Kreuzberger Weihnacht
 
Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts wohnte ich in der Bergmannstraße am Chamissoplatz in Berlin-Kreuzberg. Berlin eine Großstadt? Nichts hatten dazumal Adelbertstraße oder Bergmannstraße von dem, was man einer Großstadt normalerweise zurechnet. 
 
Die Uhren liefen anders. Die Bewohner dieses Kiezes gehörten zu einer Bevölkerungsgruppe, die prinzipiell zu spät kam. Nicht, weil sie so undiszipliniert waren, obwohl man in diesem Stadtteil die preußische Tugend Disziplin vergeblich suchte. Nein! Weil die Zeiger der Uhren einfach langsamer krochen als beim Rest der Welt. Bei einer Veranstaltung erkannte man Leute von außerhalb sofort. Sie saßen pünktlich um zwanzig Uhr verblüfft im Zuschauerraum und wunderten sich um zwanzig Uhr dreißig, wenn die Massen langsam herbeiströmten, dass gegen einundzwanzig Uhr das Programm wirklich noch begann.
 
Da nun einmal zu dieser Zeit die besten Musik- oder Kabarettgruppen, wie das KaDeWe, oder hochkarätige Kleinkünstler, wie Lore Seichter, hier beheimatet waren, blieb diesen Besuchern nichts anderes übrig, pikiert ihren frischgewienerten Golf oder Mercedes zwischen die schäbigen Enten, betagten Käfer oder rostigen R 4´s der Anwohner zu quetschen. Das Aussteigen erschwerten die unzähligen klapprigen Fahrräder, die wild am Straßenrand angekettet standen oder lagen und unzählige Tellerminen. So nannten die Kreuzberger die Hinterlassenschaften ihrer Hunde, ortsüblich als Köter oder Töle bezeichnet. Verwegen zusammengeschweißte, altertümliche Campingautos und die Lieferwagen der Trödler, genauso angestaubt wie die Waren, die sie transportierten, gestalteten zusätzlich jede Parkplatzsuche zu einem einzigartigen Unternehmen. In Kreuzberg schlug die Geburtsstunde der Erlebnispädagogik lange bevor sie irgendwelche Professoren auf der Uni erdachten oder lehrten und sie wurde bereits dort täglich erfolgreich praktiziert. Diese Behauptung wird mir jeder damalige Parkplatzsuchende rund um den Mehringplatz sofort bestätigen. 
 
In den Geschäften oder Ständen der Markthalle war es nicht so wichtig, was man kaufte, sondern was man erzählen konnte. Politik wurde hier gemacht und entschieden und nebenbei erfuhr man auch stets die wesentlichen Details aus der Nachbarschaft. Wer mit wem anbändelte, bei wem der Haussegen schief hing, dass Frau Schmidt gerade ihren Mann mit Herrn Müller betrog, dessen Frau es aber mit Herrn Schulz trieb und dass ganz überraschend und unerwartet, Betonung liegt auf unerwartet, die achtundneunzigjährige Frau Meier aus der Arndtstraße aus ihrer Wohnung in ein Altersheim verzog. Man wusste bestens Bescheid über jedes Zipperlein oder Wehwehchen der Ladeninhaber oder Verkäufer und Rezepte aus aller Welt gegen diese, selbstverständlich naturbelassen und ohne jegliche Nebenwirkung, meist auch ohne jede Wirkung, stellten ein beliebtes Tauschobjekt für den alltäglichen Bedarf dar. 
 
Als Kreuzberger Bürger stand man mit den Füßen in der Steinzeit, der Bauch, ganz besonders der Magen, bewegte sich in der Gegenwart und der Kopf geisterte in der Zukunft herum. Der moderne Kreuzberger kletterte zum Schlafen nicht mehr auf einen Baum, sondern zumeist auf sein Hochbett.
 
Bestimmten weltweit die diversen Währungen den Handel, so galt diese Gesetzmäßigkeit in Kreuzberg nur bedingt. Was Miete, Strom, Gas und Telefon betraf, waren eindeutig die modernen Zahlungsmittel gefragt. Mit der Folge, dass Kreuzberger Vermieter die ganze Palette der Gründe kannten, weshalb eine Mietzahlung, selbstverständlich pünktlich überwiesen, dennoch erst nach drei Monaten eintrudelte. Strom, Gas und Telefon funktionierten selten gemeinsam. Klingelte das Telefon, drehte die Bewag gerade den Strom ab, kaum war dieser freigegeben, sperrte die Gasag die Gaslieferung und das Telefon verstummte wieder, wenn die nächste Rechnung fällig war. All das tangierte die Einwohner wenig. Abends traf man mit Sicherheit diejenigen, mit denen man hätte telefonieren wollen, zum Lesen reichte eine Kerze und bei fehlendem Gas blieb eben die Küche kalt.
 
Dafür besann man sich auf sehr alte Tugenden und entwickelte einen regen schwunghaften Tauschhandel: selbstgekochte Marmelade gegen Salami, Tisch gegen Regal, Hilfe bei der Examensarbeit gegen Putzen, handgestrickter Pullover gegen Kinderroller, Zimmer in WG gegen Durchlauferhitzer, Blumenvase gegen Gebirgshütte in Öl usw. Eine Freundin von mir besaß ein überflüssiges Hochbett und brauchte dringend einen fahrbaren Untersatz. Eine andere benötigte durch Umzug ein Hochbett, weil sie ihr riesiges Doppelbett aus Platzgründen nicht mehr aufstellen konnte. Eigentlich suchte ich eher ein einfaches Bett, meine Räumlichkeiten erlaubten aber ohne weiteres ein Monster an Doppelbett. Dafür mochte ich nicht meine grüne Ente und wollte sie unbedingt loswerden, ohne die Verschrottungsgebühren zu berappen. Da sie noch über sechs Monate TÜV verfügte und nach gutem Zureden sich auch fortbewegte, konnte der Ringtausch zu aller Zufriedenheit starten. 
 
Klagte Berlin allgemein die Überalterung der Stadt an, traf dies nicht für den Bezirk 61 zu. Trotz der vielen alten Menschen, die dort ansässig waren, sorgten nicht nur die türkischen Mitbürger für ein drastisches Sinken der Altersgrenze. Petersilie, vaginal angewandt, der Blick durch das Spekulum und in die Tarotkarten, das Verfolgen der Mondlaufbahn und das Studium des Kaffeesatzes galten zwar als voll alternativ und cool, zeigten jedoch nicht immer den gewünschten Erfolg betreffs Empfängnisverhütung, sodass sich die Lehrer über zunehmend mehr Kinder mit Deutsch als Muttersprache erfreuen durften.
 
Umweltbewusst wie man war, belastete man nicht unnötig die Atmosphäre und verzichtete deshalb weitgehendst auf die Heizung. So, wie der Urmensch in der Meute vermutlich in eine Höhle kroch, um sich vor der Witterung zu schützen, floh der Jetztmensch abends vor der Kälte in eine der zahlreichen Kneipen. Erklärte Lieblingshöhle am Chamissoplatz war der Heidelberger Krug. Es gab aber einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Ur- und Gegenwartsmenschen: ein Urmensch wäre nie bereit gewesen, seine schützende Höhle vor Tageseinbruch zu verlassen. Die zeitgemäßen Mitbürger folgten nachts dem sogenannten Kreuzberger Trampelpfad, um noch weitere Höhlen zu besuchen. Beim ersten Morgenlicht bewegte sich der Homo sapiens kreuzbergensis vorsichtig zu seiner Einzelhöhle und bevorzugte dann sehr häufig den Schlafplatz auf dem Fußboden unter seinem Hochbett. Ein Steinzeitmensch, der morgens auf so ein Exemplar trifft, wäre felsenfest überzeugt gewesen, einem seiner sehr frühen Vorfahren gegenüberzustehen. Auch die Evolution entwickelte in Kreuzberg eigene Gesetze.
 
Ertönte überall das Brunftgeschrei, erkannte der Eingeweihte, der Kreuzberger Frühling erblüht und das Grün schlägt aus. Spätestens zum ersten Mai erzitterten die Straßen von heftigen Revierkämpfen. Grüngekleidete Außerirdische versuchten Kreuzberg zu annektieren. Die buntgekleidete Schar der Hiesigen verteidigte dann tapfer ihre Straßen, die von ihnen besetzten Wohnhöhlen, ihre Weibchen und ihr Eigentum, unterstützt von befreundeten Volksstämmen, die nur aufgrund der Wohnungsknappheit  nicht in Kreuzberg offiziell gemeldet wohnten, was sie jedoch nicht daran hinderte, dort zu leben. Eigentlich stellten diese Revierkämpfe traditionelle Scheinkämpfe dar. Also wie bei den Hirschen. Man demonstrierte ordentlich Stärke, zeigte Imponiergehabe, ließ die Geweihe aufeinanderkrachen, verlor manchmal auch vielleicht sein Geweih dabei. Aber so etwas wuchs schließlich nach. Doch man achtete streng darauf, dem Gegner nicht ernsthaft wehzutun.
 
Andere Dimensionen erreichten die Revierkämpfe, wenn ein Neandertaler einen der begehrten Berliner Senatorensitze ergattern konnte. Dann schnaubten die Grünen schon auf dem Weg nach Kreuzberg mächtig durch ihre Nasen, Schaum trat vor die Münder und ihre glasigen Augen gierten nach Beute. In diesem Falle entarteten die Rituale und steigerten sich zu echten Straßenschlachten mit vielen Verletzten und jeder Menge Bruch. Die Regeln traten außer Kraft. 
 
Auch das nahm der Kreuzberger mit der ihm angeborenen störrischen Ruhe gelassen hin. Sowie das Thermometer sommerliche Temperaturen anzeigte, endeten die Auseinandersetzungen. Kaum verflüchtigten sich die Tränengasschwaden, zogen die müden Krieger heim, ließen sich unter lautem Jammern und Ächzen die Wunden und Schrämmchen verbinden und feierten abends in den Gemeinschaftshöhlen nach dem dritten Bier ihre wundersame blitzartige Genesung. Für den sommerlichen Gesprächsstoff war gesorgt. Die Glaser stimmten ihr Lobeslied an und ersetzten im Akkord die zerschmissenen Scheiben, dass freundlicherweise von den grünen Männchen ofenfertig zerkleinerte Holz sammelte man emsig und lagerte es im Keller für den nächsten Winter ein, Stühle auf den Bürgersteigen forderten die Nachbarn zum Klönen auf und an den abenteuerlichen Campingbussen am Straßenrand werkelten und schraubten und hämmerten ganze Scharen von verkannten Handwerkertalenten herum. 
 
Hochglanzpolierte Touristenbusse schlichen dicht an dicht durch den Bezirk und ihre Insassen starrten ungeniert auf das Treiben, ihrerseits von den Kreuzberger Kindern begafft. Bei jeder beschädigten Fensterscheibe rissen sie verzückt ihre Photoapparate hoch und ein Blitzlichtgewitter tauchte das Businnere in grellen Schein. Wen interessierte es, dass dieses Fenster sich im fünften Stock befand und der letzte Windstoß die Scheibe auf dem Gewissen hatte. Stolz verkündeten sie zu Hause, ein Relikt von der letzten Straßenschlacht unter Lebensgefahr auf Zelluloid gebannt zu haben. Diese Touribusse stellten ein Ärgernis dar, denn wer lässt sich schon gerne wie ein Schimpanse im Zoo zur Schau stellen? Da konnte es leicht passieren, dass einige Pflastersteine mangels üblichem Objekt, nämlich Wannen, also den Mannschaftswagen der Polizei, auf sie geschleudert wurden. Doch eigentlich beeinflussten die Touris in dem Sinne das Kreuzberger Leben keinesfalls. Denn hätten die Busse wirklich einmal gehalten und die Türen geöffnet, wären vermutlich die hessischen, amerikanischen, bayrischen, japanischen, schwäbischen und sonstwoher Gäste ängstlich unter ihre Sitze gekrochen. Schließlich hatte man sie in die Stadtrundfahrtsbusse damit geködert, dass ihnen Europas letzte blutrünstige, menschenfressende, kriegslüsterne Wilde präsentiert werden. Und im Fernsehen zeigten sie doch auch ständig die bürgerkriegsähnlichen Bilder.
 
Natürlich erschien niemals ein Filmteam vor Alis Kebabstand, vor der Grünberockte und Streetfighter einträchtig brav während der größten Krawalle in der Schlange anstanden, weil Ali ein Vordrängeln nicht duldete. Beim kleinsten Streit hätte Ali seine Bude eiskalt geschlossen. Kämpfen macht aber hungrig und bei Ali gab es den besten Döner weit und breit.  
 
Man benötigte in Kreuzberg keinen Kalender. Der Beginn der Sommer- und Semesterferien kündigte sich dadurch an, dass die wild zusammengezimmerten Campingwagen sich entgegen allen Erwartungen laut knatternd, dichte schwarze Wolken ausspuckend, stockend und holpernd in Bewegung setzten, um irgendwo am Mittelmeer große Kreuzberger Wagenburgen zu bilden. 
 
Nun war es still, fast ausgestorben im Kiez. In den Geschäften bedienten die Verkäufer prompt mit melancholischem Blick, mittags floh man vor der stickigen Hitze unter die Bäume auf den Chamissoplatz oder zu dem künstlichen Wasserfall auf den Kreuzberg, die Kneipen wirkten öde und verlassen und sein schales Bier erhielt man bereits vor der Bestellung. Abends versammelten sich die wenigen Dagebliebenen auf dem begrünten Mittelstreifen des Mehringdammes und grillten unbeeindruckt von dem vor und hinter ihnen vorbeirollenden Großstadtverkehr ihre Würstchen. Da der Kreuzberger überaus gesellig war, reagierte das Individuum mit großer Erleichterung, wenn man dort ein bekanntes oder vertrautes Gesicht erspähte. Wen wunderte es da, dass ab und zu sogar die patrouillierenden Wannen es wagten, zu parken, und ihren grünen Inhalt ausspieen. Vorgebend, die Grills auf ihre Sicherheit überprüfen zu wollen, mengten sich die Grünen unter die Zurückgebliebenen, dankbar, ein wenig Leben in dieser Geisterstadt anzutreffen. Verblüfft stellten die Vereinsamten beider Seiten fest, dass man sich offenbar problemlos mit denen, die man als Chaoten bezeichnete, und mit denen, die man Bullen nannte, ohne weiteres unterhalten konnte. Ja, in der Not hielt man zusammen.
 
Dass der Sommers sich zum Ende neigte, verrieten diese wahnwitzigen Campingbusse, die erstaunlicherweise nach einigen Wochen fast alle wieder nach und nach zurückkehrten. Gut, dem einen fehlte die Stoßstange, ein anderer verriet durch seine Geräuschkulisse, dass sein Auspuff irgendwo bei Port Bou auf den Serpentinien lag, dem nächsten entstiegen die Fahrgäste durch das Fenster, weil Strippen notdürftig die Türen zubanden, die ein anderer gleich ganz verlor. 
 
Mehr und mehr tiefbraungebrannte Gesichter bevölkerten die Bürgersteige, sodass nur noch das Kopftuch zur Klärung beitrug, welche Kreuzbergerin türkischer oder deutscher Abstammung war. Die Verkäufer philosophierten mit ihren Kunden über Gott und die Welt und wehe man wagte es, sie zu unterbrechen, nur um in den Besitz eines schnöden Paketes Zucker zu gelangen. In den Kneipen schrie man zehn Mal vergeblich nach seinem Bier und zapfte es sich notfalls selbst. Jeder übertraf den anderen mit seinen unglaublichen Urlaubserlebnissen und wer genau zuhörte, erkannte schnell, dass sie alle bereits nach einer Woche Urlaubsparadies Heimweh nach ihrem miefigen Stadteil plagte und jubelnd auf der Heimfahrt die sonst so verhassten Grepos an der ersten Kontrollstelle auf der Transitstrecke begrüßten. Den Wannen, die nun nicht mehr anhielten, zollte man mit den ersten Pflastersteinen jene so lang vermisste, wohlmeinende Aufmerksamkeit. Die Grünen frohlockten über ihren wiedergewonnenen Abenteuerspielplatz und der arme kleine Verkehrspolizist riskierte eine Straßenschlacht, wenn er einen Radfahrer ohne Licht ermahnte, nur weil durch Übertragungsfehler die Kreuzberger Buschtrommeln versehentlich Alarm wegen einer drohenden Häuserräumung auslösten.
 
Asterix und Obelix pflegten eben für ihre Kurzweil den Kontakt mit den Römern und die Kreuzberger Jugend und Junggebliebenen, die auch nichts mehr fürchteten, als dass ihnen der Himmel möglicherweise auf den Kopfe falle, verlustierten sich mit den grünen Jungen des Berliner Senates. 
 
Es begann also wieder der alte Trott. Laut, bunt, tauschen hier, tauschen da, gemütlichen Schrittes, Pläuschchen mit dem, Pläuschchen mit jenem und um alles in der Welt Hektik vermeidend. Eilige Dinge saß man aus und wenn das nicht half, erledigten besonders Pflichtbewusste sie eben Übermorgen. Systematisch zerstörte das Raffen und Schaffen oder das Schaffen und Raffen, je nachdem, andernorts die letzten Dorfidyllen. Nur hier in Kreuzberg, mitten in der Möchtegerngroßstadt Berlin, existierte ein Völkchen, dass sich anscheinend völlig immun gegen die Errungenschaften der freien Marktwirtschaft behauptete. Trotzen statt Protzen lautete die Maxime.
 
Der besonders Trinkfeste triumphierte über den karrieregeilen Aufsteiger, die abends in den Pinten angebotenen liebevoll hergestellten Raubdrucke narrten die mächtigsten Buchverlage, Muhammers Vanilleeis stach mit links Langnese oder Möwenpick aus, an Willi und seiner Gitarre scheiterten die besten Philharmoniker, Jürgen Rosemanns Stadtlandschaften, logischerweise von Kreuzberg und ausgestellt im Heidelberger Krug, ersparten die Galeriebesuche im Niemandsland, kurzum - man war sich selbst genug und leistete es sich, mit dem zufrieden zu sein, was man als Jäger und Sammler im eigenen Stadtteil erlegte. Versank die ganze Welt in Betriebsamkeit und Geldscheffeln, in Profilierungssucht und Machtstreben, in Stress und Managerkrankheit - hierfür zeigte der Kreuzberger nur ein müdes Lächeln. Mit solchen profanen Sachen belastete man sich einfach nicht. 
 
Doch einmal im Jahr brach über Kreuzberg eine verhehrende Katastrophe herein, schlimmer als  Springflut, Hurrikan und Vulkanausbruch zusammen.
 
Der Kreuzberger rannte.
 
Wirklich - er rannte. 
 
Also einen Fuß vor den anderen Fuß setzend in derartiger Schnelligkeit, dass die Hacken chancenlos auf Bodenberührung blieben, weil die Zehen des anderen Fußes bereits den Körper in eine vorwärtsgerichtete Bahn katapultierte. Etwas Ähnliches zeigten die Läufer während der olympischen Spiele. Im Gegensatz zu diesen benötigte ein Kreuzberger allerdings kein Doping und unterbot dennoch sämtliche Rekorde. Bedauerlicherweise nahm niemand die Zeiten und deshalb verteilte auch keiner Medaillen. Sonst wären sämtliche Vorkommen an Gold, Silber und Bronze auf dem Erdball in kürzester Zeit leergefegt gewesen. 
 
Völlig unnötig, den Kalender zu konsultieren: wenn die Kreuzberger rannten, konnte es nur der 20. Dezember sein. Ihre viel erprobte Verdrängungstaktik funktionierte wieder einmal bestens und kollektiv fiel ihnen an diesem Datum auf: Weihnachten steht unweigerlich vor der Tür.
 
Beim Betreten der Markthalle am Marheinickeplatz drohten die Trommelfelle zu platzen, aus sämtlichen Geschäften drang wildes Gezeter, riesige abgesägte Tannen- und Fichtenwälder wurden über die Bürgersteige gezerrt, bereits am Nachmittag hingen die ersten Schnapsleichen am Thresen, die es nicht schafften, dem Stress standzuhalten, überall Kindergeschrei und -geplärre, entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten stürmten die Kiezbewohner nun sogar auch die anderen Berliner Bezirke, vorrausgesetzt, diese verfügten über ein Kaufhaus und kehrten vollbepackt mit hochroten Köpfen schubsend, stoßend, rempelnd, fluchend zurück, Busse und U-Bahnen quollen über und bei Benutzung dieser begab man sich in akute Lebensgefahr, gut beraten, wer es vermied, irgendjemanden anzusprechen oder etwas zu fragen und der Versuch, die Straße zu überqueren kam einem Spiel mit der Rente gleich. Die Herren in Grün irrten mit ihren Wannen fassungslos durch die Straßen und begegneten keiner Menschenseele, die ihnen auch nur einen Wimpernschlag Beachtung entgegenbrachte. Der ansonsten so friedliche Stadtteil versackte in einem viertägigen Horrorszenarium.
 
Weit gefehlt, falls jemand annahm, dass dieser Terror bei Ladenschluss endete oder vor der eigenen Schwelle Halt machte. Sogar die Flucht in die eigene Wohnung entpuppte sich als aussichtslos. 
 
Frau Schmidt´s keifende Stimme störte sich nicht an der trennenden Wand unserer Wohnungen. Herr Schmidt ließ sich wieder die allerletzte, schiefgewachsene, nadelfreie Gräte andrehen und begriff mangels Lernfähigkeit einfach nicht, doch seiner Frau besser die Weihnachtsbaumwahl zu übertragen, die allerdings ihrerseits die Besorgung des Baumes ablehnte, da sie sich nicht zerteilen könne. Letztes Jahr lachte ich noch unvorsichtigerweise über die alljährliche Zänkerei, angesichts dessen, dass ich Nachbars Dialoge inzwischen erwartungsmäßig und einwandfrei zutreffend vorbetete, nervte es schlicht und ergreifend.
 
Über mir schrie Peter, dass seine Hausaufgabe für das Examen wichtiger sei und Ingeborg kreischte zurück, sie empfange keinesfalls abends ihre Eltern in einem solchen Saustall. Ich überlegte, ob ich mal kurz nach oben gehen sollte, um Ingeborg daran zu erinnern, wie die ihrer Meinung nach bürgerlichen Kleinhirne gewöhnlicherweise über Peter als hoffnungslose Studententype herzogen, völlig ungeeignet als Lebensgefährte ihrer werten Tochter, um den Streit zu beenden. Vorrausschauend wie ich nun einmal bin, verkniff ich es mir vorsichtshalber. Der Lärm unter mir in der Küche bedeutete, dass dort der Ehekrach soeben den Siedepunkt erreichte und nach dem Fest Möllers dringendst neues Geschirr bräuchten. Frau Krause mäkelte lautstark über ihre Geschenke, wieder einmal vermisste sie die Designerklamotten oder teuren Schmuck und um der Ausnahmslosigkeit willen beanstandete sie bei dieser Gelegenheit auch gleich die Potenz ihres Gatten.
 
Nicht einmal die Kreuzberger anderer Herkunft entzogen sich der Weihnachtshysterie. Die Jugofamilie beförderte gerade ihre Einrichtung aus dem Fenster und der türkische Papa brüllte die Kinder zusammen, weil sie auch so gerne einen Weihnachtsbaum gehabt hätten.
 
Als nächstes würden die Alkis im Erdgeschoss den Rüssel so voll haben, dass das Haus die ungeliebten Grünen als Freund und Helfer herbeibitten, um zu vermeiden, dass sich unsere Schnapsdrosseln gegenseitig aus Versehen die Hälse umdrehen. Nicht, weil man die Suffkis derart liebte und deshalb schützte, sondern weil das Sozialamt diese Wohnung mietete und keiner wusste, wen das Amt nach ihnen hereinsetzt.
 
Ich raffte meine Schmutzwäsche zusammen, ignorierte meine nagelneue Waschmaschine, griff im Vorbeilaufen wahllos drei Bücher und verließ das Haus, vorsichtig nach oben spähend, damit mein Kopf nicht durch herumfliegendes Mobiliar litte. 
 
In dieser guten alten Zeit blieben die Waschsalons nachts gottlob geöffnet und so lud ich in dem Salon am U-Bahnhof Mehringdamm meine Schmutzwäsche in eine der Maschinen und plazierte mich erleichtert in einem der Plastikstühle. 
 
Als Erstes kontrollierte ich die Literatur, die ich bei meiner Flucht zufällig schnappte. Kästners Fabian, die Pest von Camus und Dr. Ratte von Kotzwinkle, der Mensch heißt wirklich so und zum Kotzen war mir selber zumute, erweckten nicht gerade den Eindruck, meine Stimmung wesentlich aufzuheitern. Also wanderten meine Augen durch den Laden. Ich war nicht alleine.
 
Eine junge Frau, sehr zart wirkend, erzählte empört, dass ein Kommilitone, für den bis dahin ihr Herz etwas kräftiger schlug, sie zu einer Weihnachtsparty einlud, weshalb sie nicht bei ihren Eltern die Weihnachtstage verbrachte. Auf dieser Party kifften die Leute sich bis über beide Ohren zu. Als sie sich ohne Ansehen der Person anfingen gegenseitig zu bekrabbeln und ihr Angebetener sie mit dem Vorwurf der völlig verklemmten und sexuell frustrierten Ziege bedachte, räumte sie blitzartig das Feld. Eine besinnliche Weihnacht stellte sie sich irgendwie anders vor.
 
Ein junger Mann mit roten Wangen wie aus der Rotbäckchenreklame, eher markant für Landsleute aus den Bergen als für Berliner Hinterhöfe, die Baskenmütze lässig über den Kopf geschoben, berichtete in kaum zu verbergenden bayrischen Dialekt, dass seine Genossen eine antikapitalistische, antifeudalistische, antimonopolistische, antireligiöse Antiweihnachtsfeier veranstalteten. Nach der ersten Flasche Rotwein schimpften sie über den ganzen bürgerlichen Scheiß, nach der zweiten Flasche Rotwein lobten sie die internationale Solidarität, nach der dritten Flasche Rotwein flennten sie nach Mutterns Weihnachtsbaum und ihrem reaktionären Weihnachtsstollen. Auch auf die Gefahr, in den Geruch eines Revisionisten zu geraten, desertierte er vom revolutionären Antifest vorzeitig und widmete seine Zeit lieber schmutzigen Unterhosen. 
 
Ein eher schüchtern wirkender Typ um die siebzehn Jahre betrat den Waschsalon. Weder Tasche noch Rucksack bei sich führend konzentrierte er alle Aufmerksamkeit auf sich. In aller Seelenruhe leerte er seine Hosentaschen, legte Geldbörse und allen möglichen Kram auf eine leere Waschmaschine, entkleidete sich splitterfasernackt, verfrachtete seine abgelegten Klamotten in die Waschtrommel, stellte sie an und landete durch einen Hechtsprung sitzend neben Portemonnaie und seinen anderen Habseligkeiten. Nach dem ersten Überraschungsmoment stellte ich fest, dass meine Augen auch schon unansehnlichere Anblicke als diesen reinlichkeitsbedürftigen Nackten auf der Waschmaschine abbüßten. 
 
Kurz darauf erschien eine alte Frau mit einer riesigen Tasche. Der Heilige Abend bedeute für sie den schrecklichsten Tag im Jahr. Überall erklängen Weihnachtslieder und wenn sie dann einsam vor den Bergen von Weihnachtsplätzchen säße, die sie aus reiner Gewohnheit in der Adventszeit buck, und niemand war da, der sie verspeiste, erinnerte sie sich an ihre beiden Söhne, ermordet von Hitler auf dem angeblichen Feld der Ehre, erinnerte sie sich an ihre Tochter, die sich im Mai 1945 das Leben nahm, nachdem die Befreier sie tage- und nächtelang vergewaltigten, erinnerte sie sich an ihren Mann, mit 57 Jahren arbeitslos, den keiner mehr einstellte, der sich nicht damit abfand, so früh zum alten Eisen zu gehören und der von Tag zu Tag mehr kränkelte und verfiel, bis er zwei Jahre später entschlief und sie erinnerte sich an ihre beste Freundin, ihr einziger verbliebener Trost, bis diese in der geriatrischen Psychiatrie landete, nachdem man sie wegsanierte und in ein Altersheim am Stadtrand verfrachtete und irgendwie könne sie an das ganze Weihnachtsgelumpe nicht mehr so richtig glauben.
 
Während die Frau uns ihre Lebensgeschichte mitteilte, öffnete sie ihre Tasche. Diese war randvoll mit herrlich duftenden Plätzchen gefüllt, mühelos die Wochenration einer ganzen Kompanie abdeckend. Erzählend schritt sie, gleichzeitig ihre Leckerei anbietend, von einem zum anderen Waschkunden. Vor unserem Nacktfrosch auf der Waschmaschine stutzte sie kurz, reichte ihm aber die Tasche nach oben und mehr als bereitwillig langte er wie die anderen zu. Ob er keine Angst hätte, dass seine Kleidung in der Maschine einliefe, fragte sie ihn. Daraufhin erwiderte er, dass seine Sachen bereits so oft gewaschen seien, dass derartige Besorgnisse ihm unbegründet schienen. Aber vorletzte Woche wäre eine Waschmaschine defekt gewesen, die Tür der Maschine verklemmte sich derart, dass sie allen Versuchen der Öffnung erfolgreich widerstand. Zwangsweise schlich er im Adamskostüm zur Telefonzelle an der Ecke, um den Reparaturdienst zu holen. Danach wartete er noch stundenlang auf diesen. Er fühlte sich richtig befreit, wie er seine Sachen endlich aus dem Trockner zog und in sie schlüpfte. 
 
Ich stellte mir diese Situation bildlich vor: der bibbernde Junge musste zur Telefonzelle am Bierpallast vorbei, der größten Säufertankstelle in ganz Kreuzberg mit riesengroßen Fensterscheiben, am U-Bahneingang, in dem ununterbrochen Menschen verschwanden und aus dem sich alle zehn Minuten Menschentrauben ergossen und an einer vielfrequentierten Taxihalte. Solche illustrierten Gedanken gingen anscheinend auch den anderen Waschsalonbesuchern durch ihr Hirn. Jedenfalls lachten wir, auch unsere Plätzchenfrau, dass Taschentücher und Pulloverärmel aufweichten. Der Nackedei mit der typisch Kreuzberger Mentalität registrierte scheinbar regungslos unsere Fröhlichkeit.
 
Die Tür öffnete sich und zwei jüngere Männer, der eine mit lila, der andere mit giftgrünen Haaren, traten ein, um sich aufzuwärmen. Sofort eilte die Naschtasche zu den neuen Opfern, die der Einladung willig folgten. Zufrieden kekskauend wunderten sich die Spontis darüber, wieso die Leute soviel Geld für ihre Weihnachtsbäume ausgaben, wo die Dinger jetzt achtlos und unbewacht an den ehemaligen Verkaufstellen herumlagen. Es schoss mir durch den Kopf, dass das die Chance für die Schmidts war, doch noch ihren Idealbaum zu finden. 
 
Bald darauf kam eine Frau mit drei kleinen Kindern. Die zwei Wäschestücke, die sie in die Maschine steckte, täuschten kaum über die wahren Beweggründe, ihr blaues Auge und die breit rotz- und tränenverschmierten Gesichter der Kinder hinweg.
 
Grünschopf und Lilamähne wechselten einen Blick und entfernten sich. Nach einigen Minuten zwangen sie sich mit einer riesengroßen Edeltanne im Gefolge durch die Salontür. Ohne weitere Worte schoben wir unsere Plastikstühle zusammen, damit die Tanne Halt fand und stand, während die alte Dame unentwegt ihre Plätzchen in die Kindermünder stopfte. Die Studentin durchwühlte ihre Manteltaschen, bis zwei Packungen Tempos und eine Nagelschere auftauchten. Mit Hilfe der Nagelschere zauberte sie aus den Taschentüchern Sterne, die die Kinder, hochgereicht durch kampferprobte Proletarierfäuste für die Arbeiterklasse, in den Baum hängten. Danach entschwand unser Revolutionär und kehrte sobald aus der kapitalistischen Lasterhöhle Bierpallast mit vier Kerzen, Limonade und drei Schokoladenweihnachtsmännern zurück. Der inzwischen bekleidete Nacktfrosch opferte seine wohl einzigen Socken, malte mit Filzstift Augen rauf und schon begrüßten uns zwei Handpuppen, die ich mit einer meiner Socken auf drei erhöhte. Diese Sockenhandpuppen stiegen von Waschsalonsockenhandpuppen zu echten Weihnachtswichteln auf.
 
Mir fiel ein, auch als Kind nicht unbedingt mit Reichtümern gesegnet, dass leere Pappkartons ein ideales Spielzeug darstellten. Und in einer Ecke türmten sich leere Waschmittelkartons. Aneinandergereiht ergaben sie einen vortrefflichen Weihnachtsmannzug. Die Sockenweihnachtswichtel bereisten nun für den Weihnachtsmann die Erde, um zu erkunden, was sich Kinder zu Weihnachten wünschen. Natürlich begleiteten die Waschsalonkinder die Wichtel auf ihrer Reise. In Afrika beschwerten sich die Kinder darüber, dass es so wenig schwarze Engel gibt. Die chinesischen Kinder vermissten Weihnachtsengel mit gelben Gesichtern und Schlitzaugen. In Mexiko forderten die Kinder mehr Engel mit glatten schwarzen statt blondgelockten Haaren. Die Eskimokinder bedauerten, dass die Engel keine Pelze tragen und den indianischen Kindern fehlten rothäutige Engel, die vielleicht nicht nur in den Flügeln Federn haben sollten. 
 
Auf heimwärtsstrebende Passanten, die zufällig in den Waschsalon blickten, wirkte es vermutlich ziemlich bescheuert, wie mitten in der Nacht fünf Erwachsene mit drei Socken in der Hand, mit denen sie sich anscheinend sehr angeregt unterhielten, und drei Kindern dazwischen, auf alten Waschkartons hockend auf dem Boden herumrobbten. Der Weihnachtsmannzug kam von seiner Weltreise zurück und fuhr mit lautem "Ratatata" und "Klinglingling", der Revoluzzer war eine hervorragende Weihnachtsmannzugglocke, in den Bahnhof Waschsalon ein. Es klopfte an der Scheibe. Die aufgedunsene Bedienung des Bierpallastes gab uns ein Zeichen.
 
Wir stellten die restlichen Plastikstühle, die nicht als Weihnachtsbaumständer dienten, im Halbkreis um unsere Tanne mit den Tempotaschentüchersternen auf, so, dass wir die vier Kerzen sahen, deren Wachs von der Waschmaschine langsam in das Waschmaschinenbullauge tropfte. Kaum saßen wir auf den Stühlen, bummerte es laut gegen die Türscheibe des Waschsalons. Die Frau aus dem Bierpallast trug eine Weihnachtsmannmütze auf dem Kopf und einen langen verschlissenen Männermantel mit mottenzerfressenden Pelzkragen, den wohl einer ihrer Gäste spendete, zugebunden mit einem auseinandergerissenen blauen Müllsack. Schwerfällig und stark gebeugt schlurrfte sie in den Waschsalon, einen weiteren Müllsack geschultert, in der Hand einige Tannenzweige als Rute. Reichte unsere Phantasie als Erwachsene nicht ganz, unsere Kinder erkannten sofort den Weihnachtsmann.
 
"Von drauß, vom Walde komm ich her," dröhnte es durch den Raum und nicht nur die Kinder reagierten beeindruckt, mit welcher Inbrunst und Überzeugung die Serviererin das Gedicht vom Knecht Ruprecht aufsagte. Auf der Straße drückten sich die Gäste vom Bierpallast an der Scheibe die Nasen platt. Man sah ihnen an, dass sie nicht erst seit einer Stunde in dieser Kneipe verweilten. Übernächtigt, alkoholisiert, mit zerzausten Haaren und stoppelbärtig wirkten sie nicht gerade wie die Krönung der Schöpfung oder ihres Geschlechtes.
 
Ob denn die Kleinen auch ein Gedicht vortragen könnten. Na klar konnten sie. Zugegeben, dass Gedicht vom Hühnerhof passte nicht so ganz, dennoch war es schön und warum sollen Hühner nicht auch Weihnachten feiern? Außerdem: was ist schon unpassend bei einer Bescherung im schrillen Licht der Neonröhren eines Waschsalons? "Ich bin klein, mein Herz ist rein", gab das zweite Kind zum Besten und "Advent, Advent" des dritten Kindes befriedigte den Weihnachtsmann vollends. Er steckte seine Rute ein und griff in seinen Müllsack und förderte viele Geschenke hervor, eigenartigerweise eingepackt in den Zeitungsseiten vom Spandauer Volksblatt. Und ich dachte immer, die da drüben lesen ausschließlich das Revolverblatt Bild.
 
Als die Kinder mit glänzenden Augen ihre Gaben auswickelten, begriffen die Anwesenden, dass die Thresenkraft sich allererstens an der spärlichen Weihnachtsdekoration im Bierpallast vergriffen hatte: ein großer Weihnachtsstern aus Goldfolie kam zum Vorschein, ein Dekorauscheengel und ein dickbauchiger Schneemann als Windlicht. Jedes Kind erhielt einen leeren Block, auf dem gewöhnlicherweise eine Strichliste über Schnäpse und Bier Auskunft über den Konsum der Gäste erteilte, und einen Bleistift. Die erste Seite der Blöcke zierte ein Bild aus der Weihnachtsgeschichte, von jemanden sogar recht kunstvoll mit Kugelschreiber gezeichnet.
 
Der unumstrittene Clou waren aber die Autos. Isolierband klebte quadratische Bierdeckel zusammen, eher liebevoll statt künstlerisch wertvoll mit verschiedenfarbigen Kugelschreibern bemalt. Runde Bierdeckel mit Klammern befestigt, die man eigentlich dazu benutzte, um große Briefsendungen zu verschließen, verliehen den eigentümlichen Fahrzeugen rollende Räder. Und unsere Waschsalonkinder taten das, was alle Kinder nach einer Bescherung machen: Weihnachtsmann Weihnachtsmann sein lassen und das neue Spielzeug in Besitz nehmen. Glücklich krochen sie auf dem Boden herum und mit lautem "Tuttut" und "Brummbrumm" umkreisten die Bierdeckelautos Weihnachtsengel und Windlichtschneemann.
 
Ein Gast aus dem Bierpallast dienerte mit einem Tablett und der Weihnachtsmann überreichte den Erwachsenen als Gabe einen heißen Glühwein. Die Mutter verdünnte ihren Glühwein mit ihren Tränen und allein nur deswegen, um diese Situation zu überspielen, weshalb auch sonst, stimmte unser Revoluzzer das Lied "Stille Nacht, heilige Nacht" mit einer bemerkenswert schönen, klaren Stimme an. Er beherrschte den Text dieses Liedes übrigens genauso einwandfrei wie den Text der "Internationalen". Alle fielen in seinen Gesang ein, auch die Ausgeschlossenen der Gesellschaft, die Männer vor dem Waschsalon aus dem Bierpallast. Als mein Blick zufällig nach draußen glitt, erkannte ich bei vielen feuchte Augen und zwischen ihnen standen plötzlich außer einigen Taxifahrern von der Halte zwei grüne, wie Zinnsoldaten strammstehende Herren, ihre Dienstmützen unter dem Arm haltend und aus voller Kehle mitsingend, ungeachtet dessen, dass die Uhr nachts um drei anzeigte und mancher schlafender Anwohner sich vielleicht in seiner Ruhe gestört fühlte. So unauffällig, wie sich die Grünen unter die Bierpallastbesucher mischten, so unauffällig entfernten sie sich auch. 
 
 
Kaum, dass das Lied endete, waren die Kleinen, die Händchen fest um ihre Autos geschlossen, eingeschlummert. Nein, sie könne jetzt gefahrlos nach Hause gehen, erklärte uns ihre Mutter, ihr Mann schliefe nun sicherlich seinen Rausch aus. Als Hilfsarbeiter verdiene er nicht soviel auf dem Fruchthof. Dann sähe er, was andere Väter an Weihnachtsgeschenken für ihre Kinder nach Hause schleppen. Da wolle er mithalten, was nicht möglich sei. Die Pulle ginge schon morgens auf dem Fruchthof von Hand zu Hand und auch, wenn er seit ihrer Hochzeit sonst nicht tränke, nähme er ausgerechnet am Heiligabend einen mächtigen Schluck, um seinen Frust herunterzuspülen, dass er seinen Kindern so wenig bieten könne, was dann regelmäßig in einer der zahlreichen Kreuzberger Kneipen endete. Das ganze restliche Jahr sei er der liebevollste Vater und ein aufmerksamer Ehemann. 
 
Ich spendete dem, bis auf die in den Schuhen steckenden nackten Füße, angezogenem Nacktfrosch meine einmal getragenen, guten Wollsocken, nun frisch gewaschen und nach Weichspüler riechend, die er sich breit grinsend sofort anzog. Als Dank fischte er aus dem Papierkorb meine weggeworfene Einzelsocke, versorgte sie mit Augen und schenkte mir einen Weihnachtswichtel. Der Revolutionär murmelte etwas von Marx hin, Engels her (nee, nee, mit Engels meinte er nicht die mit den Flügeln und Heiligenschein, sondern Karls Kumpel) und Kindern Weihnachten klauen wäre tendentiell faschistoid. Damit wickelte er einen unserer leise schnarchenden Weihnachtsengel in seinen Lodenmantel ein. Die Spontis entledigten sich ihrer bis dahin nicht abgelegten Lederjacken und nahmen sich der beiden anderen an. Mit den gut verschnürten Kinderpaketen auf dem Arm und der Mutter machten sie sich auf zur Hornstraße. 
 
Die alte Dame, die inzwischen ihre restlichen Plätzchen an die Bierpallastgäste verteilte, die sich anschickten, nach Hause zu gehen, schob sich freudestrahlend ihr absolut letztes Plätzchen in den eigenen zahnlosen Mund und hielt uns zu unserem Bedauern dazu an, den Waschsalon in Ordnung zu bringen.  Nicht einmal unsere schmerzenden Kniee, ordentlich überanstrengt und lädiert bei der Weltreise im Weihnachtsmannexpress oder unser Argument, dass morgens sowieso ein Reinigungstrupp durch den Waschsalon schrubbt, konnten sie erweichen. Unter lautem ´Ach´ und hingebungsvoll gehauchtem ´Weh´ lernten wir, dass der altpreußische Adel nie Gebrauchsspuren hinterlässt und Werte wie Ordnung und Sauberkeit ganze Generationen späterer Archäologen in Verzweiflung und bittere Entäuschungen stürzen wird. Angesichts der schmerzenden Kniescheiben überlegte ich, wenn morgen die Kinder ihrem Papa nach dem Ernüchtern vom Weihnachtsmannzug erzählen und ihm stolz ihre Bierdeckelautos zeigen, dass sie dann vielleicht das nächste Jahr mit ihm Weihnachten zu Hause verbringen. 
 
Nach vollzogener Säuberung des Waschsalons tranken wir noch bei Bruni, so hieß die Serviererin, im Bierpallast einen Kaffee. Ihr Chef würde schräg gucken, wenn er den Umsatz sähe. Am Heiligabend als umsatzstärkste Nacht des ganzen Jahres klingelte gewöhnlicherweise unaufhörlich die Kasse, aber beim Basteln blieb diesmal den Mannsbildern keine Zeit zum Saufen. Eine Freirunde hätte genügt, sie am Heimweg zu hindern. Doch sie möchte nicht wissen, wie viele Väter unter ihnen waren. So übergebe sie lieber um sechs Uhr einen leeren Laden, vermutlich das erste Mal seit Bestehen der Rund-um-die-Uhr-Kneipe. Als ich mich gegen vieruhrdreißig zum Heimweg anschickte, begann es zu schneien. Nur der Weihnachtsbaum mit den Papiertaschentüchersternen, der auf dem Bürgersteig vor dem Waschsalon lag und die nächsten Tage von der Stadtreinigung mitgenommen werden würde, zeugte noch von der Weihnachtsfeier im Waschsalon. 
 
Ich wohne bereits seit zwei Jahrzehnten nicht mehr in Kreuzberg. Fahre ich dennoch mal durch meinen alten Wohnbezirk, erscheint er mir heute fremd. Die Waschsalons sperrt man schon lange über Nacht zu. Schmuck renovierte Wohnhäuser am Chamissoplatz und Umgebung sind zugegebenermaßen eine Augenweide, leider schoss man bei ihrer Sanierung oft über das Ziel hinaus und gestaltete daraus Luxusmodernisierungen. Die daraus resultierenden Mieten verdrängten die Mehrheit der Altmieter. Viel altes Kreuzberger Urgestein verschwand in Alten- oder Pflegeheimen, meist weit entfernt von ihrem Kiez, so wie die beste Freundin der alten Frau. Etliche Mietwohnungen verwandelten sich in dem Zuge zu Eigentumswohnungen, unerschwinglich im Preis besonders für die Jungen. Vor den steigenden Unkosten für Gewerberäume wie Ateliers oder Veranstaltungsorten kapitulierten zunehmend die bis dahin zahlreichen Künstler. 
 
Dafür wanderten vermehrt Leute in den Stadtbezirk ein, die es als ´in´ und ´chick´ werteten, in diesem verrufenen Viertel zu wohnen. Sie genossen ihr exotisches Mäntelchen verbrämt mit Abenteuerflair dank ihrer oberaffengeilen Adresse, wenn sie abends auf dem Kudamm während einer Vernisage betont lässig das Glas Sekt zum Munde führend einen Maler umschwänzelten und umhechelten, ihm andächtig lauschend, der gerade mit Hilfe eines Fremdwörterlexikons seine großartige und vor allem teure Kunst erklärte, harrend, dass ein bißchen Glanz des Meisters auch auf sie herüberstrahle. Diese jung-dynamisch-progressive-Stuyvesantgeneration in Camelboots schaffte, woran sich die grüne Garde des Senates jahrelang die Zähne ausbiss. 
 
Vorbei? 
 
Heute ist der zwanzigste Dezember. Seit Wochen blendet die gleißende Lichtreklame die Augen, brüllen die Weihnachtslieder in den Geschäften die Ohrmuscheln platt, walzen die lieben schwerlastigen Mitmenschen in den Einkaufspassagen alles nieder und meine Kinder verwechseln soeben einen Wunschzettel mit einem zehnbändigen Brockhaus. 
 
Und ich? Mit zunehmend ausdünnendem Nervenkostüm setze ich mich schließlich in eine Ecke und durchkrame meine Seele nach einem gekachelten Raum im Neonlicht, nach Papiertaschentücherweihnachtssternen, nach einem unrasierten, leicht verwahrlosten Männerchor, unterstützt von einer Polizeistreife und Taxifahrern, nach Bierdeckelautos und nach einer riesigen Einkaufstasche voller Plätzchen. 
 
Meine pubertierende Tochter lacht Tränen über den Nackten auf der Waschmaschine, der Jüngste fragt nach einer Bastelanleitung für Bierdeckelautos und der Älteste nach einem Plätzchenrezept, mein Gatte spielt gedankenverloren mit einem Papiertaschentuch, dass langsam die Umrisse eines Sternes erkennen läßt und der mittlere Sohnemann betrachtet noch einmal kritisch seinen Wunschzettel, streicht zuletzt seufzend alles mit einem kräftigen Strich durch und schreibt darunter: "Lieber Weihnachtsmann! Ich wünsche mir, dass alle Kinder der Welt zu Heiligabend wenigstens einen Waschsalon haben, wenn sie unglücklich sind".
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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