1. Bild
 
Märchenstunde
 
 
Der Vorhang zur Bühne ist geschlossen. Vor dem Vorhang am Bühnenrand kommen Kinder in aktueller Alltagskleidung auf die Bühne, ein Kind spielt gelangweilt mit einem Ball herum. Rechts vorne vor dem Vorhang steht ein Schaukelstuhl.
 
Kind:
 
Mann, is dit tröje.
 
Kind:
 
Jeh doch raus zum Fußballspeelen.
 
Kind:
 
Nee, daruff häv ick keenen Bock.
 
Kind:
 
Vielleicht jibtit wat Spannendit in de Glotze?
 
Kind:
 
Nee, dat Fernsehprogramm is öde.
 
Auf die Bühne kommt der Erzähler, unter dem Arm ein altes, dickes Märchenbuch.
 
Erzähler:
 
Na, ihr Langweiler! Ihr wisst wohl wieder gar nichts mit  euch anzufangen!
 
Kind:
 
Kannste uns nich ne Jessichte vatellen?
 
Kind:
 
Au ja – odan Märchen?
 
Erzähler:
 
Gut! Wie wäre es mit „Hänsel und Gretel“?
 
Kind:
 
Oh Jott, dit is doch ne olle Kamelle.
 
Kind:
 
Dat is wat für Bäbies oda Hirnamputierte.
 
Erzähler:
 
Schade! Ich wollte euch nämlich das Märchen so erzählen, wie es sich wirklich zugetragen hat.
 
Kind:
 
Und dit steht da im Märchenbuch?
 
Erzähler:
 
Alles ist ja nicht erlogen. Es stehen auch wahre Sachen drin.
 
Kind:
 
Na jut. Irjendwie hävst da ma jemäkt neujierich.
 
Kind:
 
Fang an!
 
Der Erzähler setzt sich in den Schaukelstuhl und sucht das Märchen. Die Kinder setzen sich um den Schaukelstuhl herum auf den Bühnenrand auf den Boden. Während der Erzähler im Märchenbuch das Märchen heraussucht, singen die Kinder:
 
Erzähle uns eine Geschichte
von Hänsel und Gretel
von der guten alten Zeit
von der man kaum noch etwas weiß.
 
Erzähle von der bösen Hexe
im tiefen dunklen Wald
die kleine Kinder verspeist
weshalb? Man kaum noch etwas weiß.
 
Erzähle von dem guten Vater
und seiner großen Not
in der guten alten Zeit
von der man kaum noch etwas weiß.
 
 
 
 
2. Bild
 
Im Holzfällerhaus
 
 
Der Erzähler beginnt vorzulesen, dabei öffnet sich der Bühnenvorhang. Auf der Bühne steht ein Tisch, eine Sitzbank und ein Stuhl. Auf dem Tisch steht eine Lampe. Die Mutter sitzt auf der Bank und flickt Kleidung, vor sich auf dem Tisch ein Korb mit Nähzeug. Der Vater betritt das Zimmer, setzt den Hut ab und läßt sich schwerfällig auf den Stuhl nieder. Die Eltern sind altertümlich und ärmlich gekleidet.
 
Erzähler:
 
Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Die Frau aber war nicht ihre richtige Mutter, sondern eine Stiefmutter. Einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Da sprach er des Abends zu seiner Frau:
 
Vater: 
 
Den lieben langen Tag ging ich von Tür zu Tür
unterwürfig wie ein Bettelmann. Doch wofür?
Verkauft habe ich nicht die kleinste Fuder Holz.
Die beste Ware angepriesen ohne Stolz.
Derart kann es keinesfalls mehr weitergehen.
Es ist doch nicht so, daß wir nur Däumchen drehen. 
Da schuftet man von der Frühe bis in die Nacht.
Doch das hat den Bauch trotz allem nicht satt gemacht.
 
Mutter:
 
Mann, irgendwie werden wir es überstehen.
Bereits ab morgen darf ich zum Schlosse gehen.
In der Küche kann ich mich als Magd verdingen.
 
Vater:
 
Der Zins wird auch Ihr kleines Zubrot verschlingen.
Herrgott, es ist doch wahrhaftig nicht zu fassen!
Habe ich soviel Mühe und Kraft gelassen,
dass Sie zum Schloss gehen wie ein unfreier Knecht?
Beim Herrn, dieses Leben ist wahrlich nicht gerecht.
Ich sage Ihnen, es wird dennoch nicht reichen,
bald müssen wir auch aus uns´rem Hause weichen
und werden alles verlieren, was hart vermehrt.
 
Mutter:
 
And´re haben die harten Abgaben verwehrt
 und die Eintreiber und Büttel davongejagt.
 
Vater:
 
Frau, sind Sie verrückten Verstand´s, die das gewagt
werden den Pranger an ihrem Halse spüren
und ein armsel´ges Leben in Ketten führen.
Niedergemacht wird die aufrührerische Brut.
 
Mutter:
 
Doch nicht, wenn alle mit ihrem Herzen und Mut
König und Fürst zwingen, endlich einzulenken.
 
Vater:
 
Würden alle Menschen so handeln und denken
wär´ jede Ordnung zerstört und Gottlosigkeit
würde herrschen. Der Teufel wär´ unser Geleit.
Nur Spitzbuben und Hexen zieh´n über das Land.
und wiegeln das Volk auf, das ist allen bekannt.
Also schweig Frau, wir sind anständige Leute.
 
Mutter: 
 
Und lecken die Füße der gierigen Meute
die herkommen und uns nichts zum Leben lassen.
Dass die Fürsten unser schwer Tagwerk verprassen,
Kriege führ´n in fremden Ländern zu ihrer Zier,
weil nie gestillt ist ihre unendliche Gier.
 
Vater:
 
Du gottverdammtes Weib, nichts will ich mehr hören 
von den Reden dieser Lumpen, die betören 
und aufwiegeln gegen die erlauchten Herren.
 
Mutter:
 
Es sind brave Menschen, die sich nie beschweren
über harte Arbeit oder Schicksalsschläge.
Doch sie verharren nicht in dem Schicksal träge,
dass nicht durch Gott, sondern Menschenhand geschaffen.
Ihr Fleiß, ihr Mut und ihr Stolz sind ihre Waffen
gegen eine feige Macht der rohen Gewalt.
 
Vater:
 
Das sind heidnische Reden einer Hexe. Halt! 
Seit wann darf widersprechen dem Manne der Rock?
Still Weib mit der Ketzerei, sonst spürst du den Stock. 
Tu, was deinem Rang entspricht und hol´  Wein und Brot.
 
Mutter:
 
Woher soll ich denn Wein nehmen in dieser Not?
Ein Stück Brot haben heut´  die Kinder gegessen
und abends hungrig auf den Stühlen gesessen.
So musste ich sie schlafen schicken und morgen
sind um keinen Deut nur geringer die Sorgen.
Sie schrei´n hier nach Essen, sitzen breit auf der Bank
und Hänsel und Gretel sind vor Hunger ganz krank.
 
 
Vater:
 
Wer nicht isst, kann auch nichts schaffen, muss verhungern.
Die Kinder sind unnütze Fresser, sie lungern
nur den ganzen Tag um eure Beine herum,
etwas Essbares zu ergattern. Sei es drum,
wir können sie nicht nähren und sie sind zu klein,
einen Teil beizutragen zu uns´rem Dasein.
 
Mutter:
 
Was soll das heißen? Sprechen Sie sich deutlich aus.
 
Vater:
 
Der Hänsel und die Gretel müssen aus dem Haus.
Bleiben sie, werden wir alle zugrunde geh´n.
 
Mutter:
 
Aber Mann, es darf den Kindern kein Leid gescheh´n.
Am Totenbett haben Sie den Schwur gegeben.
 
Vater:
 
Ich konnte nicht ahnen, dass sie überleben
ohne Mutter, kaum Nahrung und schlechter Pflege.
Frau, Sie allein vereitelten Gottes Wege.
Erfüllt hätt´ sich ihr Los, wär´n Sie nicht gekommen 
und hätten die Unglückswürmer angenommen.
Sonst wären heut´ unsere Kümmernisse klein.
 
Mutter:
 
Oh Mann, es sind doch Ihre eig´nen Kinderlein.
Sie dürfen nicht die Hand gegen sie erheben.
 
Vater:
 
Nein! Ich trachte ihnen nicht nach ihrem Leben.
Ich bringe sie tief in den Wald zu Fuchs und Bär.
Viele Menschen erzählen von Kindern die Mär,
die durch Gottes Gnade beschützt lebten im Wald.
 
Mutter:
 
Dort leben wilde Tiere und es ist zu kalt.
 
Vater:
 
Sterben sie, so müssen sie nicht ewig leiden.
Es sind meine Kinder, so muss ich entscheiden.
 
Der Vater erhebt sich und verlässt die Bühne. Schließlich steht die Mutter, sichtlich schockiert vom Plane ihres Mannes, ebenfalls auf, packt die Näharbeit zusammen, löscht die Kerze und geht ebenfalls von der Bühne.
 
Erzähler:
 
Die zwei Kinder aber hatten vor Hunger nicht einschlafen können und alles gehört.
 
Hänsel und Gretel kommen in zerlumppten Nachtgewändern auf die Bühne geschlichen und vergewissern sich, dass die Eltern wirklich zu Bett gegangen sind.
 
Hänsel:
 
Oh Gretel, oh Gretel, nun ist´s um uns gescheh´n.
Will uns armen Kindern denn niemand mehr beisteh´n?
 
Gretel:
 
Bleibe ruhig, lieber Hänsel, und gräm´ dich nicht.
Auch in tiefster Finsternis sendet Gott ein Licht.
Wir müssen es nur seh´n. Da fällt mir etwas ein.
Führt uns der Vater wirklich in den Wald hinein,
könnten wir den Weg nach Hause doch erkennen,
würden auf dem Wege kleine Lichtlein brennen.
Hänsel, im Mondschein leuchten die Kieselsteine
vor unserem Haus wie Laternchen, ganz kleine.
 
Hänsel und Gretel verlassen schleichend die Bühne aus der Richtung, aus der sie kamen.
 
Erzähler:
 
Als die Alten eingeschlafen waren, stand Gretel auf, zog ihr Röcklein an und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz helle auf die weißen Kieselsteine, die vor dem Hause lagen und sie steckte so viel davon in ihr Rocktäschlein, als nur hineinwollte. Dann ging sie wieder zurück und sprach zu Hänsel:
 
Gretel, mit einem Kleid über dem Nachthemd, schleicht über die Bühne, es raschelt vom Kieselsteine aufsammeln und sie schleicht mit prallen Rocktaschen zurück. Hänsel erscheint am Bühnenrand und erwartet sie.
 
Gretel:
 
Die Taschen sind voll. Sei getrost, lieb Brüderlein,
Gott wird uns nicht verlassen, schlaf nur ruhig ein.
 
Hänsel und Gretel huschen von der Bühne, während sich der Vorhang senkt. Langsam geht der Mond singend über die vordere Bühne, aber hinter dem Erzähler und den Kindern. Die Kinder singen den Refrain mit.
 
Kindelein, Kindelein,
schließ die Äugelein.
Wenn alles schläft, bin ich wach,
erhelle auch die finsterste Nacht.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
 
Kindelein, Kindelein,
du bist nie allein.
Auf meinen Silberschwingen
gleiten Träume zu dir und singen.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
 
 
 
 
3. Bild
 
Der Brotkanten
 
 
Der Vorhang öffnet sich und der Vater betritt die Bühne, teilt einen Brotkanten in zwei Hälften, während der Erzähler vorliest.
 
Erzähler:
 
Noch ehe die Sonne aufgegangen und die Stiefmutter zu ihrer Arbeit gegangen war, kam schon der Vater und weckte die beiden Kinder.
 
Vater:
 
Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in den Wald
und Holz holen, also trödelt nicht und kommt bald.
 
Hänsel und Gretel erscheinen auf der Bühne und nehmen am Tisch vom Vater ihr Stück Brot entgegen.
 
Vater:
 
Da hat jeder für den Mittag noch ein Stück Brot.
Esst es nicht vorher auf, sonst leidet ihr noch Not.
 
Die drei verlassen die Bühne und der Vorhang schließt sich, während der Erzähler vorliest:
 
Erzähler:
 
Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg in den Wald.
 
Die Kinder beim Erzähler beginnen zu singen:
 
Erzählen die Großen von der Vergangenheit,
war nur eitel Sonnenschein
und jeder konnte glücklich sein.
Doch kann das gar nicht stimmen, denkt man darüber nach.
Auch damals gab es Kriege und anderes Ungemach.
 
Erzählen die Alten von der Vergangenheit:
nur schön war die Kinderzeit,
Gab es für sie nie Traurigkeit.
Doch kann das gar nicht stimmen, denkt man darüber nach.
Um sich zu wehren waren sie zu rechtlos und zu schwach.
 
Wenn wir Kinder hören von der Vergangenheit,
gab es weder Not noch Leid,
und auch keine Kinderarbeit.
Doch kann das gar nicht stimmen, denkt man darüber nach.
Gegenüber eurer Vergangenheit sind wir hellwach.
 
 
 
 
4. Bild
 
Verrat im Wald
 
 
Der Vorhang öffnet sich wieder. Kinder, als Bäume verkleidet, stellen den Wald dar. Sie stehen auf der Bühne verstreut und wiegen sich tänzerisch nach einer Melodie im Wind. Durch langsame Tanzbewegungen gegen den Vater, Hänsel und Gretel und weiteren Baumkindern, die auf die Bühne tanzen, wird optisch der Eindruck vermittelt, dass die drei immer tiefer in den Wald gehen und dieser zunehmend dichter wird. Mit dem öffnenden Vorhang beginnt der Erzähler weiterzulesen:
 
Erzähler:
 
Unterwegs aber blieb Gretel immer wieder still stehen und guckte nach dem Haus zurück.
 
Der Vater und Hänsel laufen voraus, hinter ihnen mit einem kleinen Abstand Gretel. Sie lässt heimlich Kieselsteine fallen. Der Vater bleibt stehen und dreht sich zu ihr um:
 
Vater:
 
Herrgott Gretel, warum bleibst du ständig stehen?
Es ist keine Zeit, den Vögeln nachzusehen.
So schaffen wir bis Mittag des Weges kein Stück.
 
Gretel:
 
Ach Vater, ich seh´ zu unserem Haus zurück.
Sehen Sie nicht, mein kleines weißes Kätzelein
sitzt weit oben auf dem Dache im Sonnenschein.
So, als wollte es uns noch zum Abschied winken.
 
Vater:
 
Du Närrin siehst doch nur die Dachziegel blinken,
die flimmern und funkeln im hellen Morgenlicht.
Höre auf zu träumen, es ist dein Kätzchen nicht.
 
Erzähler:
 
Gretel aber hatte nicht nach dem Kätzlein gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus ihrer Tasche auf den Weg geworfen. Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater:
 
Vater:
 
Nun sammelt emsig Reisig, ihr Kinder, macht schnell.
Ich will ein Feuer machen und scheint es recht hell,
könnt ihr euch flugs an ihm niedersetzen und ruh´n.
 
Hänsel und Gretel lesen kleine Äste auf und legen sie auf einen Haufen. Der Vater „entzündet“ ein Feuer, die Kinder setzen sich nieder.
 
Vater:
 
Inzwischen kann ich im Wald meine Arbeit tun.
Habe ich sodann geschlagen genügend Stück,
dann komme ich wieder und wir gehen zurück.
 
Erzähler:
 
Hänsel und Gretel saßen am Feuer und als der Mittag kam, aß jedes sein Stücklein Brot.
 
Hänsel und Gretel, die sich am Feuer niedergelegt hatten, nachdem sie ihr Brot aßen,  schlafen ein. Die Baumkinder tanzen nach einer Melodie zu Hänsel und Gretel, bis sie im Halbkreis um sie und dem „Feuer“ stehen und mit ihren Armästen ein schützendes Dach über Hänsel und Gretel bilden.
 
Erzähler:
 
Dann aber fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu und sie schliefen fest ein. Als sie erwachten, war es schon finstere Nacht.
 
Hänsel und Gretel beginnen sich gähnend und reckend aufzurichten. Die Baumkinder weichen zurück und tanzen nach gleicher Melodie zu ihrer Ausgangsstellung. Zuerst blicken Hänsel und Gretel  sich verwundert um, dann beginnt Hänsel zu weinen.
 
Gretel:
 
Nicht weinen Hänsel, wir können auf Gott vertrau´n.
Auch Mutter wird vom Himmel auf uns niederschau´n.
Leuchtet das Mondlicht, zeigen die Kieselsteine
uns den rechten Weg nach Haus von ganz alleine.
 
Erzähler:
 
Als der volle Mond aufgestiegen war, nahmen sich die Kinder bei der Hand und gingen den Kieselsteinen nach, die schimmerten hell und zeigten ihnen den Weg.
 
Der Bühnenvorhang schließt sich wieder, vor dem Vorhang schreitet langsam der Mond über die Bühne und singt, die Kinder begleiten wieder den Refrain.
 
Kindelein, Kindelein,
magst ganz ruhig sein.
Ist dein kleines Herze schwer,
strahlt auch für dich am Himmel ein Stern.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
 
Kindelein, Kindelein,
du bist zwar noch klein.
Geh´ dahin in aller Ruh.
Denn der Herr im Himmel schaut dir zu.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
 
 
 
 
5. Bild
 
Die Rückkehr
 
 
Der Bühnenvorhang gleitet wieder zur Seite und zu sehen ist die Stube aus dem ersten Bild. Die Eltern sitzen beide am Tisch, als es klopft. Der Vater geht zum seitlichen hinteren Bühnenrand und kommt mit Hänsel und Gretel zurück. Dabei liest der Erzähler vor:
 
Erzähler:
 
Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür und als der Vater aufmachte und sah, wer es war, da sprach er:
 
 
Vater:
 
Ihr bösen Kinder, wie könnt ihr jetzt erst kommen?
Stundenlang suchte und rief ich sehr beklommen.
Doch ihr Pflichtvergessenen hörtet nicht mein Fleh´n
und ließet es euch am Feuerchen wohlergeh´n.
 
Die Mutter war beim Anblick der Kinder erfreut aufgesprungen, lief ihnen entgegen und drückte beide zärtlich an sich.
 
Erzähler:
 
Die Stiefmutter aber freute sich, denn es war ihr zu Herzen gegangen, waren es auch nicht die eigenen Kinder.
 
Das Licht erlischt und die vier Darsteller verlassen die Bühne.
 
Erzähler:
 
Nicht lange danach kam abermals eine große Teuerung und die Kinder hörten, wie wieder die Stiefmutter des Nachts mit dem Vater stritt. Nun wollte er die Kinder tiefer in den Wald hineinführen, damit sie nicht wieder herausfinden. Als die Alten schliefen, stand Gretel wiederum auf und wollte Kieselsteine auflesen, doch die Tür war verschlossen und Gretel konnte nicht hinaus.
 
Hänsel und Gretel kommen wie im ersten Bild auf die Bühne geschlichen, Gretel versucht am anderen Bühnenende die Kieselsteine zu holen, kehrt aber sofort wieder zu Hänsel zurück.
 
Gretel:
 
Hänsel, kein Steinchen bekam ich aufgesammelt.
Vater hat unsere Türe fest verrammelt.
Hänsel, oh Hänsel, wie soll es nur weitergeh´n?
Will uns armen Kindern denn niemand mehr beisteh´n?
 
Hänsel:
 
Bleibe ruhig, liebe Gretel, und gräm dich nicht.
Auch in tiefster Finsternis sendet Gott ein Licht.
Dass hattest du damals selber zu mir gesagt,
als ich ohne Hoffnung wär´ beinahe verzagt.
Uns fällt auch diesmal wieder gewiss etwas ein.
Sei getrost, Gott verlässt uns nicht, lieb Schwesterlein.
 
Der Bühnenvorhang schließt sich und der Mond begibt sich vor dem Vorhang singend über die Bühne mit Refrainbeteiligung der Kinder.
 
Kindelein, Kindelein,
sollst nicht traurig sein.
Will dich in den Schlaf wiegen,
damit die Tränen bald versiegen.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
 
Kindelein, Kindelein,
sanft hüll´ ich dich ein
in zarte Wolkendecken,
bis uns die Sonnenstrahlen wecken.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
 
 
 
 
6. Bild
 
Die Brotbröcklein
 
 
Nach dem Öffnen des Bühnenvorhanges bestimmen wieder die Baumkinder als Wald mit ihrer Melodie die Bühne. Der Vater betritt mit Gretel an der Hand die Bühne, hinter ihnen lässt Hänsel etwas fallen.
 
Erzähler:
 
Am anderen Morgen, kaum daß die Stiefmutter gegangen war, wurden die Kinder aus dem Bette geholt und sie erhielten ihr Stückchen Brot, dass war aber noch kleiner als das erstemal. Auf dem Wege nach dem Wald zerbröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde.
 
Vater:
 
Herrgott Hänsel, warum bleibst du ständig stehen?
Es ist keine Zeit, jetzt Fliegen nachzusehen.
So schaffen wir bis Mittag des Weges kein Stück.
 
Hänsel:
 
Ach Vater, ich seh´ zu unserem Haus zurück.
Sehen Sie nicht, meine kleine weiße Taube
flog zu unserem Dach und sitzt auf der Gaube.
So, als wollte sie uns noch zum Abschied winken.
 
Vater:
 
Du bist ein Narr! Es sind die Fenster, die blinken.
In ihnen bricht sich nur das grelle Morgenlicht.
Komm hurtig, sonst schaffen wir unser Tagwerk nicht.
 
Erzähler:
 
Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg. Der Mann führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren und sagte:
 
Vater:
 
Nun sammelt emsig Reisig, ihr Kinder, macht schnell.
Ich will ein Feuer machen und scheint es recht hell,
könnt ihr euch flugs an ihm niedersetzen und ruh´n.
 
Abermals sammeln Hänsel und Gretel Reisig und das „Feuer“, an dem sie sich niederlassen, wird entfacht.
 
Vater:
 
Inzwischen kann ich im Wald meine Arbeit tun.
Habe ich sodann geschlagen genügend Stück,
dann komme ich wieder und wir gehen zurück.
 
Gretel:
 
Lieb Vater, werden Sie uns auch nicht vergessen?
 
(Der Vater bückt sich zu ihr herunter und streicht ihr über das Haar.)
 
Vater:
 
Habt ihr ausgeruht und euer Brot gegessen,
bin ich schon wieder bei euch, das kann ich beschwörn.
 
Hänsel:
 
Auch wenn wir einnicken und Ihr Rufen nicht hör´n?
 
Vater:
 
Aber Hänsel, ich kenne doch den Wald so gut,
ich finde diesen Ort, warum fehlt dir der Mut?
Man könnte denken, du hast zu mir kein Vertrau´n?
 
Gretel:
 
Nein, nein, lieb Vater, wir werden ein Lager bau´n
und hier ganz geduldig warten bis Sie kommen.
Zürnen Sie nicht mit uns, der Wald macht beklommen
und ängstlich vor Kälte und den wilden Tieren.
 
Vater:
 
Wenn ihr am Feuer bleibt, dann braucht ihr nicht frieren
und die wilden Tiere fürchten sich vor Flammen.
Deshalb sucht mich nicht und bleibt hier hübsch beisammen.
Seid ohne Sorge, meine lieben Kinderlein,
wir werden vor der Stiefmutter zuhause sein.
 
Der Vater verlässt die Bühne.
 
Gretel:
 
Ach Hänsel, wie schlägt es mir auf das Gemüte,
heute war er so freundlich und voller Güte.
Kann er gegen uns böse Gedanken pflegen?
Darf man gegen den Vater Misstrauen hegen?
 
Hänsel:
 
Dass er uns holt, darauf hat er eben geschwört.
Haben wir uns vielleicht die letzte Nacht verhört?
 
Gretel:
 
Die Eltern haben gelehrt, man darf nicht lügen.
 
Hänsel:
 
Könnten dann Erwachsene Kinder betrügen?
Könnte der Vater uns unser Leben rauben?
 
Gretel:
 
Ach Hänsel! Wie gern würde ich Vater glauben.
 
Beim sinkenden Vorhang singen die Kinder leise:
 
Ihr seid die Großen, wir sind klein.
Was sollten wir glauben, ließet ihr uns allein.
Ihr seid die Großen, wir sind klein.
Was sollten wir glauben, ließet ihr uns allein.
 
Und wenn die ganze Welt auseinanderbricht,
ihr seid unsere Wahrheit und unser Licht.
Bei euch finden wir Geborgenheit,
blind vertrauen wir euch jederzeit.
 
Ihr seid die Großen, wir sind klein.
Was sollten wir glauben, ließet ihr uns allein.
Ihr seid die Großen, wir sind klein.
Was sollten wir glauben, ließet ihr uns allein.
 
Wir weinen mit, wenn euch etwas Kummer macht
und lachen sogar, wenn ihr über uns lacht.
Stets folgen wir euch, wohin ihr geht
und verzeih´n, wenn ihr uns nicht versteht.
 
Ihr seid die Großen, wir sind klein.
Was sollten wir glauben, ließet ihr uns allein.
Ihr seid die Großen, wir sind klein.
Was sollten wir glauben, ließet ihr uns allein.
 
 
 
 
7. Bild
 
Die Nacht im Wald
 
 
Erzähler:
 
Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, dann schliefen sie ein. Sie erwachten erst in der finsteren Nacht und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sprach:
 
Der Vorhang öffnet sich und man sieht Hänsel und Gretel schlafend auf dem Waldboden. Die Baumkinder wiegen sich im Halbkreis nach ihrer Melodie um Hänsel und Gretel und tänzeln langsam zurück. Nach dem Erwachen weint diesmal Gretel.
 
Hänsel:
 
Weine nicht Gretel, ist der Mond aufgegangen,
können wir trotzallem nach Hause gelangen.
Finden wir die von mir verstreuten Brotbröcklein
sind wir bald bei uns´rem guten Stiefmütterlein.
 
Erzähler:
 
Als der Mond heraufstieg, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn die Vögel hatten sie alle weggepickt.
 
Suchend um sich blickend bewegen sich Hänsel und Gretel von der Bühne.
 
Erzähler:
 
Da gingen sie die ganze Nacht und noch einen Tag von morgens bis abends durch den Wald, aber sie fanden den Weg nicht, und zuletzt wollten die Beine sie nicht mehr tragen. Da legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.
 
Der Mond zieht singend über die vordere Bühne und der Vorhang fällt.
 
Kindelein, Kindelein, halt dein Herz stets rein.
Ist die ganze Welt auch schlecht.
Glaube immer an Liebe und Recht.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
 
Kindelein, Kindelein, die Welt wird dein sein.
Glaubst du an die Ehrlichkeit
kein Elend morgen zum Himmel schreit.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
Der gute Mond, er lacht dich an, weil er dich sehen kann.
 
Kind:
 
Au weia, is de Tide vajangen. Min Mudda watet mit dem Fräten. Da kennt se keenen Spaß.
 
Kind:
 
Ick misste och sson daheem sin. Aba jetzt will ick och dit Märchen zu Ende härn. Lieba nehm ick den Zoff in Kof, als dit Ende zu vapassen.
 
Erzähler:
 
So geht es nicht. Zu Hause macht man sich doch Sorgen um euch. Dann lese ich ein anderes Mal weiter.
 
Kinder:
 
Nee!
 
Kind:
 
Dat wär aba ssade.
 
Kind:
 
Wenn wa janz ssnell loopen, sinwa in ne halven Sstunde wieda da. Kannste nich ne Pause eenlejn un dann weetalesen?
 
Kind:
 
Dit wär toll. Ach bidde!
 
Erzähler:
 
Gut, ich werde warten, bis ihr wiederkommt und dann erfahrt ihr die zweite Hälfte des Märchens.
 
Kind:
 
Dit isn Wort.
 
Kind:
 
Danke!
 
Kind:
 
Tzö!
 
Kind:
 
Bis späda!
 
Die Kinder stürmen in die Richtung des Publikums los und rennen zu den Ausgängen. Der Erzähler verlässt gemächlich durch den Vorhang die Bühne. Das Licht der vorderen Bühne erlischt und die Beleuchtung des Zuschauerraumes geht an.
 
 
 



 
 
 
8. Bild
 
Hokuspokus
 
 
Der Erzähler setzt sich auf seinen Stuhl und die Kinder kommen durch den Zuschauerraum auf den vorderen Teil der Bühne und setzen sich um den Erzähler herum. Der Vorhang ist geschlossen.
 
Erzähler:
 
Na, da seid ihr ja wieder. Hat es geschmeckt?
 
Kind:
 
Hah – un wie. Ick wollt jerade anfangn zu mekeln, da fiel mir Hänsel und Gredel een: eene kleene Bemme für n janzen Tach. So dicke häven wat nämlich och nich, seet Vadda sstempln jeht. Imma bin ick am meckan, dat et nich dit jävt, wat ick am liebstn fräte. Un Muddan is dann saua. Jekiekt hat se, als ick ohne zu mosan häv uffjefräten. Ihre Oojen wurden jlatt so groß wie min Tella.
 
Kind:
 
Jut, dat de keene Steefmudda hävst, de dich rausssmeesst, wenn de Kiche leerjefächt is.
 
Kind:
 
Hävste wohl vorhin nich zujehört? Putzt da deene Laussa. Dit war nich de Olle, dit war det Typ.
 
Kind:
 
Aba wieso ssteht dat im Märchen von Hänsel un Gredel janz andas? Ick meen, dit Märchen, wat ick kenne.
 
Kind:
 
Weil de Märchen, de wa kenn, eben so sin. Kiekse dir doch mal an: de juten Fraun sin doch allit Blondinen, die uff ihrn Mantafahra wartn.
 
Kind:
 
Ssneewittchen: hübss, aba bläd. Zweemal häven se jewarnt de Zwerje, aba se fällt och noch n drittit Mal uff die Olle rin.
 
Kind:
 
Dornröschen: musste erst vom Vadda zu ihrm Dusel jezwungn wärn, den Sslabbafross uffzunehm. Aäh – un dann knutsst se dät och noch. Iiijitt!
 
Kind:
 
Nee, dat war de Hulla beem Frosskönich. Aba doof warse trotzdem un valoojen.
 
Kind:
 
Assenbrödel: lässt sich allit jefallen, pooft im Ssmadda. Warum is se nich von alleene druff jekommn: Klotsse eenjepackt, ruff uffs Ssloss, biddesseen, hier bin ick. Dit wusste doch, dat de Prinz se sucht. Nee, da kluckt se rum un watet un watet uff de Taje, de da kimmn wärn. Dit war doch voll dämlich, de Braut. Assenbrödel – Assenblädel!
 
Kind:
 
Un wenn de Weeba wat uff de Planken häven, sin se widalich un jemeen. So issit im Märchen.
 
Die Kinder singen:
 
Wie oft haben wir gelesen
von Hexen, Zwergen, Zauberei´n.
Staunten über Märchenwesen,
doch nicht, was geschrieben nebenbei.
 
Doch beim Hokuspokus haben wir vergessen,
wer die Märchen schrieb aus welchen Interessen
und wer Reichtum und Macht hat besessen.
und wer Reichtum und Macht hat besessen.
 
Wie oft haben wir gelesen,
Frauen sind meistens die Bösen.
Männer sind nur gut gewesen,
die besiegen oder sie erlösen.
 
Doch beim Hokuspokus haben wir vergessen,
wer die Märchen schrieb aus welchen Interessen
und wer Reichtum und Macht hat besessen.
und wer Reichtum und Macht hat besessen.
 
Wie oft haben wir gelesen,
Frauen können zwar nicht denken,
dafür sind sie schön gewesen,
deshalb mußten die Männer sie lenken.
 
Doch beim Hokuspokus haben wir vergessen,
wer die Märchen schrieb aus welchen Interessen
und wer Reichtum und Macht hat besessen.
und wer Reichtum und Macht hat besessen.
 
Wie oft haben wir gelesen
von den Starken und den Schwachen.
Kleine können nur genesen
wenn sie für die Großen alles machen.
 
Doch beim Hokuspokus haben wir vergessen,
wer die Märchen schrieb aus welchen Interessen
und wer Reichtum und Macht hat besessen.
Und wer Reichtum und Macht hat besessen.
 
 
Kind:
 
Wat is eejentlich mit de urolten, fiesen, kindafuttanen Hex bä Hänsel un Gredel?
 
Erzähler:
 
Das werden wir jetzt hören.
 
Der Erzähler macht es sich im Schaukelstuhl bequem und öffnet umständlich das große Märchenbuch, die Seite suchend, auf der er zuletzt gelesen hatte. Dabei konzentriert das Licht sich auf ihn, wird schwächer und erlischt langsam.
 
 
 
 
9. Bild
 
Das Pfefferkuchenhaus
 
 
Der Bühnenvorhang öffnet sich, der Erzähler beginnt wieder vorzulesen.
 
Erzähler:
 
Am anderen Morgen sahen sie ein schneeweißes Vögelein auf einen Ast sitzen, das sang so schön, dass sie ihm zuhören mussten. Als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, bis sie zu einem Häuschen gelangten.
 
Eine Melodie erklingt und die Bühne betritt tanzend ein Kind, als Vögelchen verkleidet. Unterstützt wird es beim Tanz von den Baumkindern als Rahmen. Hänsel und Gretel folgen dem Vögelchen. Auf der Bühne ist zwischen den Baumkindern das Pfefferkuchenhaus zu sehen.
 
Erzähler:
 
Da sahen Hänsel und Gretel, dass das Häuschen ganz aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker.
 
Hänsel:  
 
Wer dies putzige Haus wohl hierhin gebaut hat?
So etwas sah ich noch nicht einmal in der Stadt.
 
Gretel:
 
Hänsel, vielleicht sind wir bereits im Himmelreich.
 
Hänsel:
 
Ich habe Hunger, alles and´re ist mir gleich.
 
Hänsel tritt zu dem Pfefferkuchenhaus und bricht etwas ab. Gretel bleibt stehen.
 
Gretel:
 
Aber Hänsel, du weißt nicht, wem das Haus gehört
oder ob jemand darinnen wohnt, den es stört.
Nachher ist der Besitzer hier, laß uns klopfen.
 
Hänsel:
 
Still Gretel, erst will ich mir den Bauch vollstopfen.
 
Eine Stimme erklingt.
 
Hexe:
 
Knusper, knusper, knäuschen!
Wer knuspert an meinem Häuschen.
 
Gretel weicht erschrocken zurück, aber auch Hänsel hat sich erschrocken und versteckt sich hinter Gretels Rücken.
 
Die Geschwister:
 
Der Wind, der Wind,
das himmlische Kind!
 
Gretel:
 
Hänsel, wer hat denn diese Worte gesungen?
 
Hänsel:
 
Wer weiß! Doch es hat nicht bedrohlich geklungen.
 
Hänsel geht zurück zum Häuschen und nascht weiter.
 
Gretel:
 
Hänsel, lass uns lieber um das Essen bitten.
 
Hänsel:
 
Ach - bevor du mit mir zu Ende gestritten
bin ich satt. Schweig´ endlich und esse lieber auch.
Seit zwei Tagen bekamen wir nichts in den Bauch,
außer ein paar Wurzeln, Gras und etwas Rinde.
Pack in die Schürze ein, was ich brech´, geschwinde.
 
Hexe:
 
Knusper, knusper, knäuschen!
Wer knuspert an meinem Häuschen.
 
Diesmal weicht Hänsel nur ein wenig zurück und versteckt das eben abgebrochene Lebkuchenstück hinter seinem Rücken.
 
Die Geschwister:
 
Der Wind, der Wind,
das himmlische Kind!
 
Gretel:
 
Oh Hänsel, wo kommt denn diese Stimme bloß her?
Lass die Finger vom Naschwerk, ich bitte dich sehr.
Ich sage dir, was du tust, das ist niemals recht.
Einfach nehmen heißt stehlen und stehlen ist schlecht.
 
Hänsel:
 
Von wem weißt du das? Etwa von uns´rem Vater?
Der verbot auch Lügen, der edle Berater.
Lächelnd hinterm Rücken wetzte er das Messer.
Ohne Moral lebe ich entschieden besser.
 
Hexe:
 
Knusper, knusper, knäuschen!
Wer knuspert an meinem Häuschen.
 
Hänsel antwortet mit vollem Mund und läßt sich beim Naschen nicht stören.
 
Die Geschwister:
 
Der Wind, der Wind,
das himmlische Kind!
 
Aus dem Häuschen tritt eine Hexe, die weder alt noch hässlich ist, allerdings zuerst etwas verstimmt.
 
Hexe:
 
Ihr seht aber weder windig noch himmlisch aus.
Dafür machst du Vielfraß meinem Dach den Garaus.
 
Nachdem die Hexe die Kinder gemustert hat, ist sie versöhnlicher.
 
Na gut, lassen wir Gnade vor Recht ergehen.
Ihr seid ja halb verhungert, dass kann man sehen.
Versprecht ihr mir, mein kleines Häuschen bleibt stehen,
dann könnten wir in die gute Stube gehen.
Am alten Lebkuchen verdirbt euer Magen.
Drinnen werd´ ich ein gutes Essen auftragen.
Es schmeckt besser, ist es nicht heimlich genommen.
So seid als meine Gäste herzlich willkommen.
 
Erzähler:
 
Die Hexe fasste beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward ein gutes Essen aufgetragen und hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.
 
Die Hexe, Hänsel und Gretel verschwinden durch das Hexenhaus von der Bühne und der Vorhang senkt sich. Die Kinder singen:
 
Schließlich weiß man doch von den bösen Hexen,
natürlich sind die häßlich und alt.
Sitzen breit auf unermeßlichen Schätzen
ganz allein im tiefen, tiefen Wald.
 
Da kommt ne Frau, die ist zu dick
trotz weißem Haar findet sie sich schick. 
Die Falten tanzen im Gesicht.
doch eine Hexe ist sie nicht.
 
Nein!
 
Sind alte Frauen eigentlich nur hässlich
oder die Hässlichen grundsätzlich nur alt?
Sind die Jungen vielleicht nur überheblich,
weil sie behaupten, so ist es halt.
 
Da kommt ne Frau, die ist zu dick
trotz weißem Haar findet sie sich schick
Die Falten tanzen im Gesicht.
doch eine Hexe ist sie nicht.
 
Nein!
 
Alte Leute leben stets in Einsamkeit,
müssen dem Alter und Hässlichkeit zollen.
Oder haben die Jungen nur keine Zeit,
weil sie bloß niemals alt sein wollen.
 
Da kommt ne Frau, die ist zu dick
trotz weißem Haar findet sie sich schick.
Die Falten tanzen im Gesicht.
doch eine Hexe ist sie nicht.
 
Nein!
 
Wer hässlich und alt ist muss auch böse sein,
denn er kann sich nicht mit der Jugend messen.
Dummerweise bleiben wir nicht allzeit klein,
dass haben wir doch glatt vergessen.
 
Da kommt ne Frau, die ist zu dick
trotz weißem Haar findet sie sich schick.
Die Falten tanzen im Gesicht.
doch eine Hexe ist sie nicht.
 
Nein!
 
Das kann doch nur die Oma sein,
heute bleibe ich nicht mehr allein,
der Trübsal lacht sie ins Gesicht,
doch eine Hexe ist sie nicht.
 
Nein!
 
Oder doch?
 
Da kommt ne Frau, die ist zu dick
trotz weißem Haar findet sie sich schick.
Die Falten tanzen im Gesicht.
doch eine Hexe ist sie nicht.
 
Nein!
 
Doch!
 
 
 
 
10. Bild
 
Im Hexenstübchen
 
 
Der Vorhang gibt die Bühne frei und man sieht die Hexe, die in ihrer Stube am Tisch sitzt und Tee trinkt, ihr gegenüber Kassandra, die sprechende Katze.
 
Hexe:
 
Was beunruhigt dich, Kassandra, mein Schätzchen?
Oder ist etwa eifersüchtig mein kleines Kätzchen?
Kassandra, komm her, die Kinder sind nun im Bett.
Gretel ist ein liebes Mädchen, höflich und nett.
Und der Hänsel ist ein richtiger Lausbube.
 
Kassandra:
 
Voller Leben war plötzlich unsere Stube -
 ja - das hat dir gefallen. Doch was ist morgen?
 
Hexe:
 
Kassandra, die Kinder müssen ihre Sorgen
zunächst mal ein klein wenig vergessen, erst dann
können wir überlegen, was man machen kann.
Sie mussten gar soviel Schreckliches erleben.
Sollte ich ihnen keinen Unterschlupf geben?
So hartherzig kenne ich dich nicht, Kassandra.
 
Kassandra:
 
Ach mein lieb´ Hexlein, du hast wie immer recht, ja,
dennoch liegt etwas sehr schwer auf meinem Herzen.
Ich freu mich, wenn die Kinder lachen und scherzen,
für Stunden ihr Elend und die Not vergessen. 
Ich bin auch nicht von der Eifersucht besessen.
Allein sitzt du sonst hier in dem Wald Jahr für Jahr.
Schön war´s heute. Aber ich wittere Gefahr.
 
Hexe:
 
Ach Kassandra, höre endlich auf zu unken,
So, nun habe ich meinen Tee ausgetrunken
und gehe ins Bett. Die Augen fallen mir zu.
Hör´ endlich auf zu grübeln und komme zur Ruh´.
 
Der Vorhang senkt sich, die Kinder singen:
 
So schön könnte unsere Erde sein,
wenn wir einander vertrauen,
So schön könnte unsere Erde sein,
wenn wir statt Mauern Brücken bauen
und uns in die Augen schauen.
 
So schön könnte unsere Erde sein,
wenn wir uns selbst nicht belügen,
So schön könnte unsere Erde sein,
wenn wir den Nachbarn nicht betrügen
und mal loben statt zu rügen.
 
So schön könnte unsere Erde sein,
wenn wir uns einander achten,
So schön könnte unsere Erde sein,
wenn wir nicht ständig Streit entfachten,
und mal über uns selbst lachten.
 
 
 
 
11. Bild
 
Kassandra
 
 
Erzähler:
 
Frühmorgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den roten Backen, so murmelte sie vor sich hin:
 
Der Vorhang öffnet sich wieder, die Hexe bereitet das Frühstück vor und Kassandra sitzt missmutig am Tisch.
 
Hexe:
 
Wie elend kamen beide gestern in mein Haus.
Und heute sehen sie so frisch und blühend aus.
Hübsche Kinder sind es, sie können gefallen.
In mir fühle ich die reine Wut aufwallen
bei dem Gedanken, was man ihnen angetan.
Die Leute verhalten sich wie in einem Wahn.
Statt die Habsucht des adligen Packs zu steigern
sollten sie sich endlich wehren und verweigern.
 
Kassandra:
 
Aber dazu, mein Hexlein, fehlt ihnen der Mut.
Dann verstoßen sie eher ihr eigenes Blut.
Trotzallem solltest du niemals unterschätzen,
egal, wie gut und lieb die Kinder schwätzen,
sie haben bisher bei solchen Menschen gewohnt
und du weißt, wie der die Hilfe der Hexen lohnt.
Du möchtest den Kindern helfen, das ist dein Ziel,
aber du setzt dabei eine Menge auf´s Spiel.
Jahrelang hast du Heilpflanzen, Kräuter studiert
und so manchen ohne Gegenleistung kuriert.
Dann haben dich solch´  feine Leute verraten,
zum Dank, gegen einen schnöden Sonntagsbraten.
Mit knapper Not nur konntest du damals fliehen.
Ich habe den Menschen das niemals verziehen.
Niemand versteckte dich, nicht einmal für Stunden.
Erst hier im Wald haben wir Zuflucht gefunden.
Du kannst meine Befürchtungen nicht zerstreuen.
Bleiben die Kinder, wirst du´s bitter bereuen.
 
Hexe:
 
Ach, musst du mir diesen schönen Tag verderben,
schlage nicht immerzu in die alten Kerben.
Die kleinen Kinder verantwortlich zu machen
für hirnlose Alte, das ist doch zum lachen.
 
Kassandra:
 
Auch die Alten waren jung und die Großen klein.
 
Hexe:
 
Still, Kassandra, sie werden hier zu Hause sein.
Die Kinder brauchen Essen, Kleider und Liebe.
Daheim erwartet sie nur Hunger und Hiebe.
Und kehren sie eines Tages trotzdem zurück
sorgen meine Steine für ihr späteres Glück.
 
Kassandra:
 
Na sage mal, Hexchen, bist du noch zu retten?
zeigst du die Edelsteine, d´rauf kannst du wetten,
spricht es sich in Windeseile herum und bald
durchkämmen die habgierigsten Geier den Wald.
Sie werden uns hier finden und dich bestehlen.
 
Hexe:
 
Was stört es mich, wenn die Edelsteine fehlen?
Sie sind schön, doch bin ich ohne sie in Nöten?
 
Kassandra:
 
Unter einem Vorwand werden sie dich töten.
 
Hexe:
 
Im Berg gibt es soviel von dem glitzernden Tand.
 
Kassandra:
 
Hexchen, man könnte meinen, dir fehlt der Verstand.
 
Hexe:
 
Kassandra, ich erkenne dich kaum noch wieder.
Ständig machst du nur die armen Kinder nieder.
Natürlich bist du eifersüchtig, gib es zu.
Psst! Die Kinder erwachen, gib jetzt endlich Ruh´.
 
Hänsel, Gretel, kommt! Der Tisch ist lange gedeckt.
Guten Morgen ihr Kinder, auf dass es euch schmeckt.
 
Der Vorhang schließt sich und die Kinder singen gemeinsam den Refrain, die Strophen werden von verschiedenen Einzelkindern vorgetragen:
 
Über den See gleitet ein schwarzer Schwan.
Fische fliegen über den Ozean.
Nächtens tanzen Lichter auf und nieder
und am Himmel singen Sterne Lieder.
 
Musst du wirklich immer alles selbst erleben,
um zu glauben, dass könnte es wirklich geben.
Setz´ dich ruhig hin und lausche in dich hinein:
tief in dir findest du der Wahrheit hellen Schein.
 
Über den See gleitet ein schwarzer Schwan.
Fische fliegen über den Ozean.
Nächtens tanzen Lichter auf und nieder
und am Himmel singen Sterne Lieder.
 
Nicht alles kann man ertasten oder sehen.
Bücher kannst du lesen ohne zu verstehen.
Das Kribbeln im Bauch darfst du nie überhören,
es lässt sich nicht blenden, bestechen, betören.
 
Über den See gleitet ein schwarzer Schwan.
Fische fliegen über den Ozean.
Nächtens tanzen Lichter auf und nieder
und am Himmel singen Sterne Lieder.
 
Dein Gefühl begreift Unfassbares, dein Verstand
ahnt nie, was die Wellen überspülten im Sand.
Nicht der Kopf, die innere Stimme nimmt es wahr,
befindest du dich plötzlich in größter Gefahr.
 
Über den See gleitet ein schwarzer Schwan.
Fische fliegen über den Ozean.
Nächtens tanzen Lichter auf und nieder
und am Himmel singen Sterne Lieder.
 
 
 
 
12. Bild
 
Die Edelsteine
 
 
Erzähler:
 
Doch Hänsel war schon lange wach und hatte sich nur schlafend gestellt. Kein Wort war ihm entgangen von dem Streit zwischen der kleinen Hexe und ihrem Kätzchen Kassandra. Heimlich, in unbeobachteten Augenblicken durchstöberte er das Pfefferkuchenhaus, bis er nach einigen Wochen die Truhe mit den Edelsteinen entdeckte.
 
Nach dem Öffnen des Vorhanges kniet Hänsel im Hexenstübchen vor einer Truhe, gefüllt mit Edelsteinen. Ab dieser Szene tragen Hänsel und Gretel gute, farbenfrohe Kleidung, die ihnen die Hexe nähte.
 
Hänsel:
 
Oh Herr im Himmel, was ist das für eine Pracht.
Wer diese Steine besitzt ist reich und hat Macht.
Mit ihnen könnten wir leben in Saus und Braus.
Nie wieder wiese uns der Vater aus dem Haus.
Durch Kassandra könnte die Hexe umdenken
und uns vielleicht doch keinerlei Steine schenken.
Doch käme die Hexe irgendwie um´s Leben,
könnten wir rein alles in die Taschen geben.
Fiele mir doch bloß etwas Schlaues dazu ein.
Hach, die guten Ideen hat stets mein Schwesterlein.
Doch darüber kann ich mit ihr niemals sprechen.
Gretel würde nie mit ihrer Hexe brechen.
Mit Eifer lernt sie bei ihr kochen und sticken,
rösten, backen, nähen, spinnen und auch stricken.
Nein! Gretelchen bliebe hier für alle Zeiten.
Eher würde sie sich mit mir herumstreiten
und versuchen, die Hexe vor mir zu schützen.
Mein Schwesterlein kann mir überhaupt nicht nützen.
 
Beim schließenden Vorhang singen die Kinder wieder gemeinsam den Refrain, die Strophen Einzelne:
 
Hast du Kummer, versteck dich nicht.
Schau gerade in mein Gesicht.
Dein Herze wird wieder ganz leicht,
nimmst du die Hand, die dir gereicht.
Hast du Kummer, versteck dich nicht.
Schau gerade in mein Gesicht.
Dein Herze wird wieder ganz leicht,
nimmst du die Hand, die dir gereicht.
 
Du kannst nehmen ohne zu fragen.
Brauchst als starker Kerl dir nichts gefallen lassen.
Aber manchmal genügt es, "bitte" zu sagen,
nach dem rettenden Strohhalm zu fassen.
 
Hast du Kummer, versteck dich nicht.
Schau gerade in mein Gesicht.
Dein Herze wird wieder ganz leicht,
nimmst du die Hand, die dir gereicht.
 
Hast du Kummer, versteck dich nicht.
Schau gerade in mein Gesicht.
Dein Herze wird wieder ganz leicht,
nimmst du die Hand, die dir gereicht.
 
Du kannst bösartig und wütend sein
und kannst auch deine Tränen herunterschlucken.
Doch machst du dich dabei selbst nur hässlich und klein,
wenn vor Hass deine Mundwinkel zucken.
 
Hast du Kummer, versteck dich nicht.
Schau gerade in mein Gesicht.
Dein Herze wird wieder ganz leicht,
nimmst du die Hand, die dir gereicht.
Hast du Kummer, versteck dich nicht.
Schau gerade in mein Gesicht.
Dein Herze wird wieder ganz leicht,
nimmst du die Hand, die dir gereicht.
 
Du kannst auch wild die Fäuste ballen.
Alles an dich reißen mit brutaler Gewalt.
Lassen es sich and´re aber nicht gefallen,
gibt es für Bosheit und Schmerz niemals Halt.
 
Hast du Kummer, versteck dich nicht.
Schau gerade in mein Gesicht.
Dein Herze wird wieder ganz leicht,
nimmst du die Hand, die dir gereicht.
Hast du Kummer, versteck dich nicht.
Schau gerade in mein Gesicht.
Dein Herze wird wieder ganz leicht,
nimmst du die Hand, die dir gereicht.
 
 
 
 
13. Bild
 
Der Backofen
 
 
Erzähler:
 
Die kleine Hexe erfreute sich an den geselligen Kindern. Besonders die wissbegierige Gretel hatte sie ins Herz geschlossen. Auch Kassandra gewann das Mädchen lieb, aber es entging ihr nicht, dass sich Hänsels Blick, wenn er sich unbeobachtet fühlte, verfinsterte. Kassandra schwieg, denn sie mochte sich nicht mehr mit der Hexe streiten. Da das Pfefferkuchenhaus gar zu klein war, beschloss die Hexe, ein Zimmerchen für die Kinder anzubauen. Doch im tiefen Wald gab es keine Ziegel für die Wände und kein Stroh für das Dach. Auch wollte sie nicht ihre Freunde, die Bäume, für die Wände töten, die ihr doch Schatten gaben, den Tieren ein Heim, ihr den Reisig zum Heizen schenkten und sie mit ihrer Musik erfreuten, wenn der Wind in ihrem Laub spielte. Also mussten viele große Lebkuchen gebacken werden.
 
Kinder singen fröhlich und übermütig:
 
Ach das wär´schön, ach das wär´ schön,
würde unsere Stadt aus Zuckerguss besteh´n.
Ganze Hochhäuser würden wir vernaschen 
und Platz für unsere Bolzplätze schaffen.
Ach das wär´schön, ach das wär´ schön,
würde unsere Stadt aus Zuckerguss besteh´n.
 
Ach das wär´schön, ach das wär´ schön,
würde unsere Stadt aus Zuckerguss besteh´n.
Autos würden wir von der Straße lecken,
Schilder "Spielen verboten" schnell wegschlecken.
Ach das wär´schön, ach das wär´ schön,
würde unsere Stadt aus Zuckerguss besteh´n.
 
 Ach das wär´schön, ach das wär´ schön,
 würde unsere Stadt aus Zuckerguss besteh´n.
 Der Lehrer bräucht keine Hefte mehr tragen,
 Klassenarbeiten wär´n in uns´rem Magen.
 Ach das wär´schön, ach das wär´ schön,
 würde unsere Stadt aus Zuckerguss besteh´n.
 
Mmmmmmh!
 
Erzähler:
 
Dem Hänsel fiel ein teuflischer Plan ein, wie er die Hexe beseitigen könnte. Heimlich steckte er viel zuviel Reisig in den Backofen.
 
Der Vorhang geht beiseite und auf der Bühne sieht man das Pfefferkuchenhaus von außen, daneben im Mittelpunkt ein riesiger Backofen. Um den Backofen herum stehen die Baumkinder und verdeutlichen die Szene durch Gesten und langsame Tanzbewegungen nach ihrer Melodie. Hänsel kommt auf die Bühne, macht sich am Ofen zu schaffen und schleppt immer wieder Reisig herbei, dass er in den Ofen steckt.
 
Hänsel:
 
Hexe, Hexe, komm ganz schnell herbeigelaufen.
Der Ofen glüht und ist fürchterlich am schnaufen.
 
Die Hexe rennt aufgeregt zum Backofen und fühlt mit der Hand an diesen, zieht sie aber sogleich erschrocken zurück und pustet so, als hätte sie sich verbrannt.
 
Hexe:
 
Herrjehmineh, wie konnte das bloß passieren?
Hol Wasser, der Ofen kann so explodieren.
 
Hänsel läuft weg.
 
Erzähler:
 
Schnell tat Hänsel wie ihm geheißen. Als er der Hexe den Eimer reichte, öffnete sie die eiserne Tür des Backofens, um ihn zu kühlen. Auf diesen Moment wartete Hänsel und gab ihr einen gewaltigen Stoß, dass sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor.
 
Hänsel erscheint mit einem Eimer, die Hexe schaut gerade in den geöffneten Ofen. Da schubst er sie hinein, verriegelt die Tür, sieht sich um, ob ihn jemand beobachtete und läuft weg. Die Baumkinder halten sich die Astarme entsetzt vor das Gesicht, winden sich, kauern sich auf dem Boden zusammen oder lassen Kopf und Astarme schlapp herunterhängen. Der Vorhang senkt sich.
 
Erzähler:
 
Hu, da fing sie an zu heulen, ganz grauselig; aber Hänsel lief fort und die kleine Hexe musste elendiglich verbrennen.
 
Kinder singen gedämpft gemeinsam den Refrain, die Strophen werden von unterschiedlichen Kindern eher empört vorgetragen, der vorletzte abgeänderte Refrain wird von allen sehr befreit gesungen:
 
Kinder, die hungern,
Kinder, die frieren,
können stets nur überall verlieren.
Kinder, die hungern,
Kinder, die frieren,
werden später auch nur vegetieren.
 
Wieviel Leid hat man ihnen zugefügt,
bis ein Kind niemandem traut und nur lügt?
Wieviel Elend musste erst geschehen,
bis Kinder nicht mehr das Gute sehen?
 
Kinder, die hungern,
Kinder, die frieren,
können stets nur überall verlieren.
Kinder, die hungern,
Kinder, die frieren,
werden später auch nur vegetieren.
 
Wieviel Kummer hat man ihm bereitet
bis ein Kind zum Bösen übergleitet?
Wieviel Übel mussten sie ertragen
bis Kinder hasserfüllt um sich schlagen?
 
Kinder, die hungern,
Kinder, die frieren,
können stets nur überall verlieren.
Kinder, die hungern,
Kinder, die frieren,
werden später auch nur vegetieren.
 
Aber auch in den schlechtesten Zeiten,
kann man Kinder liebevoll begleiten.
Ihnen Hoffnung und Vertrauen geben
und so sie stark machen für das Leben.
 
Kinder, die spielen,
Kinder, die lachen,
könnten soviel tolle Sachen machen.
Kinder, die spielen,
Kinder, die lachen,
werden diese Welt viel schöner machen.
 
Ein Hänsel kann doch niemanden nützen.
Der die vernichtet, die ihn beschützen.
Der blind und taub wurde vor Hass und Wut.
So eine Welt wäre für keinen gut.
 
Kinder, die hungern,
Kinder, die frieren,
können stets nur überall verlieren.
Kinder, die hungern,
Kinder, die frieren,
werden später auch nur vegetieren.
 
 
 

 

 
14. Bild
 
Die Entdeckung
 
 
Der Vorhang öffnet sich wieder, Kassandra sitzt traurig vor dem Haus. Gretel und Hänsel erscheinen auf der Bühne und treten zu ihr. Die Baumkinder sind in der gleichen Position wie im vorigen Bild. Verunsichert betrachtet Gretel die Baumkinder, bevor sie Kassandra anspricht.
 
Gretel:
 
Liebes Kätzchen, was schaust du so betroffen drein?
 
Kassandra:
 
Es muss der Hexe etwas zugestoßen sein.
Vergeblich suche ich sie bereits seit Stunden.
Nicht die geringste Spur habe ich gefunden.
 
Hänsel:
 
Sie geht doch nie weg, ohne ein Wort zu sagen.
Vielleicht wollte sie noch Reisig herbeitragen?
Oder es fehlte noch etwas am Lebkuchen?
Kommt mit, wir werden nach ihr den Wald absuchen.
 
Die drei verlassen in unterschiedlichen Richtungen die Bühne.
 
Erzähler:
 
Kassandra und die Kinder gingen ein jedes in eine Richtung. Soviel sie auch riefen und Ausschau hielten, die kleine Hexe blieb verschwunden. Stundenlang irrten sie durch den Wald, doch alles Suchen blieb vergebens.
 
Hänsel kommt allein zum Häuschen zurück. Er vergewissert sich in alle Richtungen, dass ihn niemand beobachtet und verschwindet im Pfefferkuchenhaus. Ihm folgt Kassandra auf die Bühne, blickt misstrauisch zum Haus, schleicht sich zum Fenster und sieht hinein. Erschrocken schlägt sie die Pfote vor ihren Mund. Plötzlich verlässt sie schnell ihren Beobachtungsposten und versteckt sich hinter einem Baum. 
 
Erzähler:
 
Als Kassandra zum Pfefferkuchenhaus zurückkehrte, bemerkte sie, dass Hänsel bereits da war und beobachtete ihn durch das Fenster. Hänsel steckte soviel Edelsteine aus der Truhe in seine Tasche, wie er gerade tragen konnte und sprach:
 
Hänsel tritt aus dem Häuschen, und hält sich die prallen Taschen.
 
Hänsel:
 
Endlich gehör´n die Edelsteine mir allein.
Die sind wahrlich doch besser als Kieselstein.
 
Erzähler:
 
Da wich Kassandras böse Vorahnung der Gewissheit, dass Hänsel die kleine Hexe für die Edelsteine umgebracht hatte.
 
Der Vorhang senkt sich und die Kinder singen:
 
Unzählige Wellen treckten an den Strand.
Unzählige Lieder sanft der Wind uns sang.
Unzählige Schneeflöckchen bedeckten das Land
und dennoch unser Herz heut´ zu dir fand.
Dennoch unser Herz heute zu dir fand.
 
Wir erfahren, wann man König Otto nach welcher Schlacht begrub.
Welche Unterhosen Karl der Große bei seiner Krönung trug.
Er nähte sie selber, ein Schneider fehlt in dem Bericht.
Solche Menschen wie uns gab es einfach nicht.
 
Unzählige Wellen treckten an den Strand.
Unzählige Lieder sanft der Wind uns sang.
Unzählige Schneeflöckchen bedeckten das Land
und dennoch unser Herz heut´ zu dir fand.
Dennoch unser Herz heute zu dir fand.
 
Vergangen sind bereits hunderte über hunderte von Jahr´.
Vielleicht ist in diesem Märchen alles erfunden und nichts wahr.
Aber wir spüren deine Ängste und auch deine Not.
Du zeigst Gesicht und Geschichte ist nicht tot.
 
Unzählige Wellen treckten an den Strand.
Unzählige Lieder sanft der Wind uns sang.
Unzählige Schneeflöckchen bedeckten das Land
und dennoch unser Herz heut´ zu dir fand.
Dennoch unser Herz heute zu dir fand.
 
Allein mit Zahlen, Daten erwacht Geschichte nie zum Leben.
Dir Kassandra, möchten wir Mut zusprechen und Liebe geben.
Wir greifen nach deinem Pfötchen und können es fassen,
werden dich nie wieder alleine lassen.
 
Unzählige Wellen treckten an den Strand.
Unzählige Lieder sanft der Wind uns sang.
Unzählige Schneeflöckchen bedeckten das Land
und dennoch unser Herz heut´ zu dir fand.
Dennoch unser Herz heute zu dir fand.
 
 
 
 
 
15. Bild
 
Der Abschied
 
 
Erzähler:
 
Als Gretel müde, zerkratzt und zerschunden zum Pfefferkuchenhaus zurückkehrte, weinte Kassandra bitterlich und ließ sich durch nichts beruhigen. Aber sie sagte Gretel nicht, warum sie derart hoffnungslos und verzweifelt war. Hänsel wollte zum Vaterhaus zurückkehren, aber Gretel hielt ihn drei Tage lang von seinem Vorhaben ab.
 
Der Vorhang öffnet sich, Bühnenbild ist die Stube im Hexenhaus. Niedergeschlagen sitzen Kassandra und Gretel am Tisch, Hänsel steht im Zimmer.
 
Hänsel:
 
Gretel, das hat doch nun wahrhaftig keinen Zweck.
Aus irgendeinem Grunde ist die Hexe weg.
Vielleicht war sie uns´rer einfach überdrüssig.
 
Gretel:
 
Nein! Dass ist doch in sich überhaupt nicht schlüssig.
Wir haben zusammen soviel Freude gehabt.
Und sie hat sich an uns´rer Gesellschaft gelabt.
Wozu sollt´ sie Lebkuchen backen Tag für Tag
für unser Zimmerchen, wenn sie uns nicht mehr mag.
 
Kassandra:
 
Hänsel hat recht. Das Hexlein kommt niemals zurück.
Es ist besser, ihr sucht woanders euer Glück.
 
Gretel:
 
Kassandra, wie kannst du dir denn so sicher sein?
Und wäre es so, ließe ich dich nicht allein.
Wahrhaftig, wenn ich das täte, wäre ich schlecht.
 
Kassandra:
 
Geh nur, liebes Mädchen, ich komme schon zurecht.
Erkennst du die Wahrheit, so sei nicht betroffen.
Die Tür zu diesem Häuschen steht dir stets offen.
Hänsel, wo kein Richter, besteht doch die Klage.
Wo kein Kläger, bringt es der Himmel zutage. 
Ich trage nichts nach, es soll euch gut ergehen.
Lebt wohl. Allen das erhoffte Wiedersehen.
 
Hänsel greift sich ein Bündel und möchte gehen. Gretel zaudert. Schließlich nimmt er ein zweites Bündel, nämlich Gretels, drückt es ihr in die Hand, greift nach ihrer anderen Hand und zieht die etwas widerstrebende Gretel zur Tür. Zögerlich folgt sie ihm zwar, sieht dabei aber ununterbrochen zurück zu Kassandra. Das Kätzchen winkt ihr traurig nach. Die Katze, nun alleine auf der Bühne, stimmt klagend ein Lied an, dass die Kinder vor der Bühne nacheinander leise mitsingen in einer Art, dass die niedergedrückte Stimmung deutlich wird. Dabei senkt sich der Vorhang.
 
Abschied tut weh.
Doch ich bleibe stets in deiner Näh´.
Fühle ich mich auch heute erstarrt in Schmerz,
die Erinnerung wärmt schon morgen mein Herz.
Abschied tut weh.
Abschied tut weh.
 
Abschied tut weh.
Doch ich bleibe stets in deiner Näh´.
Jetzt scheint zwar für immer zerbrochen mein Glück,
nur in den Träumen kehrt es zu mir zurück. 
Abschied tut weh.
Abschied tut weh.
 
Abschied tut weh.
Doch ich bleibe stets in deiner Näh´.
Kein Eisen wär´so hart, dass es uns entzweit,
unsere Liebe reicht in die Ewigkeit.
Abschied tut weh.
Abschied tut weh.
 
Abschied tut weh.
Doch ich bleibe stets in deiner Näh´.
Traurigkeit senkt sich auf unsere Lieder,
auch dann, haben wir uns einander wieder.
Abschied tut weh.
Abschied tut weh.
 
 
 
 
16. Bild
 
Die Heimkehr
 
 
Erzähler:
 
Die Kinder zogen von dannen. Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser.
 
Wieder hebt sich der Vorhang und die Baumkinder demonstrieren nach ihrer Melodie den Wald. Hohes Schilf deutet den See an. Hänsel und Gretel kommen auf die Bühne und gehen durch die sich im gedachten Wind wiegenden Bäume hindurch zum Schilf.
 
Hänsel:
 
Wie kommen wir zur and´ren Seite hinüber?
Kein Steg, keine Brücke, kein Schiffchen holt über.
 
Gretel:
 
Ich bitte halt die weiße Ente, die dort schwimmt.
Möglich, dass sie uns auf ihrem Rücken mitnimmt.
 
Entchen, Entchen, gar kein Steg und keine Brücken,
nimm uns doch bitte auf deinen weißen Rücken.
 
Erzähler:
 
Das Entchen kam auch herangerudert.
 
Ein Kind, als Ente kostümiert, schiebt sich durch das Schilf durch.
 
Entchen:
 
Ich will euch beide sicher hinüberbringen,
trotzdem die Vöglein von Hänsels Taten singen.
Wer ist sündenfrei? Ein Urteil steht mir nicht zu.
Zu überleben ist hart, d´rum ziehet in Ruh´.
 
Erzähler:
 
Hänsel setzte sich auf den Rücken des Entchens. Dabei fielen ihm einige Edelsteine aus der Tasche.
 
Hänsel lässt beim Aufsteigen auf die Ente Edelsteine fallen.
 
Gretel: 
 
Hänsel, sieh, was fiel aus deiner Tasche heraus?
 
Hänsel:
 
Oje -  die Edelsteine aus dem Hexenhaus.
 
Gretel:
 
Hast du sie etwa einfach an dich genommen?
 
Hänsel:
 
Willst du zum Vater mit leeren Händen kommen?
 
Gretel:
 
Kehrt sie zurück, wird das Hexlein sehr böse sein,
wenn sie bemerkt, wir stahlen ihre Edelstein´.
 
Hänsel:
 
Ach - ich stieß sie doch in den Backofen hinein.
Unmöglich kann sie den Flammen entronnen sein.
Komm, setzt dich hinter mich auf den Entenrücken.
Wie werden die Steine den Vater entzücken.
 
Gretel:
 
Geh du zuerst, ich warte auf das Entchen hier.
Zusammen sind wir zu schwer für das arme Tier.
Bist du dann am Ufer sicher angekommen,
kommt das Entelein zu mir zurückgeschwommen.
 
Hänsel und das Entchen verlassen gemeinsam die Bühne. Gretel sieht ihnen nach und spricht dann zu sich selbst:
 
Gretel:
 
Den ganzen Weg hierher habe ich gegrübelt,
was hat uns Kassandra wohl so sehr verübelt.
Die Vögelein zwitschern es von allen Bäumen,
doch nicht einmal in meinen finstersten Träumen
ahnte ich im Geringsten Hänsels böses Spiel.
 
Hält sich die Hände vor das Gesicht und schluchzst.
 
Das kleine lieb´  Hexlein sorgte für uns soviel.
 
Weint wieder los. Beruhigt sich etwas und wischt sich die Tränen ab. Sehr nachdenklich:
 
Wie konnte Hänsel so etwas Schreckliches tun?
Wie könnte mit dieser Tat sein Gewissen ruh´n?
 
So, als würde ihr etwas einfallen:
 
Kassandra, die Wahrheit macht mich sehr betroffen.
Du sagtest, für mich stünde die Tür stets offen.
Was geschieht, kann ich die Wahrheit nicht verschweigen?
Wird Hänsels Mordfinger alsdann auf mich zeigen?
An den Steinen klebt ihr Blut, sie bringen kein Glück.
Lieber geh´ ich ins Pfefferkuchenhaus zurück.
 
Traurig macht Gretel kehrt und verlässt die Bühne durch die Baumkinder hindurch in die Richtung, aus der sie mit Hänsel gekommen war. Nach der Waldmelodie wiegen sich die Baumkinder und tanzen gemäßigt. Dabei berühren einige Gretel und streichen mit ihren Astarmen an Gretel entlang, so, als wollten sie das Mädchen streichelnd trösten und liebkosen.
 
Erzähler:
 
Das gute Entchen tat unterdessen, wie ihm geheißen. Als Hänsel glücklich über das Wasser hinübergelangte und die Ente zurück zu der Stelle kam, wo Gretel zurückgeblieben war, fand sie Gretel nicht mehr.
 
Die Ente, die zu dem Platz zurückgekehrt ist, wo sie Hänsel und Gretel getroffen hatte, schaut in die Richtung, in die Gretel ging und beginnt zu singen. Den Refrain singen die Kinder mit:
 
Gehe deines Weges, blick nicht zurück.
Weder glitzernder Reichtum noch Macht bringen dir Glück.
Liebe und Zufriedenheit gibt es nicht für Geld.
Froh kann nur der sein, der sein Gleichgewicht behält.
 
Kummer und Enttäuschung sind zwar sehr groß.
Aber irgendwann lassen die bösen Träume los.
Liebe und Zufriedenheit gibt es nicht für Geld.
Froh kann nur der sein, der sein Gleichgewicht behält.
 
All das Schlimme wirst du nicht vergessen.
Trotzdem wirst auch du bald den Tag am Schönen messen.
Liebe und Zufriedenheit gibt es nicht für Geld.
Froh kann nur der sein, der sein Gleichgewicht behält.
 
Während der letzten Strophe senkt sich der Vorhang, die Kinder singen alleine noch einmal die erste Strophe.
 
Gehe deines Weges, blick´ nicht zurück.
Weder glitzernder Reichtum noch Macht bringen dir Glück.
Liebe und Zufriedenheit gibt es nicht für Geld.
Froh kann nur der sein, der sein Gleichgewicht behält.
 
 
 
 
17. Bild
 
Zu guter Letzt
 
 
Erzähler:
 
Hänsel wartete  am Ufer noch lange auf sein Schwesterchen und setzte schließlich seinen Weg ohne sie fort und als er ein Weilchen fortging, da kam ihm der Wald immer bekannter und immer bekannter vor und endlich erblickte er von weitem seines Vaters Haus. Da fing er an zu laufen, stürzte in die Stube und fiel seinem Vater um den Hals. Die Stiefmutter aber war inzwischen gestorben. Übermütig warf Hänsel eine Handvoll Edelsteine nach der anderen aus seiner Tasche, dass sie in der Stube herumsprangen. Gretel ward bald vergessen und zunächst hatten alle Sorgen für den Vater und Hänsel ein Ende.
 
Kind:
 
Dat is n Ding. Un wat häven se uns jesnakt fürn Ssiet öva Hänsel un Gredel.
 
Kind:
 
Dit war och keene urolte un bäse Hex?
 
Kind:
 
Nee Menss. Det häven Hänsel un seen Olla nur jesetzt in de Welt, um dat Mord´n zu vatussen.
 
Kind:
 
Un de kleene Hex häv echt nich övalebt?
 
Erzähler:
 
Nein. Hänsel brachte sie um.
 
Kind:
 
Sone Sauerei. Un de Steefmudda war och nich sseef. Ssließlich hävt se doch uffjezojen de Jörn.
 
Kind:
 
Woran is se denn jestorbn?
 
Erzähler:
 
Nachdem der Vater ein zweites Mal die Kinder im Wald aussetzte, machte ihm die Stiefmutter bittere Vorwürfe. Dadurch gerieten die beiden fürchterlich in Streit. Der Vater, vom Wesen her extrem jähzornig, schlug schließlich auf sie ein. Sie verstarb nach einigen Tagen an den Folgen der Schläge.
 
Kind:
 
Un dät Ollen hävt man nich jetreckt zur Rechenssaft?
 
Erzähler:
 
Er führte die Verletzungen auf einen angeblichen Unfall zurück und sie konnte nichts mehr sagen. So kam er ungestraft davon.
 
Kind:
 
Warum hävt se denn nich valassen mit de Kindan dat Ekelböttche? Ick meene, als se hävt jessnallt, dat da sson wieda vorhävt ne Jemeenheet!
 
Kind:
 
Du bist ja vielleecht n Seelchen. Wohin sollt se denn hinjehn? Fraunhäusa jävst damals noch nich.
 
Kind:
 
Un wat is mit Gredel jessähn?
 
Erzähler:
 
Sie kehrte zum Pfefferkuchenhaus zurück. Dort lebte sie in Frieden mit Kassandra. Die kleine kluge Katze brachte ihr alles bei, was sie durch die Hexe wusste. Gretel lernte fleißig und wurde schließlich selber eine Heilkundige, also eine Hexe.
 
Kind:
 
Dat war usjessprochen pfiffich von it. Denn wärse mit Hänsel nach Hus jeloopen un hävt jemäkt blanken Tiss, hävt de Vadda un Hänsel ihr och an de Wässe jefingat.
 
Kind:
 
Aba wieso kennt man nur dit Märchen so, wie et imma jesnakt wird?
 
Kind:
 
Na – weel det Olle un Hänsel dit so häven vabraten, dat keen Vadacht uffse fällt. Janz sicha häven se jemäkt allit, dat de Wahrheet nitmals uffkimmt. Drum häv ja och anjeblich Gredel de Hex ins Jenseits befördat. So sah dit allit us wie Notwehr.
 
Kind:
 
Un wie jäv dit trotzdem rus?
 
Erzähler:
 
Später setzten herzlose Eltern wieder ihre Kinder im Wald aus. Sie irrten herum, bis sie schließlich das Pfefferkuchenhäuschen fanden. Ihnen half Gretel weiter, so, wie ihr einst geholfen wurde. Die Kinder erfuhren, was wirklich geschehen war. Als sie zurückkehrten und die wahre Geschichte erzählten, wollte ihnen aber niemand glauben. Wer glaubt schon Kindern?
 
Und Hänsel und sein Vater stritten alles ab. Sie waren reiche Leute geworden - wer traut sich an solche Leute heran? Niemand hätte sich die Blöße gegeben, zuzugeben, dass er auf eine Lügengeschichte hereingefallen ist. Tja und es gab Männer, die mochten keine Geschichten hören, in denen Männer nicht die edlen Helden, sondern elende Lumpen sind.
 
Diese Männer zeigten auch keinerlei Interesse an einem Märchen, in denen Frauen, wie die Stiefmutter, als gut oder gerecht beschrieben werden. Na und Hexen musste man sowieso als schlecht darstellen. Als heil- und schriftkundige Frauen waren sie unabhängiger, den meisten Menschen überlegen und besaßen so eine gewisse Machtstellung. Sie ließen sich nicht gängeln oder bevormunden. Für die Herrschenden bedeuteten sie eine Gefahr, denn sie sagten, was sie dachten. Dadurch lebten sie anderen das  vor, was man heute als Gleichberechtigung bezeichnet.
 
Kind:
 
Un de Vabrechen von Hänsel und sin Vadda wurdn nitmals jesihnt?
 
Erzähler:
 
Wie sagte Kassandra: „Hänsel, wo kein Richter, besteht doch die Klage. Wo kein Kläger, bringt es der Himmel zutage“. Oder Gretel stellte fest: „An den Steinen klebt ihr Blut, sie bringen kein Glück“. So war es auch. Durch die Edelsteine unermesslich reich geworden, verlotterten Hänsel und sein Vater zunehmend. Sie arbeiteten nicht und betranken sich tagein tagaus. Im Vollrausch gerieten sie in Streit und Hänsel erschlug seinen Vater. Diese Tat ließ sich nicht vertuschen und er wurde so für den zweiten Mord gerichtet. Hänsel und seinen Vater ereilte also doch noch ihre Strafe.
 
Kind:
 
Hänsel un Gredel! Ha! Dat is ja n richtija Krimi. Dat Märchen misste eha heeßen:
 
Alle Kinder:
 
"Mord im Pfeffakuchenhus".
 
Die Kinder und der Erzähler beginnen zu singen. Der Vorhang öffnet sich. Zuerst sieht man nur die Bühne mit dem letzten Bühnenbild. Nach und nach betreten alle anderen Mitwirkenden, also auch die tanzenden Bäume, Beleuchter, Maskenbildner, Kulissenbauer usw. singend die Bühne und stehen einzeln herum. Zum Schluss kommen singend Erzähler und die Kinder von der vorderen Bühne auf die Hauptbühne und beginnen eine Kette zu bilden, indem sie willkürlich irgendeinen Mitwirkenden rechts und links an die Hand nehmen. Am Liedende stehen alle Beteiligten in einer Reihe Hand in Hand auf der Bühne und verneigen sich vor dem Publikum. Der Vorhang senkt sich wieder.
 
Wir erzählten euch ein Märchen von Hänsel und Gretel,
doch nicht von der guten alten Zeit.
Wir erzählten euch unsere Geschichte, 
die niemand niederschreibt.
 
Wieviele Menschen starben auf Scheiterhaufen,
die sicherlich niemals einen Teufel freiten?
Darüber müsste man sich die Haare raufen,
anstatt weiter Vorurteile zu verbreiten.
 
Wir erzählten euch ein Märchen von Hänsel und Gretel,
doch nicht von der guten alten Zeit.
Wir erzählten euch unsere Geschichte, 
die niemand niederschreibt.
 
In den Geschichten sind Stiefmütter nur gemein,
hinterhältig, berechnend und natürlich dumm.
Wieviele Stiefmütter sagen: mein Kindelein
und machen sich jahrelang für ihr Kindchen krumm?
 
Wir erzählten euch ein Märchen von Hänsel und Gretel,
doch nicht von der guten alten Zeit.
Wir erzählten euch unsere Geschichte, 
die niemand niederschreibt.
 
In euren Märchen haben wir keine Rechte.
Nichts hört man von uns´rer Kraft oder Phantasie.
So blieben wir Kinder nur allzeit die Knechte.
Besten Dank! Doch so ändert sich diese Welt nie.
 
Wir erzählten euch ein Märchen von Hänsel und Gretel,
doch nicht von der guten alten Zeit.
Wir erzählten euch unsere Geschichte, 
die niemand niederschreibt.
 
Der Erzähler steckt seinen Kopf durch den Vorhang.
 
Erzähler:
 
Ach ja, hätte ich doch fast vergessen: Und obwohl sie gestorben sind, leben sie heute noch in uns weiter.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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