Donnerstags
 
 
Es muss etwa kurz nach Ostern gewesen sein, als mein Ruf „Essen ist fertig“ durch die Straße hallte. Sogleich stürmte ein wilder Haufen Kinder aus allen Richtungen in unser Haus in die Küche, mit dem üblichen zornigen Ausruf von mir begrüßt: „Aber erst Hände und Gesicht waschen, ihr Ferkel“.
 
Mehr oder weniger sauber kehrten sie nun aus dem Bad in die Küche zurück: Meine jüngeren Brüder Piet und Jan, die Pflegekinder, also unsere Second-hand-Geschwister Mareike, Heitje, Christiane und Thomas, dann noch ihre Freunde Maresch, Ronja, Ronald, Angelika, Rosi und der dicke Ole, dazu meine Klassenkameraden Seppl und Paul, die mir meist beim Kochen halfen und auf die mittags zu Hause niemand wartete, und Pauls kleine Schwester Lissi. Ach ja, auch meistens Uli, mit dem seine Mutter schimpfte, wenn er wieder nicht pünktlich nach Hause kam, weil er unserer Schmalhansküche den mütterlichen exzellenten Kochkünsten den Vorrang einräumte, wo seine verzogenen dämlichen jüngeren Schwestern nicht pausenlos mit ihm herumstänkerten und bei der geringsten Gegenwehr lautstark bei ihrer ewig nörgelnden Mama verpetzten. Und Uwe, der nur bei uns sitzen wollte, denn mitessen durfte er nicht, weil er zuckerkrank war und dadurch taub. Mit strengster Diät versuchten seine Eltern von ihm die drohende Erblindung abzuwenden. Ihm genügte der Triumpf völlig, eine Sitzfläche zu erobern, denn seine Mahlzeiten, präzise nach Uhr und penibel berechnet und gewogen, widerten ihn dermaßen nachhaltig an, sodass ein ständiges Sättigungsgefühl die Gefahr des Naschens ausschaltete. Und wer war das? Vermutlich der Sohn von der neuen Familie, die letzten Monat in unsere Straße zog. Das Mädchen, dass sich mühsam in die Runde quetschte, wird wohl Heitje mitgebracht haben und den kleinen Jungen meine Brüder.
 
Am Küchentisch einen Platz zu ergattern war nicht einfach. Ein heftiges Gedränge und Geschiebe begann um die heiß begehrten Sitzplätze. Jeder Stuhl musste meistens für zwei Kinder herhalten und eine Hühnerstange im Stall schnitt vergleichsweise komfortabel gegen unsere Küchenbank ab, auf der nicht gesessen, sondern gekniet wurde, um ihr Raumangebot voll auszunutzen. Irgendwie schafften es dennoch alle Gören an den Tisch, doch ab und zu passierte es, daß mitten beim Esseneinschaufeln ein Kind wie eine reife Traube zu Boden polterte, weil ein anderes auf der Sitzbank versehentlich zu weit die Arme abwinkelte. Unter lautem Gejohle und Gelächter krabbelte es wieder auf die Bank, sichtlich darüber erleichtert, falls der Teller nicht mitabstürzend noch am alten Ort die Nahrungsaufnahme weiterhin ermöglichte. Die Randplätze auf der Bank erfreuten sich deshalb nur geringer Beliebtheit.
 
Kaum wuchtete ich den riesigen Kochtopf in die Mitte des Tisches, begann der übliche Singsang: „Ih, schon wieder Suppe, ih, schon wieder Eintopf“. Ich hasste die Mäkelei. Trotzdem leerte sich grundsätzlich der Topf erschreckend schnell.
 
Jeder, der seinen Suppenteller in Empfang nahm, spuckte zuerst in seine Suppe rein, obwohl alle genau wussten, dass ich mich vor diesem Tischritual ekelte. So schützten sie ihre Teller vor den feindlichen Löffeln ihrer Tischnachbarn und kassierten ungerührt den fälligen Katzenkopf, wenn ich sie dabei erwischte.
 
Wohlwollend bemerkte ich, dass der neue Freund meiner Brüder dies nicht tat. Er bedurfte auch keiner Ermahnung, nicht zu schmatzen oder zu schlürfen. Denn wenn ich bei den lieben Kleinen beim Kauen das Zäpfchen entdeckte oder die Geräuschkulisse einen gewissen Pegel überschritt, sank meine Laune auf den Nullpunkt und so mancher flog deswegen aus der Küche und speiste unter dem schadenfrohen Gegrinse und Gegrunze der Anderen stehend im Flur als Ersatz für einen Schweinekoben weiter. Die drohende Scham, zum Schwein des Tages gekürt zu werden, verbesserte außerordentlich die Tischmanieren und es interessierte mich als Zwölfjährige keinen Deut, ob man diese Methode als pädagogisch besonders wertvoll einstufte. Der Erfolg rechtfertigte mein Vorgehen.
 
Meine erzieherischen Fähigkeiten scheiterten allerdings jämmerlich am eigenen Suppenlöffel. Durch die Essensverteilung fing ich sowieso als Letzte an und es gelang mir nicht, zu schlingen, da dann mein Magen rebellierte. Häufig reichte es nicht für einen Nachschlag. Und dann harrten diese Monster wie versteinert auf ihren Sitzen und starrten ungeniert auf meinen halbvollen Teller und verfolgten mit ihren Augen jede Bewegung meines Löffels. Es klappte immer. Zunehmend entnervt schleuderte ich bald wütend mein Besteck auf den Tisch und die Geier stürzten sich unter wildem Geschrei auf meinen Essensrest.
 
Als Erwachsene dinierte ich mal in einem piekfeinen Restaurant. Gedankenverloren stierte ein älterer Herr am Nebentisch unentwegt vor sich her und ausgerechnet in mein Feudalmenü. Er reagierte ziemlich verdattert, als ich ihm verärgert mit den Worten „ok, du hast gewonnen“ irgendwann meinen kaum berührten Teller vor seine Nase knallte, bei der völlig perplexen Bedienung anschließend zahlte und ging. Das Käsebrot zu Hause mundete mir später entschieden besser ohne das Gefühl, jemand zähle mir die Bissen in den Mund.
 
Vielleicht hätte ich mir damals auch die Spuckerei angewöhnen sollen. Bei der schulärztlichen Reihenuntersuchung schützte sie unter Umständen vor der linken Seite. Nach rechts trollten sich nämlich die Schüler für die Kinderlandverschickung, nach links sortierte man die für die Kuraufenthalte aus.
 
Mit Schrecken dachte ich da an eine eigentlich wunderschöne Nordseeinsel. In das dortige Ferienheim reisten die unter- und mangelernährten Kinder. Die endlosen Mittagsschlafzeiten und allgegenwärtige Langeweile verursachten zwar Verdruss und unser unterdrücktes Bewegungsbedürfnis äußerte sich in einer bis dahin nicht gekannten Unruhe, doch nie vergesse ich diese widerlich süße Milchpampe morgens, deren kleistriger Anblick bereits bei mir schlimme Brechreize auslöste. Mit Todesverachtung würgte ich sie hinunter. Auf den Zähnen knirschte der pure Zucker, ursächlich verantwortlich für eine folgende lebenslängliche Abneigung gegen Süßigkeiten meinerseits.
 
Abends verwöhnte man uns mit Bergen von Broten, dick belegt mit Butter und einer dunkelroten Wurst mit weißen Flatschen puren Fettes. Zuhause leisteten wir uns nur Aufschnitt oder Fleisch zu Festtagen. Angesichts dieser fetttriefenden Stullen schüttelte es mich, aber es bestand die Pflicht zum krümelfreien aufessen und wer sich weigerte, den fassten die sogenannten Erzieher in einen  Klammergriff und drückten seine Nase zu. Irgendwann ging der Mund zwecks Atmung auf und dann wurde gestopft. Erbrechen vergrößerte die Pein, denn nach bewährtem System erhielt der Bedauernswerte das von sich Gegebene unverzüglich zurück. Der Anblick der Kinder, die man so mit ihrer eigenen Kotze fütterte, lässt mich heute noch schaudern. Wehe dem, die Waage verzeichnete trotzallem eine zu geringe Gewichtszunahme oder jemand nahm sogar ab. Der Unglückselige wechselte zum Betreuertisch zwecks der Reichweite. Das bedeutete die absolute Höchststrafe.
 
Während dieser gutgemeinten Kuren vermieste man uns gründlich den Traum von Schlaraffia und sowie sich der Schularzt ansagte, tranken meine Geschwister und ich literweise Wasser zu Unmengen von Salz, damit sich bloß die Schulwaage in den geforderten Kilos einpendelte.
 
Ausgestattet mit dieser Erfahrung bevorzugten wir doch lieber die etwas kargen Mahlzeiten daheim. Den Frühling läutete meine leckere Sauerampfersuppe ein. Mit fortschreitendem Jahr versorgten unser großer Garten und zugegebenermaßen auch die Felder rings um unsere Siedlung die Küche entschieden üppiger, weil radikal alles in den Topf wanderte, was die Natur an Genießbarem oder Nahrhaftem bot.
 
Besonders die Maisfelder des Bauern taten es uns an. Das erste Mal ernteten wir die noch kleinen, grün aussehenden und süßlich schmeckenden Kolben weit vor ihrer Reife. Was wir nicht sofort am Feldrand und auf dem Heimweg verputzten, kochte kurz darauf in Salzwasser. Mit Margarine drauf mangels teurer Butter schmeckten sie vorzüglich.
 
Die reifen Maiskörner, viel zu schade als Viehfutter, mahlten wir emsig, sodass wir ausreichend Maismehl besaßen. Es diente nicht nur zum Suppenandicken, mit Ei und Milch vermengt bruzzelten in der Pfanne die besten Puffer weit und breit und beim frischgebackenen Maisbrot mit selbsthergestelltem Kochkäse langte jeder begeistert zu.
 
Kartoffeln pflanzte unser Landwirt auch an. Ging es mal wieder bei uns besonders knapp zu, holten Paul, Seppl und ich auch schon mal die Saatkartoffeln nachts aus der Erde, die er tags im Schweiße seines Angesichtes dorthin versenkte. Im Herbst stoppelten wir selbstverständlich in der ersten Reihe, ungeachtet dessen, dass wir uns schon weit vor dem Kartoffelfeuer den Löwenanteil der Erdäpfel unter den Nagel rissen.
 
In unserem Keller bewies ein großer Verschlag mit Erde, nämlich unsere Mohrrübenmiete, dass der emsige Landmann auch Gemüsefelder bewirtschaftete.
 
Unser schlechtes Gewissen ihm gegenüber hielt sich in Grenzen. Die Größeren von uns arbeiteten in seinen Ställen überaus hart für ein Paar Liter Milch, selten, dass er mal eine Scheibe Speck spendierte. In seiner Gärtnerei schufteten wir für Pfennige und beim stundenlangem Blumenzwiebelstecken auf den Freiflächen erlitten unsere Kinderrücken die erste Schädigung.
 
Walderdbeeren, Wacholder, Kamille, Pfefferminze, Schafgarbe, Brennesseln, Pilze sammelten wir im Wäldchen und auf den Rieselfeldern für ein Reformhaus in der Innenstadt, dass auf unsere Kosten schnell zu einer Reformhauskette aufstieg.
 
Na, und wer empfing unsere Früchte und Kräuter und wer wog sie überaus unternehmerfreundlich und wer verdiente dadurch reichlich mit: unser Bauer.
 
Nein, wir beklauten den Mann nicht.
Wir sorgten lediglich dafür, dass sein täglicher Beschiss an uns etwas geringer ausfiel.
 
Ein Haus weiter lebten zwei alte Menschen, die Erdmanns. In ihrem Garten, so groß wie der unrige, wuchsen herrliche Obstbäume und -sträucher. Viel zu klapprig, um die Bäume selbst abzuernten, übernahmen wir es. Die Alten erhielten ihren Teil, den sie brauchten, doch ihre Ansprüche waren minimal. Und den Rest, massenweise Kirschen, Äpfel, Birnen, Johannis- und Stachelbeeren, überließen sie uns. Ein riesiger Walnußbaum und mehrere Haselnusssträucher räuberten wir alleine, denn sie konnten die Nüsse nicht mehr beißen.
 
Die alte Frau zeigte mir, wie man einweckte und Marmelade zubereitete. Als sie es selber nicht mehr schaffte, versorgte ich sie mit den nötigen Vorräten. Von ihr lernte ich, wo welches Gewürz hineingehörte, welcher Tee erfrischte oder Bauchkneifen bekämpfte und welche Früchte zu Kaltschale oder Rote Grütze passen. Sie brachte mir auf ihrer Nähmaschine das Nähen bei und als ihre Augen nicht mehr recht wollten, schenkte sie mir die Maschine, woraufhin ich selbstverständlich ihre Näharbeiten mitausführte. Wir schippten bei ihnen Schnee und der Alte erklärte uns den Umgang mit Werkzeugen, wie man eine Miete anlegt und Kartoffeln oder Zwiebeln im Winter bewahrt. Manchesmal drückten sie uns im März eine Tüte mit Kartoffeln oder Mohrrüben in die Hand, doch wir platzten fast vor Stolz, wenn wir den Alten aushelfen konnten. Diese gegenseitige Nachbarschaftshilfe bereicherte nicht nur unseren Speiseplan, sondern erleichterte sehr den Alltag.
 
Dagegen wohnten direkt neben uns und gegenüber alte Leute, die als böse beschrieben, die eigene gute Erziehung rettet. Wir Kinder litten unsagbar unter ihnen und noch nach drei Jahrzehnten ballt sich automatisch meine Hand zur Faust, wenn ich ihrer gedenke, obwohl man Verstorbenen nicht übel nachreden sollte.
 
Es stach sie regelrecht, wenn mittags die Kinderhorde geballt zu unserem Hause eilte. Ständig kreideten sie beim Jugendamt unsere ihrer Meinung nach unhaltbaren Zustände an. Eines Tages tauchte deshalb eine leicht nervöse Dame dieses Amtes passend zur Mittagszeit auf, da wir laut Aktennotiz am Hungertuche nagten. Innerhalb zweier Sekunden registrierte sie ihre gesamten Mündel und überaus reichliche Kost, denn nach dieser Zeitspanne flüchtete sie, Finger in den Ohren, vor unserer wahrhaftig nicht lautlosen Essensverteilung. Um ihrer Ruhe willen vor der Beschwerdeflut der Nachbarschaft hätte sie uns mit Sicherheit spätestens an diesem Tage ausgehoben. Anscheinend verfügte sie jedoch nicht über die nötige Anzahl von Heimplätzen und die Kosten dafür überstiegen wohl allzusehr ihr Budget.
 
Spielten wir auf der Straße und beachteten nicht gänzlich die tägliche Mittagsruhe, hetzten diese so teilnahmsvollen Anzeigenden ihren bissigen Hund panikauslösend auf uns. Da fand die besorgte Fürsorgerin nie unser Haus, auch nicht, als der Köter Piet biss und ich in letzter Verzweiflung Jan ins sichere Wohnzimmer durch die geschlossene Scheibe warf.
 
Die unentwegt zotigen Kränkungen und Beschimpfungen dieser ehrsamen Mitbürger fielen für sie unter die Rubrik: Kinder müssen Erwachsene prinzipiell respektieren und ehren.
 
Einen Donnerstag hielten jene reizende Nachbarn mal den kleinen Kumpel meiner Brüder an und warnten ihn davor, unser Haus zu betreten, da wir asoziale Penner seien. Er antwortete nichts, sah sie nur aus seinen langwimprigen Augen lange an, die Ungeheuer verstummten und er drehte ab und folgte der Kindermeute.
 
Jeden Donnerstag erschien er, nie an einem anderen Tag. Ein sehr stilles, fast schweigsames Kind. Allerdings sehr höflich. Oft genug fragte ich die anderen nach dem Zauberwort, ´Danke´ und ´Bitte´ gehörten bei ihm zum selbstverständlichen Vokabular.
 
Äußerlich wirkte er etwas eigenartig. Seine Kleidung besaßen wir, wenn überhaupt, nur als Festtagsuniform.
 
Im Sommer zwängten wir uns in die Lederbuxen, im Winter tauschten wir sie gegen die Latzjeans. Das nicht schnell schmutzende karierte Hemd schützte genauso vor Sonnenstrahlen wie vor Kälte. Logischerweise kleideten die Eltern ihre Sprößlinge ungeachtet des Geschlechtes gleich wegen der problemlosen Wiederverwendung bei den jüngeren Geschwistern.
 
Der Kleine erschien stets in Tuchhosen, blütendweißem Hemd und Blazer. Statt Holzklotschen trug er echte Lederschuhe. Es fiel mir zwar auf, doch ich maß seinem Aufzug keine Wichtigkeit bei.
 
Wesentlicher war, dass er stets nach dem Essen abtrocknete, auch wenn ich ihn nicht zum Küchendienst einteilte. Jeder wollte abspülen. Einmal gestattete ich ihm das Privileg, aber er überließ es vermutlich aus Höflichkeit meinem Bruder und ergriff das bei allen verhasste Geschirrtuch. Kurz nach dem erledigten Abwasch verabschiedete er sich stets unauffällig und wortlos. Anfänglich verwundert gewöhnten wir uns daran.
 
Nach kürzester Zeit war es eben schon immer so.
 
In den Sommerferien vermissten wir ihn, am ersten Donnerstag im neuen Schuljahr ließen sich alle Zeit, meiner Aufforderung zum Essen zu folgen. Da bog er um die Ecke, weithin am weißen Hemd erkennbar. Meine Geschwister und ihre Freunde hüpften in die Höhe, winkten ihm zu und schrieen durcheinander, er solle sich sputen, sonst sei nichts mehr übrig. Als sie ihm freudestrahlend auf die Schulter klopften und die Hände schüttelten, schrie ich ein zweites Mal, nun den Run auf das Essen entfesselnd. Natürlich plagte uns die Neugier, weshalb er so lange fern blieb und ob er in den Ferien verreist war. Er nickte kurz und wir löcherten ihn wegen Sinnlosigkeit bei seiner Mundfaulheit nicht weiter. Es schien belanglos, denn nun kehrte unser Donnerstagesser wieder pünktlich bei uns ein, nörgelte nie, trocknete ab, stellte mit mir das Geschirr weg und das genügte.
 
Der November überraschte mit einem verfrühten Kälteeinbruch. Wochenlang zeigte das Thermometer eisigste Temperaturen. Ungewöhnlich viel Schnee zwang uns vorzeitig tagelang auf die Langlaufski, um in die Schule zu gelangen, da der Bus morgens nicht mehr die Siedlung erreichte. Unsere Chaussee galt als Nebenstrecke, die an der Berliner Mauer im Nirgendwo endete. Zuerst räumte die Stadtreinigung stets die Innenstadt von den nächtlichen Schneefällen.
 
Den Samstagabend vor dem ersten Advent beseitigten Piet, Mareike, Christiane und ich noch die Schneemassen vor dem Grundstück der Erdmanns. Unser Onkel besuchte uns und Mutter setzte sich mit ihm ins Wohnzimmer. Normalerweise verzehrten wir um diese Zeit das Abendbrot in der Küche. Aber die Jüngsten mochten nicht dort allein bleiben und erhielten ausnahmsweise die Erlaubnis, im Zimmer zu speisen.
 
Ein ohrenbetäubender Knall zerriß die winterliche Stille.
 
Wir warfen die Schieber weg und flitzten zu unserem Haus. Der Onkel und Mutter standen in der Küchentür und befahlen uns, draußen zu bleiben. Natürlich folgten wir nicht.
 
Eine gewaltige Detonation hatte die Küche erschüttert. Die Fenster gab es nicht mehr, nicht einmal die Fensterrahmen. Sämtliche Möbel lagen zersplittert wahllos im Raum verstreut, teilweise auch im Garten. Einzelteile der Küchenspüle klebten an der Decke.  Der schwere Kühlschrank stand kopfüber auf dem umgestürzten eichernen Büffett. Den Küchenfußboden, Garten, sogar den angrenzenden Nachbarsgarten bedeckten unzählige Scherben. Mein Onkel rannte ersteinmal zum Haupthahn, um ihn abzudrehen, da das Wasser durch das Rohr, ursprünglich im Wasserhahn mündend, unaufhörlich in die Küche schoß. Ich hob eine Gabel auf. Sie bildete einen Kreis wie ein Armreif.
 
Die Explosion musste von unserem Zentralheizungsofen ausgegangen sein, denn an der Stelle, wo er sich einst befand, klaffte nun ein Loch, wenigstens einen Meter tief. Eigenartigerweise blieb die Küchenwand und Tür zum Flur hin unversehrt.
 
Später stellte es sich heraus, dass das Wasserausgleichsgefäß der Zentralheizung, nicht vorschriftsmäßig installiert, eingefroren war. Dadurch entstand im Heizungskessel ein Überdruck, sodass der Ofen explodierte.
 
Im Grunde genommen besaßen wir das sprichwörtliche Glück im Unglück. Denn ohne unseren Besuch, gewöhnlicherweise uns um diese Zeit in der Küche aufhaltend, wäre es fraglich gewesen, ob und wie wir das Inferno überlebt hätten. Und Freunde und Nachbarn, selbstredend nicht die Widerlinge von nebenan und gegenüber, halfen bei der Beseitigung der Schäden.
 
Das Gehalt meiner Mutter als Buchhalterin verkraftete gerade das Allernotwendigste, aber nicht ein derartiges Fiasko. Ursprünglich gedachte sie durch die Aufnahme der Pflegekinder, nicht mehr außerhäuslich zu arbeiten, um sich mehr um uns zu kümmern. Leider traf der vereinbarte Unterhalt nur für eins der Kinder regelmäßig ein. Mareike, Christiane und Heitje trugen daran jedoch keine Schuld. Sie blieben und die Haushaltskasse verzeichnete ein zunehmendes Tief.
 
Um das Desaster zu vervollständigen, krepierte unser treuer Goggo an Motorschaden. Die Anschaffung des längst überfälligen Neuwagens, natürlich gebraucht, ließ sich nicht mehr herauszögern, denn Mutter benötigte ein Fahrzeug, um pünktlich auf ihrer Arbeitsstelle zu sein. Es gelang ihr, einen funktionstüchtigen Käfer zu ergattern, aber als wir sie abends in ihrem Zimmer heulen hörten, kramten wir alle wortlos unsere bereits geschriebenen Wunschzettel hervor und steckten sie in den Kohleofen, der als Notheizung unser Zimmer beheizte.
 
Diesen Donnerstag aßen wir zwangsweise im Wohnzimmer zu Mittag. Obwohl alle Nachbarn das Geschirr abgaben, was sie entbehren konnten, löffelten einige ihre Suppe aus Tassen. Doch das war nicht der Grund, warum wir eher lustlos im Essen herumstocherten. Unser Donnerstagsgast, immer etwas blass, erbleichte noch mehr, als er von der Katastrophe hörte, die uns heimsuchte. Wir schütteten unser Herz aus. Allen war klar, dieses Jahr entfiele schlicht und ergreifend für uns Weihnachten.
 
Erledigt!
 
Nix Weihnachtsbaum!
Nix Weihnachtsmann!
Nix Weihnachtsgeschenke!
Nix Weihnachtsbraten!
Abgehakt!
 
Jan fürchtete um sein geliebtes Humpelhuhn, da Mutter unter Umständen mit einem unserer Hühner das Festessen ersetze. Ich beruhigte ihn. Einmal ließ sie zu einem Feiertag mangels Barschaft eins unserer Kaninchen schlachten und wie auf Kommando schoben sich alle gefüllten Teller in die Mitte. Laut fluchend verspürte Mutter plötzlich auch keinen Hunger mehr, die Gastkinder rührten am nächsten Tag ebenfalls nichts an und am folgenden Abend beerdigten wir die gebratene Susi feierlich. Ein von uns gebasteltes Holzkreuz aus Birkenzweigen im Tulpenbeet erinnerte Mutter nachhaltig daran, dass auch unser ständiger Kohldampf an eindeutige Grenzen stieß. Susis zunächst sinnlos erscheinender Tod gestattete uns nun die berechtigte Hoffnung, dass unseren Tieren im gesamten Übel die Rente verblieb. Wenigstens ein schwacher Trost. Doch auch für sie gäbe es diesmal keine Bescherung.
 
Die letzten Tage weinten wir soviel, dass wir nicht einmal mehr Tränen besaßen. Diesmal verließ der Junge uns nicht sofort nach dem Essen, sondern hockte schweigend mit seinen großen mitfühlenden Augen unter den langen Wimpern in dem schmalen Gesicht noch stundenlang in unserer Mitte. Erst als der Käfer meiner Mutter anknatterte und vor dem Gartenzaun laut quietschend hielt, war er urplötzlich weg.
 
Den nächsten Donnerstag zur Mittagszeit stürzte aufgeregt Frau Erdmann in die wieder benutzbare Küche. Die Alten standen häufig stundenlang an ihrem Zaun und beobachteten das Leben auf der Straße. Nicht, weil sie wie die unangenehmen alten Nachbarn sensationsheischend und neuigkeitenlüsternd täglich am Gartentor schnüffelten, um ihre Taktlosigkeit, Klatsch- und Tratschsucht zu befriedigen, sondern weil sie sich so Geselligkeit verschafften.
 
Beide schlecht zu Fuß, erstaunte es umso mehr, dass die alte Frau fast zu uns rannte. Nach Luft schnappend berichtete sie, dass ein großer schwarzer Wagen durch unsere Straße fuhr, so eine Limousine, die nur die ganz Reichen erwerben könnten.
 
Und dieses Fahrzeug entführte unseren Freund, der immer Donnerstags herkommt.
 
Alarmiert sprangen wir alle wie auf Kommando gleichzeitig hoch, rasten durch unseren Garten und kletterten über die hinteren Nachbarschaftszäune zur Hauptstraße. Damit gewannen wir in der Regel viel Zeit, da Autos einen großen Bogen durch die Siedlung fahren mussten. Doch der hohe Schnee beeinträchtigte trotz unserer Behendigkeit gewaltig und so erkannten wir gerade noch den sich schnell entfernenden schwarzen Schlitten. Bei der Geschwindigkeit scheiterte ein Hinterherlaufen bereits im Ansatz.
 
Zurück in der Küche japste die alte Dame immer noch wie ein Goldfisch auf dem Trockenen. Seppl flößte ihr erst einmal eine Tasse Tee ein.
 
Wir beratschlagten. Wieso sollte sich jemand eines kleinen Jungen bemächtigen? Vielleicht suchte der Fahrer nach einer Straße, die der Kleine ihm zeigte. Eventuell irrte er jetzt orientierungslos durch die Stadtrandsiedlung? Sofort holten wir unsere Langlaufski und Gleiter heraus, um den Vermißten zu suchen. Mit mehr oder weniger geglückten Gesten in der Hast instruierten wir Uwe, durch den Diabetes zu langsam für uns, die Stellung zu halten und falls der Junge eintreffe, solle er oben aus der Dachluke mit einem großen Stoff wedeln. Uwe wartete vergeblich und als wir unsere Suche erfolglos beendeten, war der Eintopf schon lange wieder kalt.
 
Als Mutter nach Hause kam, standen die unbenutzten Teller immer noch auf dem Küchentisch. Sie meinte, nachdem sie unseren überhastet vorgetragenen Kauderwelsch halbwegs ordnete, es sei doch das Schlauste, seine Eltern zu informieren. Wie denn der Junge hieße?
 
„Tja Piet, es ist dein Freund. Du hast ihn zu uns eingeladen. Wie heißt er denn und wo wohnt er?“ Aber Piet beteuerte, dass er ihn das erste Mal in unserer Küche sah und nicht im Geringsten etwas Genaueres über ihn sagen konnte. Auch Jan schüttelte den Kopf, Maresch zuckte die Achseln und einer nach dem anderen erklärte, dass er dachte, dass der Bub im Schlepptau eines anderen hier das erste Mal auftauchte. Niemand kannte seinen Namen oder seine Adresse.
 
Den Vorwurf meiner Mutter, ich müsse doch wissen, wer in diesem Hause verkehre, wies ich barsch zurück. Ständig schleppten meine Geschwister neue Kameraden an und die wiederum zogen wieder andere mit sich. Bei dem Durcheinander verlöre jeder den Überblick. Wer sich am Tisch niederläßt bekäme seinen Schlag Suppe und fertig. Sollte etwa jemand hungernd zugucken, während wir uns den Bauch vollschlagen? Meine Argumente überzeugten.
 
Sicherheitshalber schaute Mutter beim Polizeirevier vorbei. Dort teilte man ihr mit, dass keine Vermißtenmeldung vorlag und der Polizist grübelte umsonst, wo eine solche Luxuskarosse hingehörte. In unserem Wohnbezirk kannte man derartige Fahrzeuge nur aus Filmen.
 
Am nächsten Donnerstag blieb vorsichtshalber eine Kelle im Topf zurück. Der Junge erschien nicht.
 
Angeblich sahen aber mehrere Leute nachmittags dieses schwarze Prachtauto und Nachbarn behaupteten sogar, es hätte kurz vor unserem Grundstück gestoppt und ein Mann warf irgendetwas in unseren Briefkasten. Sowie Mutter eintraf, bestürmten wir sie, in den Briefkasten nachzugucken. Sie fischte einen weißen Umschlag heraus. In der Weihnachtskarte im Inneren des Kuverts klemmte ein Hundertmarkschein – für uns eine ungeheuere Summe Geld zur damaligen Zeit.
 
Diesmal tischte Mutter zu Weihnachten sogar eine Ente auf. Piet überlegte, ob unser Freund, den wir inzwischen auf Donnerstags getauft hatten, wohl auch so herrlich zu Weihnachten schmause. Jan erwiderte ihm, dass er vermutlich täglich ein derartiges Essen vertilge, wenn er darauf Appetit verspüre. Aber er glaube, dass wir ihn nie wiedersehen werden. Und alle Anwesenden begriffen, dass der Jüngste richtig vermutete und schnell wischten wir verstohlen unsere Augen trocken.
 
Inzwischen müsstest du Junge ungefähr vierzig Jahre alt sein. Solltest du diese Geschichte lesen, bedanke ich mich bei dir. Für das gerettete Weihnachtsfest. Jedoch mehr, dass du an unserem letzten gemeinsamen Donnerstag bei uns geblieben bist. Ich weiß noch, was auf der Weihnachtskarte stand und das wünsche ich dir heute: ein frohes Fest!
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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