Kindheit – Jugendzeit!

 

Wer die Kinder- oder Jugendzeit glorifiziert,

ist entweder ein Ignorant
 
oder
 
sollte sich das Gedächtnis
überprüfen lassen.
 
 


 
Kindheit beim Mauerbau in Berlin
 
 
Unsere Urgroßtante Litata 
ging ich früher liebend gern besuchen. 
Für uns Kinder war sie mehr als ein Star
und das nicht nur wegen Kakao und Kuchen.
 
Meine Mutter brauchte nur zu sagen: 
„Heute gehn wir wieder einmal zu ihr“.
Schon brauchte sie mich nicht mehr zu tragen,
denn dann wurde ich flink wie ein Wieseltier.
 
Litata hatte für uns immer Zeit, 
für uns´re Sorgen stets off´ne Ohren.
Die Geduld und ihre Nachsichtigkeit
hat sie selbst bei mir Wildfang nie verloren.
 
Kamen andere Tanten zu Besuch, 
versuchte ich nur schnell abzuzischen.
Gelang es nicht, griff ich das Taschentuch
und versuchte, die Spucke abzuwischen.
 
Litatas Küßchen waren nie glibbrig, 
ich strich wie eine Katze um sie rum.
Wenn sie mich dann streichelte, ganz zärtlich,
nahm ich auch ein blutendes Knie nicht mehr krumm.
 
Schlichen alte Leute dunkel daher,
war mir sehr oft vor diesen Alten bang.
Doch Litata trug fröhliche Kleider
ihr´m Wesen entsprechend mit schwungvollem Gang.
 
Und dann kam der Tag, an dem ich verstand,
nun durfte ich Litata nicht mehr sehn.
Ich wohnte in einem anderen Land.
Irgendwie verstand ich´s ohne zu verstehn.
 
Wir wohnten zwar beide hier in Berlin, 
doch plötzlich trennte uns eine Mauer.
Seitdem führte kein Weg mehr zu ihr hin.
Mutter tröstete: „das ist nicht von Dauer“.
 
Die Jahre gingen, die Jahre kamen. 
Doch ich vergaß nicht Tante Litata.
Irgendwann las ich den fremden Namen,
für kleine Kinder unaussprechbar: Lydia.
 
An diesem Tag war ich zu Haus allein 
und kramte herum in alten Sachen.
Lydia Möhring stand auf dem Totenschein.
Ich konnte mir keinen Reim darauf machen.
 
Ein Brief von meiner Tante lag dabei.
Fassungslos erkannte ich beim Lesen,
das da wäre Litatas Totenschein.
Die Tante schrieb, sie sei sehr krank gewesen.
 
Im Krankenhaus erklärte man ihr stur, 
„die“ sei eh nur zum Sterben gekommen.
Das könne sie ruhig auch auf dem Flur,
sonst hätt´sie einem das Bett weggenommen.
 
Passierscheine hatten gar keinen Zweck,
weil die Verwandtschaft nicht erst´n Grades war.
Die Behörden kümmerte es den Dreck,
was uns Kindern bedeutete Litata.
 
Ich durfte nicht einmal der Todkranken 
sagen, wie sehr ich sie gerne habe
und mich für ihre Liebe bedanken.
Vor zwei Jahren trug man sie schon zu Grabe.
 
Längst versiegt sind meine Kindertränen. 
Mit den Jahren erstickten sie in Wut.
Die läßt mich Mauern niemals verdrängen.
Für die Herrschenden ist es sicher nicht gut.
 
Wir sahen, wer diese Mauer baute, 
die uns´re Stadt teilte und zerstörte.
Wir sahen auch, wer dabei zuschaute
und uns´re Bitten eiskalt überhörte.
 
Vielen Menschen ist damals, so wie mir, 
ihre kleine heile Welt zerbrochen.
Weh Euch, die da bauten und zuschauten,
wenn sich diese Menschen zusammenrotten.
 
 
 
Gewidmet Maud Kellerhals, die meiner Urgroßtante so ähnlich ist
 
 


 
 
   Kinderleid
 
 
Weißt du Äffchen, eins will ich dir sagen,
sollten mich später einmal Kinder befragen
über Probleme und Dinge in dieser Welt,
wie ist es mit diesem oder jenem bestellt,
lach´ ich sie nicht aus und erkläre sie für dumm
und frage: warum ist wohl die Banane krumm?
 
 
Weißt du Äffchen, eins sollst du jetzt wissen,
sollten mich später einmal Kinder vermissen,
weil ich von morgens bis abends arbeiten geh´,
anstatt mit ihnen zu spielen am Baggersee,
dann überlege ich mir, was wichtiger ist,
meine Kinder oder Auto und dieser Mist.
 
 
Hör´ mal Äffchen, eins muss ich dich fragen,
könnten das später auch meine Kinder sagen?
Weil man doch mit den Jahren so manches vergisst
und kaum an´s Kindsein denkt, wenn man erwachsen ist.
Denn dann will ich lieber keine Kinder kriegen,
die auch wieder abends im Bett weinend liegen!
 
 


 
 
Berufung
 
 
Der unsozialste Beruf
 
 
aller Berufe
 
 
ist der soziale Beruf!
 
 


 
 
 
Livia
 
 
Die BZ meldete nebenbei in nur einem Satz:
Eine Drogentote im Damenclo am Hansaplatz.
Ihr Brief in der Tasche erreichte das Sozialamt nie,
wieder einmal bat sie die Behörde um Therapie.
 
„Na was soll´s, eine Fixerin weniger in Berlin.
So löst sich von allein das Problem mit der Rauschgiftszene.
Wert sind diese jungen Leute doch keinen Pfifferling.
Gammeln, prostituieren sich, drehen manch´ krummes Ding.“
 
Berlin, du hast deine eigenen Kinder verraten.
Du schweigst, wenn sie auf dem Schulhof an Drogen geraten,
siehst nicht die „anständigen Bürger“ auf dem Babystrich,
lässt eiskalt die um Hilfe schreienden Kinder im Stich.
 
Berlin! Dein Dreck, deine Enge, deine Kälte, dein Gestank, 
deine Betonklötze – dass macht unsere Kinder krank.
Nichts kosten, nicht stören, kein Platz – da bleiben nur Drogen.
Und dann folgt der Knast statt Hilfe. Mann, seid ihr verlogen.
 
Eine Zeile in der Zeitung reicht für die Fixerbraut?
Wer hat in ihre erstaunten Kinderaugen geschaut?
 
 
Berlin, ist nicht bald mit deiner Kinderfeindlichkeit Schluss,           
dann setzt du dir selber unbemerkt den goldenen Schuss.
 
 
 
In Liebe meinen Freunden, Klassenkameraden und Peter, die starben, bevor sie richtig leben konnten, Berlin 1978
 
 


 
 
 
Lebenslauf
 
 
Damit´s fixer geht, schmeißt man sie an den Wehentropf.
Schnelle, schnelle!
Doppelt so lang wird durch die Saugmaschine sein Kopf.
Schnelle, schnelle!
Plop – er ist heut schon der Dritte – 
herausspaziert – der Nächste bitte!
Schnelle, schnelle, schnelle!
 
Kaum hast du den ersten Schrei getan, heißt es lernen.
Schnelle, schnelle!
Denn es soll mal aus dir´ was Vernünftiges werden.
Schnelle, schnelle!
Erster Schultag, alle Ehre,
beherrschst du schon die Mengenlehre.
Schnelle, schnelle, schnelle!
 
Jetzt kommt´s d´rauf an, nun musst du fleißig pauken, streben.
Schnelle, schnelle!
Sonst hättest du keine Chance im späteren Leben.
Schnelle, schnelle!
Mit Mitschülern konkurrieren
und bei den Lehrern kräftig schmieren.
Schnelle, schnelle, schnelle!
 
Nach der Schulzeit heißt´s ohne Weile ´ranzuklotzen.
Schnelle, schnelle!
schleunigst Geld verdienen, schließlich will jeder protzen.
Schnelle, schnelle!
Waschmaschine, Kühlgerät,
kriegst du´s nicht als erster, ist´s zu spät.
Schnelle, schnelle, schnelle!
 
Und macht deine Frau wegen der Hektik mit dir Schluss..
Schnelle, schnelle!
Geh´nie zu spät zur Nutte, sonst reicht´s nur für einen Kuss.
Schnelle, schnelle!
Denke vor allem immer d´ran,
wieviel Zeit dich Liebe kosten kann.
Schnelle, schnelle, schnelle!
 
Hoffentlich weißt du, kommst du als Greis dahergelaufen,
schnelle, schnelle!
Es geht flinker, wenn sich die Leute zu Tode saufen.
Schnelle, schnelle!
Hier des Krematoriums Bitte:
mach fix – du bist heut erst der Dritte!
Schnelle, schnelle, schnelle!
 
 


 
 
 
Mein Kind weiß, dass es ein Down-Syndrom hat, weil man es ihm ständig sagt. Es weiß, dass es behindert ist, weil es ständig behindert wird. Ansonsten wäre seine Kinderwelt ziemlich in Ordnung. Es ist eben für ein Kind nicht leicht, dämliche Erwachsene ständig darüber aufklären zu müssen, dass man ein Kind mit Behinderung ist und nicht ein behindertes Kind. 
 
 
 
Mein Kind ist ein Kind
 
 
Mein Kind ist ein Kind. 
Es spielt mit dem Wind.
Es lacht heller als die Sterne
und liebkost den Mond in der Ferne.
 
Viele sagen: „ach ihr Kind ist krank“.
Nein, ist es nicht, dem Himmel sei Dank.
Es ist fröhlich und völlig gesund.
Zur Sorge besteht also gar kein Grund.
 
Mein Kind ist ein Kind. 
Es spielt mit dem Wind.
Es lacht heller als die Sterne
und liebkost den Mond in der Ferne.
 
„Ach, mit so einem ist es doch schwer!“
„So einem“ trauert darüber sehr,
dass man vor ihm ständig Mauern baut,
wo es so gerne in die Weite schaut.
 
Mein Kind ist ein Kind. 
Es spielt mit dem Wind.
Es lacht heller als die Sterne
und liebkost den Mond in der Ferne.
 
„Es wird nie etwas aus sich machen.“
Doch! Es kann schon darüber lachen,
dass Euch die Normen wichtiger sind,
als ein unbeschwertes, glückliches Kind.
 
Mein Kind ist ein Kind.
Es zeigt mir den Wind.
Es singt mir das Lied der Sterne
und holt mir den Mond aus der Ferne.
 
 


 
 
Ein Kindheitstraum
 
 
In meiner Kindheit hatte ich einen seltsamen Traum. 
Mädchen und Jungen saßen unter einem großen Baum. 
In einem bunten Kostüm stand ich vor ihnen allein, 
schnitt Grimassen, schlug Purzelbäume, tanzte auf einem Bein. 
 
 
Zugleich knurrte mein Magen, vor Hunger war mir ganz schlecht. 
Das dünne Kostümchen war des eisigen Windes Knecht. 
Unter´m gestopften Strumpf bekam mein Fuß eine Blase. 
Die Ohren schmerzten durch das Gummiband der roten Nase. 
 
 
Doch ich lachte und lachte, riss weiter Kapriolen. 
Lachend, ganz beiläufig, ging ich schließlich den Hut holen, 
reichte ihn herum, Geld für´s nächste Essen zu sammeln. 
Die Schminke verdeckte meine Scham beim ´Dankeschön´ stammeln. 
 
 
Vorbei sind die Träume. Heute stehe ich im Leben – 
mithaltend – anerkannt – niemals eine Blöße geben – 
Traumwohnung, schickes Auto, Topkleidung, ferne Reisen. 
Ich hab´s geschafft. Bin jemand! Gern geseh´n in allen Kreisen! 
 
 
Gerade sagt meine Kollegin: „Na – sie Frohnatur,
stets freundlich, gutgelaunt, höflich – wie machen sie das nur?
Sie sind immer gut gekleidet, dezent geschminkt, gepflegt
und jederzeit zu einem Witz oder Späßchen aufgelegt.“
 
 
Die and´ren Kollegen pflichten ihr bei – ich muss lachen – 
und denk´, vielleicht kann ich heute Überstunden machen. 
Sonst müsste ich den Chef noch einmal um Vorschuss bitten, 
habe gestern trotz Schwarzarbeit wieder Kohldampf gelitten. 
 
 
Noch lachend erblicke ich vor´m Fenster den alten Baum
und erinnere mich plötzlich an meinen Kindheitstraum,
mit blutendem Fuß im gestopftem Strumpf im schicken Schuh.
Gottlob sieht es keiner – und meine Scham deckt die Schminke zu.
 
 
Hätte ich gelernt, beizeiten den Kinderaugen zu trau´n,
wäre ich heute vermutlich nicht dieser traurige Clown.
 
 
 
 
 
 
Gewidmet meiner Freundin Doris Reimann
 
 


 
 

Zum Muttertag 1964

 
Liebe Mama!
 
Heute brauchst Du nicht abwaschen.
 
 
 
Der Abwasch kann schließlich auch bis morgen warten.

 
 
Zum Muttertag 1974
 
 
Liebe Mama!
 
Heute darfst du ausschlafen.
 
 
 
Vor 12°° Uhr kriegst Du uns sowieso nicht aus dem Bett.
 
 

 
Zum Muttertag 1984
 
 
Liebe Mama!
 
Heute brauchst Du nicht abwaschen.
 
 
 
Kauf´ Dir eine Geschirrspülmaschine. So teuer sind die doch gar nicht.
 
 
 
Zum Muttertag 1994
 
 
Liebe Mama!
 
Heute brauchst Du nicht kochen.
 
 
 
Du darfst uns auch zum Essen in ein Restaurant einladen.

 
 
Zum Muttertag 2004
 
 
Liebe Mama!
 
Heute brauche ich nichts im Haushalt tun.
 
 
Ich besuche dich ganz einfach mit Deinen Enkeln.
 
 


 
 
Ein Trost für alle genervten Mütter:
 
Nur doofe Kinder sind brav.
 
 
 
Schadenfreude: Schon meine Mutter klagte darüber,
 
dass ihre Kinder allzu intelligent seien.
 


 
 
Kindergeld?
 
Bekomme ich nicht. Für meine Kinder bekomme ich
 
Schmerzensgeld.
 
 
 
 
Immerhin - dafür sind sie nicht doof.
 
 


 
 
Von meiner Mutter an ihre Tochter
 
„Das Schöne an Kindern ist,
 
dass sie irgendwann erwachsen werden.“
 
 
Von meiner Mutters Tochter an ihre Mutter
 
„Das Unangenehme an Müttern ist,
 
dass man bei Ihnen nie erwachsen wird.“
 
 
(Allerdings ist es auch nicht von Vorteil, wenn man blitzartig erwachsen ist, weil ein Elternteil keine Lust hat, Unterhalt abzudrücken.)
 
 


 
 
 
Am Ende des Krieges in Vietnam starteten die Amerikaner eine „Kinderrettungsaktion“. Hunderte Kinder wurden verschleppt, ein Flugzeug stürzte ab. Die Insassen starben. Dieses Lied, nach der Melodie „Ich bin auch in Ravenna gewesen“, bildete einen winzigkleinen Teil des weltweiten Protestes gegen das damalige Verbrechen an den Schwächsten.
 
 
Kinderluftbrücke
 
 
Kleine Soon, du schreist oft laut im Schlaf.
Träumst, wie Napalm deine Mama traf.
Napalm made in America tötete dir deine Ma.
 
Soldaten schossen Pa in den Rücken.
Seitdem geht er nur noch an Krücken.
Soldaten aus America verkrüppelten dir deinen Pa.
 
Eine Bombe flog auf euer Haus,
machte einen Trümmerhaufen draus.
Die Bombe kam aus Amerika, raubte dir deine Heimat.
 
Traurig hat Pa dich ins Kinderheim gebracht,
damit du ein Dach hast für die Nacht.
Dort rettete dich Ford und Co vor deinem Pa. You´d like to be in Amerika.
 
 


 

Bedauerlicherweise beruht der Text auf Tatsachen als eine Art Weihnachtsüberraschung der Politiker an ein Berliner Kind. Einen Tag, nachdem der Skandal bekannt wurde, protestierte die `Hexenchaoscombo` sangesstark mit diesem „Weihnachtslied“ auf Berlins Straßen gegen die drohende Abschiebehaft und Ausweisung des Mädchens. (1983)

 

 

Vom Himmel hoch

 
Vom  Himmel hoch, da komme ich her,
ich muß euch sag´n, es ärgert mich sehr,
seh´ ich eure blondgelockten Engelein.
Warum sollten Engel nicht schwarzhaarig sein?
 
In Deutschland wurd´ ein Mädchen geborn,
sie hat dieses Land nicht selbst erkorn.
Sie wuchs und lebte sich trotzdem ein,
als Türkin blieb jede Freude klein.
 
Angstvoll betet sie zu ihrem Gott:
„Führ mich nicht in noch größere Not.
Die Heimat habe ich nie gesehn
und kann die Sprache auch nicht verstehn.
 
Zwar hab´ ich Verwandte in Berlin,
doch soll ich jetzt in die Türkei ziehn.
Der Vater tot, die Mutter vermißt.
Was soll ich dort, wo es nur fremd ist?
 
Wie du auch heißt, Gott oder Allah –
ich bin doch gerade erst zehn Jahr –
erbarme für mich die hohen Herrn –
daß sie mich nicht in Abschieb´haft sperrn.“
 
Vom  Himmel hoch, da komme ich her,
ich muß euch sag´ n, es ärgert mich sehr,
seh´ ich eure blondgelockten Engelein.
Warum sollten Engel nicht schwarzhaarig sein?
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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