Karin
 
Wenn ich eins nicht leiden kann, dann ist es Unaufrichtigkeit. Damit meine ich nicht die kleinen Notlügen, die, intelligent angewandt, uns helfen, unser Dasein bei denen etwas zu erleichtern, die uns nicht gerade wohlgesonnen sind und ihre kostbare Zeit damit vertrödeln, auf einen Fehler unsererseits zu lauern. Folgerichtig sind Freunde Menschen, bei denen man auf größere oder kleinere Schwindeleien oder Flunkereien stets verzichten kann.
 
Baue ich mal wieder richtig großen Mist, ertrage ich zwar nur zähneknirschend, wenn meine Freundin Bianka weise ihr Haupt schüttelt und ihre vorwurfsvollen Blicke sich in Bohrer Stärke zehn verwandeln, die in meiner Stirn ein beträchtliches Loch hinterlassen für die entsprechenden Dübel. Bevor sie die Schrauben eindreht, um das Brett einzuhängen, was ich mir in einem solchen Falle redlich verdient habe, muss ich mir noch ihre kläglich ausgestoßene Bemerkung: „Nee – wat biste blöd!“ gefallen lassen, womit Brett und Schrauben verschwinden, die Dübel auch, eine herzliche Umarmung kittet meine Fontanelle und bei einem Glas Rotkäppchensekt lachen wir bereits wieder über meine jüngste Dämlichkeit. Das ist für mich Freundschaft. Man muss nicht immer einer Meinung sein und es gehört auch dazu, seinem Freund oder Freundin mal gehörig den Kopf mit dem Shampoo Marke „Angstfrei“ zu waschen.
 
Vor Jahren kannte ich eine Frau namens Karin, die wie kaum eine andere Freunde brauchte. Freundschaften waren für sie fast überlebenswichtig, obwohl sie selber größte Schwierigkeiten hatte, den Begriff „Freundschaft“ mit Leben zu füllen.
 
Ich lernte Karin auf der Abendrealschule kennen. Diese Realschule besuchten Erwachsene. In unserer Klasse fanden sich Spätzünder, die endlich in die schulische Kurve einschwenkten, Strebsame, die unbedingt den Schulabschluß benötigten, um eine angestrebte berufliche Position zu erreichen, Entwurzelte, die erhofften, mit dem Schulbesuch Boden unter die Füße zu bekommen, Arbeitsscheue, die sich unter dem Vorwand der Weiterbildung zwei Jahre erfolgreich um Erwerbstätigkeit drückten, Verunsicherte, die mit Hilfe der Realschulreife ihr beschädigtes Ego polierten, Zukurzgekommene, die sich ihr Recht auf Bildung verschafften und sogar Lernbeflissene, die einfach ihren grauen Zellen etwas Gymnastik gönnten.
 
Gehörte ich eher der Gruppe der Spätzünder an, so fiel Karin dadurch auf, dass sie die Merkmale aller Gruppierungen in sich vereinte. Anfangs mochte ich sie nicht besonders gerne, denn irgendetwas mahnte mich an ihrer Ausstrahlung. Nachdem sie in der Schule eine Art Anfall bekam und die Feuerwehr sie abtransportierte, fehlte sie fast unbemerkt einige Wochen. Nach ihrer Rückkehr beichtete sie, dass sie früher rauschgiftabhängig gewesen sei, deshalb unter Tetanie durch akuten Calciummangel leide und nunmehr auf Dauer clean wolle sie wieder in ein sogenanntes normales Leben zurückkehren. Alle begnügten sich mit ihrer Erklärung, reagierten sehr verständnisvoll und meine Alarmglocken schrillten weiter. Mit dieser Dame stimmte etwas nicht und aus irgendeinem Grunde glaubte ich ihrem Geständnis nicht.
 
Eher ungeübt darin, irgendwelche Sozialämter abzuzocken, blieb mir nichts anderes übrig, als in den Sommerferien zu jobben. Als Trostpflaster besuchte ich den Ferienunterricht in Deutsch, obwohl meine Leistungen in diesem Fach eher über dem Niveau der Klasse lagen. Doch dort traf man wenigstens einige Klassenkameraden. Denn so eine Abendschule brachte es mit sich, dass der Bekanntenkreis rapide schmolz. Gingen die anderen ins Kino oder trafen sich in der Disco, brütete man auf der Schulbank über englische Vokabeln oder ärgerte sich mit mathematischen Formeln herum. Und irgendwann rief niemand mehr an, um gemeinsam den Abend zu verbringen, da jeder wusste, dass er einen Korb erhielte. So besaßen die Mitschüler nicht nur ein gemeinsames Ziel, sondern gründeten zwangsweise auch private Zweckgemeinschaften, die bis zum Schulende hielten.
 
Natürlich nahm auch Karin an dieser außerschulischen Veranstaltung auf Initiative unserer Deutschlehrerin teil, dessenungeachtet, dass auch sie nicht zum Kreis derjenigen zählte, die in der Freizeit unbedingt Grammatik oder Literaturgeschichte hätten pauken müssen. Diejenigen, für die das Angebot eigentlich gedacht war, aalten sich alle ausnahmslos am Mittelmeer. Denn ihre schulischen Minderleistungen machten sie ohne weiteres wett mit ihren Höchstleistungen vor Sozialarbeitern in den Ämtern. So konnten sie sich ein einmaliges Durchfallen bei den Prüfungen lässig leisten, bedeutete doch ein Wiederholungsjahr ein weiteres Jahr Ausruhen auf Staatskosten und ihnen fehlte auch nicht das nötige Kleingeld, sodass statt Ferienarbeit Urlaub angesagt war.
 
Durch den eher schlecht frequentierten Ferienkurs blieb es nicht aus, dass Karin und ich in Plaudereien gerieten, wenn auch unsere Kommunikation sehr oberfächlich vor sich herplätscherte. Dennoch verstummte meine innere Sirene keinesfalls. Nach Halbzeit der Sommerferien fuhr auch unsere Deutschpaukerin in die verdiente Erholung, womit der Kurs und voerst der Kontakt mit Karin endete.
 
Ich bekämpfte die restliche Ferienzeit mit jeder Menge Teller, Tassen, Gabeln, Löffeln, Töpfen und fragte mich leicht verbittert, warum ich nicht in Amerika lebe und Millionär werde. Vermutlich verfügten die amerikanischen Kollegen als Tellerwäscher auch über bessere Arbeitsbedingungen, wie sie im Kaufhaus direkt am Walter-Schreiber-Platz in Berlin-Steglitz herrschten. Denn als ich mich in dem Restaurant in diesem Kaufhaus um den Ferienjob bewarb, vergaß man mir eine Kleinigkeit mitzuteilen. Und so hörte sich es zuerst gut an: schmutziges Geschirr einsortieren, was die Maschine reinigt, um es gesäubert wegzustellen. Also eine gemütliche, stressfreie Arbeit.
 
Denkste!
 
Das Fließband war defekt, dass das Geschirr durch den Geschirrspüler trug, genaugenommen der automatische Stopper, der das Band anhielt, wenn hinten das Geschirr nicht entnommen wurde. Praktisch hieß das für mich: vorne blitzschnell Teller in die Halterungen stecken, Tassen umgekehrt in Körbe stellen, Besteck in verschiedene Gitterbehältnisse sortieren, in rekordverdächtiger Zeit in Charlie-Chaplin-Manier zum Ende des Fließbandes rennen ohne auf dem nassen Boden auszurutschen, hinten Teller im rasanten Tempo aus den Halterungen reißen und stapeln, die schweren Tassenkörbe runterhieven und in den Geschirrwagen schieben, die Bestecke auf dem gleichen Wagen in die vorgesehenen Öffnungen bugsieren und das Ganze, bevor der Segen mangels haltendem Fließband auf den Fußboden kracht. Wieder nach vorne zischen, Besteck in die Gitter, Teller einstecken, Tassen in die Körbe, ab nach hinten, Besteck, Tassen und Teller raus, nach vorne, Teller, Tassen, Besteck rein, nach hinten, Tassen, Besteck, Teller, nach vorne, Besteck, Teller, Tassen, nach hinten, Tassen, Teller, Besteck, nach vorne, Teller, Tassen, Besteck, nach hinten, Tassen, Besteck, Teller und als Begleitmusikant stand ein fettgewordenes Schwein von Koch in der Küche, der unentwegt nach sauberem Geschirr schrie, unaufhörlich über die Kosten der Spülmaschine klagte, wenn sie im Leerlauf liefe und sich über die stinkendfaule, miese Jugend ausließ, emsig dabei bedacht, bloß keinen Handschlag zu viel zu machen oder sich selbst unnötig zu bewegen. Und wehe dem, die Maschine schaffte es, mich zu überholen und sein kostbares Gastronomieporzellan zerschepperte mit lautem Geklirre auf den Fußbodenkacheln. Oder einer dieser wertvollen Freßnäpfe rutschte mir versehentlich aus den feuchten Händen, die ich ja aus Zeitmangel die gesamten acht Stunden nicht einmal waschen und abtrocknen konnte, sodass die Essensreste am Hosenboden meiner Jeans von dem ungeheueren Hygienebewusstsein dieser Kantine zeugten. Ein Donnerwetter brach über mich herein und ich diente diesem Küchenbullen als Stellvertreter für alle steinewerfenden Chaoten, verlotterten Studententypen, jugendlichen Drückebergern und überhaupt für meine insgesamt komplett missratene Generation, die gefälligst in den Osten wechseln soll.
 
Ich schluckte und fraß den Ärger hinein, denn von dieser Tätigkeit hing mein Schulgeld für sechs Monate ab. Dabei wurde dieser Feistling dermaßen ausfallend und beleidigend, dass die Küchenfrauen, die mich anfangs sehr misstrauisch, fast schon feindselig, musterten, zunehmend für mich Partei ergriffen und mir heimlich ab und zu bei Arbeitsschluss etwas Nahrhaftes zusteckten.
 
Trotzdem setzte ich später nie wieder einen Fuß in das bewusste Kaufhaus, egal, mit welchen Schnäppchen sie auch lockten und empfand zutiefe Schadenfreude, als es für alle Zeiten seine Pforten schloss.
 
Nach meinem letzten Arbeitstag erholten sich gerade meine malträtierten Füße vom Kaufhaus-Restaurant-Küchen-Marathon und ich hoffte, am kommenden erwartungsgemäß friedlichen Wochenende meine zersiebten Nerven zusammenzukleistern, um die letzten anderthalb Monate Alptraum schleunigst hinter mir zu lassen, als es klingelte. Keine Zeit, um die Füße in Ruhe zu frottieren, platschte ich zur Wohnungstür und öffnete.
 
Vor mir stand Karin und ich benötigte keinen Kennerblick, um sofort festzustellen, dass die gute Frau komplett zugedröhnt war. Nach erstem Schreck überlegte ich fieberhaft, wie ich reagieren sollte. Ich konnte sie unmöglich in diesem Zustand im Treppenhaus stehen lassen, also bat ich sie ersteinmal herein. Sie torkelte mehr in meine Küche als das sie ging, um schließlich in einen Stuhl zu sinken.
 
Eine meiner Hirnwindungen, gut geschützt durch die Schädeldecke, streckte mir soeben die Zunge heraus und formte eine lange Nase: ´siehst du, liebe Hannah, trotz Trommeln und Trompeten hast du alle meine Warnsignale ignoriert und statt einen Riesenbogen um diese Frau zu schlagen, dich mit ihr noch im Ferienkurs unterhalten und ein wenig angefreundet. Ich wusste es gleich: diese Karin bedeutet aus der Daseinssprache heraus übersetzt Stress. Und du dummer großer weißer Vogel lässt sie auch noch in deine Wohnung. So schnell wirst du sie nicht mehr los´. 
 
Angesichts des jämmerlichen Anblickes auf dem Küchenstuhl verbot ich meiner vorwitzigen Gyrus jeglichen weiteren Kommentar, zumal mir schwante, dass dieser mein recht gesunder Hirnteil auffallend Recht haben könnte.
 
Und richtig! Die Realität überbot sogar noch weit sämtliche Befürchtungen, denn ich sollte insgesamt fast zwei Jahre meine winzig kleine Zweizimmerwohnung ab sofort mit Karin teilen.
 
Nachdem ich literweise Kaffee und Tee in sie kippte und die Angst langsam wich, dass sie mir jeden Moment vom Stuhle kippe könnte, erfuhr ich von Karin peu á peu ihr gesamtes Dilemma. Nein – sie fixte niemals und nahm auch sonst keine Drogen. Diese Geschichte tischte sie in der Schule auf, weil sie richtig in der Annahme ging, dass mit so einer Story die Lehrer und Schüler umgehen könnten.
 
Karins Vater war ein liebenswerter Aufschneider, dem allerdings seine Spinnereien sehr verfrüht das Leben kosteten. Irgendwann reichte es ihm nicht mehr, die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen durch seine begabten Kinder auf sich zu lenken, indem er Karin und ihren Bruder wie kleine dressierte Affen vorführte, die derart niedlich tanzten und sangen. Sein Geltungsbedürfnis sann nach einer Sensation, irgendetwas, was richtig Aufsehen weit und breit erregte.
 
In seinem Gehirn blitzte die Jahrhundertidee auf angesichts der zahlreichen Fabrikschornsteine des Ruhrpotts, wo die Familie seinerzeit lebte. Dem Herrn sei Dank schickte er diesmal nicht seine Kinder vor. Er selber wollte das Einmalige, Ungeheuerliche, Unglaubliche wagen und der ganzen Welt seinen Mut beweisen.
 
So wettete er mit Arbeitskollegen, dass sich niemand außer ihm traue, ungesichert die höchste Esse zu erklimmen und dreimal oben auf ihrem Rand diese zu umrunden. Selbstredend sollten seine Sprößlinge ihn dabei bewundern und verliehen seinem Abenteuer einen zusätzlichen Ansporn. Auf dem schwindelerregend hohen Schornstein versuchte er dem Ganzen noch eins aufzusetzen, indem er einen Handstand probierte.
 
Vor den Augen seiner Kinder stürzte er dabei ab. Die herbeigerufenen Polizisten, die ihn eigentlich wegen groben Unfugs oder Erregung öffentlichen Ärgernisses oder sonstwas gedachten festzunehmen, rückten unverrichteter Dinge ab, vergaßen aber nicht, nebenbei die Kinder bei der nun alleinerziehenden Witwe abzuliefern und sorgten dafür, dass seine sterblichen Überreste in die Pathologie gelangten. Sein im Nachruf erwähnte bedauernswerter Unfall verschaffte Karins Vater wirklich einen gewissen Bekanntheitsgrad und für Jahre wurde der Familienname in aller Munde ein feststehender Begriff, nur ganz anders als gedacht.
 
Karins älterer Bruder verlor zusehends sein seelisches Gleichgewicht, fiel immer mehr aus der Gesellschaft und landete schließlich in Frankreich bei der Fremdenlegion, wo er desertierte und seitdem als verschollen galt.
 
Sie selber flüchtete in ihre Lieblingsbeschäftigung, nämlich Ballett und sah sich bereits als Primaballerina auf den großen Weltbühnen tanzen, wuchs dabei aber leider körperlich zu sehr in die Höhe. Als ihr ausgerechnet die angebetene Ballettlehrerin den Primaballerinazahn per Hinweis auf ihre unpassende Körpergröße zog, rastete Klein-Karin das erste Mal gehörig aus.
 
Und da existierte kein Papa mehr, der voller Stolz mit den Talenten seiner Kinder prahlte und ihr ermunternd ins Ohr flüsterte, sie solle weiter träumen, dann schaffe sie auch, was sie sich wünscht. Kein Bruder klimperte zum Trost auf der Gitarre und fasste ihren Kummer in einfühlsame Lieder. Und ihre Mutter? Robotermäßig erstarrt über das Leid und das Gerede der Leute über den für sie peinlichen und beschämenden Abgesang ihres Gatten, mochte sie sich nicht mit einem verstörten Kind beschäftigen, dass offenbar im Kopfe ähnlich verdreht wie Mann und Sohn war. Mit fleißiger Unterstützung der Mama schlossen sich hinter der sechzehnjährigen Karin die Tore der geschlossenen Psychiatrie. Diagnose der weißkittligen Götter: Hebephrenie, also eine Schizophrenie, die im Jugendalter beginnt.
 
Ab und zu gelang es ihr, aus den Kliniken abzuhauen und gelangte so schließlich nach Berlin, wo sie aber auch wieder nach kürzester Zeit zunächst in den Karl-Bonhoefer-Heilstätten, im Volksmund besser bekannt als Bonnys Ranch, später in der Landesnervenklinik in Spandau landete. Doch dort gab es einen Stationsarzt, der ihr klar machte, dass sie nicht unheilbar bekloppt, sondern bis auf einige Verhaltensstörungen und harmlosen Neurosen geistig völlig gesund sei. Nach über zehn Jahren geschlossener Klapsmühle und eifriger Schizophrenietherapie, die damals außer durch großzügigsten Psychopharmakagebrauch noch in Elektroschocks und eiskalten Vollbädern gipfelte, war der Weg aus den Nervenanstalten verdammt hart und grob gepflastert, zumal man zu dieser Zeit ambulante Betreuungen noch nicht praktizierte und Auffällige kurz und knackig wegschloss. Resozialisierung – dazumal für psychisch Kranke eine Utopie, wenn sie nicht jemanden ermordet hatten. Denn für Kriminelle wandte man sehr wohl solche Programme an.
 
Ohne weitere Hilfestellungen brachte Karin wenig Belastbarkeit auf und fühlte sich dann schnell überfordert. In diesem Falle steigerte sie sich durch bewusste Fehlatmung in einen psychogenen Anfall, der auf jeden Rettungssanitäter intensivstationsverdächtig wirkte, in die man sie dann auch einlieferte. In kürzester Zeit entdeckte man allerdings ihre Personalien in der zentralen Patientenkartei und Karin befand sich auf dem Weg in die Klapse.
 
Dieses Verfahren zeigte sehr unangenehme Seiten, denn völlig egal, woran sie erkrankte, jeder Husten, Magenverstimmung, Halsweh und andere Gebrechen wertete man bei ihr sofort als psychisch bedingt und Karin wanderte abermals in die Anstalt. So mussten einmal sämtliche Mitschüler, Freunde, Bekannte ein regelrechtes Sit-in in einer bekannten Berliner Uniklinik abhalten, bis sich ein Onkel Doktor gnädigerweise herabließ, Karins Bandscheiben auf einem Röntgenbild zu betrachten. Daraufhin entfernten sie nachts um drei Uhr eine ihrer Psychomacken in einer Notoperation aus der Wirbelsäule. Eine falsche Bewegung hätte Karin sonst für den Rest ihres Lebens an den Rollstuhl gefesselt. Unnötig zu erwähnen, dass die Ärzte dieses Klinikums ein ganzes Jahr lang zig Mal sie mit eindeutigen Beschwerden ohne Untersuchung nach Spandau in die LNK verfrachteten.
 
Die erste Zeit unseres Zusammenlebens gestaltete sich ausgesprochen schwierig. Ihre Toleranz gegenüber Anforderungen war derart gering, dass bereits Kleinigkeiten genügten, um auszuklinken. Doch Karin stabilisierte sich sichtlich und die Zeitspannen vergrößerten sich von Krankenhausaufenthalt zu Krankenhausaufenthalt. Sie lernte auch, zu ihrer persönlichen Geschichte zu stehen. Ihre damalige Mär von der Rauschgiftsucht korrigierte sie in unserer Klasse  und goss den Leuten reinen Wein ein. Einige besonders oberdämliche Mitmenschen rechtfertigten Karins damalige Notlüge durch ihr Verhalten, was sie an den Tag legten, nachdem Karin sie mit der Wahrheit konfrontierte. Eigenartigerweise waren diese Subjekte nicht in der Schülerschaft zu finden, woraufhin meine Achtung für den Lehrerstand ein wenig litt.
 
Ihre anfängliche Augenwischerei belastete also keinesfalls unser freundschaftliches Verhältnis. Aber Unaufrichtigkeit, wie anfangs erwähnt, konnte mich schon arg auf die nicht vorhandene Palme bringen. Anfang September erwähnte ich mal so nebenbei, dass die Leute wohl inzwischen alle komplett überschnappten, weil in den Geschäften bereits überall Weihnachtsdekoration hinge, die Regale unter den Weihnachtsartikeln ächzen und aus den Lautsprechern endlose Weihnachtsschnulzen rieseln. Wohlgemerkt: Anfang September! Diesen Quatsch konnte ich nicht nachvollziehen, denn kein Mensch käme im July auf die Idee, auf dem Wannsee Schlittschuh laufen zu wollen.
 
Diese meine Kritik missverstand Karin und wertete sie dahingehend, dass ich ein radikaler Gegner des Weihnachtsfestes sei, zumal sie wusste, daß ich der christlichen Kirche  nicht angehöre. Wir lebten derart räumlich beengt, dass ein Ausweichen kaum möglich war, zusätzlich befand sie sich in dieser Phase in einer Art Abhängigkeit von mir, um endgültig der Psychomühle zu entrinnen. Vermutlich drängten sie gewaltige Verlust- und Existenzängste dazu, ab dieser Stunde wild gegen Weihnachten zu wettern. Alles kommerzieller Scheiß, die Weihnachtsidee wäre tot und an die Weihnachtsgeschichte glaube eh keiner mehr und als denkender, aufgeklärter Mensch müsse man sich unbedingt von diesem Fest distanzieren.
 
Und wenn wir so beide in unserer kleinen Küche saßen, beobachtete ich heimlich über den Kaffeetassenrand meine sich gegen Weihnachten ereifernde Mitbewohnerin, angestrengt mit bierernstem Gesicht ihren Ausführungen lauschend. In meinem Kopf grinste breit die freche Gyrus und sprach: ´rede nur Mädchen, rede nur zu´.
 
Natürlich entging es mir nicht, wie sehnsuchtsvoll Karins Augen jeden Adventsschmuck betrachteten und ihre Tiraden von Adventssonntag zu Adventssonntag leiser und bedrückter wurden. Manchesmal war ich drauf und dran, dieses böse Spiel zu beenden. Aber ihr krampfhafter Versuch, mir unbedingt nach dem Maul reden zu wollen und das sogar bis zur Selbstverleugnung, dass war der Unredlichkeit zuviel. Karin schrie regelrecht nach einer Abreibung und die bekam sie auch. Kein Tannenzweig, keine Kerze schmückte unser karges Heim, Plätzchen oder Stollen als bürgerlicher Weihnachtsgebäckfettmacher blieben verbannt und sogar meine heißgeliebten Nüsse entfielen, um ja keine weihnachtliche Stimmung zu verbreiten.  
 
Einen Tag vor Heiligabend fiel Karin um. Inzwischen war ihre Weihnachtsaburteilung völlig verstummt und die letzte Woche erlebte ich sie überwiegend niedergeschlagen und schweigsam.
 
Sie gestand, dass sie sich mit einem Klassenkameraden zur mitternächtlichen Weihnachtsmesse vor einer Kirche verabredet hatte. Oh – eine recht unangenehme Nachricht. Nicht, weil sie meinen und Ulis, ein guter Freund von uns, Plan durchkreuzte, den wir allerdings schleunigst auf die neuesten Gegebenheiten anpassten, sondern weil dieser Mitschüler ausgesprochen unzuverlässig war und man ihn stets dort antraf, wo er sich einen Vorteil ausrechnete. Wie, wenn ihm gerade woanders ein lukrativeres oder erfolgreicheres Unternehmen winkte? Leise fluchte ich in mich hinein, aber Gyrus überzeugte mich, dass ich Karin nicht ständig in Watte packen könne.
 
Insgeheim hegte ich die Erwartung, dass sie den Mut fasste, um dazu aufzufordern, mich ihnen anzuschließen. Freundschaft ist eigentlich der einzige Grund, verinnerlichte Vorurteile zu überwinden und daher hätte ich sie auch in eine katholische Kirche begleitet. Außerdem absolvierte ich einst meine Ausbildung bei Nonnen, die katholische Kirche beschäftigte mich mal als Arbeitnehmer und zahlreiche Freunde und Bekannte waren Katholiken. Deswegen blieben meine Berührungsängste hinsichtlich so einem Kirchenbesuch ziemlich gering. Aber Karin fragte nicht und ging allein.
 
Draußen auf der Straße lauerte bereits Uli und in dem Moment, wo Karin um die Ecke bog, eilte er zu mir. Wir schleppten die im Keller versteckte Tanne in den zweiten Stock und brachten sie in Karins Zimmer. Für einen Christbaumständer reichte das Geld nicht, also behalfen wir uns mit ein paar Nägeln und Strippe, um den Baum an Wand und Zimmerdecke zu befestigen. Uli besaß einen Rostbratwürstchenstand vor dem mir verhassten Kaufhaus und gelangte deshalb preiswert an größere Mengen Alufolie. Er, der überzeugte Atheist, zerknüllte die Folie hingebungsvoll zu Kugeln und warf sie in den Baum. Ich zerschnitt sie in lange Streifen und verteilte dieses eigenartige Lametta. Meiner damaligen Haushaltskasse taten die Kerzenhalter richtig weh, so wie jede eigentlich überflüßige Geldausgabe dazumal mich heftig schmerzte, aber als die sorgsam gehüteten roten Baumkerzen in ihnen steckten, bestaunten Uli und ich einen richtig schmucken Weihnachtsbaum. Eilig knipsten wir in der gesamten Wohnung die Lampen aus und sahen erwartungsfroh aus dem Fenster.
 
Nicht lange darauf erschien in unserem Hinterhof Karin. Sogleich blickte sie hoch zu unserer Etage und trottete mit hängendem Kopf und Schultern in den Seitenflügel. Feixend begleiteten wir jeden ihrer Schritte auf den Treppenstufen und entzündeten die Kerzen. Der Schlüssel knarrte wie immer im Türschloss, leise fiel die Tür zu – und nichts geschah. Karin kam nicht.
 
Ratlos suchten meine Augen Ulis und seine meine. Was sollten wir tun? Karin holen? Die Weihnachtsbaumlichter wieder löschen, bevor sie möglicherweise vorzeitig verglimmen?
 
Endlich!
 
Endlich setzte sich Karin in Bewegung, verharrte kurz vor meinem Zimmer, öffnete schließlich ihre eigene Zimmertür und – hielt inne, ungläubig den Weihnachtsbaum anstarrend. „Fröhliche Weihnacht, Karin“ jubelten wir ihr entgegen. Unser Weihnachtslied scheiterte etwas an Ulis Unfähigkeit, eine Melodie zu halten und meinen mangelnden Kenntnissen der Liedertexte und endete somit in fröhlichem Gelächter. Ulis Mama schickte ihm einen riesigen Räucherschinken, den er der Allgemeinheit opferte und genüsslich kauend berichtete Karin, dass Jürgen, wie von mir befürchtet, sie versetzte, in der Kirche bekam eine offenbar psychisch kranke Frau einen hysterischen Anfall, woraufhin man sie sofort ungefragt an die frische Luft setzte, um einen reibungslosen Gottesdienst zu garantieren, und Karin angesichts diesem ihrer Meinung nach unchristlichem Gebaren augenblicklich die Messe verließ. Nach diesen Enttäuschungen hoffte sie bei ihrer Heimkehr inständig, sich wenigstens noch ein klein wenig mit mir unterhalten zu können. Kein Licht brannte. Alleine in der Küche sitzend rechnete sie damit, dass ich vielleicht doch noch nicht fest schliefe und nach ihr sähe. Nichts!
 
Und wo sie sich nur noch leise weinend in ihr Bett verkriechen wollte: ein Weihnachtsbaum, Lichterschein, Freude, Behaglichkeit – einfach die Heilige Nacht der Christen und ihrer Freunde. 
 
Und diesmal drehte ich meinem Gyrus, dieser kleinen vertrackten Hirnwindung, eine lange Nase, als langsam die Kerzen herunterbrannten und Karin in ihrer Wolldecke eingekuschelt die Augen zufielen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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