Zu diesem Theaterstück
 
Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre herrschte in Westberlin eine verhehrende Wohnungsnot. Gleichzeitig standen gut erhaltene Altbauhäuser massenweise leer und wurden als Spekulationsobjekte vorsätzlich dem Verfall preisgegeben. Besonders die Alten und die Jungen litten erheblich unter der Wohnungsmisere. Die Alten, weil man sie einfach wegsanierte, in dem man sie in Altersheime abschob, die Jungen, weil sie kaum die Möglichkeit hatten, an bezahlbaren Wohnraum zu gelangen. Dazu kam die Angst, dass gewachsene Kieze ihr Gesicht verlieren durch die Neubauten, dass man mit dem Verlust der guten Altbausubstanz ein Stück Heimat verliert.
 
Der Berliner Senat erwies sich als Handlanger der Immobilienhaie, bis schließlich die soziale Bombe platzte. Leerstehende Häuser wurden besetzt, die der Senat durch die Polizei teilweise ausgesprochen gewalttätig räumen ließ. Wer Gewalt sät, erntet Gewalt und Berlin erlebte in der Folge des Häuserkampfes kriegsähnliche Auseinandersetzungen, angeheizt durch die Boulevardblätter der Springerpresse.
 
Höhepunkt der Krawalle war der Auftritt des damaligen Innensenators, als er sich auf dem Balkon eines der geräumten Häuser in Siegerpose zeigte. Bei dem folgenden Polizeieinsatz hetzten Polizeibeamte die Demonstranten vor dem Haus auf eine verkehrsmäßig stark frequentierte Kreuzung in die fahrenden Autos. Dabei verlor ein Jugendlicher sein Leben.
 
Als Patin eines geräumten Hauses saß ich häufig abends bei „meinen Besetzern“, die tagelang an der Stelle eine Mahnwache hielten, an der der junge Mann ums Leben kam und unterhielt mich mit ihnen, um ihnen meine Solidarität zu bekunden, aber auch auf sie einzuwirken, nicht weiter an der Gewaltspirale zu drehen. Die Mächtigen und die Blöden der Stadt warteten förmlich nur darauf, einen Vorwand geliefert zu bekommen, um radikal, anscheinend gerechtfertigt, Berlins Jugend insgesamt zu kriminalisieren. Viele der jungen Leute fragten mich, wenn ich ihnen erklärte, dass Steine nicht unbedingt ein überzeugendes Argument seien, was ich denn tue, wie ich mich im Rahmen der Gesetze gegen die verfehlte Politik wehre?
 
Tja – eine gute Frage! Diese Frage nagte fleißig, denn ich konnte sie nicht beantworten. Denn eins musste ich zugeben: Bevor in Kreuzberg die ersten Steine flogen, berichtete kein Mensch in den Medien über die skandalösen Zustände auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Wie also stelle ich mit legalen Mitteln eine Öffentlichkeit her?
 
Schließlich tippte ich in wenigen Tagen „N kleenet bißken Freiheid“ auf meine altersschwache Schreibmaschine und trommelte Leute für das Theaterstück zusammen. Schnell bemerkten wir, dass wir nicht genügend geeignete Herren für das Stück gewinnen konnten: Entweder sie berlinerten, dann waren es Leisetreter, oder sie traten ausreichend poltrig auf, dann berlinerten sie nicht. Es entstand also mehr aus Versehen eine reine Frauentheatergruppe, die mit dem Stück allerdings unerwartete Erfolge feierte.
 
Die Uraufführung fand im Januar 1982 im Kuckuk statt, erklärte Lieblingsbühne wurde das Flöz, den großen Schock erlitten wir im Quartier Latin, als uns im Rahmen einer Veranstaltung der freien Theatergruppen andere (professionelle) Schauspieler austricksten und wir plötzlich ungeplant vor mehr als dreitausend Zuschauern auftraten. Die netten Kollegen versäumten nicht, unseren Umkleideraum zu überwachen und uns zur Bühne zu geleiten, damit wir nicht stiften gehen.
 
Wir spielten in Kirchen, Altersheimen, Jugendzentren, Mietervereinen, besetzten Häusern, auf Straßen, sogar bis nach Innsbruck verschlug es uns einmal. Trotz unseres Dialektes verstanden uns die Österreicher bestens und lachten an den gleichen Stellen wie das Berliner Publikum. So tingelten wir mehr als ein Jahr mit  „N kleenet bißken Freiheid“ herum.
 
In der ursprünglichen Fassung leiteten Gedichte von Erich Kästner die einzelnen Szenen ein, die ich hier natürlich weglasse aufgrund von eventuellen Urheberrechten. Seine Gedichte passten jedoch wie die sprichwörtliche Faust auf´s Auge zu meinem Theaterstück. Ich bedauere es sehr, auf die Gedichte des großen Mannes der deutschen Literatur verzichten zu müssen.
 
Um den Schwung des Stückes zu behalten, also keine Leerzeiten für die Zuschauer zwischen den Szenen zu schaffen und die Zeit für den Kulissenwechsel zu wahren, blieb mir nichts anderes übrig, schweren Herzens mit meinen, im Vergleich zu seinen stümperhaften Gedichten die Lücken zu füllen. Der Text der Szenen blieb unangetastet, obwohl ich heute Einiges anders schreiben würde.
 
 

Berliner Theaterstück in zwei Aufzügen

 
 
Personen:
 
Christian (ein arbeitsloser Jugendlicher)
Erwin (Christians Vater)
Gertrud (Christians Mutter)
Tina (Christians Freundin)
Erzähler
Kommentator
Mindestens fünf Polizisten, besser mehr
 
Wohnzimmer der Eltern:
 
Tisch mit bestickter Tischdecke ( notfalls gehäkelt oder bedruckt ), Stühle, Blumentopf mit einem Gummibaum ( muss unbedingt sein), an der Wand das Bild mit dem röhrenden Hirschen ( was sonst )
 
Im besetzten Haus:
 
Matratzen zum Liegen und Sitzen, Blumentopf mit einer Palme ( muss unbedingt sein), an der Wand ein Poster von Che Guevara, rechts und links daneben ein groß angepinseltes Frauen- und Anarchozeichen
 
 
 
 

1. Aufzug, 1. Bild: "Vorwort"

 

(Kommentator betritt die Bühne, setzt sich an einen Tisch und liest eine Erklärung vor.)

 
Kommentator: 
 
Bevor wa mit det Stück bejinnen, will ick euch erst wat dazu sajen.
 
Wir sind ne Jruppe von zehn Frauen. Mit Theata hattn wa bis jetzt soville zu tun, wie ihr wahrscheinlich och. Wir jingen ab un zu in eene Vorstellung, kiekten se uns an un staunten, wie dit da uff de Bühne allet klappt. Keena vaquasselt sich, keena vapennt seenen Ufftritt; kurzum – wir bewundaten de Theatafritzen un hattn richtich Ehrfurcht ( besondas vor de Eintrittspreise ). Hätte uns früha eena jesacht, dat macht da och mal, hätten wa dem sichalich den Autofahrajruß jezeicht.
 
Un denn kam dit Jahr 1981 – dit Jahr der Wunda.
 
Un wa ham uns jewundat – ausjiebichst!
 
In de Knobelsdorffastraße ham nach de Räumung Bauarbeeta völlich intakte Doppelfensta rausjerissen un uff de Straße jeschmissen. Da ham wa uns jewundat.
 
De Pollezisten ham beem raustrajen von friedliche Besetza un Paten im leeren Treppenhaus schnell ma den Eenen n Arm ausjekugelt, n Andan uff de Treppe falln oda mit n Kopp an de Klotür uffticken jelassen.  Da ham wa uns jewundat. 
 
Dat nich imma die Recht kriejen, die Recht ham, det wussten wa schon. Aba dat einije Pollezisten ohne Anlass jewalttätich wern un mit Uniformanziehn ihr Jewissen ablejen, det war uns neu. Da ham wa uns jewundat.
 
Un denn sin Härr Lumma un Härr Springa jekomm un ham von Kaputtbesetza jefaselt. Als ob die in sone Situation noch abjewaschen oda ihre Möbel im Haus jelassen hätten. Nach de Räumung wär de Plunda sowieso uff m Jehsteich jelandet. Oda dit se sich nich vorstelln könn, det bei soville Leute, wie in de Häusa zur Räumung warn, n blßken mehr Dreck anfällt als bei eene dreiköppje Famille inna Zweezimmawohnung. Da ham wa uns jewundat.
 
Uff de Straße ham dreißichtausend Demonstranten jesessen un jesungen. Tränenjas wurde in de sitzende Menschen jeworfen un rinjeknüppelt. Da – ham wa uns nich mehr jewundat, dat nu paar Hitzköppe Steine schmissen.
 
Im Jrunde wundaten wa uns jarnich mehr.
 
Wir hattn nur noch Angst, selba hitzköppich zu wern un och nach ne Klamotte zu greifn. Det passt nich zu uns, det wolln wa nich un dit könn wa nich! 
 
1. Könn wa nich zielen.
2. Würn wa Angst ham, aus Vasehen n Menschen zu treffn.
3. Jibts vielleich noch bessre politische Arjumente.
4. Ham wa Schiss vor de Konsequenzen, wenn se uns dabei awischen.
 
Andrarseets könn wa och nich ewich so hilflos zukieken.
 
Denn sin och imma stärka de Stimmen unsrar – ach – so anständjen Mitbürja an unsa Ohr jedrungn. Die schrien mal wieda – lauthals – nach Arbeetslaja, KZ, Jaskamma un ham jedroht, wennse n Chaoten awischen, würn se den eijenhändich umbringn. Dit war schon interessant, so waschecht vamittelt zu kriejen, wat '33 hier los war un wieviel potentielle Mörda in diese Stadt frei rumloofen. Anjesichts von diese Tatsachen ham wa denn jewusst, wat für uns zu tun is un ham vajessen, det ma für de Schauspielerei jeborn sein muss.
 
Jut – wir sin nich pafekt, machn nich son dollet Theata wie unsre Profikollejen. Wolln wa och jarnich. Wir meenen man bloß, dit diese Jujendbewejung de bessren Ansichten hat. Un die wolln wa vamitteln.
 
Propajanda – sacht a?
 
Klar!
 
Aba wenn a Springa un seene Enten tachtächlich atrajen könnt, un dat, obwohl dit son mörderischet Klima in unsa Stadt jeschaffen hat, denn haltet a unsre Propajanda det eene Mal och aus.
 
Eijentlich wär dat allet, wat ick zu sajen hätte.
 
Bis uff det eene: dat de Springablättchen irrn. Wenn se behaupten, dit nur westdeutsche Chaoten fürn Handjeld von de DDR wat jejen de vafehlte Wohnungspolitik machn, is diese Behauptung ne Beleidijung un Frechheit.
 
1. Sin wir Balina Chaoten, daruff lejen wa janz jroßen Wert. Schließlich sin sieme von uns in diese Stadt jeborn un uffjewachsen un dreie lebn schon jahrelang hier, uff jeden Fall länga wie de Großteil det Balina Senatet.
 
2. Vabitten wa uns de Bezeichnung als abeetscheuet Jesindel. Wir sin eene Drojistin, eene Frisösin, eene Jastwirtin, eene Altenpflejerin, eene Schülerin, eene Lehrerin un det übrije Krankenschwestan.
 
3. Wolln wa feststelln, dat Balin ohnet Nachwuchs aus Westdeutschland een großet Altasheim wär, wo sich de Alten alleene vasorjen könnten.
 
4. Wern anjeworbne westdeutsche Abeetskräfte nich druff hinjewiesen, dit se nach Balin ihr Zelt oda Campingwajen mitnehm müssn, wennse n Dach übam Kopp ham wolln, weil nur de westdeutschen Rejierungsheinis gleich ne Bude kriejen.
 
5. Wolln wa von Härrn Springa wissen, ob wirklich nur de Westdeutschen Chaoten det Handjeld bis zu 700.– Märkachens von de DDR kriejen. Dit wär uns jejenüba ja unjerecht.
 
6. Würde uns außadem interessieren, ob de Betrach in Ost- oda Westwährung ausjezahlt wird, wo wa uns den abholn könn un ob Härr Springa im Noffall für de DDR einspringen tut, wenn die doch nich zahlen sollten?
 
Un noch wat: Wir sin sowat wie Lokalpatrioten, det heißt, wa liebn trotzallet unse Stadt un könn uns nich vorstelln, woandas zu lebn. Darum sajen wa jeden den Kampf an, welcher unse Stadt vahetzt, kaputt besitzt oda kaputt machn will.
 
Det wär allet! Nu hab ick se jenuch volljequatscht un jib de Bühne für det kleene Familiendrama frei.
 
Wie wärt denn mit m bißken Vorschussapplaus, hilft vielleich übat Lampenfieba hinwech.
 
1. Aufzug, 2. Bild: Die kleine Freiheit
 
(Der Erzähler erscheint jedesmal vor dem noch geschlossenen Vorhang in schwarzer Hose, schwarzem Frack und Zylinder, das Gesicht weiß geschminkt, Augen und Mund schwarz. Am Ende des Gedichtes, wenn er die Bühne verlässt, öffnet sich langsam der Vorhang und gibt den Blick auf die Bühne mit dem jeweiligen Bühnenbild frei.)
 
 
Erzähler:
 
Die kleine Freiheit
 
„Die große Freiheit“ gibt´s nur auf der Reeperbahn
nachts um halb eins mit viel Charme und wenig Scham.
Pardon! Ist das die Freiheit, die wir meinen?
Lüsternd Fleischbeschau betreiben,
Schnaps und Bier sich einverleiben.
Schnell! Holt den Champagner für die Maiden,
Stimmung, Musik und flugs entkleiden.
Morgens vor dem Tageslicht erbleichen,
mit vernebelten Gehirn nach Hause schleichen.
„Die große Freiheit“ – der Deutschen liebstes Spiel,
die große Freiheit ist heute abend nicht unser Ziel.
 
Freiheit, weil wir diese Zigarette rauchen
und nicht die Konkurrenzglimmstengel schmauchen.
Pardon! Ist das die Freiheit, die wir meinen?
Mit Geld und Gesundheit prassen,
mächtig mal die Sau rauslassen
und in den Süden ziehen in Scharen
und unter fremder Sonne garen.
Mit flotten Autos herumzurasen
um langsam sinnlos die Natur zu vergasen.
Auch die Freiheit – die die Werbung suggeriert,
auch diese Freiheit wird heute abend nicht diskutiert.
 
Die Freiheit, von der wir sprechen, trifft man selten,
wo Recht und Mitgefühl kaum etwas gelten.
Pardon! Denn die Freiheit, die wir hier meinen
erlaubt selbstständiges Denken,
lässt nicht einfach Große lenken.
Wir sind nicht bereit, alles zu fressen,
hinterfragen die Interessen,
stimmen auch mal sehr lautstark dagegen
und wollen in diesem Land etwas bewegen.
Die Freiheit – Demokratie wahrhaftig zu leben,
blieb stets in Deutschland klein – die kleine Freiheit eben.
 
Die kleine Freiheit!
Müssten wir nicht nach Größ´rem streben?
Na ja!
Besser kleine Freiheit als keine – 
als gänzlich aufzugeben.
 
 
 
1. Aufzug, 3. Bild: Im Wohnzimmer der Eltern
 
 
( Erwin sitzt am Tisch und liest BZ. Christian kommt, einen Gruß murmelnd, mit einem Asterixheft in der Hand ins Zimmer und lässt sich in den freien Stuhl fallen. Erwin antwortet auf den Gruß mit einem strafenden Blick auf seine Armbanduhr. Christian blättert lustlos im Asterixheft und fängt dann ebenfalls an zu lesen. Gertrud betritt mit Tellern das Zimmer und beginnt, den Tisch einzudecken. )
 
Gertrud
 
Warste heut beim Arbeitsamt?
 
Christian
 
Ja!
 
Gertrud
 
Na und?
 
Christian
 
Wat, na und?
 
Gertrud
 
Na, wat is los? Hamse dir wat vamittelt?
 
Christian
 
Klar – ne Lährstelle als Fleescha!
 
Gertrud
 
Un wann sollste dir vorstelln komm´n?
 
Christian
 
Ick stell mir da nich vor!
 
( Erwin läßt die BZ sinken )
 
Erwin
 
Wieso denn nich? Biste wahnsinnich? Die bieten dir ne Lährstelle an un du willst dir nich bewerben?
 
Christian
 
Mensch, ick will Autoschlossa wern un nich Fleescha. Wat soll ick denn da?
 
( Gertrud geht in die Küche zurück )
 
Erwin
 
Dit is ja wohl ejal, wat de wern willst. Wichtich is wat de krichst.
 
Christian
 
Mensch Vadda, det is jarnich ejal, wat ick lerne. Für mir nich! Un Fleescha schon jarnich!
 
Erwin
 
So! Der Herr Sohn stellt och noch Ansprüche! Jetzt werd ick dir mal wat sajen.  Bei deine Zeuchnissen haste jar keene Ansprüche zu stelln. Außadem wirds Zeit, dat de mal wat nach Hause bringst. Seid eenem Jahr lungaste hier rum. Von dit, wat de schwarz vadienst, kannste och nischt abjeben. Schämste dir nich, deine ollen Eltan imma uff de Taschen zu liejen? So jeht det nich weita. Un wenn die hier modanisiern, kriejen wa sone Miete, da musste mit ran.
 
Christian
 
Warum lässte denn zu, dat se de Wohnung modanisiern? Ick denk, du wolltest nie ne Zentralheizung, weil dir de trockne Luft uff de Bronchen kloppt. Bad ham wa selba einjebaut.
 
( Gertrud kommt mit Bestecks ins Zimmer zurück ) 
 
Gertrud
 
Christjan, wir müssen doch. Wir wolln doch hier wohn bleim.
 
Christian
 
Die unta uns weijarn sich ja och jejen de Modanisierung. Fracht se doch mal, wat se vorham. Vielleich kann man – vielleich kann man wat jemeinsam dajejen machn.
 
Erwin
 
Bist wohl total übajeschnappt. Wat jemeinsam mit diese linke Penna un Spinna  tun? Solltest maI zum Tischla jehn, damita dir de Holzwürma ausm Kopp kloppt.
 
Christian
 
Kannste mir erklärn, wieso det Penna un Spinna sin? Stand wohl inne BZ, wa?
 
Erwin
 
Nu wer mal nich unsachlich, Bürschchen. Wat hatn dit mit de BZ zu tun?
 
( Gertrud verlässt kopfschüttelnd das Zimmer )
 
Erwin
 
Außadem hab ick dir schon zich mal varboten, mit denen zu quatschen.
 
Christian
 
Du hast ma jarnischt zu vabieten.
 
Erwin
 
Solange du deene Beene unta meenen Tisch streckst ..........
 
Christian
 
Jetzt hör aba uff. Ick kanns nich mehr hörn. Ick such ma ne eijene Bude.
 
Erwin
 
Hah – Andre suchen Jahre eene. Un mit wat denn? Bist nischt, kannst nischt, wirst nischt, hast nischt. Aba sone Ansprüche! Wie willste denn Miete zahln? Mit Murmeln?
 
( Gertrud kam gerade ins Zimmer, um Gläser auf den Tisch zu stellen )
 
Gertrud
 
Hört doch uff zu streiten!
 
Erwin
 
Ach wat! Der Bengel soll mit seene Träume uffhörn. Will sich ne Bude nehm.
 
( Zu Christian )
 
Det is nu mal so: von nischt kommt nischt. Un die paar Mäuse, die de beim Prospektevateiln vadienst, reichn für keene Miete.
 
( Hilflos geht Gertrud zurück in die Küche )
 
Christian
 
Ick jeh nich mehr zum Sklavenschinda.
 
Erwin
 
Weshalb nich? Da haste wenichstens etwat vadient. Hättste dir anjestrengt, hätten die vielleich wat festet für dir jehabt.
 
Christian
 
Ick hab ma anjestrengt. Oda gloobste, det isn Zuckaschleckn, stundnlang treppuff, treppab mit de schwere Zetteltasche? Janzen Tach untawechs? Pfoten uffjerissen anne scharfen Postdinga? Die nutzen dit doch voll aus, det so ville in de Scheiße sitzn. Hamse doch jarnich nötich, feste Arbeetsvaträje. Ohne Jesetze, ohne Abjabn, Vollzeitjob für die paar Krötn - billja kriejen se det nie wieda.
 
Erwin
 
Hättste ja nich machen brochen. Such dir wat vanünftjet uff Papiere.
 
Christian
 
Äh Vadda – biste so oda kannste nich andas. Wenn ick det mache, fehl ick in de Arbeetslosenrate. Denn machen de Brüda uffm Arbeetsamt keenen Finga mehr krumm für meene Lährstelle.
 
Erwin
 
Wat willste denn machen? Klauen jehn, wa?
 
Christian
 
Nee, ick hol ma Stütze.
 
Erwin
 
Wat haste jesacht?
 
Christian
 
Ick jeh zum Sozi. Ick hab n Recht uff Ausbildung. Für ausreichende Ausbildungsstellen fehlt det Jeld, – da hat da Staat keens. Um de staatlichen Mietskasärnen  bezahlbar zu machn, fehlt det Jeld – da hat da Staat keens. Kiek doch mal de Oma an. Als se die wechsaniert ham. Einjejangn, wie ne Primel ohnet Wassa.
 
Erwin
 
Dote soll man in Ruhe lassn.
 
Christian
 
Aba det muß doch mal jesacht wern. Wieso isse denn krepiert? Weil se se festjebundn ham in ihre Privatklitsche. Wieso jibts nich jenuch staatliche Altasheimplätze? Warum könn sich n paar an de Alten bereichan? Fehlt det Jeld – da hat da Staat keens. Und wieso hamse de Oma festjebundn? Weil se imma stiften jejangn is. Un wieso isse stiften jejangn? Weil se in ihrn Kiez wollte, wo se allet  kennt. Alten Boom vapflanzt man nich, haste selba jesacht. Det war doch glatta Mord! Warum jabs denn in ihrn Kiez keen Altasheim? Fehlt det Jeld – da hat da Staat keens. Aba für de Rüstung! Da hat da Staat Jeld. Ick will keenen Kriech -  ick broch keene Rüstung! Un wat war mit dem Sauhund Jarski? Och – da hatte da Staat Jeld! Wat der Kerl abjestaubt hat, krieje ick sowieso nie. Un nu nenn mir eenen Grund, wieso icke keene Stütze holen soll, wenn mir diese Volksvatretung laufend so vararscht?
 
Erwin
 
Hast ja wohl ne Macke! Wir sin doch keene Asoziale, dat der Sohnepipel zum Sozi rennt. Außadem holnse bei mir de Stütze wieda.
 
Christian
 
Möchste jerne! Keena holt! Wenn dit so weitajeht, biste nämlich bald arbeetslos.  Denn lebste selba von de Stütze.
 
Erwin
 
Da hat de Jewerkschaft noch n Wörtchen mitzuredn.
 
Christian
 
Jewerkschaft? Jewerkschaft? Nachtijall, ick hör dir trapsen! Dat Haus hier jehört de Neue Heimat. Un wer is det? Wem jehört se? Un wat machen se hier? Jewerkschaft? Jarnischt wern se. Stempeln wirste jehn. Un wenn de denkst, dat de n Job krichst – nee Alta - is nich mehr. Irjendwann setzn se dir uff Frührente.  Dann kannste jeden Tach deene Urkunde von de Firma für dreißich Jahre Mitarbeet anstaunen. Zeit jenuch haste dann. Anbeten kannste se. Oda dir n Arsch mit abputzen un kieken, ob det Papier dafür wenichstens taucht. Un de Bude kannste denn och vajessen. Kannst ja denn in de Mau-Mau-Siedlung ziehn oda dir im Altasheim festbindn lassn.
 
( Erwin, der während der Rede seines Sohnes nur noch um Atem ringt, schreit nun los, woraufhin Gertrud, aufgeschreckt vom Lärm, ins Zimmer geeilt kommt, Topflappen noch in der Hand )
 
Erwin
 
Wärd nich unvaschämt!
 
Christian
 
Ick bin nich unvaschämt. Mir hamse de Träume in de Wieje jeklaut. Meen Lebn lass ick mir nich och noch klaun. Ick steich aus!
 
( Christian springt auf, will wegrennen, wird jedoch am Ärmel seiner Jacke von Erwin festgehalten )
 
Erwin
 
Wat solln det heißen? 
 
Gertrud
 
Wo willste denn jetzt noch hin?
 
Christian
 
Wech, ick kann Vadda nich mehr hörn!
 
Erwin
 
Wo de hin willst, du Lümmel, hab ick dir jefracht?
 
Christian
 
Im Haus von eenem Kumpel is noch n Zimmer frei. Da kann ick rin.
 
Erwin
 
Wat fürn Haus?
 
Christian
 
N besetztet Haus.
 
Gertrud
 
Junge, det kannste nich machn.
 
Erwin
 
Ick bring da um! 
 
Christian
 
Hättste mir lieba nich zeujen solln. 
 
Erwin
 
Biste wahnsinnich! Hier, damit de wieda normal wirst.
 
( Erwin versucht, Christian Ohrfeigen zu geben, dieser schützt jedoch sein Gesicht mit den Armen und reißt sich dabei von Erwin los ) 
 
Christian
 
Haste nich umsonst jemacht!
 
( Christian rennt weg, Erwin schreit ihm hinterher ) 
 
Erwin
 
Zurück! Zurück! Komm sofort zurück! Ick schlach da dot!
 
Gertrud
 
Meen Jott – der Junge! 
 
Erwin
 
Dotschlajen tu ick den Hund, wenn ick ihn arwische! 
 
Gertrud
 
Mann, hör uff, det is unsa Sohn! 
 
Erwin
 
Ick hab keenen Sohn mehr.
 
Gertrud
 
Er hat noch nich mal wat jejessen.
 
 
– Vorhang –
 
 
 
1. Aufzug, 4. Bild: Pädagogen
 
 
 
Erzähler:
 
Pädagogen
 
Wer warf das Glas auf dem Tischtuch um?
Wer schoss den Fußball in das Fenster?
Wer trat im Garten die Blumen krumm?
Das waren wohl kaum die Gespenster.
Alle Kinder tun ganz doll erstaunt
und Empörung durch die Lüfte raunt:
Ich war das nicht!
Ich weiß von nichts
und habe nichts gesehen.
Hohes Gericht!
Unschuldig Gesicht!
Darf ich nun wieder gehen?
 
Und sichtlich erzürnt der Vater knurrt,
Zeit ist es, die Wahrheit zu sagen.
Und sogar die liebe Mutter murrt,
die Verantwortung muss man tragen,
anstatt sich einfach hinzustellen,
gegen bessren Wissens zu bellen:
Ich war das nicht!
Ich weiß von nichts
und habe nichts gesehen.
Hohes Gericht!
Unschuldig Gesicht!
Darf ich nun wieder gehen?
 
Woher plötzlich die große Liebe
zur Wahrheitsfindung und Ehrlichkeit?
Da schimpft ihr los und es setzt Hiebe
und predigt uns von Moral allzeit.
Harmlose Streiche nicht verzeihend,
der Jugend in die Ohren seihend:
Ich war das nicht!
Ich weiß von nichts
und habe nichts gesehen.
Hohes Gericht!
Unschuldig Gesicht!
Darf ich nun wieder gehen?
 
Wer schrie denn damals eigentlich Heil
und schwieg, wenn Mitbürger verschwanden?
War auf den zweiten Weltkrieg ganz geil
und wütete in fremden Landen?
Aber zum Kriegsende, gar nicht faul,
rissen alle sofort auf ihr Maul:
Ich war das nicht!
Ich weiß von nichts
und habe nichts gesehen.
Hohes Gericht!
Unschuldig Gesicht!
Darf ich nun wieder gehen?
 
Wir lassen uns von euch nichts sagen,
als Pädagogen seid ihr Flaschen.
Kneift feige vor unseren Fragen
und lügt euch selber in die Taschen.
Statt mal die Augen aufzureißen,
drückt ihr sie zu um einzuscheißen:
Ich denke nicht!
Ich sehe nicht
und schlucke alles schweigend.
Hohes Gericht!
Einfältig Gesicht,
sich stets vor Macht verneigend.
 
Leere Lehrer, die selbst nichts lernen oder begreifen,
und uns leere Lehren lehren – sollten lieber schweigen.
 
 
 

1. Aufzug, 5. Bild: 
Im besetzten Haus
 
 
( Tina streicht mit einer Malerrolle die Wand. Christian kommt in das Zimmer geschlendert, bleibt stehen und sieht Tina zu )
 
Christian
 
Hallo!
 
( Tina dreht sich, nachdem sie angesprochen wurde, zu Christian um )
 
Tina
 
Eih, Chrille, hallo! Mensch, is det dufte, eenen von früha ausjerechnet hier zu treffn. Wohnste jetzt och hier?
 
Christian
 
Mmmh, weeß noch nich.
 
Tina
 
Akennste mir nich? Neunte Klasse – Oberschule – Tina!
 
Christian
 
Pöh, keene Ahnung?
 
Tina
 
Hab janz vorne jesessen.
 
Christian
 
Vorne! Vorne? Da saß doch die Discomieze, die ihrn Tuschkasten imma im Jesicht vateilte.
 
Tina
 
Danke, det war icke. Deene Komplimente sin wie der Scharm eena Mülltonne.
 
Christian
 
Tschulje! War nich so jemeint.
 
Tina
 
Jeschenkt! Hast ja recht.
 
Christian
 
Tzi, kaum wieda zu akenn.
 
Tina
 
Schlimm?
 
Christian
 
Nee, viel bessa! Ick finds jut. Wohnste hier?
 
Tina
 
Gloob schon. Meen Alta hat ma zwar ne Bude eenjerichtet, aba ick bin imma hier.
 
Christian
 
Wat – ne eijene Bude? So jut möcht icks och ham. Is deen Olla der Weihnachtsmann? Oda kann na zauban? Simsalabim – ne Bude für meene Tochter! Simsalabim- ne Lährstelle in ihrm Wunschberuf!
 
( Christian nimmt auf dem Matratzenteil Platz )
 
Christian
 
Haste eijentlich eene jekricht?
 
Tina
 
Jo – hat mir meen Olla och besorcht.
 
Christian
 
Dit is n Ding! Ick krich ja richtich Ehrfurcht vor deenen Alten. Kannste mir den nich mal pumpen?
 
Tina
 
Dat Arschloch kannste och jeschenkt ham!
 
Christian
 
Jetzt vasteh ick jarnischt mehr. Der jibt dir allet, wat de zum Leben brauchst. Wat willste denn noch mehr?
 
Tina
 
Dit hat a mir och jefracht. Warum a mir ne Lehrstelle un Bude besorcht hat, dit hat a nich jesacht, dit Schwein.
 
Christian
 
Wieso?
 
Tina
 
Der hat meene Mutta umjebracht. Ok, se lebt noch – aba wie? Hätt a ihr lieba zur Hochzeit ne Kujel durchn Kopp jejacht. Wär anständija jewesen. Hätt a mir och viel mit aspart.
 
Christian
 
Wat war denn los bei euch?
 
Tina
 
Ach- der Alte hat det öftan eenen jezwitschat. Un wenn a denn voll wie n Scheißhaus war, hat a meene Mutta vamöbelt. Aba so, dat se tajelang nich rausjing, damit keena sieht, wie a se zujerichtet hat. Wenn se dann so demoliert zu Hause rumkluckte oda mal wieda volla Angst uff ihrn Jöttajatten wartete, hat se jesoffen. Un irjendwann hat se nur noch jesoffen. Dann musste se eenen Entzuch machen, dann den zweeten, dritten un so weeta. War aba allet fürn Arsch. Heute sitzt se total Macke inne Klapse.
 
Christian
 
Warum hat se denn keene Hilfe jeholt, wenn a se vadroschen hat?
 
Tina
 
Mensch, wir sin doch wat bessret. Meen Olla is schließlich Beamta. Die hat sich jeschämt. Der Schein muss jewahrt bleibn. Wat solln de Nachbarn denken? Dann  lieba kaputt jehn. Ick war doch jenauso. Ham se mir doch von kleen uff einjetrichtart. Vom Jymnasium jeflojen, von de Realschule jeflojen un als ick zu euch kam, hielt ick ma imma noch für wat besondret.
 
Christian
 
Dit haste uns och sehr klar zu vastehn jejeben.
 
Tina
 
Na – ick war nu mal so! Als Mutta wech war, hat der Olle imma öfta uff mir losjepellt. Darum hab ick damals so ville jefehlt. Bis ick mit Jujendamt jedroht hab. Dit jab meena Bitte nach na Bude den nötjen Nachdruck.
 
Christian
 
Aba freie Wohnungen falln doch nich vom Himmel. Wo hat a denn die herjekricht?
 
Tina
 
Vom Sozi.
 
Christian
 
Wie bitte?
 
Tina
 
Na, der arbeetet beim Sozi. Nippelt eena seina ollen Kunden ab, kricht a natürlich mit, wo wat frei wird. Uff die Tour kam ick och an meene Lährstelle.
 
Christian
 
Det erklär mal jenaua.
 
Tina
 
Ick wollt Tischla wern.
 
Christian
 
Wat – du Tischla?
 
Tina
 
Ja ick Tischla! Wat isn dabei? Ick riech jern Holz un arbeete lieba mit meene Hände als mitm Kopp. Ick meene n Kopp brochste och. Aba ick hab keene Lust, n janzen Tach stille zu sitztn un zu tippn un vom Chef untam Motto Liebe im Büro antatschen zu lassen, mir nerven zu lassen von fremde Jörn oda mit n Scheißtöppen rumloofen – bääh- oda Koppläuse sortiern un den Bierbäuchen de Platte poliern, sich dabei von denen in n Hintarn kneifn lassen, det noch schön findn un nettet Jesicht machen – ijitejit- nee!
 
Christian
 
Ok! Ok! Seh ja ein, dat ick ebend Scheiße jefaselt hab.
 
Tina
 
Wenichstens eena, der dit mercht. Meen Olla hat nur seen Amen fürn Tischla jejeben, weil a n schlechtet Jewissen hatte. Darum hat a alle möchlichen Tischlarein anjerufen un de Meesta jefracht, ob se ne Bude suchn. Eena brochte drinjend eene un meen Olla hat ihn noch uffjeklärt, dat a Zuschüße von Vadda Staat  kricht, wenn a Mächen in Männaberufe ausbildet.
 
Christian
 
Janz dufte, eih! So krichte der ne Bude un Knete un du de Lährstelle. Jetzt weeßte wenichstens, wat de wert bist. Ick gloob,ick bring det nie zu wat – mir fehlt de innre Schweinehund. Trotzdem wär ick jern n Mächen. Vielleich würd ick denn wejen de Knete wat findn!
 
Tina
 
Wir könn jerne tauschen.
 
Christian
 
Wie soll ick denn dit nu wieda vastehn?
 
Tina
 
Hat mir doch allet nischt jenutzt. Nach m halben Jahr war ick jenauso schlau wie vorher. Der Meesta war der Meenung, ick heirate, krieje Kinda, jeh dann nich mehr arbeeten un Weiba hätten da sowieso nischt valorn. Hat a och jesacht. Un nich nur jesacht- och jezeicht. Nischt hat a mlr beijebracht, mir nirjens ranjelassn. Wie willste denn so ne Lehre abschließn? Willste den Prüfan sajen, sie dürfn mir nischt frajen, aba Kaffee kann ick ihnen kochen un Schrippen belejen?
 
Christian
 
Sach bloß, du hast deene Lährstelle in nen Wind jeschossen?
 
Tina
 
Wat sollt ick denn sonst machen? War doch vatane Zeit.
 
Christian
 
Hättste nich wat mit de Jewerkschaft machen könn?
 
Tina
 
Jewerkschaft?
 
Christian
 
Is jut, is jut! Die Boys saniern ja lieba, als sich für unsaeens einzusetzn. Is doch zum Kotzen. Den sollt man den Jötz von Berlichingn un wat eijenet machn, wie die in Polen.
 
Tina
 
Denkste! In Deutschland wohnt keen Walessa. Un wenn, is a uff Wohnungs- un Arbeetssuche un hat wat andret inne Birne wie Jewerkschaft.
 
Christian
 
Aba wieso machste hier mit? Brochst doch jarnich hier wohn. Hast doch ne Bude.
 
Tina
 
Nee, in meene Bude jeh ick nich. Da kriej ick imma Angst.
 
Christian
 
Vor wat denn?
 
Tina
 
Weeß nich!
 
Christian
 
Aba hier musste doch noch mehr Angst ham. Jeden Tach könn de Wannen vorfahrn.
 
Tina
 
Nee, davor hab ick Schiss, keene Angst. Dit sin nich nur die vier Wände. Hier kann man eenfach lebn. Nich fünf Mal am Tach Staub wischen, dolle Fummel un n Haufen Schminke. Den Schminkkram hab ick gleich dahin befördat, wo a hinjehört: ins Klo. Nich hier! Det war jenuch Ackarei, die Dinga wieda benutzbar zu machn. Bei meene Mutta in de Klapse hab ick det Zeuch ins Jenseits jeschickt. Un kräftich nachjespült. War mir n inneret Missionsfest, do. Ick fühl ma hier sauwohl. Weeßte, de Leute im Haus sin janz andas. Kannste lachn, flenn, alban sein, dämliche Frajen stelln un keena lacht da aus. Ick will nich so wie früha für ne Cola inne Disco gleich mit eenem ins Bett steijen. Hier wirste nich blöde anjemacht. Brochste och nich rumzuschielen, ob ne Olle da is, die mehr hermacht. Mit denen hier kann ick unheimlich jut, die mag ick. Kannst da sojar mit de Leute streiten un trotzdem macht dir keena zur Sau. Dit is irre, Mann. Ick komm ma vor wie im Traum.
 
Christian
 
Hah, träumen würd ick och jerne. Weeßte wat? Ick hab ma entschlossen; ick bleib hier!
 
Tina
 
Wat?
 
( Tina springt auf )
 
Tina
 
Komm, such n wa n Zimmer!
 
( Tina ergreift Christians Hand und zieht ihn hoch )
 
Tina
 
Jibt noch ville zu tun, packen wat an. Ick hab och noch Kleista un Rauhfaser übrich. Na los – sei nich so lahmarschich!
 
( Beide verlassen mit Indianergeheul die Bühne )
 
 
 
– Vorhang –
 
 
 
1. Aufzug, 6. Bild: Bittesehr mit Spaß
 
 
 
Erzähler:
 
Bittesehr mit Spaß
 
 
Zerrinnt dir auch das Letzte in den Händen,
verzweifelt hockst du mang den kargen Wänden,
hat der Gerichtsvollzieher sein Werk getan,
dann stimme das hohe Lied der Deutschen an:
Hauptsache wir wahren nach außen den Schein,
knabbern wir daheim auch am eig´nen Gebein.
Schließlich sind wir wer und schließlich sind wir was.
Wenn wir untergeh´n, dann bittesehr mit Spaß.
 
Falls sie deine Wohnung modernisieren
und du kriechst vor dem Chef auf allen Vieren,
fliegst trotzdem bei nächster Gelegenheit raus,
jammer nicht und schmetter die Strophe heraus:
Hauptsache wir wahren nach außen den Schein,
knabbern wir daheim auch am eig´nen Gebein.
Schließlich sind wir wer und schließlich sind wir was.
Wenn wir untergeh´n, dann bittesehr mit Spaß.
 
Lässt du dir unnötigen Scheiß aufschwatzen,
die Bank droht, dass deine Kredite platzen,
und du ertränkst den Kummer in Alkohol,
lalle unser Verschen und du fühlst dich wohl:
Hauptsache wir wahren nach außen den Schein,
knabbern wir daheim auch am eig´nen Gebein.
Schließlich sind wir wer und schließlich sind wir was.
Wenn wir untergeh´n, dann bittesehr mit Spaß.
 
Kinder, die ihren Mut verloren haben,
ohne jede Chance außer milden Gaben,
vorausgeplant über die Klinge springen,
werden bald in unserem Chor mitsingen:
Hauptsache wir wahren nach außen den Schein,
knabbern wir daheim auch am eig´nen Gebein.
Schließlich sind wir wer und schließlich sind wir was.
Wenn wir untergeh´n, dann bittesehr mit Spaß.
 
 
 
– Pause –
 
 
 
 
2. Aufzug, 1. Bild: Kleine Frau! Kleiner Mann!
 
 
 
Erzähler:
 
 
 
Kleine Frau! Kleiner Mann!
 
Immer wieder bemerkt der kleine Mann,
dass er alleine nichts ausrichten kann.
Weil die Mächtigen einfach bestimmen.
Er würde nie den Gipfel erklimmen,
wo sie ihn nach seiner Meinung fragen.
Es nütze wenig, d´rüber zu klagen,
zwangsweise mit der Mehrheit zu schwimmen.
 
Immer wieder erklärt die kleine Frau,
alleine protestieren sei nicht schlau.
Meist bliebe man sowieso ungehört
und bevor man Ärger heraufbeschwört,
weil man vielleicht gegen was demonstriert
und damit Regierende provoziert,
sei es ratsamer, dass man keinen stört.
 
Höre zu, kleine Frau und kleiner Mann!
Ärmel hoch, klotzt mal ordentlich heran!
Denn hätten vor euch alle so gedacht,
ebenso ihren Arsch nicht hochgebracht,
hättet ihr noch Siebentagewochen,
kein Urlaub für eure morschen Knochen.
Das kam auch nicht so einfach über Nacht.
 
Dafür kämpften lauter kleine Leute.
Doch wohl kaum darum, damit ihr heute
auf ihren Lorbeeren gemütlich ruht
und nichts mehr, nichts für die Gesellschaft tut.
Mit den Großen habt ihr Nachsicht, Geduld.
Ihr steht den kleinen Leuten in der Schuld.
Auch sie zitterten und hatten trotzdem den Mut,
ihre Zähne zu zeigen der Schmarotzerbrut.
Kleine Frau! Kleiner Mann! Sei auf der Hut!
Nur so wird die Welt für die Kleinen gut.
 
 
 
2. Aufzug, 2. Bild: Im Wohnzimmer der Eltern
 
 
( Erwin sitzt BZ-lesend am Tisch. Gertrud betritt das Zimmer, entdeckt den vollen Aschenbecher und geht ihn auskippen. Als sie mit dem geleerten Aschenbecher zurückkehrt, redet sie beschwörend auf Erwin ein )
 
Gertrud
 
Erwin, du mußt wat untanehm. Wenn se hier modanisiern, müssen wa raus, wo de jetzt keene Arbeet mehr hast.
 
Erwin
 
Hab Kohldampf, wo bleibt det Essen?
 
Gertrud
 
Erwin, wenn se modanisiern, sin wa aledicht. Wie solln wa denn sone Miete zahln? De Stempelmäuse reichn schon so vorne un hinten nich. Wir müssn wat machn, bevor et zu spät is.
 
Erwin
 
Bring endlich det Essen un halt n Mund!
 
( Gertrud gerät aus der Fassung und schreit unvermittelt los )
 
Gertrud
 
Vierzich Jahre hab ick de Schnauze jehalten. Mann, jetzt reichts. Du jehst nach unten un setzt da mit m Krüja zusamm!
 
( Erwin sichtlich schockiert über seine Frau, beginnt zu stottern )
 
Erwin
 
Ick – ick jeh – jeh doch nich...........
 
Gertrud
 
Papalapapp, du jehst. Ick will nich allet valiern. Christjan.........     
 
Erwin
 
Diesen Namen will ick.......
 
Gertrud
 
Jarnischt willste. Runtajehn willste. Nach unsam Sohn will ick nich noch de Bleibe los wern. Für wat ham wa denn de janzen Jahre jeschuftet un jeackat? Damit de Christjan vatreibst, weil de vabohrt bist wie n olla Esel, der noch bockt, och wenn ihm de Scheiße bis zum Halse steht? Ick mach det nich mehr mit. Du jehst runta!
 
Erwin
 
Aba – aba – aba ick kann doch nich...........
 
Gertrud
 
Un ob de kannst, Männekin, un ob de kannst. Det jeht hier nich ums Bett. Kannst nich übaall n Schwanz einziehn.
 
( Gertrud zieht Erwin am Arm vom Stuhl hoch )
 
Gertrud
 
Wenn de jetzt nischt machst, wenn de nich wenichstens wat probierst, dann isset aus mit uns. Denn biste nich nur Sohn, Arbeet, Wohnung los, sondan mir och.
 
Erwin
 
Aba wat soll ick denn.........
 
Gertrud
 
Frach nich so blöde – jeh!
 
( Gertrud setzt Erwin den Hut auf und schiebt ihn vor sich her raus )
 
 
 
 
– Vorhang –
 
 
 
2. Aufzug, 3. Bild: Einerlei
 
 
 
Erzähler:
 
 
Einerlei
 
Ein guter Staatsbürger kennt seine Pflichten
und wählt bei den Wahlen stets den Richtigen.
Natürlich bezahlt er brav seine Steuern,
Strom, Gas, seine Miete, egal wie teuer.
 
Alles geht vorüber, alles geht vorbei.
Was gestern gewesen ist morgen einerlei!
 
 
Ein gutes Staatsbürgerkind stellt keine Fragen
und wird sich niemals über etwas beklagen.
Füttert sein Hirn in der Schul´ mit dem letzten Mist
und sagt Danke, wenn mit der Ausbildung nichts ist.
 
Alles geht vorüber, alles geht vorbei.
Was gestern gewesen ist morgen einerlei!
 
 
Eine gute Staatsbürgerehefrau muss sich stets ducken
und hat weder zu widersprechen noch gar aufzumucken.
Hübsch frisiert, nett gekleidet, etwas dumm als süße Biene
dient sie allzeit ihrer Aufgabe als Gebärmaschine.
 
Alles geht vorüber, alles geht vorbei.
Was gestern gewesen ist morgen einerlei!
 
 
Ein gutes Staatsbürgervolk machts wie Schafe,
lässt sich scheren und schlachten ohne Strafe.
Und fällt jemand aus diesem Klischee heraus,
landet er schnell im Knast oder Irrenhaus.
 
Alles geht vorüber, alles geht vorbei.
Bürger! Hast du´s begriffen? Du bist dem Staat ziemlich einerlei!

 

 

2. Aufzug, 4. Bild: Im besetzten Haus
 
 
( Gertrud und Christian kommen auf die Bühne, Gertrud trägt eine Plastiktüte in der Hand, eine andere volle Tüte steht ans Matratzenteil gelehnt)
 
Christian
 
Weeß Vadda, dat de imma herkommst?
 
Gertrud
 
Der kann zwar allet fressen, aba brauch nich allet wissen. Dem jeht och ohne det seen janzet Weltbild in n A.... Popo. Hier is de saubre Wäsche.
 
( Gertrud reicht Christian die Plastiktüte )
 
Gertrud
 
Jib mal de Dreckje, bevor ick se wieda vajesse.
 
( Christian legt Gertruds Tüte auf die Matratze und nimmt die bereitstehende Plastiktüte weg )
 
Christian
 
Hab se schon zusammjepackt, hier isse. Un danke!
 
( Christian packt die sauberen Sachen aus. Gertrud legt die auseinandergefallenen wieder zusammen und ordnet sie zu Stapeln )
 
Gertrud
 
Quatschkopp! Die Kleene eben, wohnte die nich bei uns um de Ecke?
 
Christian
 
Richtich! Die jing och in meene Klasse.
 
Gertrud
 
Die hat sich ja vaändat. Früha hab ick ma imma jewundat, wie se de Oojen noch uffkricht mit de janze Farbe druff. Hat sich janz scheen rausjemacht, dat Mädel. Grüßt ma sojar. Hat se früha nie jemacht. Aba wat will se denn hier? Sin doch feenre Leute?
 
Christian
 
Feenre Leute? Ick weeß nich. Ick gloob, die sin noch mehr am Arsch wie wir.
 
Gertrud
 
Na, darin kenn ick ma nich aus. Aba die Kleene is janz knorke, wa?
 
Christian
 
Bestimmt! Aba setz da doch, Mutta!
 
Gertrud
 
Nee, nee, Junge, ick muss doch gleich wieda abzischen. Ach – hätt ick fast vajessen. Hier!
 
Christian
 
Mutta, steck det Jeld wech, braucht da doch selba.
 
Gertrud
 
Du brauchst dit och, also nimm!
 
Christian
 
Un wenn Vadda det mal mitkricht?
 
Gertrud
 
Ach wat, ick gloob sojar, der hat den Braten schon jerochen.
 
Christian
 
Un nischt jesacht?
 
Gertrud
 
Nee!
 
Christian
 
Aba die modanisiern doch bald bei euch. Dann fehlt det Jeld nachher zur Miete.
 
Gertrud
 
Wlr lassn uns nich modanisiern.
 
Christian
 
Wat is los? 
 
( Gertrud setzt sich nun doch auf die Matratze )
 
Gertrud
 
Hab ick da vajessn zu azähln. Vadda war beem Krüja. Jetzt ham wa n Mietavaein, mit na Satzung un so. Alle zwee Wochen treffn wa uns, in unsre Bude, weil Krüjas doch de kleenen Jörn ham. Fast alle im Haus machn mit. Sojar der Kanacke – äh – ick meene der Türke aus m Hintahaus. Hat zwar imma Angst, dat a aus Deutschland rausfliecht, wenn a bei sowat mitmacht – aba der macht. Juta Mann, hätt ick nich jedacht. Aba det komischste, den Ollen hörste ja an, wo se herkomm, aba seene Jörn quatschen jenau wie wir. Da hörste jarnich mehr, dat se woandas her sin. Darum machn se sich och so ville Sorjen. Hier jehn de Kinda zur Schule, reden kaum een Wort türkisch, wat solln se denn dann inne Türkei? Wenn se die rausschmeißen tun, jibts aba Ärja. Da hättn wa och noch n Wort mitzusabbeln. 
 
Christian
 
Seid a krank? 
 
Gertrud
 
Wieso krank?
 
Christian
 
Wie kommt da denn da druff, plötzlich n Mietavaein zu machn?
 
Gertrud
 
Häh! Vadda hat Zunda von mir jekricht. 
 
Christian
 
Ick gloob,meen Schwein pfeift. Du hast Vadda Feua untam Hintan jemacht? Ick kanns nich glooben.
 
Gertrud
 
Da kiekste, wa? Vadda hat noch janz andas jekiekt. Der war so platt wie ne Scholle mit m Maul wie n Joldfisch.
 
Christian
 
Na so wat! Revolution im Wachsfijurenkabinett!
 
Gertrud
 
Tja, kommt det Krampfadajeschwada in Bewejung, isset nich mehr zu halten. Vadda liest jetzt och andre Zeitungn, nich nur Bild un BZ. Aba zujebn, dat a in de linken Käseblätta schnüffelt, tut a nich, liest se heimlich. In seenem Nachtisch, ick meene, sonst kiek ick da wirklich nich rin, hat a n ausjeschnittnen Artikel von eua Haus mit Bilda, wie dit vorher hier aussah un jetzt.
 
Christian
 
Willste nich mal mit Vadda zum Quacksalba jehn? Vielleich isset wat ernstet?
 
Gertrud
 
Hör uff, Christjan! Der macht sich det nich leicht. Der is so fertich im Moment. Isst jarnich mehr richtich, lässt sojar oft de Molle stehn. Mensch, ick hab ma vaquackelt. Ick muss abhaun. Tschüss, meen Junge, ick...... – halt de Ohrn steif.
 
Christian
 
Tschüss Mutta – un danke für allet. 
 
Gertrud
 
Jern jeschehn, Kleena.
 
( Gertrud geht, Christian bleibt im Zimmer stehen, Selbstgespräche haltend )
 
Christian
 
Ick gloob, ick wärd wahnsinnich. Mutta macht Bambule, Vadda in Mietavaein, liest wat andret außa Springablättchen, setztn sich an eenen Tisch mit linke Spinna un Auslända – fehlt nur noch, dat se och n Haus besetztn. Ne varückte Welt, kann man ja nur wahnsinnich wern. Zzzi!
 
( Im Haus fangen Leute an, ein Spottlied zu singen. Christian hört kurz zu und singt dann mit. Dabei packt er die Wäsche weg. )
 
Christian
 
Sumsumsum, der Lumma, der is dumm.
Leute, die uff den noch hören,
ham im Kopp statt Grips nur Möhren.
Sumsumsum, der Lumma, der is dumm. 
 
Sumsumsum, die Chaoten jehen um.
Üba Stock un üba Steene,
jajen se Spekulantenbeene.
Sumsumsum, die Chaoten jehen um.
 
 
 
 
– Vorhang –
 
 
 
2. Aufzug, 5. Bild: 17. Wolke
 
 
Erzähler:
 
 
17. Wolke (1980)
 
35 Jahre dauerte der Friede.
Nun kriegen die Deutschen ihre alten Triebe.
Schrei´n mal wieder lautstark nach dem starken Manne,
hau´n wieder ihr bisschen Verstand in die Pfanne.
 
Mann und Frau sind endlich vor den Gesetzen gleich.
Doch wehe – du wagst wirklich mal einen Vergleich.
Dann findest du die Frauen als Modepuppen,
wie immer am Herd oder in Leichtlohngruppen.
 
Bist du schwul – oh Gott – bleibst du heut´ sogar straffrei,
man sammelt nur Namen in der rosa Kartei.
Muss man Schwule zur Zeit auch in Ruhe lassen,
so kann man sie für den Ernstfall schon erfassen.
 
Wirst du arbeitslos, zieh doch kein langes Gesicht!
Hauptsache – dem Unternehmer schadet es nicht.
Und verlässt dich bei der Wohnungssuche der Mut –
mach dir nichts draus – den Spekulanten geht es gut.
 
Geschichte lässt sich nicht völlig wiederholen,
drum müssen wir heut´ andern das Fell versohlen.
So dient uns eben der Türke als Sündenbock.
Dem braven Bürger fehlt sonst was vor seinem Stock.
 
Wir bekamen das freiheitlichste Grundgesetz
(zum Aushöhlen – nur die Fassade blieb zuletzt).
Freie Meinungsäußerung und Demokratie
(kannste glauben – nur Arbeit kriegste damit nie).
 
Du kannst natürlich für dein Recht demonstrieren.
Dabei kannst du dein Recht auch ganz schnell verlieren.
Vater Staat wird dir beweisen, er ist der Boss
mit Knast, Bußgeldern, Knüppeln und Gummigeschoss.
 
Na – Tucholsky – das hättest du wohl nicht gedacht,
dass der Deutsche so schnell die gleichen Dinger macht.
Hast du ein Schwein – musst es nicht noch mal erleben!
Kannst friedlich um die 17. Wolke schweben!
 
 
2. Aufzug, 6. Bild: Im Wohnzimmer der Eltern
 
 
 
( Gertrud sitzt am fertig gedeckten Tisch für das Abendessen mit einer Näharbeit. Erwin kommt total schmutzig und völlig verstört nach Hause. )
 
Gertrud
 
Vadda, wat is n passiert?
 
( Erwin läuft ziellos im Zimmer herum, ohne zu antworten )
 
Gertrud
 
Mensch, Erwin, hör uff, so rum zu loofen! Sach doch mal wat!
 
( Erwin sucht nach Worten, um dann unvermittelt loszuschreien. In seiner Wut und Hilflosigkeit packt er das Tischtuch und schleudert das Geschirr vom Tisch )
 
Erwin
 
Ick scheiße uff den Staat! Ick scheiße uff den Staat!
 
Gertrud
 
Mann – du machst ma Angst!
 
Erwin
 
Icke? Vor mlr brochste keene Angst ham. Angst musste kriejen, wenn de aus m Fensta kiekst. Da is Kriech! Bürjakriech! Da schlajen sich Kinda halbdot. Kinda, wie Christjan, mit Kinda, die se inne Uniform jesteckt ham. Un für wat? Fürn Haufen Spekulantenärsche! N Kriech für n Dach übam Kopp. Un de Kriechmacha hockn in ihre dickn Villen un saufen ruhich Sekt, wenn hier det Blut fließt.
 
Gertrud
 
Erwin, beruhje dir!
 
Erwin
 
Ick will ma nich beruhjen! Ick will ma uffrejen! Ick muss ma uffrejen! Olle – da ham se emd Eenen dotjemacht. Dotjemacht ham se Eenen. In n Dot jehetzt, wie n Stück Vieh.
 
Gertrud
 
Wat sachste? Wieso – dotjemacht?
 
Erwin
 
Wieso? Weil eenem von de feenen Fatzkis det Sektsaufen nich reichte. Triumphiern musst a in dem eenen jeräumten Haus. N dickn Maxe spieln. Die Jeschlajenen noch mal schlajen. Jut jeschützt det Maul uffreißen. Hätt ja ne Mudda da seen könn, die kleen Napoleon ordentlich den Hosenboden vajeigt. Un se ham ihn beschützt, obwohl a se tächlich vaheizt. Obwohl a se für Unrecht kämpfen lässt. Sojar vor de Wahrheit ham se n beschützt. Frau, det is Irrsinn, Irrsinn is det.
 
Gertrud
 
Ick vasteh nur Bahnhof.
 
Erwin
 
Da warn n paar Leute vor m Haus. Ick kam grad vom Stempelpalast, wo se natürlich wieda nischt für mir hattn. Neujierich, wie ick nu mal bin, wollt ick kieken, wat da los is. Paar ham den feenen Härrn im Haus lautstark de Meenung jeflötet. Nischt weeta. Un det darf man ja, hab ick jedacht. N Scheißdreck darfste, n Scheißdreck darfste.
 
Gertrud
 
Aba warum denn?
 
Erwin
 
Janz plötzlich warn se da. Allet niedajeknüppelt, wat se awischt ham. Wär ick stehnjebliebn, hätten se meene Birne zu Mus jemacht. Wie de Hasn sin wa jeloofen, wahnsinnich vor Angst. Hinjeknallt, uffjerappelt, weeta – bloß wech, wech, wech! Da hat keena mehr jekiekt, wo a hinrennt – nur wech ham wa jedacht – nur wech! Uff de Straße ham se uns jejacht – in de Autos rin.
 
Gertrud
 
Oh, meen Jott!
 
Erwin
 
Meen Jott? Der liebe Jott is janz schön kurzsichtich jeworn. Der sollte mal langsam uff Rente jehn. Oda hat der wat jemacht? Hat da n Vakehr umjeleitet? Hat a vahindat, dat irjendjemand irjendjemanden dotfahrn un damit weetalebn muss? Hat a wat jesacht, als se im Anjesicht vom Dot weetajeknüppelt ham? Hat a wat dajejen untanomm, dat de Lüjen schnella warn wie de erste Hilfe? Oda is a eenjeschrittn, als se dem Sterbenden sachten, er sei selbst dran schuld? Nee! Tut ma leid, wird der liebe Jott sajen un sich seene Brille putzen, muss ick doch jlatt wat übasehn ham. Un de Neese wird a sich schnaubn, weil a nich jerochn hat, wat da bis zum Himmel stinkt. Der olle Härr da oben soll mal seenen Sohn ranlassn. Der hat doch damals det janze Kruppzeuch aus m Tempel rausjeschmissen. Vielleich sorcht der dafür, dat de westdeutschen Rejierungschaoten endlich aus unsa Stadt abzischen un den Springa könn se mitnehm. Als Andenken! Ham wa jarnischt dajejen. Aba vielleich ham wa denn unsre Ruh.
 
Gertrud
 
Mann, dit is Jottetlästerung!
 
Erwin
 
Quatsch! Jottetlästerung! Det schrein de Spekulanten un Reichen, wenn n Haus besetzt wird. Jejen der ihrn Jott kann man nich jenuch lästan. Unsa Jott weeß jenau, wie ick ma fühle. Der kapiert, warum mir de Krajen platzt. Un dat ick dann nich besondas höflich bin, hat a bestimmt schon früha jemercht, nich erst heute. Sach mal Mudda, haste heute schon Christjan jesehn?
 
Gertrud
 
Wieso soll.........
 
( Erwin schlägt mit der Faust auf den Tisch )
 
Erwin
 
Ob n jesehn hast, will ick wissn? Vakof ma nich och noch für blöde. So vakalkt bin ick nich, dat ick nich merke, dat üba Monate hinwech nich nur meene Hosenbeene an de Wäscheleene ranjebammelt wern. Un in de Mächenuntabuxen haste och mit siebzehn nich mehr rinjepasst. Un vom Jeld wolln wa jarnich redn.
 
Gertrud
 
Hör mal Olla! Rech da bloß ab. Wenn de so anfängst, azähl mal, wat de für Lektüre unta deene Matratze hast?
 
Erwin
 
Dit is ja wohl jetzt ejal. Wat is mit de Jörn?
 
Gertrud
 
Krüja war vorhin da un meente, die wolln se räumen.
 
Erwin
 
Wat, det sachste erst jetzt!
 
( Erwin sucht seinen Hut und will gehen )
 
Gertrud
 
Erwin, wo willste denn hin?
 
Erwin
 
Mit meenem Sohn dat kleene bissken Freiheid vateidijen jehn. Un det schwör ick dir, Mudda, wenn eena dem Lausebengel een Härchen krümmt, könn se ma alebn. Det schwör ick dir!
 
( Erwin rennt los, Gertrud hinterher. Tina kommt auf die Bühne gerannt mit einem Laken mit der Aufschrift „Wer Lumma kennt un ihm vatraut, dem ham se den Vastand jeklaut“. Dieses Laken befestigt sie vor dem Wohnzimmertisch und setzt sich auf diesen, sodass sie über das Plakat hinweg in den Zuschauerraum blickt. Gleichzeitig stellen sich wenigstens drei Polizisten mit Knüppeln breitbeinig direkt vor die Zuschauer. Besser wären ein Dutzend Polizisten )
 
Tina
 
Schnell, Chrille, in meen Zimma – de Wannen komm!
 
( Christian kommt auf das Geschrei von Tina angerannt und setzt sich neben sie. Es dürfen aber ruhig noch andere Hausbesetzer auf dem Tisch Platz nehmen, falls genug Akteure vorhanden sind. Beide sehen interessiert dem Treiben vor dem Haus zu )
 
Tina
 
Hab ick ne Angst.
 
Christian
 
Keene Bange, ick – hab doch och Schiss.
 
( Einer der beiden Polizisten, die die Räumung durchführen, beginnt mit der üblichen Durchsage )
 
2. Polizist
 
Achtung! Achtung! Hier spricht die Polizei. Sie haben fünfzehn Minuten Zeit, das Haus zu verlassen, anderenfalls müssen sie mit den gegebenen strafrechtlichen Maßnahmen rechnen.
 
( Die Polizeiansage geht im Indianergebrüll und Fußgetrampel der Besetzer unter. Nach dem Geheul antwortet Christian mit einer Parole auf die Räumungsankündigung )
 
Christian
 
Schluss mit de Bürjakriechsmanöva von de Polizei.
 
( Tina beginnt ein Spottlied nach der Kindermelodie „Maikäfer flieg“ zu singen )
 
Tina
 
Fliech, Lumma, fliech,
du willst den Bürjakriech.
Balin is in Chaotenhand,
Lummaland is abjebrannt.
Flieh, Lumma, flieh!
 
Christian
 
Eih, jetzt fang se an.
 
Tina
 
Lecht dat Beil wech, ihr Hirnis, lasst de Tür janz! Müsst a allet kaputt machn? Offne Türn mit n Beil eenschlajen un n Dialoch mit de Jujend mit n Jummiknüppel führn. Dat könnt da! Könnt da och wat Anständijet?
 
Christian
 
Räumt n Knast un nich de Häusa. Dit wär sinnvoll. Eens, zwo, drei, lasst de Leute frei.
 
Christian und Tina
 
Vier, fünf, sechs, der Lumma, der muss wech.
 
Tina
 
Jetzt komm se rin!
 
Christian
 
Da, da trajen se schon Eenen raus! 
 
Tina
 
Ick gloob, det is n Pate.
 
Christian
 
Klar, det is da Krüja! 
 
( Dle Abführung von Krüger geschieht unter Fußgetrarpel, Gejohle und Geklatsche der Besetzer. Nachdem es wieder ruhig geworden ist, beginnt Christian zu singen)
 
Christian
 
Vorwärts un nich vajessen
 
Christian und Tina
 
worin unsre Stärke besteht.
Beem Hungan un beem Essen,
vorwärts,
nie vajessen,
die Solidarität.
 
( Erwin kommt durch den Zuschauerraum gerannt und wird vom 1. Polizisten, der im Gang postiert ist, kurz vor der Bühne aufgehalten. Auf der Bühne geht die Räumung weiter, vor der Bühne direkt an der ersten Sitzreihe entsteht gleichzeitig ein Dialog zwischen Erwin und dem Polizisten )
 
Christian
 
Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widastand zur Pflicht.
 
Christian und Tina
 
Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widastand zur Pflicht.
 
Christian und Tina und Erwin
 
Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widastand zur Pflicht.

 

(Dialog im besetzten Haus)
 
Tina
 
Eih, kiek mal! Dit is doch deen Vadda.
 
Christian
 
Wat will a n hier?
 
Tina
 
Mannomann, is der in Fahrt. 
 
Christian
 
Ick kapier langsam jarnischt mehr – det ...
 
Tina
 
Och, deenen Ollen kannste mir mal pumpen? Der is ja Spitze.
 
Christian
 
Nee, borjen nich. Aba teiln könn wa n uns ab un zu. Der wollt sowieso imma ne Tochta ham.
 
Tina
 
Weeßte, wenn der nich da wär, würd ick schon lange flennen, wo se uns jetzt allet wechnehm. Aba wenn de den Alten siehst, denn isset nich allet so sinnlos.
 
Christian
 
Wat se uns hier kaputtmachen, könnse nie wieda jut machn.
 
( Christian und Tina fangen an zu singen )
 
Christian
 
De Jedanken
 
Christian und Tina
 
sin frei, wer kann se araten? Se fliehen vorbei, wie nächtliche Schatten. Keen Mensch kannse wissen, keen Jäja aschießen mit Pulva oda Blei, de Jedanken sin frei.
 
( Der Polizist geht auf Tina zu )
 
2. Polizist
 
Laufen Sie alleine oder müssen wir sie tragen?
 
Tina
 
Ick jehe nich!
 
( Der Polizist schleift Tina raus )
 
Christian
 
Viel Jlück, Tina!
 
Tina
 
Dir och!
 
( Christian singt allein weiter )
 
Christian
 
Ick denke, wat ick will un wat mir bejlücket. Dit allet in de Still un wie et sich schicket. Meen Wunsch un Bejehren kann niemand vawehren. Dit bleebet dabei, de Jedanken sin frei.
 
2. Polizist
 
Laufen sie?
 
Christian
 
Freiwillich jeh ick nich.
 
(Der Polizist dreht Christian den Arm um und bringt ihn, vor sich her stoßend ins Freie)
 
Christian
 
Aua!
 
( Christian sieht zu seinem Vater hinüber und bemerkt plötzlich einen Stein in dessen Hand )
 
Christian
 
Vadda, schmeeß die Klamotte wech! Wech damit!
 
( Der Polizist lockert den Griff und führt Christian ab )
 

 

 

(Dialog vor dem besetzten Haus)
 
Erwin
 
Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widastand zur Pflicht.
 
1. Polizist
 
Zurücktretn, weetajehn, zurücktretn!
 
Erwin
 
Ick muss hier durch!
 
1. Polizist
 
Hier kommse nich durch. Hier wird jeräumt.
 
Erwin
 
Christjan, Christjan, ick bin stolz uff dir, ährlich.
 
1. Polizist
 
Hallo! Hallo Sie! Det is n Straftäta.
 
Erwin
 
Wieso n Straftäta? Wat soll a denn jemacht ham?
 
1. Polizist
 
De Jesetze hat a nich befolcht.
 
Erwin
 
Wessen Jesetze?
 
Seen Jesetz hat a nich valetzt.
 
Meen Jesetz och nich.
 
Jrundjesetz un Bibel hat a och nich anjetastet.
 
Also fraj ick dir – wessen Jesetz?
 
Wenn de de Jesetze von de radikale Mindaheet meenst, Männekin, isset bessa, wenn de de Klappe hälst.
 
Ick bin stolz uff dir, meen Sohn!
 
1. Polizist
 
De Jesetze vabieten, dat welche mit Jewalt fremdet Eejentum an sich reißn.
 
Erwin
 
Ick hör imma Jewalt. Wer macht se denn hier, häh? Jetzt werd ick dir mal wat sajn.
 
Morjen koof ick mir n Fluchzeuch. Un denn biet ick hundat Leuten an, se wohin zu fliejen.
 
Untawechs krieje ick ne Meese, hab keene Lust mehr weeta zu fliejn, kündije kurzahand, schnapp ma den eenzjen Fallschirm un ab.
 
Un weil ja de Maschine meen Eejentum is, klopp ick, bevor ick springe, dit Ding kaputt. Wenn ick se nich mehr broche, soll se n Andra och nich kriejn.
 
Un außadem kassier ick Vasichrung un Steuajelda, dat ick mir n neuet Fluchzeuch koofen kann.
 
Un wenn du mitfliechst, beschützte ma noch vor de Leute, die mir hindan wolln, den Vojel kaputt zu machn. Un wenn de abstürzt, rufste imma noch: Befehl is Befehl!
 
Mensch, wer macht de Jewalt? Wisch da erst mal hinta de Ohrn trockn, bevor de n ollen Mann wat azähln tust.
 
1. Polizist
 
Mäßijen se sich bitte!
 
 
 
( Erwin wird durch den Schmerzlaut aufmerksam und sieht, wie der zweite Polizist seinen Sohn behandelt, bückt sich kurz und hält einen Stein in der Hand )
 
 
 
 
 
Erwin
 
Heh, hör uff damit! Lass den Bengel los! Hör uff, sonst passiert wat! Uffhörn!
 
( Erwin läßt den Stein fallen und sieht dem Sohn nach, bis er verschwunden ist und sagt dann zu sich selbst )
 
Erwin
 
Um Jottet Willen! Wat hätt ick da beinah anjestellt, wenn de Junge nich einjeschrittn wär?
 
( Dann wendet sich Erwin wieder dem Polizisten zu )
 
Erwin
 
Du willst ma wat von Jesetze un Jewalt azähln? Die kennt meen Sohn wohl bessa wie wir. Kannst ja mal Untaricht bei ihm nehmn, damit de irjendwann kapierst, wat dit is: Recht und Ordnung.
 
1. Polizist
 
Mann, wern se nich unvaschämt. Dat is ne Beleidijung von ne Amtspason.
 
Erwin
 
Ne Beleidijung is, wenn n Jesetzthüta sowat hier mitmacht. Dit ie eene!
 
( Der Polizist droht, mit dem Knüppel zuzuschlagen )
 
Erwin
 
Hau doch zu, Mann! Wenn de Eenen heute wechmachst, stehn hier morjen zehn Neue. Eenmal hab ick vor sowat Angst jehabt. Det war eenmal zu ville. Dit is lange her. Da trug da deen Vadda noch im Sack spaziern. Hab ick imma hübsch de Schnauze jehalten, hätt Bücha schreibn könn un wollt von nischt jewusst ham. Diesmal reiß ick de Fresse uff un zwar so laut, dat mir jeda hört. Un wenn ick dafür morjens, mittachs un abens Jummiknüppel fress. Scheiß ick druff!
 
Aba de Kinda, die kann ick in de Oojen kieken.
 
 
 
 
 
 
 
– Ende –
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

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