Die Töchter des Phönix

 

Eine Geschichte für Kinder (und für Eltern, die den Ruf nach einem bestimmten Schnellrestaurant leid sind).

 

Viel Spaß beim Lesen!

 

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Heidrun Dreyling-Riesop

 




 

Vorgeschichte

 

Ein Urlaub mit Hindernissen
 
 
Es gibt Leute, die scheinen immer Glück zu haben. Egal, was sie anfassen oder anstellen, alles klappt stets wunschgemäß. Sie können strohdoof sein, aber bekommen die gutbezahlten Jobs, bei denen sie sich garantiert nicht kaputtmachen. Sie werden nie krank, außer bei schönstem Badewetter. Sie kaufen für ein paar Euro ein Schrottauto und fahren es ohne Reparatur drei Jahre lang. Sie verlieren einen Angehörigen, aber das dicke Erbe hilft über den Schmerz hinweg. Sie gewinnen im Lotto, sie heiraten ihren Märchenprinzen und werden verwöhnt, sie haben stets wie frisch aus dem Ei gepellte Wunderkinder, sie ..........
 
Das reicht! Bevor ich richtig neidisch werde. Denn ich gehöre leider zu der Mehrheit der Pechvögel, über die die Illustrierten nicht schreiben.
 
Bei mir geht nicht nur die Waschmaschine kaputt, sondern zusätzlich der Geschirrspüler und der Fernseher. Ich kassiere für viel und anstrengende Arbeit ein derart mickriges Gehalt, dass ich bei der Wiederbeschaffung der Geräte ein ernstes Problem habe. Stirbt jemand in meiner Familie, sollte man immer erst prüfen, ob es sinnvoller ist, das Erbe auszuschlagen, bevor man von der Seite her auch noch Schulden bekommt. Und wenn ich wirklich mal etwas gegen jede Erwartung gewinne, dann ist es in der Tombola neben den schönsten Preisen die Vase, die ich bereits beim ersten Blick als potthäßlich einstufte. Ich kaufe ein nagelneues Wohnmobil, übrigens Marke Globetrotter auf Fiat-Ducato Basis, diese Schleichwerbung sei an dieser Stelle erlaubt, und habe nach einem Jahr ein nicht funktionierendes Ladegerät, nach zwei Jahren einen defekten Boiler, nach drei Jahren einen Bausatz an Schranktüren und eine abgefetzte Verglasung in der Naßzelle, nach vier Jahren  den ersten Motorschaden, nach fünf Jahren ein abstürzendes Kinderbett, eine defekte Heizung, abgerissene Tischschienen, eine Klosettspülung, die das Wasser statt ins WC in den Fußboden pumpt und ihn aufweicht und nach sechs Jahren Motorschaden numero zwei. Wir stecken unsere Ersparnisse in ein Haus, dass sich nach kürzester Zeit als eine Ruine erweist. Andere bekommen ihre Berufsausbildungen finanziert, sei es durch die Eltern, Staat, Arbeitsamt oder sonstwoher, ich falle durch sämtliche Netze und darf selbst löhnen.
 
Und manchmal frage ich mich, ob ich ein Magnet bin für Pleiten, Pech und Pannen. Aber jedes Ding hat zwei Seiten. Die Schicksalsverwöhnten kommen nämlich schnell arg ins Schwimmen, wenn sich aus Versehen bei ihnen Misserfolge einstellen. Das ist aber für mich der Normalzustand und daher bringen mich größere und kleinere Katastrophen selten echt aus der Ruhe oder Gleichgewicht. Über schwer erarbeitete Erfolge freue ich mich wie ein Schneekönig und schramme ich mal am nächsten Hundehaufen knapp vorbei, preise ich mein Glück, auch wenn ich dadurch gegen den Laternenmast gerannt bin und mit einer Riesenbeule am Kopf in der nächstliegenden Ambulanz eines Krankenhauses lande. Aber dieses eine Mal blieb mir die Tellermine der vierbeinigen Freunde der Menschen erspart und die Suche nach einem Grasbüschel, um die Schuhsohlen notdürftig von solch einer Hinterlassenschaft zu reinigen.
 
Außerdem sind manche Schwierigkeiten auch eher hausgemacht. Da traf ich Daggy, eine unendlich traurige Ente. Nicht die auf zwei Beinen mit Schnabel und Flügeln. Daggy ist ein 2 CV auf vier Rädern und ihr Unglück bestand in ihrem baldigen Abgang zum Autofriedhof. Dieses, na, wie soll man es nennen, Auto wäre wohl eher geprahlt, also Fastfahrzeug sah so kummervoll drein, dass ich einfach nicht vorbeikam und sie mitnahm. Dank ihres Alters ist sie ziemlich anfällig und so beklage ich mich nicht unbedingt, wenn sie ab und zu mein Gehalt in der Autowerkstatt wegfrisst. 
 
Mücke stand bereits auf dem Schrottplatz. Aber ehrlich mal: man kann doch nicht ein vierzig Jahre altes Auto durch die Presse jagen, auch wenn es ein Trabant ist. Im Menschenalter umgerechnet ist Mücke einhundertsechzig Jahre. Und letztendlich bin ich Altenpflegerin. Da schaut man schon mal über seine Zipperlein milde hinweg. 
 
Unser Willy ist mit seinen vierzehn Jahren der Jüngste im Reigen. Und eigentlich der zuverlässigste von allen. Wer jemals einen T2 fuhr, weiß, wie treuselig diese Vehikel gucken können. Dazu kommt, dass er als VW Bus neun Sitzplätze hat, für eine sechsköpfige Familie ein Segen. Denn wo vier Kinder mitfahren, kommt auch noch die Freundin oder der Spielkamerad dazu und meistens sind die Sitze ausgelastet. Der Hund und die zwei Katzen haben genügend Platz, besonders bei langen Urlaubsfahrten und durch geschickte Raumnutzung und seinem Hochdach finden neun Personen plus Viecher ausreichend Schlafplätze zur absoluten Verwunderung sämtlicher anderer Campingplatzbenutzer. Seitdem wir nicht mehr Betten umbauen müssen, weil uns Freunde ihr Vorzelt verkauften und wir nun dort den Tisch und die Stühle aufstellen, wissen wir gar nicht so richtig, den Luxus richtig auszunutzen. 
 
Zumal Wilma in die Familie kam, ein winzig kleiner Wohnwagen, der für einen Trabbi als Zugwagen ausgelegt ist. Das alte Lied: Wilma blickte so mitleidserregend, dass ich sie mitnahm. Diese Eigentumswohnung auf Rädern bietet nicht nur vier Schlafplätze, sondern besitzt noch eine Küchenzeile und, großzügig gesehen, eine voll funktionstüchtige Naßzelle, seitdem ich kurzerhand den Kleiderschrank entfernte. Ein kleiner Katalytofen sorgt auch bei zwanzig Minusgraden für wohlige Wärme, nur dann darf man nicht mit dem Podex an die unisolierten Außenwände kommen, weil dort sofort die Hose festfriert. Und Regen ist auch nicht so schön, weil es im Sozialismus nur eitel Sonnenschein gab und daher die Hersteller in der ehemaligen DDR die Wilma mit einer ziemlich porösen Haut versahen, die ein sehr nahes Naturerlebnis garantiert. Inzwischen kleistere ich Wilma von außen mit Küchenfolie zu, weil ich beschlossen habe, dass eine Toilette und Waschgelegenheit reicht und eine Dusche nicht unbedingt sein muss.
 
Schließlich haben wir noch ein Winterauto, das wirklich Schrott ist. Und wenn mir der TÜV dieses Auto unter dem Allerwertesten wegziehen würde, hätte ich vollstes Verständnis. Ja, warum labert die soviel über ihre Autos? Weil eigentlich die Geschichte mit ihnen begann. Und mit den Viechern. Da wäre Hermine, eine überaus reizende Katze, und Felix, ein kleiner frecher Kater. Ich glaube, dass ich nicht betonen muss, dass es sich bei diesen Katzen nicht um Rassetiere handelt. So erspart sich unser netter Gerichtsvollzieher einen unnötigen Weg.
 
Der Köter heißt Charly, aber vormals Waldi. Echt wahr: Waldi! Aber dafür konnte er nichts und ich weiß, dass es nicht in Ordnung ist, die Töle Köter zu nennen. Alte Damen regen sich gerne darüber auf. Mein alter Hund, der Paul, den ich mal aus der Mülltonne fischte und mit dem ich zwangsweise mein bis dahin halbes Leben verbrachte, wurde mit einundzwanzigeinhalb Jahren uralt. Er war die Rasse: Straße rauf und Straße runter. Ein bisschen Schäferhund, ein Schuss Colli, etwas Dobermann und verschiedene andere Hunderassen hatten sich in ihm verewigt. Die ganzen Jahre ärgerte ich mich über den Hund und er sich wahrscheinlich genauso über mich. Aber ich rechnete ihm hoch an, dass ich durch ihn meine panische Angst vor Hunden verlor (das kriegt Mathildes Papa in Prietzen niemals zu lesen, der mich von seinem wackligen Gartentisch runterkratzen musste, weil sein Wauwau mich begrüßen wollte). Also, vor Paul hatte ich wirklich keine Furcht. Und als er an Altersschwäche starb, schwor ich mir, dass nie wieder ein Hund über unsere Schwelle kommt.
 
Mein jüngster Sohn sah das anders und litt so erbärmlich unter dem Verlust der alten Töle, dass ich schließlich zum Tierheim Rathenow fuhr, um ihm einen neuen Hund zu schenken, einen ganz kleinen, mit dem auch mein Dreikäsehoch zurechtkommen konnte. Die vielen winzigen süßen Hunde machte mir die Tierpflegerin systematisch madig und zeigte mir dann ihr Schmuckstück: Waldi, einen eher mittelgroßen Spitzmischling.
 
Im Grunde genommen bin ich nicht hysterisch, meine Panik vor Hunden hat also einen realen Ursprung. Meine Großmutter besaß einen Spitz und der versaute mir mit seiner Hinterhältigkeit nachhaltig meine Kindheit. Also erklärte ich wahrheitsgemäß der Dame vom Tierheim, dass beim Spitz meine Tierliebe radikal endet.
 
Nachdem alle Lobpreisungen und Bürsten nichts halfen, mich umzustimmen, rückte sie endlich mit der Sprache heraus. Von diesem Tierheim hatte ich nämlich bereits eine ziemlich schräge Katze übernommen, den epilepsiekranken Spocky. Und man hoffte schon insgeheim, dass irgendwann Paul den Löffel abgibt. Denn Waldi galt als nicht vermittelbar, weil er bereits sechs Vorbesitzer hatte. Aber im Tierheim hatte er sich aufgegeben, lag apathisch auf seiner Hütte und mochte nicht mehr richtig fressen. Mit seinen drei bis vier Jahren wäre er auch nicht mehr erziehungsfähig, also unfähig, sich an einen neuen Namen zu gewöhnen.
 
Schicksalsergeben trabte ich mit meiner Wahnsinnserrungenschaft aus dem Tierheim. Logischerweise war das Vieh auch älter als angegeben und er würdigte mich keines Blickes. Aber Spitzmischling reichte bereits alleine völlig aus, dieser Name dazu: nein! 
 
"Waldi, also a vorne, i hinten, vielleicht Karli?" überlegte ich. Aber nein, besonders clever wirkte er nicht und dann war der Name zu passend. Charly, ja Charly hörte sich lustig und weniger doof an. "Heißt du Charly" fragte ich den Köter auf dem Beifahrersitz, der wie ein nasser Sack dort hing. Er richtete sich auf und sah mich zum ersten Male an, direkt in die Augen. Er hieß Charly. Und als ich aus Versehen mal Waldi später zu ihm sagte, war er einen ganzen Tag unter dem Sofa verschwunden. Ich hätte ihn also auch problemlos Rumpelstilzchen oder Hotzenplotz nennen können.
 
Er blieb auch nicht drei Wochen wie empfohlen an der Leine. Ich mag freiheitsbeschränkte Tiere nicht, denn ohne ein Minimum des Freiseins ginge ich selber ein. Außerdem: wie sollte man mit einem Hund an der Leine spielen? Also kam Charly von der Leine am zweiten Tag ab und ich nahm ein Stöckchen zum werfen und - der Hund war weg. Verschwunden! Oh, habe ich geflucht und mir vorgestellt, was mir das Tierheim erzählt, wenn ich Charly alias Waldi bereits am dritten Tag dort wieder abholen durfte. Nach vergeblicher Suchaktion trollte ich mich missmutig nach Hause. Aber Charly erwartete mich dort schwanzwedelnd vor unserer Haustür. Nein, nein, nein: so dämlich wie gedacht war er nicht. Diesmal war ich richtig betroffen. Denn ein Hund, der nicht weiß, was spielen ist und in panischer Angst vor einem Stock flüchtet, der ist schlimmer als krank. In seiner Gegenwart war Zeitung lesen in der ersten Zeit auch nicht drin. Da er nicht lesen und somit die derzeitige Qualität des Blätterwaldes auch nicht beurteilen konnte, lag die Vermutung nahe, dass Charly derartige Informationsquellen in seinem Vorleben als Schlagstöcke kennengelernt hatte.
 
Allerdings erfuhr er auch sehr bald meine Grenzen der Duldsamkeit. Charly mochte keine Katzen und Spocky keine Hunde. Und unser viel zu kleines Haus war nun Schauplatz ihrer Dauerfehde. In meiner Jugend war ich mal beim Handball gelandet, weil zu dieser Zeit Mädchen keinen Fußball spielen durften. Dort hatte ich ein Minimum an Treffsicherheit gelernt und als sich beide Viecher wieder einmal meinten, in der Küche prügeln zu müssen, traf sie mein Pantoffel auf den verlängerten Rücken. Sie guckten ziemlich entgeistert, denn ich saß im Wohnzimmer. "Mannomann, hat die lange Beine." Von dieser Stunde an herrschte zwischen Spocky und Charly Waffenstillstand, zumindest im Haus. 
 
Charly schnappte in Spitzmanier immer wieder nach den Kindern. Einmal in flagranti erwischt, ein deftiger Klaps auf den Hintern und auch diese Unart war beseitigt. Vielleicht pädagogisch nicht besonders wertvoll, aber effektiv. Das Einzige, was man ihm nicht beibringen konnte, war, Kinder auf den Kindergeburtstag in unser Haus zu lassen und dabei nicht deren Eltern zu zwicken. Und wenn die Kinder von ihren Eltern abgeholt wurden, sperrten wir ihn sowieso weg, denn Charly lässt sich seine Gören nicht einfach wegnehmen. Und inzwischen liebt er Hermine und Felix heiß und innig, denn sie teilen mit ihm die Abneigung gegen großes Gewässer. Soviel zum Thema der Nichterziehbarkeit eines älteren verkorksten Tieres aus dem Tierheim. Und unseren Autos und Tieren verdankte ich die Bekanntschaft mit Krax und Koru.
 
Völlig überarbeitet mit einer anstrengenden Weiterbildung kroch ich bereits auf allen Vieren. Aber dann wurde ich, die Kinder und mein Mann krank und mein Vater und meine Oma starben kurz hintereinander. Abends hatte ich oft das Verlangen, einfach nur liegen zu bleiben, aber als Dauernachtwache ist das schlecht möglich.
 
Aber der Gedanke, im April zwei Wochen Urlaub zu haben, ohne Verpflichtungen, ausschlafen, endlich wieder zu mir selber finden, war der Hoffnungsschimmer, an den ich mich klammerte. Ich zählte die Wochen, Tage, Stunden, Minuten zu den Ferien und raffte mich immer wieder so leidlich auf. Zwei Wochen Mittelmeer, zwei Wochen Südfrankreich, zwei Wochen ein schnuckliger Campingplatz direkt am Strand (Pustekuchen: die Adresse erfährt niemand, denn ich möchte auch in Zukunft dort einen Stellplatz kriegen), zwei Wochen nette Bekannte und den französischen Landwein, genau das war das Maß aller Dinge. Da verlor jedes Problem an Wichtigkeit.
 
Endlich war die letzte Nachtwache vorbei. Nach Hause, Kinder einpacken, Holger, mein Ehemann, fährt über Tage, nachts ich und am nächsten Morgen das erste Glas Rotwein im weichen Sand am Meer im ersten Morgenlicht. Und als ich auf den Parkplatz kam, um durchzustarten in die wohlverdiente Urlaubszeit, befand sich unter Willy eine dicke Pfütze von Öl oder Diesel.
 
Da ist wohl wieder eine Leitung undicht, dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn trotz ergrauten Haars. Der Zeitplan wurde umgestellt. Unterwegs liegen bleiben wollte ich auch nicht, also sollte Holger den Bus zur Werkstatt fahren, obwohl Willy gerade eine Urlaubsinspektion hinter sich hatte. Auch das Kupplungspedal benahm sich so komisch auf der Heimfahrt. Okay, fahren wir erst mittags, aber morgen gibt es zur Entschädigung zum Mittagessen in Sete Kalamaris, wenn ich schon auf den ersten Sonnenaufgang dort verzichten muss.
 
Vielleicht hatte mein Mann nie den Ausspruch gehört: "Boten mit schlechten Nachrichten werden erschossen", sonst hätte er sich mittags nicht in mein Zimmer gewagt. Getriebe dahin, Turbolader den Geist aufgegeben und das Getriebeöl war in die Kupplung gelaufen. Urlaub ade! Denn Daggy stand mit gebrochenem Federbein malade in der Werkstatt und Mücke wartete auf die nächste Oldtimermesse für den dringend erforderlichen Auspuff und andere Ersatzteile. Und unser schrottreifes Winterauto wäre auf dem Weg nach Südfrankreich vermutlich auseinandergefallen, abgesehen davon, dass wir nicht alle in einen einzigen Pkw passen.
 
Und diesmal war ich richtiggehend bockig. Saß klein und dick in meinem Bett wie eine andalusische Matrone, schäumte vor Wut und kündigte an, in diesen vierzehn Tagen keinen Fuß aus dem Bett zu setzen. Beim armen Holger, von Natur aus nicht der Schnellste, ratterten die Gehirnzellen in bedrohlicher Schnelligkeit los. Er besann sich unserer Paddelboote und der Tatsache, dass sich seine Frau ohne Wasser nicht besonders lange wohlfühlen konnte. Sie war direkt an der Spree geboren und Wasser unterm Kiel gehört zu ihrem Lebenselixier. Aber wir wohnten seit geraumer Zeit in Bayern und nicht mehr in der schönen Mark Brandenburg. Wo konnte man die Boote ins Wasser lassen inmitten der unheimlichen Berge? Der dreisitzige Kanadier Frosch, aber auch die Tatze, ein Doppelkanuboot, lagen ungenutzt in der Garage herum und handelten sich manch vermeidbaren Kratzer ein. 
 
So suchte mein Gatte verzweifelt die Donau ab und entdeckte in Straubing einen Kanuverein mitsamt Campingmöglichkeit. Als er mit seinem tollen Urlaubsersatzangebot nach Hause kam, kostete es ihn viel Überredungskunst, mir Straubing als südfranzösische Stadt und die wenig blaue, eher graue Donau als Mittelmeerersatz zu verkaufen. Zwei Tage benötigte er, um Boote, Wilma, Zelte, Tiere und Kinder nach Straubing zu transportieren. Schließlich lockte er mich, ähnlich wie einen Affen mit einer Banane vom Urwaldbaum, aus dem Bett, und  meine Laune war nicht unbedingt die beste, als ich dort eintraf.
 
Die Freundin meiner Tochter war auch nicht gerade begeistert, denn Magda lebt eher nach dem Motto: Sport ist Mord. Einmal bei uns in den Ferien gelandet, blieb ihr nun nichts anderes übrig, als mitzuziehen. Angesichts der Tatsache, sich nun durch ihre Freizeit durchpaddeln zu müssen, stieg sie mit eher finsterer Miene zur ersten Ausfahrt in den Frosch. Und ich haderte noch viel zu sehr mit meinem Schicksal, um der ersten Paddeltour mit Vorfreude entgegen zu sehen.
 
Auf der Brücke über der Donau lief ein einziger Fußgänger und ein einsamer Radfahrer überholte ihn gerade, als wir bei diesem Ausflug, natürlich ohne Schwimmwesten, mit dem Kanadier in arge Bedrängnis gerieten. Hedya, Magda und ich versuchten alles, um Frosch daran zu hindern, sich in der Strömung quer zu stellen und als wir mit unserem Boot endlich schwimmend das Ufer erreichten, war die Brücke sehr gut besucht. Schade, dass niemand dort oben für uns Eintrittsgeld kassierte.
 
Drei Dinge hatten wir gelernt: erstens ist die Donau nicht unsere gemütlich plätschernde heimische Havel, also Schwimmwesten sind angesagt. Zweitens liegt die Wassertemperatur um diese Jahreszeit weit unter den Ansprüchen von Badebedingungen. Und drittens sind die Straubinger ein leicht begeisterungsfähiges und dankbares Publikum.
 
Wir kenterten nicht wieder, denn danach legten wir grundsätzlich Schwimmwesten an. Und meine Stimmung klarte zunehmend auf. Das eiskalte Donauwasser hatte soweit meinen Hitzkopf abgekühlt, dass ich feststellen konnte, dass wir es nicht schlecht getroffen hatten. Das Vereinshaus war geräumig und gemütlich, die sanitären Anlagen trotz meiner Kindermeute stets top sauber und gepflegt, die Gastwirtschaft preiswert und das Essen reichlich bemessen und schmackhaft, die Vereinsmitglieder durchweg herzlich und umgänglich, Straubing eine reizende Stadt, die zum Bummeln verleitete und Petrus zeigte ein Einsehen mit meiner wunden Seele und bescherte uns reinstes Urlaubswetter. Und als uns unsere Bekannten aus Südfrankreich eine SMS schickten: "Nicht schlimm! Wetter Scheiße, Wein sauer, Bier alle!" und wir erfuhren, dass es da unten geschlossen zwei Wochen junge Hunde regnete, war ich doch halbwegs versöhnt.
 
Charly, obwohl er inzwischen in unserer Familie völlig integriert ist, konnte sich allerdings eine Macke nie abgewöhnen: er ist radikal wasserscheu. Bereits beim Trinken passt er auf, dass kein Tröpfchen Wasser sein Fell benetzt. Bei dreißig Grad im Schatten hilft keine Ermunterung, kein Zureden: lieber riskiert unsere Flohburg mit seinem dichten Fell einen Hitzschlag, bevor er sich freiwillig in die Fluten zur Abkühlung stürzen würde. Nun lief er aber mal neben meinem Kanu zu weit am Ufer nebenher, sodass unser Campingplatz außer Sicht kam. Es blieb mir gar nichts anderes übrig, als anzulegen und ihn ins Boot zu ziehen, wo er nun vor Angst zitternd halb unter meinen Beinen klemmte. Doch je länger wir paddelten, umso mehr gefiel ihm die Sache und er fuhr nun mit Begeisterung mit, genau darauf achtend, beim Aus- und Einsteigen bloß nicht mit einer Pfote das Wasser zu berühren. Da er als Unterstützung zur Fortbewegung nichts taugte, übertrug ich ihm die Verantwortung und ernannte ihn zum Kapitän meiner Tatze. 
 
Meine Kinder litten inzwischen sehr unter Fernsehentzug und ich musste mir etwas einfallen lassen. Da traf ich an der Stelle, an der das Kanu über einen kleinen Landstreifen gehievt werden musste, zwei Vögel, die ich irrtümlicherweise zuerst für Krähen hielt. Die schienen sich köstlich über meinen stolzen Bootsführer zu amüsieren und nach meiner anfänglichen Phase des Beleidigtseins geriet ich mit ihnen ins Gespräch. Es waren Raben, genauer gesagt Hexenraben und sie erzählten mir ihre Geschichte. Und weil meine Gören langsam ohne den viereckigen Kasten nervig wurden, ordnete und schrieb ich das Gehörte auf. Denn sinnigerweise hatte ich in Wilma ein Laptop, sodass wenig von dem Erfahrenen verloren ging.
 
Krax, der etwas größere Rabe, redete wie ein Wasserfall ohne Punkt und Komma. Sein Kumpel Koru war schweigsamer und manchmal schaute er so, als ob er es bedauerte, dass er bei Krax keinen Knopf entdeckte, um ihn mal abzuschalten.
 
Und wenn Hedya, Magda, Helge, Hjllmar und Heiko auf mich zustürmten und mich nach dem nächsten Kapitel löcherten, hatten sie einfach den Flimmerkasten vergessen. So entstand die Geschichte über die Töchter des Phönix. Und falls andere Kinder wie Gianna, Christian, Vivi, Carl-David, Phillipp, Jördys, Adrian, David, Svenja, Steffen, Ralph, Viktor, Reinhard oder wie sie heißen mögen, im Urlaub ihre Lieblingssendungen vermissen, lade ich sie dazu ein, abends statt in die Röhre zu starren, sich auch ein Kapitel vorlesen zu lassen. Ich hoffe, ihre Eltern nehmen es mir nicht allzu übel. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 

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