicht vergessen, auch wenn sie in diesem Moment nicht zugegen waren. Berlokuli fühlte eine Heiterkeit in sich, als würde sie sich zu einem fürstlichen Dinner in einem prächtigen Schloss zu Tische begeben und nicht in ihrem verwüsteten Haus auf dem Fußboden hockend speisen.
 
Johanna blieb, bis die Vier den letzten Krümel vertilgt hatten und packte das leere Geschirr zusammen. Mit unzähligen Danksagungen und vielen Wünschen beladen machte sich die Schneeeule auf den Heimweg. Denn Berlokuli war der Freundin wirklich unendlich dankbar. Sie stand schon in deren Schuld angesichts des Umstandes, dass sie Joliannali ohne jegliche Gegenleistung beherbergte, nun sorgte sich diese auch noch um ihr Wohlergehen im Hexenhaus. Und Berlokuli gestand sich ein, dass sie die Fürsorge von Erika in vollen Zügen genoss. Frisch gestärkt und frohen Mutes machten sich Berlokuli, Munz und Krax an ihr nächstes Nachtwerk.
 
Berlokuli hatte gerade wieder eine gezauberte Behelfsscheibe entfernt. Auch wenn der Ostwind an Schärfe zur vergangenen Nacht verloren hatte, blies er noch kräftig genug, dass ihr der plötzlich eiskalte Hauch nicht weiter auffiel. Munz reichte das Glas an und Krax trieb die letzten Eisenstifte in das Holz, die ihm Berlokuli positioniert hinhielt. Sie waren so beschäftigt, dass keiner auf die Idee kam, zur Haustüre zu schauen. Die Spinne saß in der Mitte ihres Netzes über dem Kachelofen, weit außerhalb der Hörweite, auch für empfindliche Tierohren. Und Merkuroxine schrie, schrie aus Leibeskräften, schrie, als hätte sie gerade der spitze Schnabel eines Spechtes aufgespießt. Doch erst ein Knacken hinter ihnen machte die Drei aufmerksam.
 
Als sie sich umdrehten, war bereits alles zu spät. Berlokulis Zauberstab, den sie auf einen alten wackligen Tisch abgelegt hatte, den sie als Werkbank zweckentfremdeten, schwebte durch die Stube zur offen stehenden Tür. Und im Türrahmen stand Rokur und streckte ihre linke Hand Berlokulis Stab entgegen, der auf ihrer Handfläche landete. Die rechte Hand hielt einen anderen Zauberstab, der unmissverständlich auf sie und die Tiere gerichtet war. „Hexenregel Numero eins“, spöttelte Rokur, „lege nie unachtsam und unbewacht einen Zauberstab aus der Hand. Dazu hat man notfalls eine Rocktasche, um ihn immer griffbereit zu haben. Du bist genauso behämmert wie Traka, die, ohne eine Sekunde nachzudenken, die herrenlosen Stäbe vor mir aufhäufte.“
 
 
„Was willst du?“ knurrte Munz hervor. „Nichts, was dich interessieren müsste, du von Motten zerfressener Bettvorleger. Du altkluges Drecksvieh gehst mir sowieso gehörig auf die Nerven“, antwortete ihm zornig die ehemalige Oberhexe und schwang dabei einmal kurz den Zauberstab. Funken stoben aus der Spitze des Stabes und augenblicklich war Munz zu Stein geworden. Krax reagierte blitzschnell und wollte sich todesmutig auf Rokur stürzen. Er hatte noch nicht einmal richtig die Flügel ausgebreitet, als abermals Funken aus dem Zauberstab sprühten und der Rabe als Steinfigur mit einem mächtigen Rums zur Erde fiel.
 
„Nun, meine Liebe“, flötete Rokur vor Falschheit triefend, „nachdem dein altkluger Stubentiger und dein naseweiser Flattermann sich endlich einmal herablassen, ihre Fresse zu halten, können wir beide doch mal in aller Ruhe ein gepflegtes Schwätzchen halten. Gewissermaßen ein kleines intimes Gespräch von Hexe zu Hexe. Manchmal ist ja so eine klärende Unterredung unter vier Augen sehr hilfreich, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.“
 
Berlokuli, restlos überrascht über Rokurs unerwartetes Erscheinen und wie gelähmt vor Schreck, dass die ihre Tiere ohne jegliche Vorwarnung angriff, war nicht fähig, auch nur ein Wort zu antworten. Rokur weidete sich an Berlokulis entsetztem Gesichtsausdruck. „Es ist überaus reizend von dir, dass du mir noch immer deine Gastfreundschaft gewährst. Ich habe dir diesmal auch ein kleines Mitbringsel, gewissermaßen eine Aufmerksamkeit, als Gastgeschenk mitgebracht. Schließlich weiß ich doch, was sich gehört.“
 
Die dürre Hexe ging rückwärts zurück zum Türrahmen, ohne Berlokuli den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen zu lassen und die Spitze ihres Zauberstabes zeigte unentwegt auf ihre Brust. Neben der Tür vor der Außenwand musste Rokur vor ihrem Eintritt ins Hexenhaus etwas abgestellt haben. Da sie sich von Berlokuli nicht abwenden wollte, dauerte es ein Weilchen, bis sie einen runden, geflochtenen Korb mit Deckel hervorgezogen bekam.
 
„Ein Schlangenkorb“, ging es augenblicklich Berlokuli durch den Sinn, „ein Schlangenkorb, wie ihn die Schlangenbeschwörer haben.“ Eigentlich hatte sie keine richtige Angst vor Schlangen. Viele dieser Tiere waren zwar giftig, aber gleichzeitig in der Regel auch sehr scheu. Normalerweise mieden sie es, mit Menschen oder Hexen zusammenzutreffen. Mit der Kreuzotter, die nahe am Hexenhaus lebte, hatte sie sogar schon öfter geplaudert. Wenn man die Otter nicht gerade beim Häuten störte, war sie ein sehr gutmütiges und keineswegs angriffslustiges Tier.
 
Aber Berlokuli begriff sofort, dass Rokur mit Sicherheit hier keine friedliche Schlange anschleppen würde. Der Korb verhieß nichts Gutes.
 
„Wenn ich deinen Blick richtig deute,“ und Rokurs Gesicht verzerrte sich zu einer abscheulichen Grimasse, die ein Lächeln darstellen sollte, „weißt du meine Gabe richtig einzuschätzen und zu deuten. Du bist doch manchmal gar nicht so dumm, wie du aussiehst. Aber du hättest dein Gehirn etwas früher einschalten sollen.
 
Was hast du dir gedacht, Berlokuli?“ fuhr sie nun eisig fort. „Glaubtest du wirklich, dass ich mich von einer solchen lächerlichen Krüppelhexe wie du eine bist ausbooten ließe? Dass mich, Rokur, die mächtigste und reichste Hexe aller Zeiten, eine kleine miese vertrottelte Hokuspokustante ernsthaft gefährden, stürzen oder sogar besiegen könnte? Ausgerechnet du, der Abschaum für jede anständig fühlende und denkende Hexe, versuchst, mich hereinzulegen oder hinters Licht zu führen? Hattest du dir wirklich vorgestellt, dass ich es mir gefallen lasse, dass dein elendes Katzenvieh  mir vor der versammelten Hexengemeinde über den Mund fährt? Zittere, Berlokuli! Winsel um Gnade!“
 
Berlokuli folgte nicht dieser Aufforderung, sondern blieb starr stehen, als wäre sie von alleine versteinert. Noch immer hielt sie die Scheibe in Händen, die ihr Munz vor dem Erscheinen Rokurs gereicht hatte. Sie war wie betäubt und Rokurs Stimme klang eigentümlich hohl in ihren Ohren, mehr wie ein verblassendes Echo. Nachdem Berlokuli nicht reagierte, blinzelte Rokur sie siegesgewiss an.
 
„Na schön. Aber ich garantiere dir, dass ich dich noch heute dazu bekomme, mich um Vergebung anzuflehen. Es wird zu spät sein, meine liebe Berlokuli, aber ich werde dein Gejammer in vollen Zügen genießen. Bedauerlicherweise ist dein verzogenes Hexenbalg nicht hier, um dieser grandiosen Vorstellung beizuwohnen. Aber keine Sorge, den Bastard spüre ich schneller auf, als sie ´hier bin ich´ sagen kann.“ Rokur grinste Berlokuli zynisch ins Antlitz. „Möchtest du ihr noch einen letzten Gruß ausrichten? Ich übermittel ihn ihr gerne, bevor ich sie ebenfalls als Asche in alle Windrichtungen verteile. Mach dir nichts daraus, Berlokuli. Sterben müssen wir alle mal. Die eine früher, die andere später. Und das kleine, süße Joliannalilein eben besonders früh.“
 
Berlokuli wurde beim Anblick der gehässigen Fratze speiübel. Am liebsten wäre sie ihr an den Hals gesprungen. Angesichts des drohend auf sie gerichteten Zauberstabes wäre es aber glatter Selbstmord gewesen und so bemühte sie sich krampfhaft, nicht vollends die Beherrschung zu verlieren.
 
„Rede! Wo ist das Hexengör?“ herrschte sie Rokur an. Berlokuli biss die Lippen aufeinander und Rokur brach in ein schallendes Gelächter aus, das schrill und widerlich durch das Häuschen hallte. „Na, will das Vögelchen nicht singen? Musst du dir jetzt in deinen letzten Minuten noch dein Heldentum und aufopferungsvolles Gemüt beweisen? Nein, was bist du doch für eine ehrenvolle, anständige und gute Kreatur, Berlokuli.“ Und Rokurs kreischendes Lachen tat Berlokuli in den Ohren weh.
 
„Meine liebe Berlokuli! Ich habe überall meine Augen, Finger, Ohren. Inzwischen weiß ich, dass dein heiß geliebtes Hexenmonster nicht im Dorf ist. Aber da gab es mal in Kimoselis Leben eine Entgleisung: Sie verkehrte wahrhaftig mit einem Menschen. Was für ein Zufall. Der Ableger von diesem Menschen wohnt rein zufällig ganz in der Nähe. Was denkst du, was gerade mein lieber Kork treibt? Er müsste jeden Moment von seinem Erkundungsflug zurückkehren.“
 
Berlokuli spürte, wie ihr schwindlig wurde. „Reiß dich zusammen“, schimpfte sie insgeheim mit sich selber, „lass dir nichts anmerken. Erika ist wachsam und wehrhaft. Die lässt sich nicht so leicht einmachen. Und erst recht nicht von so einem hirnlosen Aufschneider wie Kork.“ Berlokuli klammerte sich nur noch an die Hoffnung, dass irgendetwas zeitig genug die Freundin und das Hexenkind warnen würde.
 
„Du schweigst also weiter, Berlokuli?“ fragte Rokur die Hexe. „Das ist nicht sehr kooperativ. Na, vielleicht zeigt ja das kleine Hexenluder mehr Willen zur Zusammenarbeit. Ansonsten: Meinem possierlichen Tierchen im Korb ist jedes Nahrungsangebot recht. Ach, so! Wenn wir beide miteinander fertig sind, lasse ich das goldige Tier hier. Geschenke soll man ja nicht zurückfordern. Und ich möchte doch sicherstellen, dass deine Hausgenossen, wenn die Zauberwirkung nachlässt, ebenfalls gebührend begrüßt werden. Damit deine räudigen Viecher wenigstens wissen, was auf sie zukommt, sollen sie auch nicht im Ungewissen bleiben.“
 
Damit schwang Rokur ihren Zauberstab, murmelte etwas vor sich her, erneut flog ein Funkenregen durch das Zimmer und die Steinfiguren hatten lebendige Augen. „So könnt ihr euch zum Abschied noch einmal tief in die Augen sehen“ frotzelte Rokur und wollte sich förmlich ausschütten vor Lachen. Krax starrte Berlokuli angsterfüllt an, als ob er sagen wollte, dass sie doch endlich abhauen solle. „Aber wie denn?“ fragte sich Berlokuli. Sie entdeckte Merkuroxine, die aufgeregt auf Munz herumkrabbelte, als könnte sie ihn so zum Leben erwecken. Aber der blickte nur teilnahmslos auf Rokur, als gönne er ihr nicht, seine Verzweiflung zu sehen. Und in seinem Blick spiegelte sich die gesamte Verachtung, die er für sie empfand.
 
„Du bist zu weit gegangen“, zischte die hagere Hexe und hatte nun selber etwas Schlangenhaftes an sich. „Dass du so bist, wie du bist, dafür kannst du nichts. Als nur harmlose Irre hätte ich dich vielleicht verschont. Aber du hast dich trotz aller Warnungen auf die verkehrte Seite gestellt. Ich hatte gedacht, wenn ich deine Erinnerungen an Kimoseli lösche, würdest du dich eines Besseren besinnen und begreifen, wo du hingehörst. Auch diese Hexe hatte von mir eine ehrliche Chance bekommen und sie nicht ergriffen.“
 
Berlokuli schnaubte verächtlich durch die Nase bei den letzten Worten von Rokur.  „Da brauchst du gar nicht so dämlich zu tun“, entrüstete sich Rokur. „Du hast immer angenommen, ich wäre gegen euch. Ich habe euch beide geschützt.“ Das war allerdings für Berlokuli zu dick aufgetragen, auch in dieser Situation: „Na klar! Und ich trage meinen Hut ohne Krempe.“ „Wie du deinen Hut am liebsten trägst, Berlokuli, interessiert mich nicht. Und du bist gehörig auf den Holzweg. Weißt du, wer Blizzu blendete?“
 
Berlokuli zuckte die Schultern, obwohl sie es sich denken konnte. „Ich war das Hexenkind, das ihr die Augen ausstach.“ Das überraschte Berlokuli nun keineswegs. Hätte Rokur ihr mitgeteilt, dass es ihre Schwester getan hatte, dann wäre sie erstaunt gewesen. „Weißt du auch warum?“ fuhr Rokur in ihrem Frage-, Antwortspiel weiter. „Seit wann brauchst du einen Grund um Unheil anzurichten?“ beantwortete Berlokuli Rokurs Frage mit einer Gegenfrage.
 
Die überhörte geflissentlich Berlokulis Beitrag. „Blizzu wollte gerade meine Schwester töten. Mit meinem Angriff auf Blizzus Augen rettete ich ihr das Leben. Und wie dankte sie es mir später: Mit Verrat.“ Zugegebenermaßen war Berlokuli nun doch einigermaßen verblüfft und sah Rokur ungläubig an. „Jawohl, Berlokuli. Ohne mich wäre Kimoseli bereits als Hexenkind umgekommen. Und wenn du es ganz genau wissen willst: Auf der Hexenpenne galten wir als unzertrennlich und nach der Schulzeit wohnten wir jahrelang zusammen. Aber dein Superstar Kimoseli freundete sich mit Menschen an und darunter litt ihr Respekt gegenüber den Hexen. Sie dachte nicht daran, sich loyal zu verhalten. Und du bist genauso unverbesserlich wie sie. Ich hätte euch rechtzeitig verunglücken lassen sollen. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Es wird Zeit, das Versäumte nachzuholen.“
 
Bevor Berlokuli über Rokurs Rede nachdenken konnte, fingerte diese an dem Korbdeckel herum. Sie trat einige Schritte zurück zum Türrahmen und Berlokulis Zauberstab hing über dem Korb frei in der Luft. Berlokuli hatte in diesem Korb zwar sofort eine Schlange vermutet, aber jetzt, wo sich das Tier langsam aus dem Behältnis schob, stockte ihr der Atem. Sie sah den riesigen Kopf einer Kobra. 
 
Ihr Zauberstab tänzelte über dem Schlangenkopf höher und höher und das Tier folgte seinen Bewegungen wie hypnotisiert. Der Rest der Schlange war ebenso imponierend. So eine gigantische Kobra hatte Berlokuli noch nie gesehen. Und niemand brauchte sie über die Giftigkeit dieser Schlange aufzuklären. Auch wesentlich kleinere Exemplare waren gefährlich und ihr Gift tödlich. Dieses Exemplar zeigte keinerlei Fluchttendenzen wie seine Artgenossen, sondern war eindeutig auf den Angriff programmiert. Unaufhörlich zischelte sie: „Töten, töten, töten, ich will töten!“ und dabei folgte sie Berlokulis Zauberstab, der sich über ihrem Kopf hin- und herwiegte.
 
„Spätestens wenn du den Zahn meiner Kobra spürst, Berlokuli, begreifst du, dass man mir, der Meisterin der schwarzen Magie, der trefflichsten aller Hexen, nicht ungestraft in den Arm fällt. Wenn sich das Gift in deinem Körper verteilt, dann wird dir gar nichts weiter übrig bleiben, als dich vor meiner Macht zu verneigen.“
 
Aber Berlokuli achtete nicht mehr auf das Geschwätz von Rokur. Sie beobachtete die Schlange, die unaufhörlich näher zu ihr glitt. Sie wog sämtliche Möglichkeiten gegeneinander ab. Nach ihren Zauberstab zu greifen, war sinnlos. Bevor sie ihn erreichte, hätte sie die Kobra bereits gebissen. Außerdem dirigierte Rokur mit ihrem Zauberstab den von Berlokuli. Entfliehen bei der Schnelligkeit der Schlange war aussichtslos. Dazu kam, dass ihr Besen am Türrahmen neben Rokur stand. Zu Fuß wäre sie für das Tier und auch für die Hexe eine leichte Jagdbeute. Berlokuli erkannte, dass ihr Leben verwirkt war und dass es diesmal keinen Ausweg gab. Aber sie brach nicht in Panik aus. Mit einem Male brauchte sie sich nicht mehr darum mühen, die Fassung zu behalten. Sie war eiskalt, sämtliche Gefühle waren ausgeschaltet, sie beobachtete die Schlange, als bewege die sich in einem Terrarium und würde sie gar nichts weiter angehen und mied jegliche Bewegung. Nicht einmal ihre Augenlider zuckten.
 
„Töten, töten, töten!“ zischte die Kobra, nur noch einen knappen Meter vor Berlokuli. Deutlich konnte diese die gespaltene vibrierende Zunge sehen und die mörderischen Riesenzähne, die ihr rechts und links aus dem Maul ragten. Die schmalen senkrechten Pupillen fixierten die Hexe ununterbrochen. Aber Berlokuli rührte sich noch immer nicht. „Mach endlich hin!“ keifte Rokur und beschrieb mit ihrem Zauberstab eine zackige Linie. Berlokulis Stab fegte daraufhin seiner eigentlichen Besitzerin ins Gesicht und sie zuckte kurz zusammen. Das genügte! Augenblicklich schnellte der Kopf der Kobra auf ihre Brust zu.
 

 

 
Schlangengift
 
Glas klirrte und ein lauter Knall durchriss die winterliche Stille. Berlokuli blutete kurz über dem Brustbein und wartete auf die Wirkung des Giftes. Rokur wälzte sich schmerzverkrümmt auf dem Fußboden. Beim Fallen purzelte ihr Zauberstab zu Boden und sofort fiel auch Berlokulis Zauberstab kraftlos auf die Dielen. Die Kobra verharrte irritiert und wandte ihren Kopf zu Rokur hin. Ihre Pupillen wurden noch einmal schmaler, als sie die Hexe sah, die sich auf dem Fußboden wälzte.
 
Das war ein leichteres Opfer als Berlokuli und lautlos schlängelte ihr Körper in deren Richtung. Erst als sie „Töten, töten, ich will töten!“ von sich gab, achtete Rokur auf die Schlange und erkannte die Gefahr, in der sie sich befand. Sie konnte sich trotz verzweifelter Anstrengungen nicht erheben und rutschte bäuchlings auf ihren Zauberstab zu. Fast hatte sie ihn erreicht. Nur noch Millimeter trennten sie von ihrem Stab, mit dem sie sich die Schlange vom Halse schaffen konnte, als die Kobra ihre dolchartigen Zähne in ihr Handgelenk bohrte.
 
Ein großer Schatten kam geräuschlos angeflogen, segelte durch die offene Tür und stürzte sich mit einem Ruck auf die Kobra. Johanna drückte ihre Krallen direkt hinter dem Kopf der Kobra fest um den Schlangenkörper, so dass diese den Kopf nicht mehr drehen konnte und in der Falle saß. Zwei, drei gezielte Schnabelhiebe zerschmetterten der Schlange den Kopf und wild zuckte die sterbende Kobra unter den Klauen der Schneeeule, jedoch ohne ihre Zähne aus Rokurs Handgelenk zu lösen. Trotz des Schlangenbisses erreichte Rokur noch ihren Zauberstab und ihre spindeldürren Finger umklammerten ihn. Mühselig hob sie ihren Arm und richtete den Stab auf Berlokuli, als in rasendem Tempo ein nächster Schatten auf das Hexenhaus zuflog. Joliannali, flach auf ihren Besen gepresst, als wäre sie mit ihm eins, fegte in das Zimmer und entriss Rokur den Zauberstab. Rokur stammelte einige unverständliche Worte. Ihr Teint verfärbte sich in ein stechendes Grün und ihre Hexenmähne wurde jäh quittegelb. Schwer und stockend ging ihr Atem. Dann sank sie kraftlos zusammen.
 
Mit einem dumpfen Bums polterte Berlokuli zu Boden. Auch ihre Gesichtsfarbe verwandelte sich. Ihre sonst rosige Haut wirkte durchscheinend milchigweiß. Nach Luft ringend keuchte Erika mit Riesenschritten in die Stube, die Schrotflinte geschultert. Rokur und der Schlange gönnte sie nur einen kurzen Blick und stürzte zu Berlokuli. Fachmännisch kontrollierte sie deren Atmung und Puls. Joliannali, noch immer Rokurs Zauberstab in der Faust haltend, landete neben ihr. Sie sagte kein Wort, aber fortwährend rannen ihr Tränen über die ebenfalls vor Schreck erblassten Wangen. Frau Sommer riss die Bluse der Hexe auf und prüfte kundig die Verletzung, aus der immer noch Blut sickerte. Und plötzlich strahlte sie über das ganze Gesicht und zog aus der Wunde einen Glassplitter. Joliannali schaute vollständig perplex zu, wie die Frau auf Berlokulis Wangen eine Art Strickmuster hinterließ: Zwei Schellen rechts, zwei Schellen links und das Ganze noch mal von vorn. Drehte Erika jetzt komplett ab?
 
Berlokuli stöhnte und versuchte matt, sich dieser Serie von Watschen zu entziehen. Endlich machte sie ihre Augen auf und blinzelte ihre Freundin an. „Warum haust du mich?“ fragte sie erstaunt, „Ich bin doch tot.“ „Quatsch keinen Kehricht! Bin ich ein Zeitungsfuzzi, der zuerst die Leiche interviewt?“ meinte Frau Sommer und zwinkerte fröhlich Joliannali zu, die verwundert die Beiden ansah. „Dich darf man aber auch keinen Augenblick alleine lassen“, schimpfte Erika aufgedreht und ihrer Stimme war anzuhören, dass von ihrem Herzen ein ganzes Gebirge als Gerölllawine talwärts rutschte.
 
„Aber die Kobra, die schreckliche Kobra, die hat mich doch gebissen“, stotterte verunsichert Berlokuli. „Irrtum! Die Schlange wollte dich beissen. Ich weiß zwar nicht, warum du ein Glas vor deinen Körper gehalten hattest, aber das hatte die Kobra übersehen“, stellte Erika fest. „Sie erwischte nur die Glasscheibe statt dir und als sie unter dem Aufprall des Schlangenkopfes zerbrach, verletzte dich dieser kleine Splitter“. Und triumphierend hielt Erika den Glassplitter in die Höhe, den sie eben aus der Wunde gefischt hatte. Joliannali sah sich verdutzt um und entdeckte die zahlreichen Glassplitter auf dem Fußboden.
 
Energisch wischte sie mit dem Ärmel die Tränen ab und zog geräuschvoll den Rotz hoch. „Nimm bitte dein Taschentuch“, ermahnte sie die Frau, die ihre alte Selbstsicherheit bereits wiedererlangt hatte, „wie oft muss ich dir das sagen?“ Aber das Hexlein kümmerte sich nicht um diese Rüge und schniefte demonstrativ noch einmal. Und dann begriff sie. Ihren Besen in die Luft schmeissend brach sie in eine Art Indianergeheul aus und stampfte, tanzte und hüpfte wie von Sinnen in der Stube um die Frauen herum.
 
Kopfschüttelnd verfolgte Frau Sommer ihr Treiben. Sie konnte sich jetzt jeden Tadel sparen. Joliannali würde nichts bremsen im Ausbruch ihrer Gefühle. Das war gewiss. Sie half Berlokuli beim Aufrichten und nun schimmerte es feucht in ihren Augen. Dankbar sahen sich Berlokuli und Erika an und umarmten sich. Dann, wieder gefestigt, hob Berlokuli ihren Zauberstab auf und befreite erst einmal ihre Tiere aus der steinernen Erstarrung. Munz schüttelte sich und strich seiner Herrin schnurrend um die Beine. Die Hexe nahm ihn auf und drückte ihn fest an sich. Und Krax flatterte auf ihre Schulter und konnte nicht genug davon bekommen, seinen Kopf an ihrer Wange zu streichen und mit ihrer Haarmähne zu schnäbeln.
 
Vorsichtig näherten sie sich Rokurs Leichnam. Aber die war wirklich mausetot. „Nichts berühren“ warnte Frau Sommer, „denn eine Kobra kann auch noch nach ihrem Tode Gift versprühen.“ Mit ihrem Zauberstab lotste Berlokuli Rokur samt Kobra in den Schlangenkorb und verschloss ihn sorgfältig mit dem Deckel. Mit einem Niaz sicherte sie zusätzlich das grausige Behältnis ab.
 
„Das war die Hexe, die meine Söhne auf dem Gewissen hat“, stieß Erika jetzt verbittert aus, „sie saß damals in der Gerichtsverhandlung. Daran besteht kein Zweifel.“ Tröstend strich ihr Berlokuli über die Schulter. „Sie hat ihre Strafe bekommen. Ihre eigene Grausamkeit hat ihr den Garaus gemacht. Irgendwann richtet sich Hass und Brutalität gegen einen selbst, wenn es der einzige Lebenszweck ist.“
 
Johanna, die sich bei den jüngsten Ereignissen im Hintergrund hielt, ging zu Erika und schmiegte sich an ihr Frauchen. „Sag mal, Munz, frisst die Spinnen?“ wisperte Merkuroxine aufgeregt. „Na klar!“ antwortete ihr Johanna schlagfertig, „Aber nur in Essigtunke eingelegt. Mariniertes Spinnenherz, einfach köstlich.“ Merkuroxine, die schon mitbekam, dass die Eule sie auf den Arm nahm, rutschte dennoch etwas tiefer in Munz´ Fell.
 
Die Gesellschaft beschloss, erst einmal in das Haus an der Kapelle zurückzukehren, um sich von dem Schrecken zu erholen. Vorher musste allerdings Berlokuli den Korb entsorgen und dem Phönix Rokurs Hexenstab überbringen. So trennte man sich zunächst und Krax begleitete Berlokuli. Allerdings schwor er ihr zuvor, dass er bei Blizzu sein vorlautes Mundwerk halten würde. Den Schlangenkorb befestigte Berlokuli mittels Zauber an Rokurs Flugbesen und während die anderen bis auf Johanna zu Fuß durch den Schnee stiefelten, entschwand Berlokuli am Nachthimmel, dicht gefolgt von Krax und Rokurs Besen mit seiner unheimlichen Last.
 
Blizzu berief augenblicklich nach Berlokulis Ankunft den Hexenrat ein und verständigte den Phönix. Sehr schnell versammelten sich die sechs Hexen bei Blizzu, denn die kurze Nachricht vom Tode der ehemaligen Oberhexe weckte ihre gesamte aufdringliche Neugier. Knapp erklärte ihnen Berlokuli, dass Rokur sie in ihrem Hause mit der Kobra angegriffen habe. „Ja, ja, ja!“ krächzte Krax hingebungsvoll und wollte gerade die Geschichte mit Spannung würzen, als ihn Berlokulis strenger Blick traf. Sofort senkte er den Kopf. „Meine Güte“, dachte er bei sich, „du bringst uns noch alle um mit deinem elenden Plappermaul. Höre einfach nicht hin und bilde dir ein, dass Merkuroxine deinen Schnabel mit einer Manschette versorgt hat.“
 
Mit Hilfe des Zauberstabes holte Berlokuli Rokur und die Kobra, die immer noch in ihrem Handgelenk verbissen war, aus dem Korb. Sensationslüstern scharrten sich die Hexenratshexen um die Tote. „Was hat sie da am Rücken?“ fragte eine von ihnen, „Es sieht aus, als wäre sie regelrecht von hinten zersiebt worden.“ Die Hexen blickten forschend aus ihren schrägen Augen auf Berlokuli und in ihren Augen blitzte wieder der Jagdinstinkt auf. Aber die letzten Stunden hatten Berlokuli so gezeichnet und gleichzeitig abgebrüht, dass Meinungen, Vermutungen oder das Verhalten der Hexenratshexen ungefähr soviel Aufmerksamkeit bei ihr erzeugten, wie eine Ameise für das Fahrradfahren aufbrachte: Keine Spur.
 
Kurz antwortete Berlokuli, dass ihr die Rückseite dieses Objektes vollkommen schnurz sei. „Mich interessiert einzig und allein, dass sie meinen Hausfrieden störte, meine Tiere verhexte und mir nach dem Leben trachtete. Wenn sie sich ihrer eigenen Schlange als Kompott anbietet, ist es ihr Problem und nicht meins. Gibt es hier noch irgendeine Frage dazu?“ Die letzten Worte donnerte Berlokuli verärgert in die Runde und traf damit genau den richtigen Ton.
 
Nein, keine der Hexen des Rates mochte sich noch nach weiteren Details erkundigen. Berlokuli bemerkte nur, dass bis auf Blizzu alle ein Stück von ihr zurückgewichen waren und ihr Augenausdruck sich veränderte. Statt ihres Beuteblickes glomm Angst und Feigheit in den Pupillen.
 
Berlokuli hatte es mit Rokur aufgenommen und jede wusste, wie hinterhältig und schändlich diese zu ihren Lebzeiten war. Die Bezwingerin von Rokur, die sie immer als Waschlappen eingestuft hatten, musste zweifellos über gewaltige Kräfte verfügen. Und wenn sie sich an die Ereignisse erinnerten während ihrer Suchaktion bei Berlokulis Haus, bestätigte es nur ihren Verdacht. Diese Hexe sollte man also besser mit Vorsicht genießen. „Es ist alles in Ordnung, Berlokuli.“ beschwichtigte Blizzu die Mithexe und ihre leeren Augenhöhlen suchten die Richtung auszumachen, wo Berlokuli stand. „Rokur griff dich an und es war dein Recht, dich zu wehren.“
 
Der Phönix trat ein und Berlokuli überreichte ihm den Stab, erläuterte ihm aber, wie Rokur an ihn gekommen war. „Mit einem fremden Zauberstab zu hexen, geht nie lange gut“ bemerkte er dazu, bevor er sich den Stab auf die Krone legte und der sich zur Feder verwandelte. Er verlangte vom Hexenrat, dass man Traka vorführe.
 
Traka wurde von zwei Hexenratshexen herbeigebracht. Sie zogen die Hexe hinter sich her in den Raum, die ununterbrochen irre vor sich hin kicherte. Der Phönix senkte den Kopf, eine Feder schwebte durch die Luft und blieb vor Trakas Füßen als ihr Zauberstab liegen. Sie beachtete ihn aber gar nicht und faselte irgendetwas von Birken und Eiszapfen. So hob eine der Ratshexen den Stab auf und drückte ihn ihr in die Hand. Die begutachtete den Hexenstab von allen Seiten und begann, an einem Ende auf ihn herumzukauen.
 
Börö riss ihr den Zauberstab weg und ergriff ihre Schultern, um sie kräftig zu schütteln: „Hei, Traka! Du sollst deinen Stab nicht fressen, sondern dir damit Fressen herbeizaubern. Hast du das kapiert?“ „Mmmmh, lecker, lecker, lecker“, rief die Angesprochene und klatschte vergnügt in die Hände. Börö reichte ihr den Stab und Traka begann augenblicklich, mit ihm wild herumzufuchteln.
 
Ein wildes Kreischen hub an, denn genau dort, wo der Hexenrat saß, schossen riesige Birken empor, durchstießen das Dach und wuchsen in einem rasanten Tempo gegen den Himmel. Die Hexenratshexen wurden von den Birkenzweigen mitgerissen und zappelten wie fette Käfer in dem Baum herum. Und Traka schmiss sich an den Birkenstamm und nagte an der Rinde herum. Bevor noch jemand reagieren konnte, griff sie wieder nach ihrem Zauberstab, wirbelte ihn durch die Luft und Eiszapfen zischten durch den Raum, sodass auch Berlokuli und der Phönix die Köpfe einziehen mussten, um nicht getroffen zu werden. Traka schnappte sich gleich einen der Zapfen und lutschte und sabberte ihn ab, dabei immer wieder genießerisch mit der Zunge schnalzend.
 
„Typische Symptome von Höllenburgerentzug“ amüsierte sich Berlokuli und dachte für sich im Stillen: „Also wer kochen kann, hat doch einige Vorteile auf seiner Seite.“ Der Phönix, dem ein Eiszapfen haarscharf am Kopf vorbeirauschte, der dann im Holz der Tür stecken blieb, rief völlig entgeistert zu den anderen Hexen, sie sollten endlich was unternehmen. Berlokuli bannte Traka mit einem Lähmungszauber und fluchend kamen die Hexenratshexen wieder zur Erde zurück. 
 
„Setzt sie in der Taiga aus“, empfahl der Vogel den Hexen. „Da findet sie genug Baumrinde zum Essen und Eis zum Trinken und die Taiga ist groß genug, dass sie nicht sonderlich Schaden anrichten kann. Vielleicht normalisiert sie sich ja dort wieder.“
 
Berlokuli empfahl sich, sammelte ihren Raben ein, der rücklings auf dem Boden lag und dabei war, sich kaputtzulachen. Obwohl die Hexen sie ausgesprochen respektvoll behandelt hatten und auf jegliche Nachforschungen verzichteten, war sie dennoch sehr froh, als sie wieder auf ihrem Besen saß und heimwärts flog. Krax hatte sie in ihre Rocktasche gesteckt, denn ihr Vogel war vor Lachen flugunfähig.
 
Als Berlokuli bei Erika eintraf, fragte diese sofort, ob sie Krax Lachgas verpasst hätte, denn der prustete immer noch, obwohl er sich schon seinen krampfenden Bauch hielt. „Was ist schlimmer“, fragte sich Berlokuli, „ein verklatschter Rabe oder ein alberner Rabe?“ Und damit hielt sie ihn kurz Mal unter den Kaltwasserhahn. Das Resultat war überzeugend, aber nicht von langer Dauer. Denn nun schilderte Krax den anderen Tieren ganz genau, wie Traka an Baumrinde herumknabberte, Hexen an Birken bammelten und ihre Unterbuxen vor wild gewordenen Eiszapfen retteten. Seine Zuhörer, befreit von der Anspannung der vergangenen Stunden, schrieen und tobten und das Gelächter nahm kein Ende.
 
Erika sah, dass Berlokuli müde und erschöpft war. Außerdem war an diesem klaren Wintertag die Morgensonne gerade aufgegangen und so schmiss sie die Viecher einfach raus. Als aber das Glöcklein im Kapellenturm leise klingelte, weil Johanna beim Lachen ständig an sie anstieß, Joliannalis unterdrückte Kicherei anwuchs, da konnte sich auch Erika nicht mehr halten und schließlich lachte auch Berlokuli aus vollem Halse mit.
 
 
 
Zu guter Letzt
 
„Stell dir vor“, johlte Krax, „Blizzu rutschte von der Baumkrone von Ast zu Ast immer tiefer und hing zum Schluss an einem mit ihrem himmelblauen Liebestöter fest. Eine richtige Bollerhose war das, aus der ihre knubbligen Beine zappelten. Überall in den verschiedensten Farben gestopft und mitten auf dem Hintern war ein roter Lederflicken in Herzform. Nein, was war das für ein Anblick.“
 
Und Krax wälzte sich bei seiner Erinnerung an diese Geschichte wieder vor Lachen auf dem Boden, ungeachtet dessen, dass er dadurch direkt vor Charlys Schnauze geriet. Dem war aber Krax´ Lachsalve unheimlich und daher setzte er sich lieber in unser Paddelboot. „Jetzt hör doch mal auf mit deinem Gelächter“, drängte ich ihn. Wieso stürzte plötzlich Rokur?“
 
Immer noch prustend erklärte mir Krax: „Na, weil ihr Frau Sommer eine Schrotladung verpasst hatte.“ „Aber woher wusste denn sie und Joliannali, dass Rokur Berlokuli überfällt?“ „Als Johanna mit dem leeren Geschirr zurückfliegen wollte, wunderte sie sich über ein seltsames Gebilde am Himmel, was in ihre Richtung flog. Wäre Rokur allein auf dem Besen geflogen oder mit wenig Gepäck, wäre sie ihr wahrscheinlich überhaupt nicht aufgefallen. Aber durch den großen Schlangenkorb flog die Hexe nicht gleichmäßig und hatte schon von weitem eine ungewöhnliche Form.
 
Die Schneeeule kehrte daraufhin nicht sofort zur Kapelle zurück, sondern setzte sich wieder auf ihren alten Beobachtungsposten auf der Kiefer. Und als sie die Hexe erkannte, schrillten sofort ihre Alarmglocken los und sie brauste in Windeseile zu Erika.“
 
„Ja, aber die Frau war bereits gewarnt“, ergriff jetzt der stille Koru das Wort, „denn ich saß auf der Fensterbank und sah nach draußen. Mir ging es nämlich schon wesentlich besser und ich sehnte mich nach frischer Luft. Aber Erika meinte, es sei noch zu früh für einen Ausflug. Da erblickte ich Kork. Er hätte mit Sicherheit Joliannali gesehen, wenn er näher gekommen wäre. Ich hatte ja schon gesehen, wie die Frau das Fenster öffnete. Also schob ich mit dem Schnabel den Riegel hoch und flog ihm entgegen.“
 
„Was?“ Ich war baff. „Du bist dieses Höllenvieh angegangen, obwohl er dich vorher so zugerichtet hatte?“ Koru nickte. „Du hast aber Mut“, sagte ich anerkennend und Koru guckte plötzlich so verlegen drein, dass er vermutlich unter seinen schwarzen Federn rot wurde.
 
„Geschrien hat er“, krächzte Krax voller Begeisterung und in seiner Stimme klang gewaltiger Stolz, so, als hätte er selbst Rokurs Raben angegriffen. „Kork, du Memme, hast du immer noch nicht genug, stell dich! Das hat er geschrieen. Und weißt du, was Kork machte?“ Ich schüttelte den Kopf. „Abgehauen ist er. Dieser Kükenschisser von einem Raben hat sich verzogen. Und Koru setzte ihm nach und jagte ihn vor sich her wie die Katze die Maus. So war es, ganz genau so. Stimmt´s, Koru?“ Abermals nickte der kleine Rabe verschämt.
 
„Dadurch war bereits Frau Sommer gewarnt und holte die Flinte vor. Joliannali sollte sich in der Speisekammer verstecken. Als Johanna mit der Schreckensnachricht kam, rannte die Frau los. Aber Joliannali schnappte sich ihren Besen und flog hinterher. Unterwegs griff sie die Frau an den Kleidern und hielt sie fest. Somit flogen beide und erreichten gerade noch rechtzeitig das Hexenhaus. Mit ihrer gesamten Kraft krallte sich Joliannali an den Klamotten fest, damit sie Erika nicht verliert und die feuerte noch während des Fluges auf Rokur, die ja sehr repräsentativ in der offenen Tür stand.“
 
Mal wieder kam ich nicht mit dem Schreiben hinterher, weil Krax immer viel zu schnell erzählte. Und als ich ihn mal wieder unterbrach, um Zeit für meine Notizen zu gewinnen, fragte er mich, warum ich denn eigentlich so viele Blätter voll schmiere. „Nachher tippe ich meine Aufzeichnungen auf meinem Laptop ab.“ „Ist das die komische Schreibmaschine mit Bild und ohne Blätter?“ wollte Krax wissen. „Auf der du immer in eurem Wohnei auf Rädern herumhämmerst?“
 
„Das ist ein Wohnwagen“, berichtigte ich Krax, woraufhin der wieder in ein krächzendes Lachen ausbrach. „Wenn du eure Schlafkugel als Wohnwagen bezeichnest, hast du aber noch keinen gesehen“, hänselte mich der Rabe. „Oder du bist etwas wirklichkeitsfremd. Das würde auch erklären, warum du diese Landratte von Charly als Kapitän für dein Paddelboot Tatze ernennst und ihr beide über die Donau schippert, als würde gerade euer Ozeandampfer die Meeresenge bei Gibraltar passieren. Und tippen sagtest du? Frau Sommer besitzt eine Schreibmaschine. Aber die benutzt sie mit zehn Fingern. Was du tippen nennst, ist ein Ein-Finger-Adler-Suchsystem. Zuerst kreisen und dann zuschlagen.“
 
Dieser Krax war doch ein elender Lästerschnabel. Nun wollte Krax wissen, warum ich das Alles notiere. Also erklärte ich ihm, dass ich das Gehörte spannend finde und es für meine Kinder aufschreibe. Sie würden mich abends mangels Fernsehapparat schon immer nach dem nächsten Kapitel löchern. Das hörte Krax gerne, denn das jemand sich die Mühe machte, seine Erlebnisse aufzuschreiben, schmeichelte ihm sehr.
 
Leider ging der Urlaub viel zu schnell vorbei und bald war Packen und Zeltabbauen angesagt. Auch die Raben bedauerten unsere Abreise. So fehlte ihnen bald die Zielscheibe für ihren Spott. Krax mit seinem Mitteilungsbedürfnis war richtig geknickt, denn er wollte mir noch von ihrem Weihnachtsfest berichten, von einer sehr bösen Rabenversammlung, von Deleve und Nikezuk, von Kimoseli und Jule und und und. Ich vertröstete ihn darauf, dass ich ja irgendwann wieder Ferien hätte und versprach ihm fest, dass wir dann wieder nach Straubing in Südfrankreich kämen, auch wenn unser Willy wieder repariert sei.
 
Als wir mit unserem Schrottauto und Wilma vom Parkplatz des Kanuvereins rollten und die Landstraße nach Hause erreichten, sah ich im Rückspiegel zwei Raben, die noch ein ganzes Stück hinter uns her flogen. Und wer jetzt unbedingt wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht, sollte mal mit meiner Schwester Oberin über meinen nächsten Urlaub verhandeln. Denn zugegebenermaßen bin ich auch neugierig darauf, zu erfahren, wie es Berlokuli, Joliannali, Frau Sommer, Munz, Mietzi, Merkuroxine, Krax, Koru, Johanna, Igor und seiner Sippe und den anderen Allen weiter erging.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

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